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By Hans-Christian Spengler und Thorsten A. SiefertNewsNews Commentary
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netkiosk.digital episodes

  • Vom Host zum Täter? Neue Logik der Plattform-Regulierung notwendig?

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Thorsten Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Es gilt das gesprochene Wort

    Eine 13-jährige Schülerin eröffnet ein Instagram-Profil.

    Sie postet Belangloses aus ihrem Alltag.

    Schule. Essen. Alltag. Kindheit.

    Wenige Wochen später folgen tausende Kontaktanfragen.

    Fast nur von erwachsenen Männern.

    Dazu tausende Follower.

    Der entscheidende Punkt ist:

    Dieses Mädchen gab es gar nicht.

    Fakeprofile gibt es ja viele. Aber dieses Fake-Profil war besonders. Es war Teil einer verdeckten Ermittlung des US- Bundesstaats New Mexico.

    Die Ermittler wollten wissen, was passiert, wenn sich ein angeblich minderjähriges Mädchen auf Metas Plattformen bewegt.

    Nach Darstellung der Generalstaatsanwaltschaft wurde dieses Testkonto mit sexualisierten Inhalten konfrontiert, von Erwachsenen kontaktiert und teils sogar in problematische Gruppen oder Interaktionen gelenkt.

    Daraus entstand der Fall New Mexico v. Meta.

    Und dieser Fall ist mehr als ein weiterer Prozess gegen einen Tech-Konzern.

    Er könnte die Logik verändern, nach der soziale Netzwerke künftig bewertet und reguliert werden.

    Bisher lautete die zentrale Verteidigung der Plattformen oft so:

    „Wir sind nur der Host.“ – „Die Inhalte kommen von den Nutzern.“

    Im Ergebnis endete die Einlassung mit: „Für diese Inhalte haften wir nicht ohne Weiteres.“

    Genau diese Schutzlogik gerät nun unter Druck.

    Denn New Mexico argumentiert nicht nur mit einzelnen Posts oder Nachrichten.

    Der Staat greift das Produktdesign an.

    Also die Mechanik hinter dem Verhalten auf der Plattform.

    Im Kern geht es um eine einfache Frage:

    Sind Plattformen nur neutrale Behälter für Kommunikation?

    Oder bauen sie Systeme, die riskantes Verhalten aktiv fördern?

    Die Klage zielt genau auf diesen zweiten Punkt.

    Sie wirft Meta vor, Kontakte zwischen Minderjährigen und Erwachsenen zu erleichtern, problematische Inhalte algorithmisch zu verstärken und Schutzmechanismen öffentlich stärker darzustellen, als sie intern tatsächlich wirken. Reuters berichtet zudem, dass New Mexico auch Design-Elemente wie Infinite Scroll und Autoplay als Teil eines Systems beschreibt, das auf maximale Bindung und Nutzung zielt.

    Damit verschiebt sich der Fokus.

    Nicht nur der Content steht im Zentrum.

    Sondern die Architektur, die den Content verteilt.

    Nicht nur die Nachricht ist relevant.

    Sondern das System, das entscheidet, wem sie gezeigt wird, wann sie auftaucht und welche Reaktion sie auslösen soll.

    Im Product Design spricht man hier oft von Dark Patterns.

    Mit Dark Patterns sind Gestaltungen gemeint, die Menschen lenken, binden oder zu Handlungen drängen, die nicht in ihrem eigenen Interesse liegen.

    Im Fall sozialer Netzwerke wäre das nicht bloß ein nerviges Interface-Problem.

    Es wäre eine Sicherheitsfrage.

    Vor allem dann, wenn Minderjährige betroffen sind.

    Diese Einordnung ist eine analytische Zuspitzung; die gerichtlichen Vorwürfe selbst beziehen sich konkret auf Algorithmen, Sicherheitsfeatures und plattformseitige Gestaltung, nicht notwendig auf den Begriff „Dark Patterns“ als juristischen Terminus.

    Gerade deshalb ist der Fall so bedeutend.

    Wenn Gerichte anfangen, Plattformdesign statt nur Inhalte zu regulieren, dann verändert das die Haftungslogik sozialer Netzwerke fundamental.

    Dann geht es nicht mehr nur darum, was Nutzer posten.

    Sondern darum, wie Plattformen Verhalten systematisch erzeugen, verstärken und letztlich monetarisieren.

    Das macht New Mexico v. Meta womöglich zu einem der wichtigsten Tech-Prozesse der nächsten Jahre.

    Nicht nur wegen Meta.

    Sondern weil hier ein neues Muster sichtbar wird.

    Die eigentliche Macht moderner Plattformen liegt nicht allein im Inhalt.

    Sie liegt im Design der Systeme.

    In den Empfehlungslogiken.

    In den Kontaktvorschlägen.

    In den Rankings.

    In den Reibungen und den fehlenden Reibungen.

    Kurz: in der Frage, wie digitale Umgebungen Verhalten formen.

    Und das ist aus meiner Sicht auch für die deutsche Debatte über Social Media relevant.

    Etwa für die Forderung nach „Social Media erst ab 16“.

    Denn diese Debatte darf nicht zu schlicht geführt werden.

    Ein höheres Mindestalter klingt zunächst nach einer klaren Lösung.

    Juristisch und politisch ist die Lage aber komplizierter.

    Es geht um das Recht auf Information, dass auch Jugendlichen und Kindern haben.

    Es geht um Jugendschutz.

    Um Teilhabe.

    Um Durchsetzbarkeit.

    Um Altersverifikation.

    Um Klarnamenpflicht – nicht nur von Kindern und Jugendlichen.

    Und um die Frage, ob man das Risiko wirklich an der Nutzung festmacht.

    Oder nicht vielmehr am Design der Plattformen selbst.

    Genau hier liegt die Abwägung.

    Wenn das Hauptproblem in manipulativen oder riskanten Systemlogiken liegt, dann reicht eine reine Altersgrenze womöglich nicht aus.

    Dann müsste die Regulierung tiefer ansetzen.

    Bei Empfehlungsmechanismen.

    Bei Kontaktvorschlägen.

    Bei Sicherheitsstandards.

    Bei Voreinstellungen.

    Und bei der Verantwortung der Plattformen für vorhersehbare Folgen ihres Designs.

    Der Fall aus New Mexico liefert aus meiner Sicht dafür einen wichtigen Impuls.

    Er stellt die vielleicht entscheidende Frage unserer Zeit:

    Sind soziale Netzwerke nur Bühnen für Verhalten?

    Oder sind sie Maschinen, die Verhalten herstellen?

    Kann der User, insbesondere Kinder und Jugendliche, sein Recht auf Information dann immer noch ausüben, wenn der Algorithmus ihn immer tiefer in ein „Rabbit Hole“ zieht?

    Die Antwort auf diese Frage ist aktuell weder politisch noch juristisch und schon gar nicht gesellschaftlich geklärt.

    Aber: Von der Antwort darauf könnte abhängen, ob und wie wir soziale Medien künftig regulieren.

    Wir werden dieses Thema weiter für Sie beobachten und berichten.

    Thorsten Siefert für netkiosk.digital

    0 min
  • Wenn die Cloud brennt

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Thorsten Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Es gilt das gesprochene Wort

    Jeder hat die Folgen internationaler Konflikte schon gespürt.

    An der Tankstelle.

    Auf der Heizkostenabrechnung.

    Beim Einkauf.

    Bei Lieferzeiten.

    Bei Preisen.

    Öl und Gas werden teurer.

    Lieferwege werden unsicher.

    Waren kommen später.

    Oder gar nicht.

    Das kennen wir.

    Was viele noch nicht wirklich auf dem Schirm haben:

    Solche Konflikte treffen längst auch unsere IT.

    Nicht nur Soldaten.

    Nicht nur Häfen.

    Nicht nur Pipelines.

    Sondern auch Rechenzentren.

    Netzknoten.

    Cloud-Plattformen.

    Und damit unseren digitalen Alltag.

    Moment mal. Nutzen Privatpersonen überhaupt „die Cloud“?

    Ja, viele Menschen nutzen Cloud-Dienste, ohne sie so zu nennen, oder es zu wissen: Gmail, Outlook.com, iCloud Mail, Google Backup, WhatsApp-Backups, Telegram, Signal-Backups. Alles Cloud.

    Heute hängt fast alles an der Cloud.

    Und die Cloud klingt immer noch nach etwas Leichtem.

    Nach etwas, das einfach da ist.

    Irgendwo über uns.

    Fast wie Wetter.

    Aber die ehrliche Erklärung ist viel banaler:

    Die Cloud ist nichts anderes als anderer Leute Computer.

    Sehr viele Computer.

    In sehr großen Hallen.

    Mit Strom.

    Mit Kühlung.

    Mit Glasfaser.

    Mit Schiffsdieseln.

    Mit Personal.

    Mit Software.

    Mit Verträgen.

    Mit Risiken.

    Und genau da wird es jetzt interessant.

    Denn Ausfälle in der Cloud waren lange vor allem das Ergebnis klassischer IT-Probleme.

    Also der Dinge, die wir aus der Technik leider zu gut kennen.

    Fehlkonfigurationen.

    Softwarefehler.

    Missglückte Updates.

    Kaskadenfehler.

    Überlast.

    Menschliche Irrtümer.

    Ein gutes Beispiel ist Cloudflare.

    Cloudflare ist für viele Menschen unsichtbar.

    Aber ohne Cloudflare merkt man das Internet sehr schnell.

    Sehr viele Webseiten, APIs und Dienste laufen direkt oder indirekt darüber.

    Wenn Cloudflare hakt, hakt oft gleich ein großer Teil des Netzes mit.

    Und wichtig ist:

    Die großen Cloudflare-Störungen der Vergangenheit waren meist keine Angriffe von außen.

    Sondern hausgemachte Probleme.

    Am 18. November 2025 gab es dort einen schweren Ausfall.

    Auslöser war eine fehlerhafte Bot-Management-Konfigurationsdatei.

