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By Hans-Christian Spengler und Thorsten A. SiefertNewsNews Commentary
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netkiosk.digital episodes

  • Ostern, Ostern halt so!

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Das lange Osterwochenende liegt schon ein paar Tage zurück. Sind Sie unbeschadet durch die Festtage hindurch gekommen? Haben alle Geschenke gepasst, war das “Ach wie schön, dass wir beisammen sind!”-Wiedersehensessen mit der Familie erträglich und am wichtigsten: Haben Sie mit einer einigermaßen glaubwürdigen Begründung zur rechten Zeit den Absprung zurück in die Freiheit geschafft? Gratulation, Ostern ist durch. Gönnen Sie sich jetzt ein paar Tage Erholung, dann können Sie ja schon einmal mit den Weihnachtsvorbereitungen beginnen. So ein Sommer kann sehr kurz sein und die Schneekugeln liegen ab September verkaufsbereit in den Regalen.

    Und hier so? Ein paar Einblicke möchte ich Ihnen gewähren. Karfreitag, Pizzagate. Mein Freund kam am frühen Nachmittag vorbei. Der Plan: Sich austauschen, Pläne besprechen,, eine Pizza backen, powered by Fertigteig aus dem Lieblingsdiscounter. Und mit deren Zubereitung ging es auch sofort los. “Probier doch mal den Kräuterschinken”, sagte der Lieblingsmensch während er diesen Brotbelag in kleine Stücke schnitt. Mehr als ein “Hmmm …” brachte ich nicht heraus, dieser Schinken schmeckte irgendwie seltsam, was ich artikulierte. Daraufhin wurde ich energisch der Küche verwiesen. Das hätte mich misstrauisch machen müssen.

    Zeitsprung: Einige Unterhaltungen später war die Pizza essbereit. Sehr essbereit. Mein Freund hatte Sorge, dass der Teig nicht durch war. Mein Kommentar “Wenn wir sie noch ein wenig weiterbacken, haben wir leckere Pizzakekse” wurde ganz offenbar nicht als hilfreich empfunden. Ein Test zeigte: Der Teig war durch. “Hast du einen Pizzaschneider?“, fragte der auf sein Werk stolze Bäcker.

    Kennen Sie dieses Gefühl, wenn das österliche Matschhirn plötzlich auf Schnellbetrieb umschalten muss und der ihnen sicher auch gut bekannte Notlügenalarm sich aktiviert. Ja, ich hatte unlängst einen Pizzaschneider in Form eines Vespa-Rollers gekauft, aber als ein Teil seines Ostergeschenks, das es ja erst am folgenden Tag geben sollte. Kurze Kolateralschadensabwägung. Mein Freund bezeichnet mich ohnehin immer wieder als Lügenbaron, nur weil ich manchmal einfach auf eine Alltagsfrage von ihm hin eine absolut irrsinnige Geschichte erfinde und vortrage, die zumindest ich lustig finde. Damit fliege ich regelmäßig auf, was mir aber recht egal ist. Hier war also vom guten Ruf ohnehin nichts mehr übrig. “Nein, habe ich nicht”, lautete folglich meine inkorrekte Antwort. Dass er die Pizza sodann mit einer der Küchenscheren zuschnitt, darüber verlor ich kein Wort und hielt meine in Richtung Irritationsausdruck gehenden Gesichtszüge angestrengt im Zaum.

    Und dann am Tisch. Ich konfrontierte mich – argwöhnisch beobachtet von kontrollierenden Blicken des Pizzabäckers versteht sich – mit dem ersten Stück, darauf Kräuterschinkenbelag. Es scheint so zu sein, dass bei mir die Verbindung zwischen Geschmacksnerven und Sprachzentrum direkt ist, so direkt, dass der beschriebene Notlügenmechanismus überhaupt nicht mehr zum Zuge kam und ich artikulierte, was ich schmeckte, ungeschönt. Enttäuschung im Gesicht des Gegenübers verbunden mit der Aufforderung, doch einmal die Salamivariante zu probieren. Hier überraschte mich ein Geschmack von Salami, der allerdings hinter einem schweren säuerlichen Vorhang nur mühsam hervortrat.

