netkiosk.digital

netkiosk.digital

By Hans-Christian Spengler und Thorsten A. SiefertNewsNews Commentary
Download on the App Store

netkiosk.digital episodes

  • Der Landkreis Altenkirchen

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Der Landkreis Altenkirchen liegt im Norden von Rheinland-Pfalz. Dort leben etwas über 132.000 Menschen. Insgesamt kann man von einem eher ländlich geprägten Raum sprechen. Dennoch: Über 50 % der Einwohner arbeiten im produzierenden Gewerbe, bedeutsam sind der Maschinenbau sowie die Verarbeitung von Kunststoff und Metall. Die Altenkirchener wirken sehr mit ihrer Heimat verbunden, pflegen ihre kulturellen und religiösen Bräuche. 

    Der Hunger nach Veränderung, er scheint gering zu sein. Alles soll beim Alten bleiben, man selbst ist am Liebsten unter sich. Wer sich anschließen möchte, kann es gerne versuchen. Zugezogene kommen allerdings ohne viel eigenes Bemühen kaum wirklich an, viele bleiben doch fremd. Wer anders ist oder anders leben möchte, wird maximal toleriert, meist kritisch beäugt, ist eigentlich nicht erwünscht. Diese Haltung lässt sich bestenfalls noch mit dem Wort konserativ beschreiben und zieht sich durch weite Kreise der einheimischen Bevölkerung.

    So erscheint es auch nicht erstaunlich, dass die andernorts zumindest in Teilen gelungene Integration von Menschen aus anderen Ländern hier als nicht sonderlich gelungen zu beschreiben ist. Man könnte fragen: Liegt es vielleicht an dem “Unter-sich-sein-wollen” der Einwohner, das es kaum zulässt, dass Begegnungen mit anderen Kulturen kaum über das Alltägliche, das Unvermeidbare hinausgehen? Ist das der Grund dafür, dass sich häufig keine weiteren Beziehungen zwischen Einheimischen und den Anderen haben ergeben können. Könnte die Wand des “Unter-sich-sein-wollens” so auch zum Modell für das Leben der Zugewanderten geworden sein? Ist es also verwunderlich, dass man in weitgehend voneinander abgeschotteten sozialen Räumen nebeneinander herlebt, zu wenig über- und voneinander einander weiß.

    Ein Blick auf die politische Orientierung in diesem Landkreis. Schaut man sich die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl an, so fällt ein Ruck nach Rechts auf: Die AfD legte bei den Zweistimmen um16,3 % auf 39,5 % zu. Am 22. März werden die Bewohner des Landkreises Altenkirchen erneut zur Wahlurne gerufen, dann sind Landtagswahlen.

    Schaut man sich den Rheinland-Pfalz-Trend des Südwestrundfunks vom Januar an, wird es ein Rennen zwischen SPD mit vorhergesagten 26 % und der CDU mit 29 % geben, die AfD würde danach bei 18 % liegen. Aber das ist eine Landesprognose, wie wird der nördlichste Landkreis wohl wählen?

    Lässt sich die zunehmende Orientierung nach rechts bei den Bundestagswahlen 2025 nur durch die konservative Grundhaltung und eine geringe Offenheit gegenüber Veränderungen erklären? Liegt es an dem Nebeneinander statt Miteinander zwischen Einheimischen und Zugewanderten und der daraus resultierenden Fremdheit? Wohl kaum, denn ein Festhalten an dem, was lange war, führt ganz sicher nicht automatisch zu einer politischen Ausrichtung, die schlimmstenfalls mit der demokratischen Grundordnung kollidiert. Vielleicht macht es aber die Menschen in sich schnell und politisch veränderten Zeiten unsicherer und ggf. etwas empfänglicher für Haltungen, die die Rückkehr in eine vermeintliche heile und sehr deutsche Welt versprechen. 

    Hinzu kommt: Der ländliche Raum scheint für die rechte Szene interessant zu sein. Immer wieder finden dort Veranstaltungen von entsprechenden Gruppen statt. Diese erreichen mit ihren politischen und ideologischen Botschaften offenbar auch zunehmend die bürgerliche Mitte. Hinzu kommen die Nachwirkungen der Corona Zeit, die offenbar zu einer Entfremdung vom demokratischen System geführt hat, man traut ihm nicht mehr, hängt eher Verschwörungstheorien an. Und aktuell zeigt sich, die Rhein-Zeitung berichtete unlängst darüber, eine zunehmend “braune Haltung” bei den Schülerinnen im Landkreis Altenkirchen. 

    Letzteres wird das Schwerpunktthema im Laufe dieser Woche in Today’s Day sein. Welche Beobachtungen führen zu der Einschätzung, dass die Schülerinnen im Norden von Rheinland-Pfalz eine zunehmend rechte Orientierung haben sollen? Und wie kann die Gesellschaft dieser Tendenz so begegnen, dass eine demokratische Gesellschaftsordnung von den Jugendlichen wieder mehr als ein Zukunftsmodell empfunden wird, als es jetzt der Fall zu sein scheint? Fragen, denen dringend nachzugehen ist.

    6 min
  • Rassismus in deutschen Behörden

    Foto von Pixabay

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Die Forschungsfrage lautete vereinfacht: “In welchem Umfang ist der Umgang von Behörden und anderen staatlichen Einrichtungen mit Menschen von ihrer Herkunft, ihrer Ethnie, ihren Sprachkenntnissen abhängig?” Die Antwort darauf, die Wissenschaftler der Universität Leipzig als Ergebnis der mehrjährigen InRa Studie “Institutionen und Rassismus” jetzt veröffentlichten, ist wenig überraschend: Rassismus, so heißt es in der Pressemitteilung der Uni, zeige sich selten in offenen Anfeindungen. Er stecke in Routinen, in Entscheidungsspielräumen, im Klima einer Organisation. 

    Genauer untersucht wurden Jobcenter, Ausländerbehörden, die Polizei, Justiz, Gesundheits-, Jugend- und Ordnungsämter sowie Einrichtungen der Sozialen Arbeit. Überall ist – freilich in unterschiedlichem Maße – Rassismus nachweisbar. Befragungen zeigten, dass der Umfang des Rassismus im Vergleich zu der Bevölkerung des Landes nicht erhöht ist, sondern diesem entspricht.

    Wichtig zu wissen ist, dass die Studie keine Stichprobe war. Es handelt sich um eine mehrjährige Untersuchung, bei der das gesamte Methodenspektrum der Sozial- und Geisteswissenschaften eingesetzt wurde. Das Ergebnis ist also zuverlässiger als das jeder Einzelstudie. Und es ist ernüchternd, wenn auch wenig überraschend.