    Ein latenter Bug sorgte dafür, dass diese Datei problematisch wurde.

    Die Folge waren weltweit Fehler in der Auslieferung von Traffic.

    Cloudflare selbst beschreibt den Vorfall als internen Fehler rund um Konfiguration und Deployment.

    Nicht als feindlichen Angriff.

    Das ist schon schlimm genug.

    Denn es zeigt, wie verwundbar hochautomatisierte Systeme sind.

    Ein Fehler.

    Eine Datei.

    Ein Rollout.

    Und plötzlich stolpert ein Stück Internet.

    Aber jetzt kommt eine neue Qualität dazu.

    Anfang März 2026 meldeten Reuters, AP und der AWS-Statusdienst Schäden an AWS-Rechenzentren in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Bahrain infolge von Drohnenangriffen im Kontext des Iran-Kriegs.

    AWS sprach selbst von direkten Treffern in den Emiraten und physischen Auswirkungen an einem Standort in Bahrain.

    Damit reden wir nicht mehr über den üblichen Softwareunfall.

    Wir reden über physische Angriffe auf Cloud-Infrastruktur.

    Das ist der eigentliche Kipppunkt.

    Denn ab diesem Moment ist, nein, sollte allen, endgültig klar sein:

    Die Cloud ist nicht nur durch Bugs gefährdet.

    Nicht nur durch Admin-Fehler.

    Nicht nur durch fehlerhafte Automatisierung.

    Sondern auch durch Geopolitik.

    Durch militärische Eskalation.

    Durch Sabotage.

    Durch Terror.

    Durch Angriffe auf Energie, Netze und Standorte.

    Mit anderen Worten:

    Der Krieg kann heute direkt in Ihre private und geschäftliche Infrastruktur einschlagen.

    Auch wenn Ihre Wohnung oder Büro tausende Kilometer entfernt ist.

    Und das betrifft nicht nur große Unternehmen!

    Jeder, der Daten in der Cloud hat, trägt dieses Risiko mit.

    Selbstständige genauso wie Privatleute und genauso wie Vereine.

    Denn die Frage ist nicht mehr nur:

    Ist mein Passwort gut genug?

    Die Frage ist auch:

    Was mache ich, wenn der Dienst physisch weg ist?

    Wenn die Region weg ist?

    Wenn der Anbieter weg ist?

    Wenn die Daten logisch noch existieren, weil „die Cloud“ auch mit Backups arbeitet, aber praktisch in dem Moment nicht erreichbar sind, wenn Sie sie brauchen?

    Viele kennen dieses Gefühl schon in klein.

    Das Internet ist plötzlich langsam.

    Oder einzelne Dienste gehen nicht.

    Der eigene Rechner ist in Ordnung.

    Der Router auch.

    Der Provider vielleicht auch.

    Und dann liegt es irgendwo draußen.

    Ein CDN.

    Ein DNS-Dienst.

    Ein Cloud-Login.

    Ein Storage-Backend.

    Ein API-Gateway.

    Früher sagte man dann:

    Heute hat wohl das Internet Probleme.

    Heute müsste man ehrlicher sagen:

    Heute hat eine kritische Infrastruktur Probleme, an der das Internet hängt.

    Und dazu kommt seit Jahren die Zunahme von Cyberangriffen.

    Nicht nur das übliche Grundrauschen.

    Also nicht bloß die Scans, die jeder neue Server in Minuten sieht.

    Sondern gezielte Kampagnen.

    DDoS.

    Ransomware.

    Lieferkettenangriffe.

    Desinformation.

    Staatlich geduldete oder staatlich gelenkte Operationen.

    Die Grenze zwischen Kriminalität und Konflikt wird unschärfer.

    Deshalb ist die wichtigste Botschaft dieser Episode sehr einfach:

    Wer Daten in der Cloud hat, braucht einen Plan-B für die Cloud. Wir nennen das Exit-Strategie.

    Nicht als Panikreaktion.

    Sondern als saubere Vorsorge.

    Für Unternehmen ist das sogar existenziell.

    Wenn Buchhaltung, ERP, Kundenakten, E-Mail, Identitäten, Backups und Kommunikationswege alle an einem Cloud-Anbieter hängen, dann ist ein größerer Ausfall kein IT-Problem mehr.

    Dann ist das ein Geschäftsrisiko.

    Im Extremfall ein Überlebensrisiko.

    Darum ist jetzt ein guter Zeitpunkt für eine ehrliche Risikoanalyse.

    Nicht theoretisch.

    Nicht als PowerPoint.

    Sondern praktisch.

    Die zentrale Frage lautet:

    Wie gefährdet bin ich, wenn die Cloud morgen weg ist?

    Nicht langsam.

    Nicht teuer.

    Sondern wirklich weg.

    Wie lange kann ich arbeiten?

    Welche Prozesse stehen sofort?

    Welche Daten brauche ich innerhalb von einer Stunde?

    Welche innerhalb von einem Tag?

    Welche Systeme kann ich lokal ersetzen?

    Welche gar nicht?

    Was ist nur unbequem?

    Und was ist tödlich für den Betrieb?

    Und ja:

    Man sollte sich dabei wirklich ehrlich machen.

    Nicht nur darüber reden.

    Für Privatleute heißt das nicht selten:

    Die wichtigsten Daten auch wieder heimholen.

    Also Passwort-Tresor-Exporte.

    Steuerunterlagen.

    Kontakte.

    Dokumente.

    Fotos.

    Scans.

    Wichtige E-Mails.

    Projekte.

    Ein USB-Stick wirkt erst mal wie eine einfache Lösung.

    Dateien drauf.

    Abziehen.

    Fertig.

    Aber für echte Vorsorge reicht das oft nicht.

    USB-Sticks sind klein.

    Sie gehen verloren.

    Sie werden verlegt.

    Sie werden selten regelmäßig aktualisiert.

    Und für große Datenmengen sind sie oft zu klein, zu langsam oder auf Dauer nicht robust genug.

    Ähnlich ist es mit DVDs oder anderen WORM-Medien.

    WORM heißt: write once, read many.

    Also einmal schreiben, oft lesen.

    Das klingt sicher.

    Ist es in bestimmten Fällen auch.

    Zum Beispiel für Archivierung.

    Aber im Alltag haben auch solche Medien Grenzen.

    Sie fassen nur begrenzte Datenmengen.

    Das Beschreiben und Wiederherstellen ist umständlich.

    Viele Geräte haben heute gar keine passenden Laufwerke mehr.

    Und sie lösen nicht das Problem, dass Daten regelmäßig, vollständig und zuverlässig gesichert werden müssen.

    Eine Lösung könnte ein NAS sein.

    NAS steht für Network Attached Storage.

    Also vereinfacht gesagt: ein kleiner eigener Dateiserver im Heimnetz.

    Man kann sich das vorstellen wie eine private Mini-Cloud zu Hause oder im Büro.

    Nicht magisch.

    Sondern Ihre Kiste mit Festplatten, die im Netzwerk hängt und Dateien bereitstellt.

    Das ersetzt nicht automatisch die große Cloud.

    Aber es ist ein guter Baustein.

    Für kleine Unternehmen ist der richtige Weg meist nicht:

    Alles zurück ins Jahr 2005.

    Also nicht:

    Server in den Abstellraum und fertig.

    Best Practice ist heute eher:

    Abhängigkeiten reduzieren.

    Daten klassifizieren.

    Lokale Kopien vorhalten.

    Backups getrennt halten.

    Wiederherstellung testen.

    Und kritische Prozesse so planen, dass sie auch ohne einen einzelnen Cloud-Anbieter weiterlaufen.

    Das BSI, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie, geht genau in diese Richtung.

    NIS 2 verlangt einen All-Gefahren-Ansatz.

    Also nicht nur Schutz vor Hackern, sondern Risikomanagement über verschiedene Gefahrenlagen hinweg.

    Dazu gehören Business Continuity, Backup-Management, Desaster Recovery, Krisenmanagement und Sicherheit in der Lieferkette.

    DORA setzt für den Finanzsektor noch schärfer an.

    Dort geht es ausdrücklich um digitale operationelle Resilienz.

    Also darum, trotz Störung handlungsfähig zu bleiben.

    Wichtig sind dabei Risiken aus IKT-Drittdienstleistern, Konzentrationsrisiken bei einzelnen Anbietern und Ausstiegs- oder Exit-Pläne.

    Ich lege mich mal weit aus dem Fenster: Der Finanzsektor in der EU ist safe.

    Und auch der BSI-C5-Katalog für Cloud-Anbieter kennt Exit-Strategien als Thema.

    Das ist wichtig.

    Denn ein Vertrag mit einem Cloud-Anbieter ist eben nicht nur ein Einkaufsvertrag.

    Er ist immer auch ein Abhängigkeitsvertrag.

    Was heißt das praktisch?

    Erstens:

    Backups müssen außerhalb der Primär-Cloud existieren.

    Zweitens:

    Mindestens ein Teil davon sollte offline oder logisch getrennt sein.

    Drittens:

    Wichtige Daten sollten in offenen oder gut exportierbaren Formaten vorliegen.

    Viertens:

    Identitäten und Zugänge dürfen kein Single Point of Failure sein.

    Fünftens:

    Wiederanlauf muss geübt werden.

    Ein Backup, das nie testweise zurückgespielt wurde, ist nur eine Wette, eine Hoffnung.

    Das BSI empfiehlt in seinen BCM-Hinweisen die 3-2-1-Regel.

    Also drei Versionen wichtiger Daten.

    Auf zwei unterschiedlichen Medientypen.

    Und eine Kopie extern.

    Für Privatleute kann das heißen:

    Cloud plus NAS plus externe Festplatte.

    Oder Cloud plus Computer plus verschlüsselte Offsite-Kopie.

    Für kleine Unternehmen kann das heißen:

    Produktivsysteme in der Cloud.

    Zusätzliche Sicherungen lokal.

