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Der Lack ist nicht ab oder: Ramon Rodriguez


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Autor, Sprecher und Episodenbild

Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

Technik und Gestaltung

Thorsten Siefert

Ich schaue gerade ein Tutorial. Für die Älteren von uns: Eine Art Vorgangsbeschreibung in Videoform, vielleicht auch unter “How-to” bekannt. Diese Fortbildungsangebote, zu finden auf allen möglichen Plattformen im Internet, können sehr hilfreich sein. Wie ich meinen ersten Dyson-Staubsauger zu leeren hatte, dieses Wissen verdanke ich einem Tutorial. Auch wer eine bestimmte Bedienstrategie für ein elektronisches Gerät verzweifelt sucht, wird auf YouTube und Co. schnell fündig. Die “Retter-in-der-Not-Beiträge”, sie stammen aus unterschiedlichen Quellen. Manchmal haben Hersteller die gute Idee, Videoanweisungen im Netz zu hinterlegen. Häufig aber sind hier Nicht-Profis am Werk, die ihre Erfahrungswerte teilen. 

Wenn ich mich doch in Geduld üben könnte, besonders mit mir selbst, dann hätte ich im Rahmen meines letzten Körperdekorationsschubes bessere erste Ergebnisse erzielen können. Aber nein, ich entschied mich wie so oft für die Strategie “Learning by doing”. Und als jemand, dessen feinmotorische Fähigkeiten von jedem Einzeller leicht zu übertreffen sind, wähle ich besonders gerne diesen Unheil verheißenden Ansatz. So also auch diesmal.

Schuld an der ganzen Sache ist eigentlich Ramon Rodriguez. Im wirklichen Leben heißt dieser groß gewachsene, breitschultrige, schlanke Mann mit lockigen Haaren und dem Anlitz eines spanischen Romanheldens natürlich anders. Er arbeitet bei einem großen Elektronikhändler und da ich dort regelmäßig verkehre, ist mir sein sehr angenehmer Anblick nur zu vertraut. 

Ramon Rodriguez ist ausgesprochen freundlich, zuvorkommend, hat ein wunderschönes Lächeln und zudem ist er über das notwendige Maß hinaus hilfsbereit. Er trägt gerne Nagellack. Das erste Mal fiel mir ein leuchtendes Orange an seinen feingliedrigen Fingern auf, eine fantastische Farbe, die großartig mit seinem Hautton korrespondiert. Wie wunderschön, dachte ich mir. Natürlich gibt es auch bei Ramon Rodriguez Imperfektionen: Die Nägel an seinen großen Händen sind im Verhältnis dazu relativ klein, das Orange hätte sich gewiss über mehr Raum gefreut. Aber die Wirkung des leuchtenden Nagellacks war dennoch phänomenal.

Am letzten Sonnabend begegnete Ramon Rodriguez wieder, diesmal im Bereich der Warenausgabe. Als ich mit dem Auto dort hineinfuhr, wurde ich von seinem einmaligen Lächeln empfangen. Nachdem er die abzuholende Ware gefunden hatte, bot Ramon Rodriguez mir an, diese in mein Fahrzeug zu laden. Da ich mich nur humpelnd bewegen kann und kaum etwas heben darf, war ich für dieses Entgegenkommen sehr dankbar. Aber nicht nur dafür. Ramon Rodriguez war bei meinem Besuch in der Warenabholungsabteilung nicht nur einfach großartig wie immer, sondern darüber hinaus inspirierend, denn er trug einen wundervollen lila-cremigen Nagellack. Oh, wie wunderschön. Und diesmal kam ich nicht umhin, ihm dafür ein Kompliment zu machen. Er bedankte sich höflich, wir verabschiedeten uns und ich fuhr davon, lila-cremig beeindruckt mit einem verträumten Blick. Inspiriert eben.  