    Rassismus in Behörden zeigt sich in unterschiedlicher Form, zum Beispiel in persönlichen Haltungen von Mitarbeitern, in behördlichen Vorgehensweisen und Verfahren, im Umgang mit Ermessensspielräumen und Beschwerden. Die Forschenden stellen heraus, dass eine wichtige Schutzlücke – Bürger:Innen können sich bei der Diskriminierung durch Behörden nicht auf das zentrale Antidiskriminierungsgesetz berufen – es schwer macht, sich gegen behördlichen Rassismus zu wehren. 

    Sprachbarrieren stellen ein Diskriminierungsrisiko da. Das Verhalten der Behörden zeigt im Umgang mit nicht Deutsch sprechenden Menschen eine bedenkliche Bandbreite. Es reicht von proaktiver Hilfe bis zur Abweisung, auch mit dem Verweis auf fehlende Deutschkenntnisse. Je nach Region im Land präsentiert sich Rassismus in unterschiedlichem Umfange in öffentlichen Einrichtungen. 

    Und die Betroffenen? 80 Prozent online befragter Muslim:Innen haben schon einmal die Erfahrung einer rassistischen Diskriminierung durch eine Behörde machen müssen, zwischen 40 und 50 Prozent haben schlechte Erfahrungen mit Jobcentern, Sozial- und Ausländerbehörden gemacht. Die Folgen sind fatal und reichen von Versagensängsten und Selbstzweifeln bis zu Angstzuständen bei den Befragten.

    Rassismus in der Bundesrepublik ist allgegenwärtig. Erfahrungen damit konnte ich – wenn auch nur als indirekt Betroffener als Teil eines multikulturellen Familienverbandes – bereits in Kindheit und Jugend machen. Und auch dadurch, dass ich einen großen Teil meiner Kindheit und Schulzeit mit Menschen aus anderen Ländern verbracht habe, aus Kurdistan, der Türkei oder auch Griechenland.

    Ich habe das Gefühl, dass sich in Sachen Rassismus nichts geändert, dieser eher zugenommen hat. Wenn ich für unterschiedliche Menschen aus anderen Ländern mit Behörden Kontakt habe, etwas versuche für sie zu erreichen, mache ich heute unterschiedliche Erfahrungen. Meist verlaufen die Gespräche freundlich, zügig und mit gutem Ergebnis. Das sollte die Regel sein. 

    Eines allerdings muss man dabei bedenken: Ich trete ja hier als Deutscher auf, der stellvertretend für Menschen aus anderen Ländern eine Angelegenheit zu erledigen versucht. Ich spreche fließend die Landessprache und kann das jeweilige Problem sowie mögliche Fragen klar formulieren. Aber auch ich musste vereinzelt die Erfahrung bei solchen Behördenkontakten machen, dass man mir mit Unverständnis oder einem zumindest merkwürdigen Unterton begegnet ist.  

    Die Bundesrepublik präsentiert sich für mich mehr denn je als ausländerfeindlich. Was Menschen aus anderen Ländern hier alltäglich erleben, wie sie zum Teil behandelt werden, was ihnen entgegenschlägt, weil sie die Sprache nicht oder nicht vollständig beherrschen, ist unerhört. Ganz offenbar tut sich das Land zunehmend schwer mit allen, die nicht so sind, wie alle doch bitte sein sollen. Die Bundesrepublik ist mehr denn je davon entfernt, eine offene, liberale multikulturelle Gesellschaft zu sein. 

    5 min
  • Stopp für Integrationskurse

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Die Meldung las ich zuerst im Nachrichtenportal „correctiv“ am 6. Februar. Danach plane die Bundesregierung die Unterstützung von freiwilligen Integrationskursen für zugewanderte Menschen deutlich zu reduzieren. Nur jene Personen, die auch langfristig in der Bundesrepublik bleiben, sollen diese Unterstützung zukünftig noch erhalten. Das für die Finanzierung zuständige Bundesamt für Migration wolle, so berichtete „correctiv“, keine Kurse für Menschen aus als sicher klassifizierten Herkunftsländern mehr supporten. 

    Sechs Tage später Gewissheit. tagesschau.de berichtete, dass das Bundesminsterium des Inneren – geleitet von dem zuständigen Minister Alexander Dobrindt – bis auf Weiteres keine Anträge auf weitere Intergrationskurse genehmige. Davon betroffen sind etwa die Hälfte der möglichen Teilnehmer, besonders Asylbewerber, Kriegsflüchtlinge, Personen, die in der Bundesrepublik geduldet sind sowie sogenannte Arbeitsmigranten aus dem EU-Raum. Betroffen sind also jene, die einen solchen Kurs bislang freiwillig mit staatlicher Unterstützung absolvierten. Menschen, die hingegen behördlich zum Besuch verpflichtet worden sind, dürfen an den entsprechenden Maßnahmen weiter teilnehmen.

    Zwar stünde dem Ministerium für diese Kurse wie auch in den vergangenen Jahren eine Summe von ca. 1 Milliarde Euro zur Verfügung, in den letzten Jahren kam es aber zu zusätzlichen Nach-Finanzierungsbedarfen. Das soll nun vorbei sein.

    Kritik gibt es von unterschiedlichen Seiten. Organisationen, die sich um die zugewanderten Menschen kümmern, verweisen auf die besondere Bedeutung dieser Personengruppe für unseren Arbeitsmarkt. Wie soll eine Integration ohne ausreichende Sprachkenntnisse gelingen?

    Ähnlich sieht es das Bundesarbeitsministerium: Grundständige Deutschkenntnisse seien die Basis für eine Integration in den Arbeitsmarkt. So äußert sich auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Natalie Pawlik. Sie verweist darauf, dass das Beherrschen der Landessprache erst eine Teilhabe an der Gesellschaft, am Alltag im Land vollständig ermögliche. Deutliche Kritik kommt vom baden-württembergischen Integrationsminister Manfred Lucha von den Grünen. Er wirft Dobrindt vor, dass er nicht wisse, wie Integration funktioniere und welche Strukturen dafür benötigt würden. 

    Integrationskurse leisten mehr, als nur den Zugang zur Landessprache zu ermöglichen, der für ein erfolgreiches Mitschwimmen  und -arbeiten in der Gesellschaft notwendig ist. Sie vermitteln auch Kenntnisse über die Geschichte, die Kultur und vieles mehr. Doch ganz offenbar ist das nicht mehr wichtig und wir finden uns – so formuliert es Renata Delic, Programmleiterin für Deutsch und Integration an der VHS Stuttgart gegenüber dem SWR – in der Gastarbeiter-Ära wieder, wo die Menschen sich selbst überlassen wurden. 