    Weitere Sicherungen bei einem zweiten Anbieter, sofern es diesen gibt.

    Und für die wichtigsten Prozesse eine Minimalumgebung, die notfalls lokal oder bei einem anderen Hoster hochgefahren werden kann.

    Doof ist nur:

    Speicher kostet gerade wieder mehr. Richtig viel mehr.

    Marktbeobachter wie Gartner und TrendForce erwarten für 2026 stark steigende Preise bei DRAM und SSDs.

    Das wird vor allem mit hoher Nachfrage aus dem KI- und Rechenzentrumsmarkt erklärt.

    Vereinfacht gesagt:

    Wer heute Resilienz aufbauen will, kauft in einem teureren Markt ein.

    Aber die falsche Schlussfolgerung wäre:

    Dann warten wir eben.

    Nein.

    Dann priorisiert man.

    Nicht alles muss lokal gespiegelt werden.

    Nicht jede Videodatei ist kritisch.

    Aber die wirklich wichtigen Daten müssen greifbar bleiben.

    Auch dann, wenn die große Wolke plötzlich sehr irdisch wird.

    Die entscheidende Denkrichtung lautet also nicht:

    Cloud oder nicht Cloud.

    Sondern:

    Wie überlebe ich den Ausfall der Cloud?

    Denn die Cloud ist kein Ort der Unverletzlichkeit.

    Sie ist Infrastruktur.

    Und wie bereits aufgezeigt: Infrastruktur kann versagen.

    Und inzwischen eben auch durch internationale Konflikte und Krieg.

    Wenn die Cloud brennt, hilft kein Marketingbegriff.

    Dann helfen nur Vorbereitung, Redundanz und ein Plan B.

    Oder besser gesagt:

    Ein echter Plan B. Nur dann sind wir resilient.

    Thorsten Siefert für netkiosk.digital

    15 min
  • Der Lack ist nicht ab oder: Ramon Rodriguez

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Ich schaue gerade ein Tutorial. Für die Älteren von uns: Eine Art Vorgangsbeschreibung in Videoform, vielleicht auch unter “How-to” bekannt. Diese Fortbildungsangebote, zu finden auf allen möglichen Plattformen im Internet, können sehr hilfreich sein. Wie ich meinen ersten Dyson-Staubsauger zu leeren hatte, dieses Wissen verdanke ich einem Tutorial. Auch wer eine bestimmte Bedienstrategie für ein elektronisches Gerät verzweifelt sucht, wird auf YouTube und Co. schnell fündig. Die “Retter-in-der-Not-Beiträge”, sie stammen aus unterschiedlichen Quellen. Manchmal haben Hersteller die gute Idee, Videoanweisungen im Netz zu hinterlegen. Häufig aber sind hier Nicht-Profis am Werk, die ihre Erfahrungswerte teilen. 

    Wenn ich mich doch in Geduld üben könnte, besonders mit mir selbst, dann hätte ich im Rahmen meines letzten Körperdekorationsschubes bessere erste Ergebnisse erzielen können. Aber nein, ich entschied mich wie so oft für die Strategie “Learning by doing”. Und als jemand, dessen feinmotorische Fähigkeiten von jedem Einzeller leicht zu übertreffen sind, wähle ich besonders gerne diesen Unheil verheißenden Ansatz. So also auch diesmal.

    Schuld an der ganzen Sache ist eigentlich Ramon Rodriguez. Im wirklichen Leben heißt dieser groß gewachsene, breitschultrige, schlanke Mann mit lockigen Haaren und dem Anlitz eines spanischen Romanheldens natürlich anders. Er arbeitet bei einem großen Elektronikhändler und da ich dort regelmäßig verkehre, ist mir sein sehr angenehmer Anblick nur zu vertraut. 

    Ramon Rodriguez ist ausgesprochen freundlich, zuvorkommend, hat ein wunderschönes Lächeln und zudem ist er über das notwendige Maß hinaus hilfsbereit. Er trägt gerne Nagellack. Das erste Mal fiel mir ein leuchtendes Orange an seinen feingliedrigen Fingern auf, eine fantastische Farbe, die großartig mit seinem Hautton korrespondiert. Wie wunderschön, dachte ich mir. Natürlich gibt es auch bei Ramon Rodriguez Imperfektionen: Die Nägel an seinen großen Händen sind im Verhältnis dazu relativ klein, das Orange hätte sich gewiss über mehr Raum gefreut. Aber die Wirkung des leuchtenden Nagellacks war dennoch phänomenal.

    Am letzten Sonnabend begegnete Ramon Rodriguez wieder, diesmal im Bereich der Warenausgabe. Als ich mit dem Auto dort hineinfuhr, wurde ich von seinem einmaligen Lächeln empfangen. Nachdem er die abzuholende Ware gefunden hatte, bot Ramon Rodriguez mir an, diese in mein Fahrzeug zu laden. Da ich mich nur humpelnd bewegen kann und kaum etwas heben darf, war ich für dieses Entgegenkommen sehr dankbar. Aber nicht nur dafür. Ramon Rodriguez war bei meinem Besuch in der Warenabholungsabteilung nicht nur einfach großartig wie immer, sondern darüber hinaus inspirierend, denn er trug einen wundervollen lila-cremigen Nagellack. Oh, wie wunderschön. Und diesmal kam ich nicht umhin, ihm dafür ein Kompliment zu machen. Er bedankte sich höflich, wir verabschiedeten uns und ich fuhr davon, lila-cremig beeindruckt mit einem verträumten Blick. Inspiriert eben.  

    Wenige Minuten später suchte ich in einer Aldi-Süd-Filiale um die Ecke Nagellack. Versuchen Sie es erst gar nicht, Aldi hat keinen. Aber der Wäscheduft aus dem Angebot der letzten Woche war noch da, auch sehr schön, aber nicht dekorativ. Ich fuhr um ein paar Ecken zum nächsten dm-Markt. Ich fand dort ein Überangebot an Nagellacken, Coatings, Verstärkern und sonstigem Nägelverschönerungszubehör vor. Nach einem kurzen Moment der Desorientierung hatte ich mich gefasst, schließlich komme ich aus einem reinen Frauenhaushalt, in dem dekorative Kosmetik eine wirklich große Bedeutung hatte. Einer der ersten Sätze meines wunderbaren jüngeren Bruders war: “Mama, mike, mike”. Übersetzt: Mama schminkt sich. Nicht etwa Mama kocht, Mama backt oder macht sonst irgendwelche banalen MamaDinge. Das hätte noch gefehlt.

    Zurück zu meiner dm-Visite: Schnell hatte ich mich zurechtgefunden in der Nagelwelt. Schöne Lacke in den Farben orange, lila, pink, dazu ein feines Coating, trug ich als Erstausstattung aus dem Geschäft. Den Nagellackentferner hatte ich zunächst vergessen und rief noch auf dem Weg zur Autobahn eine gute Freundin an, um mich eines ausreichenden Vorrats in ihrem Haushalt zu versichern.

    Daheim angekommen, konnte ich nicht abwarten. Ich wusch die Hände und wollte unbedingt die Wirkung meiner farbenfrohen Errungenschaften erproben. Die Nägel hatte ich mir als Kind oft lackiert, Kosmetik gab es ja bei uns reichlich. Aber das lag viele Jahrzehnte zurück. Mutig voran: Erstmal das leuchtende Orange auf dem linken Daumennagel erproben. Natürlich reichte die Menge für fünf Nägel, ich fertigte eine wahrscheinlich extrem stoßfeste Vollbeschichtung des Nagels an. Das erklärte auch, warum der Lack nur widerwillig trocknete. Schön ist anders, aber ich freute mich dennoch an meiner Leistung und an Humor hatte es mir noch nie gefehlt.

    Am Sonntagmorgen waren dann die restlichen Fingernägel an der Reihe. Nach dem fünften Nagel wurde meine Technik sicherer, ich erinnerte mich auch wieder daran, wie man vorgehen musste. Nach Betrachtung des Ergebnisses meiner Lackiertätigkeit durch mehrere Augenpaare lautete das Urteil: Es ist noch Optimierungspotential vorhanden. Deshalb am Sonntagnachmittag: Nagel-Tutorial-Time. Und für diejenigen von euch, die es jetzt selbst einmal probieren möchten, habe ich die wichtigsten Tipps zusammengefasst:

    Zunächst muss man die Fingernägel mit Nagellackentferner entfetten. Dann trägt man ein erstes Coating, je nach Bedarf, in ein oder zwei Schichten auf. Dieses Coating möchte gerne zwei bis drei Minuten trocknen. Dann kann es weitergehen. Der Pinsel der Wahl sollte in seiner Breite der Nagelgröße entsprechen. Zu Beginn tupft man hinten in der Mitte – oberhalb der Nagelhaut – etwas Nagellack auf, den man dann von dort und auch entlang der  Ränder nach vorne zieht. Wichtig ist, nicht über die Nagelhaut zu streichen und genug Abstand zu dieser zu lassen. Wenn alles optisch gelungen ist, sollte man bis zu zwei Minuten warten, bevor man final einen Top-Coater dünn aufträgt. 

    So geht das also. Seien Sie mutig, probieren Sie Neues aus. Sie leben nur einmal und warum nicht ein wildes Make-up, quietsche-bunte Nägel oder herrlich kräftige Haarfarben ausprobieren. Was hält sie davon ab? Leben heißt leuchten, nicht nur an den Nägeln, aber ich finde, man sollte sie auf keinen Fall vernachlässigen.

    9 min
  • Meta Ray-Ban

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Thorsten Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Es gilt das gesprochene Wort

    Kennen Sie Ray-Ban?

    Die haben tolle Brillen.

    Zumindest vom Design her.

    Von der Optik.

    Und wenn die Blues Brothers Ray-Bans getragen haben:

    Dann wissen Sie, wie ikonisch das sein kann.

    Schwarzer Anzug.

    Schwarze Brille.