    Ich hätte es wissen müssen. Seitdem ich meinen Freund kenne, ist er Vegetarier. Vegetarische Wurst, sie war also der Grund für mein erzwungenes temporäres Küchenexil gewesen, sonst hätte ich womöglich interveniert. Es mag sein, dass das verwendete Salamiimitat auf einem Brot nach Salami schmeckt, für das Erhitzen eignet sie sich weniger. Und hatten wir nicht unlängst erst Fleischwurstgate? In einem Nudelsalat hatte sie sich recht gut gemacht, die Reste der Fakewurst hatte ich einen Tag später zu einer Nudelpfanne gegeben. Beim Braten geriet sie in eine schwere Konsitenzkrise und legte sich ein cremiges Gewand an. Es gilt also: Finger weg von hochstapelnder Veggi-Wurst, besonders wenn sie damit etwas Warmes zubereiten wollen. Genug davon. Spaß hatten wir dennoch und ich habe Ihnen etwas zu erzählen.

    Unlängst berichtete ich, wie mein neues Äußeres, das eine Erscheinung zwischen einem weiblichen und männlichen Wesen mal mehr, mal weniger zu treffen sucht, in diesem einmaligen sozialen Raum Westerwald Wertschätzung in ganz unterschiedlicher Form erfährt. Mein Outfit am Ostersamstag: Oranges T-Shirt mit Hip-Hop-Bärchen in bunt, passender orangener Hut, beige Cordjogginghose, farblich abgestimmte Holzperlenkette, bunt lackierte Fingernägel.

    Wir waren nach Frankfurt gefahren. Mission Hifi, ein fantastisches und nicht gerade günstiges All-in-One-System, das ich jetzt über ein Jahr aus der Ferne bewundert hatte, sollte nun in mein Leben eintreten. Es war telefonisch vorbestellt und ich voller Vorfreude. Wir erreichten Frankfurt. Die Reise durch die Stadt ist im Prinzip eine eigene Geschichte wert, mein Beifahrer war mit seinen Nerven durch, als wir das Parkhaus des Hifi-Händlers unserer Wahl erreicht hatten. Die Fahrt endete wie immer mit dem folgenden Satz meines Herzallerbesten: “Ich fahre dann zurück.”

    In der entsprechenden Abteilung der sich als ziemlicher Luxustempel darstellenden Verkaufsstelle angelangt musste ich warten, einem anderen Kunden wurde ausführlich ein Kopfhörer erklärt, den er dann testete. Man wandte sich mir zu, ich informierte den Mitarbeiter über mein Anliegen, dem er sich annahm – wenig überschwänglich, eher sachlich, distanziert. Nachdem ich bezahlt hatte, erklärte er mir, wo die Ware abzuholen sei. Meine Frage nach einer nahegelegenen Toilette beantwortete er freundlich mit einer auch für mich verständlichen Wegbeschreibung, wir verabschiedeten uns.

    Und wenige Schritte weiter lag sie vor mir, die von meiner Ausscheidungsabteilung ersehnte Pipibox. Verschlossen. Eine Stimme fragte von der Seite mich eindeutig abwertend musternd, als sei ich soeben einem Altkleidercontainer entstiegen, was ich in dem Raum wolle. Ich erklärte mein durchaus dringliches Anliegen. Der Ausdruck des Missfallens in den Augen des Verkäufers, er ließ mich nicht daran zweifeln, dass ich hier prinzipiell unerwünscht war. Ich hörte sodann etwas, womit ich wirklich nicht gerechnet hatte, eine messerscharf formulierte und unfreundlich vorgetragene Frage: “Sind Sie denn Kunde des Hauses?” Ich stockte.