    Der Mechanismus nach der Ankunft hier im Land scheint damals wie heute recht ähnlich zu sein: Zugewanderte bemühen sich, sofern es ihnen möglich und gestattet ist, sehr schnell in den Arbeitsmarkt zu gelangen. Sie möchten sich hier ein neues Leben aufbauen, vielleicht eine Familie gründen, sich und ihren Kindern eine bessere Gegenwart und Zukunft ermöglichen. Der Spracherwerb der Zuwanderungsgeneration bleibt dabei nur zu häufig auf der Strecke. Schnell wird soviel Deutsch gelernt, wie es der jeweilige Arbeitsplatz erfordert. Damit schließt sich aber – bei manchen für immer – das Tor zur wirklichen gesellschaftlichen Teilhabe und man verbleibt nur zu häufig in dem sozialen Raum der Gleichsprachigen aus den jeweiligen Herkunftsländern. Bedauerlich, denn eine multikulturelle Gesellschaft entsteht nur dann, wenn die Einflüsse aller unterschiedlichen Gruppen, egal welcher Herkunft oder Zugehörigkeit, sich im Gemeinschaftlichen abbilden und sich die Menschen folglich darin wiederfinden können. 

    Es bleibt der Eindruck zurück, dass es zwar ein – wenn auch extrem unterschiedlich gelagertes und äußerst selektives Interesse an Zuwanderung in der Bundesrepublik gibt – nicht aber daran, dass die Menschen, die zu uns kommen, gleichberechtigt und teilhabend sind. Hinzu kommt, dass  durch die nun eingeschränkte Verfügbarkeit der Sprachkurse offensichtlich wird, was ohnehin klar war: Wer in der Bundesrepublik des Jahres 2026 nicht wirklich erwünscht ist oder schon gar nicht länger bleiben soll, darf mit Unterstützung beim Erwerb der Landessprache erst gar nicht rechnen. Das politische Signal, das von dieser Maßnahme ausgeht ist in ungeheuerlichem Umfange diskriminierend und spiegelt die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in diesem Land erschreckend deutlich wieder.

    6 min
  • Schule der Zukunft

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Schon viele Jahre lang kann man beobachten, wie Pädagogen, nachdem sie den Schulvormittag bewältigt haben, sich auch den restlichen Tag hindurch bis in den Abend hinein mit ihren Schülern und deren Elternhäusern auseinandersetzen. Telefonate, Treffen, Hausbesuche, runde Tische, die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern, Jugendhilfeorganisationen nehmen einen nicht unbeträchtlichen Teil der Arbeitszeit von Lehrern ein. Dabei geht es immer um eines: Irgendwie auch nur ansatzweise  Bedingungen zu schaffen, die etwas mehr von dem, was die Pädagogen als „Normalität“ empfinden, herzustellen und Lernen so möglich zu machen. Nur zu häufig, und bei einer zunehmenden Anzahl von Schülern, scheitern all diese Bemühungen von Mal zu Mal. Und das liegt nicht nur an der steigenden Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die einen konkreten Unterstützungsbedarf haben. 

    Die Bedingungen des Aufwachsens haben sich nachhaltig verändert. Materieller Mangel, wenig Zeit für ein familiäres Miteinander, der Einfluss sozialer Medien, die Art, wie Menschen einander zuhören, wie sie nebeneinander her leben. Dazu gesellt sich dann eine Selbstorganisation der Kinder, die oft scheitert und oder in falsche Richtungen führt. Sie mündet in Verselbstständigungsprozessen, die ein respektvolles Miteinander im Alltag unmöglich machen und häufig impulsgesteuert sind. Das sind nur ein paar der offensichtlichsten Faktoren, die den Schulalltag erschweren. Wenn das, was Müller in dem im letzten Todays Day vorgestellten Buch „Jugend im Elend der Lieblosigkeit“ beschrieben hat, noch hinzukommt, nämlich ausbleibende Zuwendung, fehlende Vorbilder, daraus resultierende Verwahrlosung, ggf. sogar vollständiger Bindungsverlust, dann ist wohl eines klar: Für das, was Schule inhaltlich vermitteln soll, ist hier kein Raum mehr.

    Welche Momente der Veränderung könnten zentral sein, universell in ihrer Wirkung. Zurück zu Müller: Zuwendung, Zuwendung, Zuwendung. Beziehungsarbeit auf unterschiedlichen Ebenen – nicht als Nothammer – sondern als genereller Bestandteil des Umgangs der an Schule Beiteiligten. Schule ist bereits ein sozialer Raum. Doch wie erlebbar ist das Soziale?

    Die Antwort darauf lautet häufig: Kaum oder zu wenig. Ein erster Schritt in Richtung einer Schule der Zukunft wäre, sie zu einer wirklichen Lebenswelt werden zu lassen. Sie muss mehr sein als eine Vormittagsverwahrung mit dem Auftrag, Schüler am Ende der Schulzeit dem Arbeitsprozess zur Verfügung zu stellen, in den sie sich dann bitte nahtlos und den Vorstellungen der Arbeitgeber entsprechend einfädeln sollen. 

    Beginnen wir mit dem Schultag. Eine Lebenswelt kann nur dann entstehen, wenn man ihr mehr Zeit einräumt. Die Richtung ist klar. Eine Ganztagsschule, die zumindest bis in den frühen Nachmittag hineinreicht, stellt dafür den richtigen äußeren Rahmen dar. Sie soll leisten, was in vielen Familien nicht mehr möglich ist: Lernen zusammenzuleben, sich auszutauschen, gemeinsam einen Tag zu gestalten. Dabei müssen die Bedürfnisse der Lernenden mit äußeren Bedingungen und auch Lernanforderungen zusammengebracht werden. Aber eben nicht von oben herab, sondern gleichberechtigt und gemeinsam.

    Was braucht ein Lebensraum Schule: Räume. Räume zum Leben, zum Essen, zum Lernen, zum Beisammensein, zum Forschen und vielem mehr. 

    Dabei kommt dem Klassenraum eine hohe Bedeutung zu. Hier sollte der Ort sein, an dem sich ein Großteil des Miteinanders abspielt, in dem Gemeinschaft erlebt wird. Muss man dafür viel ändern? Eigentlich nicht. Lediglich das Nutzungskonzept muss überdacht werden und: der Raum darf nicht zu voll sein. Klassengrößen von 15 bis 20 Schülern sind das Maximum. Dann kann die Großfamilie Klasse gedeihen.

    Zurück zum Raum. Gestaltet werden soll er von Schülern und nicht nach Vorgaben eines Schulleiters. Bunt oder auch nur lila, vielleicht auch grün? Mit wenigen oder erträglich vielen Pflanzen, mit individuellen Ablagemöglichkeiten. Mit einer kleinen Küchenzeile samt Spülmaschine. Wozu? Kein anonymes Mensagedöns mehr, es wird gemeinsam gefrühstückt, es wird gemeinsam gegessen. Was gebraucht wird, wird zentral eingekauft und bereitgestellt. Nach den Mahlzeiten alles wieder auf Vorderfrau bringen, kein Problem. Wie in einer Familie eben. Jeder hat Aufgaben, jeder wird gebraucht, jeder wird wertgeschätzt. 