    „Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs.“

    Seit einiger Zeit gibt es von Ray-Ban auch Brillen mit künstlicher Intelligenz.

    Smart Glasses.

    Mit Kamera.

    Mit Mikrofon.

    Mit „Hey, mach mal KI“.

    Ray-Ban arbeitet dafür mit niemand anderem als Meta zusammen.

    Also: Facebook.

    Instagram.

    WhatsApp.

    Meta.

    Das ist doch ’ne tolle Kombi, oder?

    Was kann da schon schiefgehen?

    Hmmm…Lassen Sie uns mal gemeinsam überlegen.

    Wann nutzen Sie als Brillenträger Ihre Brille?

    Direkt nach dem Aufstehen?

    Beim Zähneputzen?

    Beim Frühstück?

    Auf dem Weg zur Arbeit?

    Auf der Arbeit?

    Beim Arzt?

    Welchen Job haben Sie?

    Arzt?

    Busfahrer?

    Bänker?

    Lehrer?

    Für Brillenträger wie mich gilt: Die Brille ist immer dabei.

    Und wenn die Brille „smart“ ist?

    Dann sieht sie, was ich sehe.

    Sie hört, was ich höre.

    Sie läuft im Alltag einfach mit.

    Immer.

    Überall.

    Und genau da wird es spannend.

    Ich bin externer Datenschutzbeauftragter, Datenschutzauditor und Datenschutzkoordinator.

    Ja, ich bin grundsätzlich vorsichtig mit personenbezogenen Daten.

    Und gleichzeitig liebe ich KI.

    Vor allem in der Softwareentwicklung.

    Als Assistent für Engineering, Coding und Debugging.

    Es wird Sie nicht wirklich überraschen, dass mein Lieblingskonzept „Privacy by Design“ ist.

    Also: Datenschutz von Anfang an.

    Nicht als Sticker auf der Verpackung.

    „Trust me bro“ als Privacy- und Security-Level?

    Das ist nicht mein Ding.

    Wie in letzter Zeit ganz oft, ist der Auslöser für diese Episode ein Artikel, den ich bei Adafruit gefunden habe.

    Adafruit ist ein 2005 von der MIT-Ingenieurin Limor Fried gegründetes, vollständig frauengeführtes Elektronik-Unternehmen aus Brooklyn (NYC), das Maker-freundliche Lernangebote sowie sorgfältig getestete und kuratierte Tools und Komponenten entwickelt, fertigt und verkauft.

    Hinter dem Bericht, über den Adafruit berichtet, steckt eine gemeinsame Recherche von Svenska Dagbladet und Göteborgs-Posten.

    Kurz zusammengefasst:

    Menschen in Nairobi, Kenia, schauen sich Inhalte an, die mit Meta-Ray-Ban-Brillen aufgenommen wurden.

    Nicht „die KI“.

    Echte Menschen.

    Als sogenannte Data Annotators.

    Wozu?

    Um KI zu trainieren.

    Um Modelle zu verbessern.

    Um Systeme „smarter“ zu machen.

    Laut der Recherche berichten Beschäftigte bei einem Subdienstleister namens Sama, dass sie extrem intime Szenen sehen.

    Leute beim Ausziehen.

    Leute nackt im Bad.

    Pornografie.

    Sex.

    Bankkarten-Details.

    Und halt alles, was der User dieser Brillen auf der Toilette sieht.

    Und das ist der Punkt, der bei Wearables besonders weh tut:

    Viele Betroffene wissen gar nicht, dass sie gerade aufgenommen werden.

    Und das stinkt mir.

    „Aber das wird doch anonymisiert, oder?“

    Theorie: Gesichter werden unkenntlich gemacht.

    Praxis: Das klappt nicht sooooooooo zuverlässig.

    Die Recherche beschreibt, dass das Blur- oder Anonymisierungs-Verfahren Gesichter und Körper teils nicht korrekt erfasst.

    Vor allem bei schwierigem Licht.

    Und jetzt stellen Sie sich vor, das passiert im Alltag.

    Im Bus.

    In der Schule.

    Im Büro.

    Im Wohnzimmer.

    Oder im Meeting zu einem geheimen Projekts Ihres Arbeitgebers.

    Ein einziger „Upsi“ reicht.

    Und aus „anonymisiert“ wird „erkennbar“.

    „Das bleibt doch lokal in der App“ – wirklich?

    Ein weiteres Detail aus der Recherche:

    Verkaufspersonal soll gesagt haben, alles bleibe lokal auf dem Gerät oder in der App.

    Die Journalisten haben dann Netzwerkverkehr analysiert.

    Und sie berichten von laufender Kommunikation mit Meta-Servern.

    Für mich ist das der klassische Moment, in dem „Privacy by Marketing“ auf „Reality by Packet Capture“ trifft.

    Meta sagt: Passiert „Nur wenn du teilst“

    Meta argumentiert sinngemäß:

    Wenn Nutzer Inhalte mit Meta AI teilen, können Auftragnehmer diese Daten mit prüfen, um das Erlebnis zu verbessern.

    Und man würde Filter einsetzen, um Privatsphäre zu schützen.

    Das klingt erst mal „normal“.

    So nach: „Machen doch alle.“

    Aber bei einer Brille ist die Grundannahme falsch bequem.

    Weil die Brille immer dabei ist.

    Und weil Teilen oft nicht wie „Teilen“ wirkt.

    Ein Voice-Befehl.

    Ein KI-Feature.

    Ein Klick.

    Und schon kann Material ungewollt in einem Review-Prozess landen. Toll, oder?

    Vertraue ich Meta?

    Lassen Sie mich so antworten:

    Cambridge Analytica – sagt Ihnen das noch was?

    Kurzer Reality-Check.

    Cambridge Analytica.

    Da ging es um Daten.

    Um Profile.

    Um Psychometrie.

    Um politische Werbung.

    Und um die Frage: Wer ist hier eigentlich Kunde – und wer ist Produkt?

    Im Brexit-Kontext wurde damals ebenfalls diskutiert, ob und wie Daten und Targeting Einfluss nehmen.

    Es gab Untersuchungen und viel Nebel.

    Aber der Vertrauensschaden war real.

    Warum erwähne ich das hier?

    Weil es ein Muster zeigt.

    Meta verkauft gern das Gefühl:

    „Du kontrollierst das.“

    „Du entscheidest.“

    „Ist doch dein Gerät.“

    Und dann liest man die Details.

    Oder man sieht die Schlagzeilen.

    Oder man erkennt:

    Das Geschäftsmodell ist nicht „verkaufen“.

    Das Geschäftsmodell ist Aufmerksamkeit.

    Daten.

    Modelle.

    Optimierung.

    Wachstum.

    Der Nutzer ist nicht Kunde.

    Der Nutzer ist Rohstoff.

    Und dann höre ich immer: „Ich habe nichts zu verbergen“

    Und er ist so wahnsinnig bequem.

    Aber bei Brillen kann er Ihnen schnell ins Auge gehen.

    Weil Brillen halt nicht nur Ihre Daten erfassen.

    Sondern auch die Daten anderer.

    Und weil viele Menschen nicht damit rechnen, gefilmt zu werden.

    Schon gar nicht in intimen Momenten.

    Dazu kommt:

    Die meisten klicken „Terms & Conditions“ weg.

    Nicht aus Dummheit.

    Sondern weil es Alltag ist.

    Weil es Zeit kostet.

    Weil es kompliziert ist.

    Und lesen so furchtbar nervt.

    Und genau darauf bauen viele Systeme.

    Auf Zustimmung durch Müdigkeit.

    Und dann ist da noch Kenia, oder besser gesagt der „Drittlandtransfer“ personenbezogener Daten.

    Wenn personenbezogenes Material zur Verarbeitung in Drittländer geht, wird es in der EU juristisch schnell ernst.

    Unter der DSGVO braucht es dafür klare Grundlagen und Schutzmaßnahmen.

    Kenia ist aus EU-Sicht ein sensibles Thema, weil ein EU-Angemessenheitsbeschluss der Game-Changer wäre – und der Prozess dafür politisch und formal aufwendig ist.

    Es gibt dazu zwar seit 2024 einen offiziellen „Adequacy Dialogue“ zwischen EU und Kenia, aber „Dialog“ ist halt noch kein „Beschluss“.

    Aber ich bin Realist: Selbst, wenn Verträge existieren:

    „Vertraglich geregelt“ bedeutet nicht automatisch „praktisch sicher“.

    Was ich als Entwickler daran besonders schlimm finde.

    Ich mag KI.

    Sehr sogar.

    Aber ich will transparente Datenflüsse.

    Klare Grenzen.

    Und robuste Standardeinstellungen in Hard- und Software.

    Wenn ein Produkt behauptet:

    „Designed for privacy, controlled by you“,

    dann muss die technische Realität das auch tragen.

    Nicht nur im Kleingedruckten.

    Nicht nur im Idealfall.

    Sondern im Alltag.

    Im Bus.

    Im Klassenzimmer.

    Im Büroflur.

    Denn Wearables, zu dieser Gerätegruppe gehören smarte Brillen, sind nicht „nur ein Gadget“.

    Sie sind Sensoren am Körper.

    Und im Zweifel: Kameras im sozialen Raum.

    Kommen wir zum konstruktiven Teil dieser Episode.

    Wie kann Privacy by Design für Wearables konkret aussehen?

    Was wäre besser?

    Für mich ist ein ziemlich gutes Leitbild:

    So viel wie möglich on-device, also Verarbeitung auf dem Gerät.

    So wenig wie möglich in die Cloud.

    Und wenn Cloud, dann stark begrenzt.

    Mit Minimierung.

    Mit Zweckbindung.

    Mit kurzer Speicherung.

    Das geht heute.

    Und bevor Sie jetzt denken: Schon wieder Apple? Ja, Apple kommt dem in Teilen recht nahe. Näher als andere.

    Beispiel Apple Vision Pro:

    Optic-ID-Daten sind verschlüsselt und verlassen das Gerät nicht.