Wenige Minuten später suchte ich in einer Aldi-Süd-Filiale um die Ecke Nagellack. Versuchen Sie es erst gar nicht, Aldi hat keinen. Aber der Wäscheduft aus dem Angebot der letzten Woche war noch da, auch sehr schön, aber nicht dekorativ. Ich fuhr um ein paar Ecken zum nächsten dm-Markt. Ich fand dort ein Überangebot an Nagellacken, Coatings, Verstärkern und sonstigem Nägelverschönerungszubehör vor. Nach einem kurzen Moment der Desorientierung hatte ich mich gefasst, schließlich komme ich aus einem reinen Frauenhaushalt, in dem dekorative Kosmetik eine wirklich große Bedeutung hatte. Einer der ersten Sätze meines wunderbaren jüngeren Bruders war: “Mama, mike, mike”. Übersetzt: Mama schminkt sich. Nicht etwa Mama kocht, Mama backt oder macht sonst irgendwelche banalen MamaDinge. Das hätte noch gefehlt.

Zurück zu meiner dm-Visite: Schnell hatte ich mich zurechtgefunden in der Nagelwelt. Schöne Lacke in den Farben orange, lila, pink, dazu ein feines Coating, trug ich als Erstausstattung aus dem Geschäft. Den Nagellackentferner hatte ich zunächst vergessen und rief noch auf dem Weg zur Autobahn eine gute Freundin an, um mich eines ausreichenden Vorrats in ihrem Haushalt zu versichern.

Daheim angekommen, konnte ich nicht abwarten. Ich wusch die Hände und wollte unbedingt die Wirkung meiner farbenfrohen Errungenschaften erproben. Die Nägel hatte ich mir als Kind oft lackiert, Kosmetik gab es ja bei uns reichlich. Aber das lag viele Jahrzehnte zurück. Mutig voran: Erstmal das leuchtende Orange auf dem linken Daumennagel erproben. Natürlich reichte die Menge für fünf Nägel, ich fertigte eine wahrscheinlich extrem stoßfeste Vollbeschichtung des Nagels an. Das erklärte auch, warum der Lack nur widerwillig trocknete. Schön ist anders, aber ich freute mich dennoch an meiner Leistung und an Humor hatte es mir noch nie gefehlt.

Am Sonntagmorgen waren dann die restlichen Fingernägel an der Reihe. Nach dem fünften Nagel wurde meine Technik sicherer, ich erinnerte mich auch wieder daran, wie man vorgehen musste. Nach Betrachtung des Ergebnisses meiner Lackiertätigkeit durch mehrere Augenpaare lautete das Urteil: Es ist noch Optimierungspotential vorhanden. Deshalb am Sonntagnachmittag: Nagel-Tutorial-Time. Und für diejenigen von euch, die es jetzt selbst einmal probieren möchten, habe ich die wichtigsten Tipps zusammengefasst:

Zunächst muss man die Fingernägel mit Nagellackentferner entfetten. Dann trägt man ein erstes Coating, je nach Bedarf, in ein oder zwei Schichten auf. Dieses Coating möchte gerne zwei bis drei Minuten trocknen. Dann kann es weitergehen. Der Pinsel der Wahl sollte in seiner Breite der Nagelgröße entsprechen. Zu Beginn tupft man hinten in der Mitte – oberhalb der Nagelhaut – etwas Nagellack auf, den man dann von dort und auch entlang der  Ränder nach vorne zieht. Wichtig ist, nicht über die Nagelhaut zu streichen und genug Abstand zu dieser zu lassen. Wenn alles optisch gelungen ist, sollte man bis zu zwei Minuten warten, bevor man final einen Top-Coater dünn aufträgt. 

So geht das also. Seien Sie mutig, probieren Sie Neues aus. Sie leben nur einmal und warum nicht ein wildes Make-up, quietsche-bunte Nägel oder herrlich kräftige Haarfarben ausprobieren. Was hält sie davon ab? Leben heißt leuchten, nicht nur an den Nägeln, aber ich finde, man sollte sie auf keinen Fall vernachlässigen.

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netkiosk.digitalBy Hans-Christian Spengler und Thorsten A. Siefert