    Raum und Mahlzeiten also stellen den äußeren Rahmen dar. Von außen auch gegeben: Was gelernt werden soll. Lehrplankommissionen beschäftigen sich immer wieder mit diesen Fragen. Die Sache ist so furchtbar einfach: Gelernt werden sollte, was zukünftig gebraucht wird. Zentrale Kulturtechniken – eingeübt und praktiziert mit welchen Medien auch immer – lassen sich nicht umgehen. Aber wie viel ist wovon notwendig? Der Blick geht dabei in Haupt- und Realschulen – sofern es sie noch gibt und sie nicht im Zwangsverbund vegetieren – nach oben zum Gymnasium. Das sagt bislang an, was man können muss um dort mitzuspielen. Und die Handwerkskammern sagen es auch. 

    Es ist wie bei einer überfüllten Wohnung. Zeit für eine Entrümpelungsaktion in allen Stockwerken des großen Bildungshauses. Leer machen und mit Bedacht und unter dem Primat der Zukunftsrelevanz neu einrichten. Es dürfen auch Antiquitäten dabei sein. Aber es braucht vor allem viel Neues. Sowohl vom Möbeldiscounter als auch vom nachhaltig arbeitenden Schreiner, der Einrichtungen herstellt, die man über eine Schülergeneration hinaus nutzen kann. Und was nach der großen Inhaltsrenovierung bleiben darf, was wieder raus muss, das muss jedes Jahr neu überlegt werden. Zusammen mit Lernenden und Lehrenden, nicht nur in einem fernen Ministerium. 

    Was in einem Schuljahr dem Verstand der Schüler nahegebracht werden soll, wie es verteilt wird, welche Methoden man verwendet, das darf kein ewiges Wiederholungsprogramm sein. Ich entsinne mich an die Arbeitsblätter meines Rechnungswesenlehrers. Die waren in den frühen siebziger Jahren entstanden und hatten bis zum Ende der achtziger Jahre überlebt, ganz und gar unbeschadet. So können wir nicht weitermachen.

    Das Lernprogramm ist methodisch, ggf. auch inhaltlich, an die Lernenden anzupassen. Es soll ihnen auch bekannt sein, sie sollen zu Veränderungen anregen können, Einfluss haben. Schüler können mehr als nur lernen, sie können auch abwägen, mitbestimmen, was wann vielleicht sogar wie drankommt, wenn man es mit ihnen einübt. Materialien als Lehrender oder mit Lernenden für den Unterricht zu erstellen ist heute in Zeiten der Künstlichen Intelligenz viel einfacher als noch vor wenigen Jahren. Man muss sich nur von seinen alten Ordnern trennen. Und von Gewohntem. 

    In unterschiedlichen Bundesländern erlauben Programme genau davon abzuweichen, Neues zu erproben. Sie ermutigen dazu, Netzwerke werden geknüpft, Erfahrungen ausgetauscht, Modellprojekte vorgestellt und Vieles mehr.

    Im Bundesland Rheinland-Pfalz findet dies unter dem Titel „Schule der Zukunft“ statt. Und tatsächlich können einzelne Schulen Veränderungen und Erfolge aufzeigen, Transformationsprozesse einleiten, gestalten und so den Bildungsstätten neues Leben einhauchen. Auf diesem Weg entstehen zum Teil Leuchtturmprojekte, auf die das Land sodann immer wieder hinweist. Lehrer anderer Schulen werden auf Pilgerfahrt dorthin geschickt, sollen mithilfe dieser Beispiele Impulse für die eigene Bildungsarbeit erhalten. 

    Andere Schulen navigieren, ebenso am Projekt teilnehmend, eher unsicher durch die neuen Weltmeere der Bildung. Manche stranden ratlos, andere retten sich auf Inseln, kommen aber nicht über das Aufstellen von Sonnenschirmen und Liegewiesen hinaus. Das alles sind zunächst einmal zu lobende erste Schritte, weil jede Bewegung zählt. Die Bewegung aber, sie muss erhalten bleiben. Aus einzelnen Stunden oder Tagen des Projektarbeitens, des vielleicht offenen Lernens oder anderer Formate, mit deren Hilfe Schüler selbstbestimmter und selbstorganisierter lernen können, muss eine Weiterentwicklung hervorgehen.

    Formate, die erfolgreich erprobt wurden, bedürfen – nach Anpassung an die jeweiligen Lerngruppen – der Übertragung. Sie müssen wie eine Welle durch den kleinen Ozean eines Schulmeeres gehen, nicht als Tsunami, sondern wohldosiert. Stagnation ist dabei der größte Feind.

    Vielleicht braucht es einfach mehr Zeit. Unklar ist, wie groß der Anteil der Lehrenden ist, die solche Veränderungen nur zögernd begleiten, sie vielleicht auch versuchen zu ignorieren. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn in einem Lehrerleben wurden immer wieder neue Projekte in Schulen getragen und erprobt, um dann doch im Alltag zu verebben. 

    Wenn ich die Menschen, die an Schulen die zentrale und wichtigste Arbeit leisten motivieren und auf eine unerhörte Reise zu neuen Ufern der Bildung mitnehmen möchte – und viele Häfen, die auf diesem Weg liegen, habe ich inhaltlich hier gar nicht ansteuern können – dann muss ich ihnen den Rücken dafür freihalten, ihnen ein gutes und seetaugliches Schiff und genug Proviant investieren. 

    Die Entwicklung neuer Konzepte und Formate sowie deren Verbreitung reicht nicht aus. Lehrer können mit einem Deputat von 27 Stunden und Klassengrößen mit bis zu 30 Schülern das alles nicht leisten. Das Rezept ist einfach: Weniger Stunden, kleinere Klassen, multiprofessionelle Teams, dazu das Konzept von Schule als Lebenswelt. Das kostet Geld, Geld das jetzt gut angelegt wäre, wenn man eine wirkliche „Schule der Zukunft“ auf den Weg bringen möchte.

    12 min
  • Jugend im Elend der Lieblosigkeit

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    „Jugend im Elend der Lieblosigkeit“ von Klaus Dieter Müller. Das Buch beschreibt mithilfe unterschiedlicher Beispiele das Leben und Aufwachsen von Kindern in einem Umfeld, das wir heute mit dem Begriff „prekäre Verhältnisse“ beschreiben würden. Der Aneinanderreihung von kleinen Reportagen gemein ist die Beobachtung eines zentralen und vorherrschenden Mangels, eines Mangels an Zuwendung. 

    Müller verwendet dafür den Begriff Lieblosigkeit. Diese sieht er jenseits von materiellem Mangel als eigentliche Ursache dessen, was man gerne mit dem exkludierenden Attribut „verhaltensauffällig“ beschreibt. Es sind die Verhältnisse, in denen junge Menschen aufwachsen, die sie prägen, die sie schwierig werden lassen. Klar ist, dass sich nur durch Zuwendung, durch das vorsichtige Aufbauen von für Kinder und Jugendliche verlässlichen und stabilen Beziehungen überhaupt etwas bewirken lässt. Sicherlich nicht durch Disziplinierung. 