    Sie liegen im Secure Enclave.

    Und jetzt für Nicht-ITler:

    Stellen Sie sich Ihr Gerät wie ein Haus vor.

    Der Hauptprozessor ist das Wohnzimmer: da passiert fast alles. Apps laufen, das System arbeitet, das Internet ist da.

    Die Secure Enclave ist ein separater, abgeschlossener Tresorraum im Haus. Selbst wenn im Wohnzimmer Chaos ist – zum Beispiel weil ein Einbrecher eine Tür aufbekommt – bleibt der Tresorraum trotzdem zu.

    Und Apple beschreibt für „Eyes & Hands“ explizit, dass Blickdaten nicht an Apps, Websites oder Apple weitergegeben werden.

    Das ist für mich Privacy by Design im Wearable-Kontext:

    • Lokale Verarbeitung als Standard (nicht als Option).
      • Datenminimierung: Nur das, was wirklich nötig ist.
        • Klare Trennung: Sensoren liefern nicht „Rohdaten an Apps“, sondern nur vom informierten User freigegebene Ergebnisse.
          • Sichere Hardware-Zonen für hochsensible Daten.
            • Transparenz, die den Namen verdient: Dezente, kurze aber klare Hinweise direkt im Moment der Erfassung. Für Sie und Ihre Umwelt.
              • „Human review“ als absolute Ausnahme – und wenn, dann mit echter, informierter Einwilligung, die auch Nicht-Juristen und Nicht-ITler verstehen.
              • Das ist nicht „KI-feindlich“.

                Das ist KI nur in „erwachsen“.

                Was bleibt?

                Ray-Ban kann Design.

                Keine Frage.

                Und Smart Glasses sind technisch faszinierend. Ich hätte haufenweise Anwendungsfelder. Auch beim Golf.

                Und was machen Sie als Nutzer, wenn Sie so ein Gerät haben wollen? Fragen Sie den Verkäufer nach den oben beschriebenen Eigenschaften der Hardware. Immerhin sprechen wir hier über Brillen, die zwischen 300 und 500 Euro kosten. Da darf man auch mal nachfragen.

                Der Optiker meines Vertrauens fragt im Zweifel beim Hersteller nach. Das weiß ich. Und wenn Ihnen das Konzept nicht schlüssig erscheint: Finger weg! So schwer es auch fällt.

                Denn sobald Unternehmen wie Meta im Spiel sind, muss man sehr genau hinschauen.

                Weil nicht nur die Vergangenheit zeigt:

                „Trust me“ reicht nicht.

                Thorsten Siefert für netkiosk.digital.

                13 min
              • Die Apple-Woche

                Autor, Sprecher und Episodenbild

                Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

                Technik und Gestaltung

                Thorsten Siefert

                Es war am Anfang der Woche. Wir sprachen über Apple, sein Marketing, das Besondere an den Produkten und darüber, was uns an Neuem erwarten könnte. Am Mittwoch dann ein Beitrag über die Softwareprobleme, ob nun in MacOS oder iOS. Thorsten Siefert wusste über die vielen kleinen Bugs zu berichten, die in Summe dem Benutzer ganz furchtbar auf die Nerven gehen. Fehler beheben statt immer nur neue Features, das war seine Forderung, macht doch mal wieder so etwas wie Snowleopard, ein “ich bin ein stabileres, zuverlässigeres Leopard”. Es war seinerzeit mein erstes MacOS – damals war der Name des Betriebssystems der Apple-Rechner noch “OS X plus Raubkatzenname”, je nach fortschreitender Generation. Snowleopard bot wenig Neues, war dafür furchtbar unaufgeregt stabil und im Vergleich zu Windows Vista wirkte es auf mich wie ein Kuraufenthalt.

                Und was gab es nun diese Woche an Grandiosem aus Cupertino. Am Montag das iPad Air, gewohnte Verpackung mit erneuertem Inhalt, im Wesentlichen mehr Arbeitsspeicher, dazu der M4-Prozessor. Ebenfalls nicht Neues im Gehäuseland beim Einstiegs-Iphone 17e, lediglich die Farboption “zartrosa” ist zu schwarz und weiß hinzugekommen. Das Innenleben hat es aber in sich, ein schnellerer A19 Prozessor, 256 GB Speicher, MagSafe, beschleunigtes Laden und belastbarere Ceramic Shield-Oberflächen. Ein ziemlich gelungenes Update, gerade auch für Neueinsteiger oder die, denen das klassische iPhone und die Pro-Varianten einfach zu teuer sind.

                Weiter ging es am Dienstag. Äußerlich hat sich beim MacBook Air nichts verändert, hier gab es das Update auf den M5-Chip. Dazu kommen 512 GB Basisspeicher. Das MacBook Pro bietet je nach Ausführung leistungsfähigere Varianten des M5, ebenso gibt es mindestens 512 GB zum Ablegen von Daten auf dem Gerät. Auch neu, aber irgendwie seltsam: Zwei Varianten des Studiodisplays, jeweils mit 27 Zoll. Der eine Bildschirm ist mit seinen 60 Hz Wiederholfrequenz fast antiquiert unverändert und hat lediglich die neue Frontkamera von Apple und einen Thunderbolt 5-Anschluss bekommen sowie einen neuen Chip zur Systemsteuerung, der andere Screen – das Studio Display XDR – kommt mit einer brauchbaren Bildwiederholfrequenz von bis zu 120 Hz und einem zonen gesteuerten Backlight, das unter anderem mehr Helligkeit als beim Basismodell bietet. Der Sound soll bei beiden Modellen besser sein. 

                Mein Herz – und nicht meine Vernunft – hat sich aber in das am Mittwoch neu veröffentlichte günstige MacBook Neo schockverliebt. Ja, da ist ein Smartphoneprozessor drin, die Tastaturbeleuchtung fehlt, es gibt nur 8 GB Speicher. Und dennoch: Es ist der ideale Einstieg in die Apple-MacBook-Welt. Hier kann man sehen, was Apple immer für mich ausgemacht hat. Gutes, bequemes, produktives und kreatives Arbeiten ist möglich, auch ohne Pro-Chip in Fusion-Architektur. Wer mehr braucht, kann mehr bekommen. Aber wer braucht wirklich mehr? Ich jedenfalls nicht und schon aus ästhetischen Erwägungen heraus benötige ich dieses MacBook so sehr, weil es einfach wunderschön ist. In gelb oder zartrosa … oder vielleicht in beiden Farben… ich hätte die passende Bekleidung und den Schmuck dazu. Beide werden mir wundervoll stehen, das weiß ich jetzt bereits. 

                6 min
              • Apple liebt Bugs

                Autor, Sprecher und Episodenbild

                Thorsten Siefert

                Technik und Gestaltung

                Thorsten Siefert

                Episodenbild

                Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

                Es gilt das gesprochene Wort

                Kennen Sie das?

                So einen kleinen Moment.

                Der erst lustig ist.

                Und dann nervt er.

                Und am Ende bleibt er hängen.

                Mein Moment verlief so:

                Ich saß im Auto.

                CarPlay an.

                Navigation über Apple Karten, klar was sonst.

                Ich wollte nach Köln.

                Dann kam die Staulage.

                Groß.

                Rot.

                Stillstand.

                A4 Richtung Köln halt.

                Also habe ich entschieden: ausweichen.

                Ich bin runter von der Strecke.

                Und ja.

                Ein bisschen „über die Felder“.

                Nicht wörtlich.

                Aber gefühlt.

                Irgendwann fahre ich über den Rather Mauspfad.

                Wer die Gegend kennt, weiß: Das ist ein ganz normaler Straßenname.

                Für die Auswärtigen: Rath ein Kölner Ortsteil.

                Alles gut.

                Und dann sagt CarPlay:

                Ich soll auf den „Rather“ Mauspfad fahren.

                „Rather“ auf Englisch.

                So wie „rather long“ oder „rather short“.

                Und „Mauspfad“ auf Deutsch.

                So wie Mauspfad halt.

                Ich war kurz komplett raus.

                Weil mein Kopf versucht hat, daraus einen Sinn zu machen.

                Und weil es so ein typischer Fehler ist.

                Nicht schlimm.

                Aber störend.

                Ein kleiner Riss im Eindruck vom Steve Jobschen „it just works“.

                Und genau da hat es bei mir wieder Klick gemacht.

                Weil ich mich seit langer Zeit jeden Tag über Bugs ärgere.

                In iOS.

                In iPadOS.

                Und besonders in macOS.

                Ich nutze diese Geräte professionell.

                Nicht zum Spielen.

                Nicht „mal eben“.

                Sondern jeden Tag.

                Mit Deadlines.

                Mit Kunden.

                Mit Verantwortung.

                Darum kaufe ich auch Highend.

                Zum Beispiel ein MacBook Pro mit M-Chip, Max-Klasse. Damit AI auch lokal Spaß macht.

                Schnell.

                Leistung satt.

                Aber auch teuer. Unter 5000 € keine Chance.

                Und genau deswegen ist es so frustrierend.

                Weil die Apple-Hardware aktuell wieder richtig gut ist.

                Apple kann Hardware.

                Das war zwischendurch nicht immer so.

                Aber inzwischen ist vieles wieder wirklich richtig gut geworden.

                Nur: Warum nicht bei der Software?

                Warum wirkt es, als wäre Stabilität ein Nebenprojekt?

                Und bevor ich jetzt, wie ein klassischer Mecker-Opa klinge, habe ich etwas gemacht, das ich wichtig finde:

                Ich habe mich selbst geprüft!

                Leide ich am Geisterfahrersyndrom?

                Bin ich der Einzige, der das so sieht?

                Bin ich zu empfindlich?

                Zu nostalgisch?

                Zu perfektionistisch?

                Und dann bin ich auf eine Website gestoßen: bugsappleloves.com.

                Der Ton ist sarkastisch.

                Die Überschrift ist ein Schlag ins Gesicht aller Apple Manager.