    Müllers kleines Buch, es war die erste Literatur, die mir in meinem Lehramtsstudium begegnete, sein Seminar zur Einführung in die Erziehungswissenschaften meine erste Pädagogikveranstaltung. Die in Müllers Werk gesammelten Fallbeispiele stammen meiner Erinnerung nach aus den sechziger und siebziger Jahren. War schon meine Kindheit eine Achterbahn aus Zuwendung und Missachtung gewesen – die Verhältnisse aus denen ich kam, sie waren schwierig und widersprüchlich – so ließen mich die kurzen, aber beeindruckend intensiven Reportagen schaudern und zum Teil ungläubig zurück.

    Die Berichte und Müllers Gedanken dazu, sie haben mich nicht mehr losgelassen, geprägt, meiner Arbeit eine Richtung gegeben. Gemeinsam mit meinen eigenen Erfahrungen des Mangels definierten Müllers Grundsätze des pädagogischen Handelns – ich habe es nicht einmal wirklich bemerkt – die Art und Weise, wie ich meinen Beruf bis heute ausgeübt habe. 

    Es geht immer wieder darum, sich auf die jungen Menschen einzulassen, sie so zu nehmen, wie sie eben sind mit all dem, was sie bereits erlebt haben, was sie mitbringen. Das war und ist nicht immer einfach und mitunter auch misslungen. Die Erfahrungen des Scheiterns lassen mich nie los. Sie sind aber zugleich auch Motivation es besser zu machen, immer wieder. Und andere Wege zu gehen, Neues zu versuchen. 

    Eines steht über allem: Das Herstellen und Sichern einer für Kinder und Jugendlichen stabilen Beziehung in der ohnehin sehr herausfordernden Zeit der Pubertät. Sie durch die restliche Schulzeit zu bekommen, sie bei der Orientierung zu unterstützen, den für jeden möglichst besten Weg in die Zukunft zu finden und in den Situationen zu stützen und dazusein, in denen es aus unterschiedlichen Gründen nicht weiterzugehen scheint, darum geht es. 

    Diese Arbeit, man kann es überall hören, nachlesen, sie ist in den letzten Jahren schwieriger geworden. Lehrer sehen sich immer häufiger mit einer Generation von jungen Menschen konfrontiert, die in zunehmend prekärer werdenden Verhältnissen aufwächst. Schulen, an denen diese Kinder unterrichtet werden, kommen schnell an ihre Grenzen. Die Vermittlung von Bildungsinhalten scheitert, Konflikte zwischen den Kindern, Kindern und Eltern und mit den Eltern beherrschen den Alltag der Lehrer, die auf all das nicht vorbereitet sind. Und die Forderung nach mehr Disziplin sowie die oft verzweifelten Versuche, diese durchzusetzen, all dies ist zur Erfolglosigkeit verurteilt. So wie es Müller beschreiben hat. 

    Wer glaubt, als Lehrer im Wesentlichen Wissensvermittler zu sein und sich vielleicht hier und da als Problemlösungshelfer betätigen zu können, der liegt falsch. Das Aufgabenfeld hat sich in den letzten Jahren – eine über mehrere Jahrzehnte beobachtbare Entwicklung – erweitert. Dabei hat sich der Handlungsschwerpunkt von Unterricht hin zum Herstellen von Bedingungen, die diesen überhaupt erst im ermöglichen, verschoben. Es ist die pädagogische Arbeit, die im Mittelpunkt steht und damit das, was Müller bereits in den siebziger Jahren als unbedingt notwendig beschrieb: Das Herstellen von verlässlichen, belastbaren Beziehungen über eine konkrete Situation hinaus. Langfristig. Geprägt vom „Aushalten können“ auf der Seite der Pädagogen. Sie müssen bereit sein, unvermeidliche Scherbenhaufen immer wieder zusammenzukehren und neu zu beginnen. Eine fast übermenschliche Aufgabe. 

    Im zweiten Teil dieses Beitrags wird es darum gehen, was Lehrer heute schon alles tun, um die Beziehungen zu Schülern zu gestalten und Lernen zu ermöglichen. Das Engagement vieler Pädagogen geht häufig bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Wo muss eine Reform der Lebenswelt Schule ansetzen, wie sieht eine wirkliche „Schule der Zukunft aus“, die weit mehr sein muss, als eine Lernfabrik?

    6 min
  • Das Schweigen der Kameraden

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Es begann im Hintergrund. In aller Stille. Das Kommando Heer ermittelte, ebenso die Abteilung Schnelle Kräfte. Soldatinnen des Fallschirmjägerregiments 26, dieses ist stationiert im rheinland-pfälzischen Zweibrücken und im saarländischen Merzig, hatten offenbar genug gehabt und sich im Juni 2025 beim Wehrbeauftragten über die Zustände in ihrem Regiment und den Umgang damit beschwert. 

    Ende des vergangenen Jahres umfassten die Ermittlungsakten bereits 6000 Seiten. Und die Erkenntnisse sind erschreckend: Rechtsextremismus, Antisemitismus, offener Sexismus, Androhung sexueller Gewalt, Mobbing, dazu nicht nur bundeswehrübliche Saufgelage, auch Drogenkonsum seien bei der Eliteeinheit an der Tagesordnung gewesen. 

    Nach Bekanntwerden der Vorwürfe kam es recht schnell zu ersten Entlassungen von Soldaten. Verteidigungsminister Pistorius forderte eine vollständige Aufklärung. Auch darüber, wie die Führungskräfte vor Ort mit der Situation umgegangen, besser eben nicht umgegangen waren. 

    Zu Jahresbeginn verebbte die Berichterstattung zunächst. Mitte Januar erfuhr die Öffentlichkeit, dass gegen 55 Soldaten des Regiments mittlerweile ermittelt wurde. Weitere Entlassungen – nach neun bereits vollzogenen – seien geplant. Man wolle, so der Inspekteur des Heeres Freuding, mit konkreten Maßnahmen verhindern, dass sich das Geschehene wiederholen könne. 

    Nach diesen Ereignissen die Vorfälle herunterzuspielen ist vollkommen unverständlich. CDU Politiker aus dem Raum Zweibrücken sprachen von Einzelfällen. 

    Das scheint so nicht zu stimmen, weitere Berichte über Missstände im Regiment wurden bekannt, so auch die Vergewaltigung einer Soldatin durch zwei Fallschirmjäger im Jahr 2023. Im Juni 2025 führten durch Nahkampfausbilder angewiesene Schläge bei einem Soldaten dazu, dass dieser sich einer Notoperation unterziehen musste. 

    Und am 10. Dezember meldete der SWR, dass auf dem Zweibrückener Weihnachtsmarkt – die Bundeswehr unterhält dort traditionell einen Erbsensuppenstand – zwei Soldaten unter ihrem Weihnachtsmannkostüm ein nicht geladenes Sturmgewehr, ein nicht geladenes Maschinengewehr sowie eine geladene, aber immerhin gesicherte Pistole mit sich führten. Die von Besuchern alarmierte Polizei sorgte für den Abtransport der Waffen. 