                „Apple liebt Bugs. Warum sonst würden sie sie so lange behalten?“

                Sinngemäß.

                Dort steht eine Liste an Fehlern.

                Viele davon kenne ich.

                Nicht aus Foren.

                Sondern aus meinem Alltag.

                Aus meiner Arbeit.

                Aus meinem echten Leben.

                Und die Seite macht noch etwas:

                Sie rechnet.

                Sie versucht, den Schaden sichtbar zu machen.

                Zeitverlust.

                Produktivität.

                Nerven.

                Wirtschaftliche Folgen.

                Wichtig ist: Die Seite sagt selbst, dass das Satire ist.

                Dass die Bugs real sind.

                Aber die Zahlen Schätzungen sind.

                Oder bewusst überzeichnet.

                Das ist fair.

                Nur: Selbst, wenn man die Zahlen ignoriert, bleibt der Kern stehen.

                Bugs kosten Zeit.

                Jeden Tag.

                Und Zeit ist Geld.

                Vor allem für Profis.

                Und jetzt kommt der Punkt, an dem ich dieses Thema nicht mehr als „First World Problem“ durchgehen lasse.

                Denn es geht nicht um Luxus.

                Es geht um Werkzeuge.

                Wenn mein Werkzeug unzuverlässig ist, ist das nicht „verwöhnt“.

                Dann ist das ein Problem.

                Stellt euch das mal in anderen Bereichen vor.

                Ein Schnittprogramm, das sporadisch Export-Settings vergisst.

                Ein Audio-Workflow, der Plugins nach Updates nicht mehr sauber lädt.

                Ein Finder, der sich bei Netzlaufwerken merkwürdig verhält.

                Eine Suche, die mal findet und mal nicht.

                Fenster, die sich seltsam verhalten.

                Synchronisation, die sich totstellt.

                Das sind nicht die großen Crash-Katastrophen.

                Das sind die kleinen, zähen, wiederkehrenden Dinge.

                Langzeitfehler.

                Die nie ganz weggehen.

                Die einen jeden Tag ein Stück Konzentration kosten.

                Und Konzentration ist bei Wissensarbeit die eigentliche Währung.

                Was mich daran so irre macht:

                Es wirkt nicht wie Unfähigkeit.

                Es wirkt wie Priorität.

                Ich habe das Gefühl, Apple steckt in einem Zwang.

                In einem Rhythmus.

                In einem System, das jedes Jahr neue Features braucht.

                Mehr.

                Neuer.

                Glänzender.

                Und ja, ich höre oft: „Die User wollen das so.“

                Nein.

                Wollen sie nicht.

                Nicht alle.

                Pro-User wollen etwas anderes.

                Sie wollen ein Betriebssystem, das sitzt.

                Das zuverlässig ist.

                Das nicht bei jedem Update neue Reibung einführt.

                Sie wollen weniger Überraschungen.

                Und mehr Vertrauen.

                Natürlich gibt es keine Software ohne Fehler.

                Das ist mir klar.

                Ich bin nicht naiv.

                Ich habe auch kein Problem bei neuen Releases bis zum ersten Servicerelease zu warten.

                Aber es gibt einen Unterschied zwischen:

                „Da ist ein Bug, das passiert mal.“

                Und:

                „Das ist seit Jahren bekannt und nervt jeden Tag.“

                Das ist wie technische Schulden.

                Bug-Debt.

                Und irgendwann zahlt man Zinsen.

                Täglich.

                Mit Lebenszeit.

                Und jetzt die Frage:

                Warum hört Apple nicht wieder stärker auf die User?

                Auf die, die professionell damit arbeiten?

                Auf die, die Feedback schreiben?

                Auf die, die reproduzierbare Reports liefern?

                Auf die, die nicht nur twittern, sondern bei Developer Betas und im Anschluss wirklich melden?

                Ich habe darauf keine perfekte Antwort.

                Aber ich habe Hypothesen.

                Eine ist: Komplexität.

                Diese Systeme sind riesig.

                iPhone, iPad, Mac, Watch, Vision, Dienste.

                Alles greift ineinander.

                Jede Änderung zieht Fäden.

                Eine andere ist: Incentives.

                Features sind sichtbar.

                Bugs fixen ist unsichtbar.

                Mit einem neuen Feature kannst du Marketing machen.

                Mit „wir haben 300 Kleinigkeiten stabilisiert“ eben nicht so leicht.

                Und noch etwas: Geschwindigkeit.

                Der Takt ist brutal.

                Jedes Jahr.

                Mehrere Systeme parallel.

                Und dann wundert man sich, dass Dinge liegen bleiben?

                Und dann sitze ich da, als jemand, der Apple seit ungefähr 30 Jahren nutzt, und frage mich:

                Ist das noch mein Zuhause?

                Oder bin ich einfach nur Gewohnheitstier?

                Gibt es Alternativen?

                Windows? Danke. Mir reichen Kundensysteme, an denen ich arbeiten muss und musste. In meinem Unternehmen kommt das nicht auf einen Rechner.

                Aber: Linux ist eine.

                Definitiv.

                Ich mag Open Source.

                Ich mag die Idee.

                Ich mag die Freiheit.

                Aber ich mag auch Apples Hardware.

                Und Linux auf Apple-Hardware ist… sagen wir: nicht immer ein Spaziergang.

                Je nach Gerät, Treibern, Stromsparmodi, T2-Chip, Kleinigkeiten.

                Und dann gibt es Projekte wie Omarchy.

                Eine Distribution bzw. ein Setup, das von David Heinemeier Hansson stammt.

                Viele kennen ihn als DHH. Creator von Ruby on Rails und Basecamp. Eine Legende!

                Das Ganze basiert auf Arch Linux.

                Sehr developer-freundlich.

                Sehr klar.

                Auf einem meiner alten MacBooks aus 2014 läuft das stabil und schnell.

                Und das ist wirklich beeindruckend.

                Aber: Das ist auch ein Teil des Problems.

                Open Source kann genial sein.

                Und gleichzeitig fragil.

                Was passiert, wenn ein Maintainer keine Lust mehr hat?

                Wenn eine Richtung sich ändert?

                Wenn ein Projekt einschläft?

                Dann heißt es oft: „Da findet sich schon jemand.“

                Nur: Darauf kann man als Pro nicht planen.

                Nicht mit Jobs.

                Nicht mit Teams.

                Nicht mit Verantwortung.

                Das ist der Spagat.

                Ich will Stabilität.

                Ich will Verlässlichkeit.

                Und ich will nicht jeden Monat mein Setup neu erfinden.

                Und damit sind wir wieder bei Apple.

                Weil Apple genau das früher mal verstanden hat.

                Zumindest gefühlt.

                Ich denke dabei an Snow Leopard.

                An diese Sehnsucht nach einer Version, die sagt:

                Keine neuen Spielzeuge.

                Keine großen Umbauten.

                Nur: aufräumen.

                reparieren.

                stabilisieren.

                Ein Release, das wie ein Techniker arbeitet.

                Nicht wie ein Produktmanager.

                Mein Wunsch ist simpel.

                Und wahrscheinlich naiv.

                Aber ich sage ihn trotzdem:

                Apple, gib uns Pro-Usern wieder ein Jahr.

                Oder ein Release.

                Oder meinetwegen zwei.

                In dem ihr nicht neue Features stapelt.

                Sondern Bugs abtragt.

                Ein macOS, das langweilig ist.

                Im besten Sinn.

                Ein iOS, das unauffällig ist.

                Ein iPadOS, dass nicht ständig kleine Überraschungen hat.

                Denn das wäre der Luxus, den ich wirklich will.

                Nicht ein neues Icon.

                Nicht eine neue Animation.

                Nicht noch eine „intelligente“ Funktion.

                Sondern Ruhe.

                Verlässlichkeit.

                Vertrauen.

                Und ja.

                Das wäre mein feuchter Traum heißer Nächte.

                Vielleicht bin ich damit nicht allein.

                Vielleicht bin ich einfach alt geworden.

                Oder einfach professionell.

                Und vielleicht fängt es manchmal mit einem kleinen Satz im Auto an.

                Mit einem „Rather Mauspfad“.

                Und dem Gefühl:

                Da ist etwas verrutscht!

                Thorsten Siefert für netkiosk.digital.

                11 min
              • Event ohne Events

                Autor, Sprecher und Episodenbild

                Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

                Technik und Gestaltung

                Thorsten Siefert

                Eigentlich nicht erforderlich, aber dennoch unverkennbares Zeichen eines fantastischen Marketings. Ein Twitterpost mit wenig Text „A big week ahead. It all starts Monday Morning.“ Dazu ein kurzer Videoclip. Man sieht einen grauen, verdächtig aluminiumartigen Hintergrund, auf dem innerhalb kurz Zeit mit einer Hand ein Markenzeichen modelliert wird, das wir alle kennen. Abschließend hört man ein kurzes, eingängiges Audiologo. Fertig. Und nun ist es offiziell. Das kalifornische Unternehmen Apple wird uns ab heute mit neuen Produkten erfreuen.

                Die Jünger der großen Gemeinde im Leben so vieler Menschen offenbar unverzichtbarer und perfekt vernetzter Elektronik wissen es schon eine ganze Weile. Die Informationen, sie sind wie immer nach und nach durchgedrungen, geleakt. Nichts Offizielles, aus dem Apple-Raumschiff dringt nur Stille heraus. Ober doch nicht? Wenn wir etwas hören, dann nur über bekannte Personen, die der Applewelt ganz, ganz nahe sind, wie Marc Gurman oder Ming CHI Kuo. Sie befinden sich in einer definierten Veröffentlichungs-Nicht-Veröffentlichungs-Partnerschaft mit dem kalifornischen Elektronikriesen. Über inoffizielle Kanäle sollen sie ihre Informationen beziehen, die dann – mit wechselnder, aber doch stetig ausreichender Trefferrate – über unterschiedliche Medienpfade in die Öffentlichkeit transportiert werden.

                Und der Applekunde, er lechzt danach. Schon Monate vorab möchte der stets mit Neuem Liebäugelnde gerne wissen, wann die nächsten Produkte veröffentlicht werden, was ihn genau erwartet. Lohnt es sich noch ein iPad zu kaufen oder lässt man lieber noch etwas Zeit vergehen? Wird der aktuelle M5-Prozessor nun auch endlich in den iMac oder den MacMini integriert, was ist mit dem MacBookAir? Und überhaupt, ist es nicht endlich Zeit für ein neues Design mancher auf den Applejünger schon antik wirkender Produkte. 

                Das Konzept geht auf. Großartig gelungene Integration von Hard- und Software, dazu ein Ökosytem, das fast perfekt vernetzt ist. Gekleidet in ein immer wieder ikonisches Design, vermarktet als das, was es tatsächlich auch ist: schierer Luxus. Sagen die Kritiker. Und Nachahmer bestätigen die Richtigkeit dieser Strategie. Ganz vorne Xioami, dessen HyperOS auf deren Mobilgeräten iOS optisch und auch funktional sehr ähnelt mit einem ebenfalls beachtlichen Integrations- und Inter-operationalitäts-grad. Und auch Google mit seiner Pixel-Hardware ist mittlerweile auf den Zug aufgesprungen, Microsoft erfreut uns mit seinen großartig designten Surfacegeräten, freilich ruckelt man hier noch mit Windows herum. Ein paar Kompromisse muss man machen, aber die Alternativen rücken dem großen Kalifornier Stück für Stück auf den Pelz.

                Apple muss also innovativ bleiben, um konkurrenzfähig zu sein, seinen Vorsprung zu halten. Im Bereich der Hardware gelingt das mit den 2020 eingeführten M-Prozessoren recht gut, die nach wie vor einen Leistungsvorsprung vor der Konkurrenz haben, die aber auch in diesem Bereich mit etwAbstand erkennbar aufholt. Die Software von Apple überzeugt durch ihre unfassbare und unvergleichbare intuitive Bedienbarkeit. Gerade wer sie wie ich produktiv nutzt, will nicht über Treiber, Updates und andere EDV-Dinge nachdenken. Das habe ich mir seit dem ersten iMac 2006 vollständig abgewöhnt. 

                Aber Vorsicht: Mitunter fällt in den letzten Jahren auf, das manches nicht mehr ganz so smooth läuft, besonders dann, wenn man den eigentlichen Nutzungszweck überspannt. Diesen Artikel schrieb ich auf einem zumindest heute noch aktuellen 13 Zoll großen iPadAir mit M3. Angeschlossen hatte ich einen externen OLED-Bildschirm. Mitunter kam ich mit dem Fenstermanagement von iOS nicht so wirklich zurecht und auf GoogleApps war mein iPad heute Morgen, zog man sie auf den OLED, gar nicht gut zu sprechen. Das ist gejammert auf hohem Niveau und ich weiß, dass iOS ein Mobilsystem ist und der gegenüberstehende iMac oder ein MacBook geeigneter gewesen wären zum Schreiben dieses Beitrags … aber das iPad lag gerade hier und ich bin doch so applebequem und bewegungsfaul – dieses Konzept geht nicht immer auf. Egal, dafür gelingt das Aufzeichnen und Schneiden auf dem iPad aufgrund der Touchbedienung unfassbar gut und geht im wahrsten Sinne einfach von der Hand. Dennoch: Obacht Apple, deine Jünger erwarten nach dem Startgong einen perfekten Auftritt von dir.

                Was kommt auf uns in der nun beginnenden Applewoche zu? Auf eine Reihe von nach und nach online vorgestellten Geräten – es wird also kein großes Event oder langes Video, sondern wahrscheinlich einzelne Produktfilme und Informationen auf der Webseite geben – folgen am 4. März in New York, London und Shanghai Apple Experiences, zu denen der Konzern Journalisten und Creator eingeladen hat. Hier werden – wie sonst nach Events üblich – die neuen Produkte im Hands-On verfügbar sein. Anschließend werden in bewährter Weise die Medien mit allen möglichen Informationen dazu geflutet werden. Auf diese wartet der Kunde, wenn er nicht schon vorher diverse Bestellbutton betätigt haben wird.

                Und was genau gibt es zu ordern? Ganz exakt weiß man das natürlich nicht. Gerechnet wird mit verbesserter Hardware für das Basis-iPad, ggf. Auch das iPad Air. Darüber hinaus erwartet man ein technisch aktualisiertes Einsteiger-iPhone und Highlight der Eventreihe wird wohl ein Einstiegs-MacBook sein, das erschwinglicher und in unterschiedlichen Farben erhältlich sein soll. Weitere Gerüchte sind natürlich im Raum, etwa über neue HomePods mini oder einen HomeHub. Wenn dieser Beitrag erschienen ist, wird die Wartezeit allerdings sehr übersichtlich sein, mehr Spekulationen lohnen sich also nicht.

                Folglich: Selbst wenn Sie nicht zur Glaubensgemeinschaft der Appleianer zählen, so lohnt es sich vielleicht doch einmal ein Auge auf die Ereignisse der nächsten Tage zu werfen. Sie werden auf jeden Fall gelungenes Marketing erleben und was bitte kann Ihnen denn Schlimmeres passieren – nur ganz eventuell natürlich – als in den Applekosmos hineingezogen zu werden, so ganz zufällig und fast unbemerkt. 

                9 min
              • Der Landkreis Altenkirchen III

                Autor, Sprecher und Technik, Gestaltung

                Thorsten Siefert

                Episodenbild

                Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

                Es gilt das gesprochene Wort

                Am 19. Februar 2026 veröffentlichte die Rhein-Zeitung einen Artikel mit der Überschrift „Immer mehr Schüler im AK-Land mit brauner Haltung“. AK-Land ist die Bezeichnung für den im ersten Beitrag ausführlich vorgestellten Landkreis Altenkirchen. Im dritten Teil unseres Wochenschwerpunkts beschäftigen wir uns mit „Haltung zeigen in der Schule“. Oft unterschätzt ist nicht die abstrakte Frage, ob Lehrkräfte Haltung zeigen dürfen – sondern wie verhindert werden kann, dass sie dabei vereinzelt werden.

                Im Text, der die Lage im Kreis Altenkirchen beschreibt, fällt ein Satz, der hängen bleibt: Lehrkräfte sehen sich „zunehmend mit Drohkulissen wie Sammlungen und sogenannten Meldeportalen konfrontiert“, die gezielt Druck auf engagierte Lehrerinnen und Lehrer ausüben sollen.

                Und gleichzeitig gibt es „spürbare Unsicherheiten darüber, was das Neutralitätsgebot tatsächlich bedeutet und wo die Grenzen professioneller politischer Bildung verlaufen.“ 

                Das ist eine toxische Kombination: Druck von außen – und Unklarheit von innen.

                „Sammlungen“ und „Meldeportale“ sind, nüchtern betrachtet, Instrumente der Beobachtung. In der Praxis wirken sie aber wie ein Verstärker: Wer sich engagiert, wer im Unterricht gegen Menschenfeindlichkeit interveniert, wird zum potenziellen Ziel. Und das verändert Verhalten – nicht unbedingt, weil etwas falsch wäre, sondern weil sich das Risiko plötzlich real anfühlt.

                Das ist der Kern von Einschüchterung: Es reicht, dass die Möglichkeit besteht, „gemeldet“ zu werden. Schon entsteht der Impuls, vorsichtiger zu sein, Konflikte zu vermeiden, Themen zu entschärfen – und am Ende genau jene Diskussionen zu unterlassen, die demokratische Bildung eigentlich braucht. Und selbst, wenn derartige Portale weggeklagt oder Verfahren gegen Lehrer eingestellt werden: Die Einschüchterung bleibt.

                Und es trifft nicht „die Schule“ als Institution zuerst. Es trifft einzelne Menschen: Die Lehrkraft im Raum.

                Und hier kommt das Neutralitätsgebot ins Spiel. Gerade Menschen, die es mit unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht gut meinen spielen Unsicherheit aus, was Neutralität bedeutet und wo die Grenzen politischer Bildung verlaufen. 

                Das ist nicht nur ein juristisches Detail – das ist ein operatives Problem. Denn Unsicherheit ist eine Angriffsfläche.

                Wenn eine Lehrkraft nicht glasklar weiß, was erlaubt ist, dann ist die Drohung „Das ist politische Einflussnahme!“ plötzlich wirksam – selbst dann, wenn sie unbegründet ist. Neutralität wird dann nicht als Schutzregel verstanden, die Indoktrination verhindert, sondern als Maulkorb, der Haltung verdächtig macht.

                Die GEW im Landkreis Altenkirchen hat recht: Die Grenze verläuft dort, wo politische Bildung in Parteiwerbung oder Indoktrination kippt – nicht dort, wo Lehrkräfte Menschenwürde und Demokratie schützen. 

                Dabei ist wichtig: Demokratie- und Menschenwürdeschutz sind kein „Privatstandpunkt“, sondern Bestandteil des Auftrags – und im deutschen Kontext eng mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung verbunden.

                Die GEW im Landkreis Altenkirchen beschreibt auch den Hebel: „Verunsicherung entsteht zudem dort, wo Vorgesetzte zu wenig sichtbar vorangehen und Rückendeckung im Alltag nicht klar genug wird.“

                Wie kann so etwas funktionieren? In vielen Unternehmen wird nach dem Prinzip des Risikomanagements gearbeitet: Die erste Linie arbeitet operativ, zweite Linie berät und überwacht, dritte Linie prüft.

                Das passt aber nicht in die Welt der Schule.

                Eine Schule ist keine Bank und kein Compliance-Apparat. Wenn die Lehrkraft „erste Linie“ ist, dann ist sie nicht irgendeine operative Einheit, die man im Zweifel korrigiert oder nachträglich absichert. Sie steht allein vor einer Lerngruppe, in Echtzeit, mit großem Eskalationspotenzial – und das ist eine Situation, in der Rückendeckung nicht „prozessual“ sein darf, sondern unmittelbar sein muss.