    Bedauerliche Einzelfälle? Oder Geschehnisse, die nun mal an die Öffentlichkeit gelangt und nicht mehr zurückzuholen waren? Sehr wahrscheinlich Letzteres. Ein halbes Jahr dauerte es, bis das, was in Zweibrücken geschehen war, an die Öffentlichkeit kam. Und dann zeigte sich schnell, wie umfangreich die Ermittlungen bis dahin bereits gewesen waren. Wer also glaubt an bedauerliche Einzelfälle?

    Was wir hier sehen, ist mehr als bundeswehrtypisch, in diesem Umfeld allerdings nicht erstaunlich. 

    Letztendlich ist es missverstandene Kameradschaft, ein unbedingtes Zueinanderhalten und Dichtmachen, wenn Kritik, Beschwerden oder Schlimmeres drohen. Man kann sich auf seine Leute verlassen. Man steht zusammen. Man steht füreinander ein, eine Art Mannschaft. Und wer quer schießt, sich nicht solidarisiert, hinterfragt, laut Kritik übt, sich vielleicht beschwert, wird ausgegrenzt, findet sich schnell an einem anderen Ort wieder. Sie oder er gehören dann nicht mehr zur Mannschaft missverstandenen Zusammenhalts. 

    Diese Mechanik finden Sie fast überall in unterschiedlichem Umfange und von unterschiedlicher Ausprägung freilich. Menschen wie ich, die sich wie wir alle in Gemeinschaften bewegen, auf keinen Fall Teil einer solchen sein wollen, unabhängig artikulieren und handeln, was bzw. wie sie denken, kennen die Folgeeffekte mangelnden Mannschaftssinns gut. 

    Eine geschlossene Gemeinschaft, eine militärische Einheit, ja eine Elitegruppe, geprägt von männlichen Denkmustern und hierarchischen Strukturen ist für diese Mechanik noch anfälliger. Nicht zuletzt deshalb hat man in der Bundesrepublik stets Werte- und Demokratieerziehung in die Bundeswehrausbildung integriert. Die Rede war vom Bürger in Uniform. Und der sollte doch eigentlich sagen können, was ihm auffällt, Missstände, hier sogar Verbrechen, offen benennen können, damit diese abgestellt und aufgeklärt werden können. 

    Es muss gehandelt werden bei den Streitkräften. Eine angekündigte Dunkelfeldstudie zum Thema sexualisiertes Fehlverhalten – 2024 war sie von der Wehrbeauftragten Eva Högel angeregt und vom Bundesverteidigungsministerium auch beauftragt worden – kann noch keine Ergebnisse vorweisen.

    Notwendig wäre eine detaillierte Untersuchung der Handlungsmuster und -strukturen in der Truppe, das Etablieren einer Kultur der Nichtverheimlichung, einer Kultur des offenen Dialogs, auch einer Kultur der Angstfreiheit, sicher auch einer Kultur der Befreiung von scheinbaren Tugenden missverstandener Solidarität, männlich geprägt. Ein langer Weg liegt vor dir, liebe Bundeswehr. 

    7 min
  • Die Telefon-AU

    Autor und Sprecher

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Die Äußerung eines Bundeskanzlers und die Reaktionen darauf. Merz stellte letzten Freitag Fragen: „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“ Der Bezug: Zahlen des statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Arbeitnehmer im Land durchschnittlich 14,5 Tage im Jahr krank sind. Den Schuldigen dafür sieht der Regierungschef vor allem in der Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung. 

    In die Welt gekommen ist diese mit Corona im Jahr 2021. Arztpraxen sollten so entlastet, Infektionsrisiken beim Arztbesuch eingedämmt werden. Nach der Pandemie, in der sie ein probates Verfahren war, wurde sie im Dezember 2023 zur Regel. 

    Ich musste nachschauen. 22. September 2024 – ein positiver Coronatest. Die ganze Pandemie hatte ich nicht geimpft durchgestanden, dann hatte es mich doch erwischt. Am Folgetag ein Anruf beim Arzt: Ich erfuhr, dass ich gar nicht dorthin musste, um mich untersuchen zu lassen. Fünf Tage am Stück wurde ich – gemäß der Regelung, die heute noch gilt – telefonisch krank geschrieben. Für die Verlängerung – auch das hat sich nicht geändert, musste ich dann in die Praxis. Und verlängert werden musste meine AU mehrmals. So ganz ohne Immunisierung war die Erkrankung ausgesprochen anstrengend und hartnäckig.

    Seitdem ist diese Art der Krankschreibung – übrigens auch, wenn ein Kind erkrankt ist – Praxis im Land. Nun also fordert Kanzler Merz die Regelung zu überdenken. Alle müssten, so Merz, eine höhere volkswirtschaftliche Leistung erreichen, als es gegenwärtig der Fall sei.

    Gegenwind kam aus unterschiedlichen Richtungen. Janis Ehling ist Bundesgeschäftsführer der Linken. Er verwies auf stetige Überlastung, Personalmangel und krankmachende Arbeitsbedingungen, die ursächlich für den Krankenstand seien. 

    Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung hingegen pflichtete dem Kanzler bei. Der Krankenstand in Deutschland sei im internationalen Vergleich sehr hoch. Die telefonische Krankschreibung, sie lade zum Missbrauch ein. Eine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei aus der Ferne nicht zuverlässig möglich. Darüber hinaus äußerte Gassen gegenüber dem Tagesspiegel, dass auch eine Pflicht zur AU ab dem ersten Krankheitstag einzuführen sei.

    Arbeitgeberpräsident Dulger verwies Anfang 2025 auf einen Zusammenhang zwischen Lohnfortzahlung und Fehlzeiten. Er berief sich dabei auf internationale Erfahrungen und thematisierte die Einführung von Karenztagen. Diese würden dazu führen, dass die Lohnfortzahlung nicht mit dem ersten Krankheitstag beginnt.

    Und die Fakten? Tatsächlich sind Arbeitnehmer im Vergleich zu 2021 bezogen auf Werte aus dem Jahr 2024 3,6 Tage länger krank. Diese Erhöhung schreibt das Statistische Bundesamt vor allem der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zu. Die würden Krankmeldungen vollständiger erfassen. Ähnlich klingen die Folgerungen der AOK, die Anfang 2025 eine Studie zum Thema vorlegte und sich danach systematischer Missbrauch nicht ableiten ließe.

    Was ist also geboten? Die Pandemie liegt weit hinter uns. Bei Erkältungskrankheiten sind wir davor auch zum Arzt gegangen. Heute können wir uns und andere nach den Erfahrungen mit Corona einfach mit einer Maske schützen. Einen wirklichen Grund die telefonische Krankschreibung aufrechtzuerhalten sehe ich nicht. Die Lohnfortzahlung später einsetzen zu lassen finde ich problematisch, da diejenigen bestraft werden, die tatsächlich nicht zur Arbeit können. Und das dürfte die Mehrzahl der Menschen sein, die sich um eine AU bemühen. Tatsächlich sollte man aber vielleicht darüber nachdenken, dass bereits am 1. Tag einer Erkrankung eine Krankmeldung vorliegen sollte, auch wenn das ggf. einen zusätzlichen Ansturm auf die Praxen auslösen könnte. Sicher ist: Wer der Arbeit fernbleiben möchte ohne krank zu sein, dem wird das immer gelingen. Aber vielleicht sollte man es denjenigen nicht allzu einfach machen. 

    Yael Gabriel Gwyneth Spengler, Radio 3 für netkiosk.digital

    6 min
  • Bildungsbürgertum - ach ne du, eher nicht so.

    Autor und Sprecher

    Yeal Gabriel Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Mein Leben lang habe mich darüber gewundert. Und ich hätte es längst wissen und verstanden haben können. Aber anstatt im Rahmen meines Studiums den Dingen nachzugehen, die mich wirklich interessieren, habe ich den Anforderungskatalog in Richtung Staatsexamen abgearbeitet. Hin und wieder gönnte ich mir einen Interessenszwischenstopp in den Erziehungswissenschaften und der Psychologie. Ich studierte eher unwillig und vor allen Dingen über einen quälend langen Zeitraum. Unerwartet erfolgreich schloss ich es dann mein Studium, anschließend mein Referendariat mehr zufällig und fast ungewollt ab. 

    Heute denke ich: Hätte ich doch etwas anderes studiert, irgendwie scheine ich mehr in die Sozialwissenschaften zu passen. Warum funktioniert unsere Gesellschaft wie, wer steht warum wo, wer definiert sich als was, woher stammen die dazugehörigen Legimitationen. Aber ich bin dem Wesen nach kein Akademiker. Ein solcher zeichnet sich vor allem durch nachhaltiges, gründliches Arbeiten aus. Dieses Verhaltensmuster zeige ich nur, wenn mich etwas wirklich ganz und gar interessiert. Oder wenn ich jemanden unterstützen kann, mein Engagement also einen sozialen Wert hat. Für mich selbst und um der Erkenntnis willen nehme ich nur selten ein Buch, einen Artikel zur Hand. Lange Vorrede.

    Diesmal musste ich nachlesen und ich befinde mich auch noch in einem Prozess, mehr Lektüre als ich mag, mag notwendig sein. Heute möchte ich erzählen, wie ich in den folgenden Gedankenstrom geriet: Wonach sortiert sich unsere Gesellschaft, welche Gruppen finden sich wie zusammen, wie und wodurch differenzieren sie sich? Diese Frage stelle ich mir, je älter ich werde, immer öfter. Dass das alte Schichtenmodell und die Einordnung der Menschen nach ihrer ökonomischen Ausstattung nicht ausreichen, um die Gesellschaft zu beschreiben, ist mir klar. Und hätte ich Bourdieu gelesen, wüsste ich, dass vieles komplexer ist und doch seine Theorien in Grundzügen das bestätigen, was ich schon längst denke. 

    Mein Interesse, es lässt sich biographisch erklären. Ich bin aufgewachsen in einem Spannungsverhältnis zwischen Bildungsbürgertum und gleichzeitig nah an dem Milieu, dass man das der einfachen Leute nennen mag. Dieser Gruppe fühle ich mich heute mehr denn je zugehörig. Und der Begriff „einfach“, er ist nicht diskriminierend gemeint. Ich würde ihn mit „klar“ übersetzen wollen: Klar in ihren Ansichten, in ihren Äußerungen, ausgestattet mit einer robusten und belastbaren Sprache, unprätentiös, entspannt, offen gegenüber allen, die ihnen offen begegnen – das sind sie, die sogenannten einfachen Leute. Es bedarf keines besonderen Verhaltenskodexes, keiner gruppen-spezifischen Regeln. Mit ihnen zu sein fühlt sich an, wie zuhause zu sein.

    Dem diametral entgegengesetzt das Bürgertum, besonders die Variante mit Bildung im nominalen Vorbau. Was man wissen muss, wie man sich verhalten muss, mit wem man wie verkehrt, mit wem auf keinen Fall, welchen Grad an Bildung man bitte schön haben mag, wie man öffentlich auftritt, was gesagt werden darf, in welchem Ton mit einem zu sprechen ist. Und natürlich wird all dies und noch viel mehr in den eigenen Offspring hineinerzogen, sodass die sozialen Verhältnisse gar wundervoll kopiert werden können. Dabei bleibt man gerne ungestört.

    Schichtenmobilität wird nach außen hin bejaht, dann aber mögen sich die sozialen Aufsteiger auch an den Werten und Normen des Bildungsbürgertums orientieren. Nur dann, das ist gewiss, können sie sich auch nur in diesem Umfeld bewegen. Jede kleine Unsicherheit fällt auf, jede Übertretung des ethischen Selbstverständnisses führt zur unmittelbaren sozialen Distanzierung. Man möchte unter sich bleiben. 

    So war es auch bei uns. „Wir machen uns mit den anderen nicht gemein“, pflegte meine Großmutter zu sagen. Meine Mutter ist die Einzige in dieser bildungsbürgerlichen Unwohlseinssippe, die sich um all dies nie gekümmert hat und einfach tat, was sie wollte, weil sie es eben konnte. Erziehungswirksam war sie nie, das hatte meine Oma übernommen, weshalb ich bildhaft gesprochen mit jedem meiner Beine in einem anderen sozialen Raum verortet bin.

    Dass das Bildungsbürgertum mir fremd, gar wesensfremd ist, das habe ich ja bereits deutlich gemacht. Seine Verhaltensmuster, die verwendete Sprache, die Blicke sind kodiert, unterhalb dieser Schicht bleiben sie vollkommen unverständlich. Man riegelt nach unten hin ab. Und man spricht über die anderen auf eine Art und Weise, die eine ständige Distanzierung und Missbilligung erkennen lässt.

    Erschreckend ist, dass ein Großteil unserer Bildungseinrichtungen von den Werten und Normen vornehmlich dieser sozialen Gruppe gelenkt und gesteuert wird. Konfrontationen sind damit vorprogrammiert. Denn wie sollen jene, die in einer anderen Welt leben und aufwachsen, verstehen und einordnen, was hier gesagt und erwartet wird. Woher sollen sie es bitte wissen? Man hat dies und das zu tun und das hat so und so zu sein. Warum soll man das überhaupt akzeptieren? Zuhause und bei den Freunden und Bekannten ist es doch ganz anders. Ganz, ganz anders.