                Ein Lippenbekenntnis der Schulleitung, oder des Personalrats, – „Wir stehen an Ihrer Seite“ – reicht nicht, wenn es in der konkreten Situation keine sichtbare Handlung gibt. Führung muss hier mehr sein als Planen, Koordinieren, Kontrollieren. Führung heißt: Werte vorleben, Konflikte nicht scheuen, Grenzüberschreitungen adressieren – und zwar so, dass jeder im Kollegium spürt: Ich bin nicht allein.

                Die GEW macht im Interview sehr konkrete Vorschläge: Teams sollen handlungsfähig werden durch gezielte Unterstützungsangebote – auf Landesebene und durch Fortbildungen und Beratung vor Ort für Bestandskräfte, die auf schwierige Elterngespräche vorbereiten, Gesprächsführung stärken und „klare Grenzen im Sinne des Schulgesetzes, der Verfassung und Grundgesetz“ vermitteln – „und vor allem zum Schutz der Kinder“.  Ich würde noch eine Überprüfung und ggf. Anpassung der Lehrerausbildung hinzufügen, denn Menschen ohne Erfahrung diesen Situationen auszusetzen halte ich für falsch.

                Die Wahrnehmung der Angebote halte ich für entscheidend, weil Elternarbeit heute nicht nur Kooperation ist, sondern manchmal auch Konfliktkommunikation unter Druck. Die GEW beschreibt sogar, dass einzelne Eltern in Konfliktgesprächen „geschult“ auftreten können: Aussagen werden so formuliert, dass sie als „politische Meinung“ erscheinen, ohne greifbare Anhaltspunkte zu liefern. 

                Das ist eine rhetorische Strategie: maximaler Ärger, minimaler Nachweis.

                Deshalb braucht es Fortbildungen bzw. angepasste Lehrerausbildung, die nicht nur „Haltung“ predigen, sondern Werkzeuge für derartige Situationen geben: Gesprächsführung, Dokumentation, rechtssichere Abgrenzung – und Standards, wann Schulleitung übernimmt.

                Und ja: Auch der Personalrat hat eine wichtige Aufgabe in diesem Konstrukt. Nicht als „dritte Instanz“, sondern als Teil der Schutzstruktur im Alltag. Wenn z.B. Schulleitung nicht reagiert und ihre Lehrer „im Regen stehen“ lassen sollte so ist es aus meiner Sicht die Aufgabe des Personalrats ihren Kollegen oder ihre Kollegin zu schützen und mehr als nur ein Gespräch mit der Schulleitung zu suchen.

                Sollte das alles nicht fruchten, dann braucht es ganz pragmatisch die „juristische Kavallerie“. Die GEW benennt dabei die verlässliche Beratung durch eine Rechtsabteilung auf Landesebene, den direkten Kontakt vor Ort, die Zusammenarbeit mit Personalräten – und Rückhalt durch die Gewerkschaftsfamilie, bis hin zum DGB. 

                Das sehe ich nicht als Beiwerk. Das ist der Garant, dass Rückendeckung nicht im Konjunktiv bleibt.

                In der Schule muss Unterstützung simultan sein. Sichtbar. Unmissverständlich.

                Wenn der Bildungsminister des Landes RLP Lehrkräfte dazu aufruft, die freiheitlich demokratische Grundordnung aktiv zu schützen und einzuschreiten, wenn menschenfeindliche Grenzen überschritten werden, dann muss das vor Ort operationalisierbar sein.  Sonst verpufft der Appell – nicht, weil Lehrkräfte feige wären, sondern weil Systeme ohne Rückhalt Menschen allein lassen.

                Lehrkräfte dürfen in dieser Lage nicht das Gefühl haben: „Wenn es kracht, bin ich der Blitzableiter“. Sondern: „Wenn es kracht, steht die Institution hinter mir – Schulleitung, Personalrat, Schulträger, Land und auch die jeweilige Gewerkschaft“. Ein gemeinsamer Schutzraum, der nicht nur Kinder schützt, sondern auch die, die täglich dafür einstehen – die Lehrer.

                Thorsten Siefert für netkiosk.digital

                9 min
              • Der Landkreis Altenkirchen II

                Autor, Sprecher und Episodenbild

                Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

                Technik und Gestaltung

                Thorsten Siefert

                Am 19. Februar 2026 veröffentlichte die Rhein-Zeitung einen Artikel mit der Überschrift „Immer mehr Schüler im AK-Land mit brauner Haltung“. AK-Land ist die Bezeichnung für den im letzten Beitrag ausführlich vorgestellten Landkreis Altenkirchen. Es wurde bereits deutlich, dass die eher ländlich geprägte Mentalität der Einwohner in der Mehrzahl wenig progressiv im Sinne gesellschaftlicher Veränderungs- und Modernisierungsprozesse wirkt. Ein Blick auf die Zweitstimmen der Bürger im AK-Land bei der letzten Bundestagswahl 2025 zeigt eine fast 50 prozentige Zustimmung zur AfD und ihrer Politik.

                Bei dem RZ-Artikel handelt es sich im eigentlichen Sinne um ein Interview mit dem GEW-Kreisvorstand Altenkirchen zu dem Thema „Rechte Orientierung von Kindern und Jugendlichen.“ Beklagt werden von den Gewerkschaftsvertretern unter anderem:

                ● Bemerkungen von Schülern, die auf eine rechte Gesinnung schließen lassen

                ● Zunahme von rechter Symbolik im Umfeld von Schulen

                ● verbal aggressives, offen feindseliges Verhalten gegenüber dunkelhäutigen Schülern

                ● Auseinandersetzungen zwischen jungen Migranten unterschiedlicher Herkunft

                ● Probleme im Umgang mit rechts ausgerichteten Elternhäusern, deren Grundhaltung aber schwer fassbar ist

                ● Rechte Meldeportale, in die Lehrer eingetragen werden, die sich engagieren, eben auch gegen rechte Positionen und für eine freiheitliche demokratische Grundordnung

                Wir hören hier also von unterschiedlichen Erfahrungen, die durch die Häufigkeit ihres Auftretens den Eindruck einer Zunahme einer rechten Grundhaltung bei Kindern und Jugendlichen vermuten lassen. Es handelt sich bei dem aus diesen Beobachtungen gezogenen Folgeschluss mehr um eine Feststellung auf anekdotischer Basis als um Rückschlüsse, die aufgrund einer zuverlässigen wissenschaftlichen Untersuchung gezogen wurden. Entwertet dieser Umstand den Aussagewert des logischen Schlusses aus einer Vielzahl von Einzelereignissen auf ein sich Verschieben der politischen Haltung junger Menschen nach rechts?

                Kaum. Um aber etwas mehr Sicherheit in dieser Frage zu gewinnen, lohnt es sich, über den Tellerrand des Landkreises Altenkirchen zu schauen. Gibt es Hinweise darauf, dass die rechte Orientierung von Kindern und Jugendlichen zugenommen hat, belastbare Hinweise?

                Eine wichtige Quelle auch bei solchen Fragestellungen ist immer die Shell-Jugendstudie. Sie beleuchtet wiederkehrend die Interessen, Sorgen, Nöte, Zukunftserwartungen und eben auch die politische Haltung junger Menschen in der Bundesrepublik. Die aktuelle Studie stammt aus dem Jahr 2024.

                Es zeigt sich, dass 50% der jungen Menschen im Land politisch interessiert sind. Insgesamt schätzen sich die seinerzeit Befragten als mehr links ein. Allerdings liegt der Anteil männlicher Jugendlicher, die sich als rechts oder eher rechts einschätzen, bei 25 %. 2019 waren es noch unter 20 %. Die Demokratiezufriedenheit betrug im Westen 77 %, im Osten der Republik nur 60 %. 

                Soweit kann man wohl gehen: Ein sich in der demokratischen Gesellschaft wiederfinden fällt Jugendlichen immer schwerer. Die zum Teil in sozialen Medien verbreiteten Verschwörungstheorien, eine Vielzahl von Fakenews, die Vermischung von Informationen und Meinungen – all das trägt dazu bei, eine grundsätzliche Verunsicherung bei jungen Menschen als Boden zu nutzen, in den sich eine rechte Saat einfacher Botschaften, Erklärungen und Lösungen einbringen lässt.

                Welche Maßnahmen können helfen? In einer Veröffentlichung der Amadeu Antonio Stiftung vom Oktober 2025 werden ganz unterschiedliche Empfehlungen für in Schule und Jugendarbeit Tätige gegeben. Einer der wichtigsten Ansätze – neben  dem Schutz für Engagierte, partnerschaftlicher Elternarbeit, der besseren Verankerung politischer Bildung und vielen weiteren guten Ideen mehr – ist: “Demokratie leben”. 

                Genau dies empfehlen auch die Altenkirchener Pädagogen vom Kreisvorstand der GEW: Demokratie in der Schule, in schulischen Prozessen besser verankern, im Alltag erlebbar machen. Sie verwenden dabei den zentralen Begriff der Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Und tatsächlich ist das unmittelbare Erleben, dass man in einem demokratischen System etwas anstoßen, bewegen, verändern oder auch weiter entwickeln kann, maßgeblich für eine bestenfalls lebenslange positive Bindung an die Grundidee dieser Form der politischen Verfasstheit. Denn erfahrene Selbstwirksamkeit vergessen Menschen für gewöhnlich nicht. 

                Vielleicht lohnt es sich, darüber in Schulen nachzudenken und Bereiche über die üblichen Partizipationsräume hinaus zu schaffen, zu öffnen, die es möglich machen, dass Schüler mehr Mitsprache- und Gestaltungsrechte – auch bezogen auf Unterrichtsinhalte und das gesamte Schulleben als Miteinander – erhalten und nicht ständig an Grenzen der Bevormundung stoßen.

                7 min

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