    Wenn wir das intuitiv alles wissen – und das Bildungsbürgertum könnte ja ohne Probleme bei Bourdieu nachlesen, ich werde es gegen meine Gewohnheit in den nächsten Wochen wohl tun müssen – dann könnte es ja einmal darüber reflektieren, ob seine Selbst- und Fremdwahrnehmung und der daraus hervorgehende Habitus noch so zeitgemäß ist. Wir erleben im Moment einen technischen Wandel mit einer enormen Geschwindigkeit. Dies wirkt auch auf unsere innergesellschaftliche soziale Differenzierung aus. Ganz andere Gruppen steigen jetzt und in den nächsten Jahren sozial auf, wo bleibt da das unfassbar unflexible Bildungsbürgertum? Und wäre es nicht an ihm aufgrund seiner Vorteilsstellung bei der Neuzusammensetzung unserer sozialen Welt aktiv gestaltend mitzuwirken, helfen Inklusionseffekte zu entfalten und Differenzierungsmauern etwas abzuschleifen. Ich rege an, dass die Damen und Herren darüber in ihren Zirkeln sinnieren. Derweil bleibe ich dort, wo ich bin, in sicherem Abstand zu ihnen, gerade soweit entfernt, dass sie meine Stimme hören können. 

    9 min
  • Von der Wehrpflicht

    Autor und Sprecher

    Yeal Gabriel Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Es gilt das gesprochene Wort.

    Mein Leben gehört mir. Es gehört keinem Staat, keinem politischem System oder gar einer Religion. Es gehört nichts Menschgemachtem. Es gehört mir und ich allein bestimme darüber. Darüber wie ich es gestalte, darüber wie es enden wird. Das ist meine Vorstellung von Freiheit. Und wenn man über meine Haltung nachdenkt, wirkt all das wie Luxus.

    Denn unzählige Menschenleben wurden und werden jeden Tag zerstört. Kriege, gefährliche Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, Sklaverei und vieles mehr. Sie kosten Leben. Leben von Kindern, von Jugendlichen, Erwachsenen oder Alten. Diese Leben werden ihnen einfach genommen, schleichend oder plötzlich und unmittelbar. Von anderen Menschen mit ihren ganz eigenen, meist politischen, aber doch mehr wirtschaftlichen Interessen.

    Unlängst hat der Deutsche Bundestag beschlossen, eine Vorstufe zur Wehrpflicht einzuführen. Junge Männer, für Frauen ist dies freiwillig auch möglich, müssen eine Frage beantworten: Sind sie zum Dienst mit der Waffe bereit? Gemustert werden die Jungen dann auch. Zur Bundeswehr muss zunächst nur, wer es möchte, zunächst.

    Ist es legitim, dass ein Land von seiner Bevölkerung verlangt in den Krieg zu ziehen? Das ist eine grundsätzliche Frage. Und meine Antwort ist offensichtlich: Kein Land, kein politisches System kann von mir verlangen oder erwarten, mein Leben dafür aufs Spiel zu setzen. Keine Ideologie, keine Ideale, für die ich zu töten oder zu sterben bereit bin. In gar keinem Fall. Nennen Sie mich einen Egoisten, einen Unsolidarischen, einen gar Asozialen. In diesem Zusammenhang kann und will ich Ihnen nicht widersprechen.

    Einzufügen ist: Hier schreibt jemand, der 20 Monate Zivildienst geleistet hat, behinderte Menschen auf Urlauben begleitet und unterstützt hat, jemandem nach einem Arbeitsunfall im Rahmen der Individuellen Schwerstbehindertenbetreuung dabei geholfen hat, langsam einen Weg zurück ins Leben zurückzufinden. Und es ist dieses solidarische Unterstützen und Begleiten von Menschen, die in herausfordernden Lebenssituationen sind, das mir bis heute zu eigen ist und mein Leben immer wieder bestimmt, im Beruflichen, im Privaten. Ich bin ganz sicher kein guter Mensch, schon gar kein Gutmensch, überhaupt und wirklich nicht. Aber ich war und bin immer bereit, für meine Mitmenschen, damit für diese Gesellschaft und für das demokratische freiheitliche politische System der Bundesrepublik ein- und bereitzustehen. Denn nur wenn wir füreinander da sind, können wir eine Gemeinschaft sein, eine Gesellschaft, die zusammenhält.

    Dennoch gibt es eben eine Grenze: Mein Leben gehört mir. Und es anderen zu nehmen ist undenkbar, denn was ich für mich einfordere, fordere ich auch für sie. Es lassen sich unzählige Situationen anführen, die zeigen, wie unmöglich meine Haltung sein mag. Zum Beispiel: Die Befreiung vom Hitler-Faschismus, ohne Krieg undenkbar. Zu sagen, ich wäre nicht bereit gewesen zu kämpfen, kann verstanden werden als eine Beleidigung derer, die ihr Leben in diesem Kampf verloren haben, für die Freiheit kämpften. Eine Freiheit, deren Nutznießer ich jetzt bin.

    Und aus dieser erkämpften Freiheit heraus nehme ich mir das Recht, dass die Menschen vor mir nicht hatten, es sich vielleicht aber doch gewünscht hätten zu haben: Nicht zu kämpfen für das eigene Land, nicht zu töten, nicht zu sterben. Ich halte das für legitim.

    Die schrittweise Wiedereinführung der Wehrpflicht betrifft junges Leben. Junges Leben soll gelebt werden können. Es soll leicht sein, abenteuerlich, frei, möglichst unbeschwert. Das ist schon in Friedenszeiten ein hohes Ziel. Soziale Unterschiede und die Benachteiligung von vor allem einkommensschwachen, weniger gebildeten Bevölkerungsgruppen machen es ihrem Nachwuchs schon so schwer genug.

    Die Angelegenheit wird auch nicht dadurch besser, dass Mitarbeiter der Bundeswehr gezielt in Schulen gehen oder Veranstaltungen finanziell unterstützen, bei denen sie über ihren Arbeitgeber und eine mögliche Karriere dort informierend sprechen. Diese Praxis gibt es schon sehr lange. Vor dem Hintergrund der Gesetzesänderung letzte Woche wird sie noch fragwürdiger. Wird aus Information über berufliche Chancen dann gezielte Werbung? Wird so versucht werden, eine höhere Wehrbereitschaft bei den jungen Leuten herbeizuführen? Ein unerträglicher Gedanke.

    Natürlich kann man meine Haltung als dumm, naiv und undurchdacht bezeichnen. Sehr wohl weiß ich im Detail, was man mir entgegenhalten kann. Aber dies ist kein Beitrag im Sinne einer Diskussion. Dies ist ein Standpunkt. Einer, von dem ich nicht abzurücken gedenke, der ein Problem nicht differenziert betrachten möchte, den ich auch nicht im Ansatz in Frage zu stellen bereit bin. Der amerikanische Dichter Carl Sandburg formulierte im Jahr 1936 diesen Satz: Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin. Was für eine großartige Idee.

    8 min
  • Gießen 2

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert
    5 min

About netkiosk.digital

From the publisher's feed

Wo Meinungen aufeinander treffen.