    Die Impulsantwort hätte lauten müssen: “Seit diesem Moment nicht mehr.” Der Diplomatiemodus schaltete sich ein: “Ja, wir haben eben etwas gekauft”, hörte ich mich erklärend sagen, während ich auf die Rechnung deutete, die mein daneben stehender Freund in der Hand hielt. Wortlos wurde mir der Weg zur Entsorgungsstation eröffnet. Lieber großer Hifi-Händler in der Frankfurter Innenstadt, herzlichen Dank für den geleisteten Service, das neutral zu bewertende Einkaufserlebnis mit anschließender entwürdigender Degradierung. Dabei liegt Frankfurt doch gar nicht im Westerwald.
    Ein paar fast schon langweilige, aber erfreuliche Fakten zum Schluss: Der Rest unseres Einkaufstrips in Frankfurt und später in Gießen war angenehm, kurzweilig mit Zeit zum Erzählen und miteinander Lachen. Das Hifi-System klingt traumhaft und hüllte mich, während ich diesen Artikel schrieb, mit raumfüllendem LoFi ein.

    Zu Ostern erhielt ich von meinem Freund eine Karte mit Jesusmotiv und dem Covertext “I´m back and I´ve brought eggs.” Mit dieser hatte er mich bereits vergangenes Jahr erfreut, was – nachdem es bemerkt worden war – einen ausgedehnten bilateralen Lachflash nach sich zog. Dazu gab es Schokoeier und Selbstgebackenes von seiner Oma. Ich konnte anschließend endlich den Vespa-Pizzaroller – auch hier wieder ein Lachflash eingedenk Pizzagates – sowie einen fantastisch bunten Kissenbezug überreichen. Und am Nachmittag des Ostersonntags war ich bei Freunden, eine wunderbar kurzweilige und schöne Begegnung.

    Auf meinem Balkon flattert soeben ein Zitronenfalter umher. Ostern ist vorbei. Jetzt genießen wir erstmal den Frühling, dann kommt der Sommer, bevor es im September endlich weihnachtlich wird.

    12 min
  • Teure Wege, fragile Versorgung

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Thorsten Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Es gilt das gesprochene Wort

    Die Spritpreise sind hoch.

    Und sie steigen weiter.

    Für viele ist das ärgerlich.

    Für mobile soziale Dienste auf dem Land ist es ein echtes Problem.

    Denn diese Dienste fahren jeden Tag.

    Von Dorf zu Dorf.

    Von Haus zu Haus.

    Oft über viele Kilometer.

    Genau dort, wo die Wege lang sind, trifft der Preisschock am härtesten.

    Nicht im Büro.

    Nicht in der Statistik.

    Sondern direkt auf der Straße.

    Ambulante Pflegedienste können ihre Arbeit nicht ins Homeoffice verlegen.

    Sie müssen raus.

    Sie müssen fahren.

    Und sie müssen pünktlich sein.

    Schon Anfang März warnte der Bundesverband Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen vor einer massiven Belastung durch die gestiegenen Kraftstoffpreise.

    Als Beispiel nannte der Verband bundesweite ADAC-Werte von 1,839 Euro für Super E10 und 1,816 Euro für Diesel.

    Für ländliche Regionen ist das besonders brisant.

    Dort gibt es weniger Alternativen.

    Weniger Personal.

    Weniger Reserve.

    Und meistens längere Touren.

    Jeder zusätzliche Euro an der Zapfsäule wirkt sofort.

    Auf die Einsatzplanung.

    Auf die Wirtschaftlichkeit.

    Und auf die Frage, ob jede Fahrt noch leistbar ist.

    Denn mobile soziale Dienste transportieren nicht einfach nur Menschen oder Material.

    Sie bringen Hilfe.

    Sie bringen Pflege.

    Sie bringen Struktur in den Alltag.

    Und oft auch ein Stück Sicherheit.

    Wenn diese Dienste unter Druck geraten, spüren das zuerst die Menschen, die auf sie angewiesen sind.

    Vor allem pflegebedürftige Menschen.

    Vor allem alte Menschen.

    Vor allem Menschen, die allein leben.

    Für sie kann ein ausgedünnter Fahrplan gravierende Folgen haben.

    Ein verspäteter Besuch ist dann nicht nur unpraktisch.

    Er kann bedeuten: spätere Medikamentengabe.

    Spätere Hilfe beim Waschen.

    Spätere Unterstützung beim Essen.

    Oder gar weniger persönliche Zuwendung.

    Und auf dem Land kommt noch etwas dazu.

    Die Wege zur Familie sind oft weit.

    Die Wege zur nächsten Arztpraxis auch.

    Wenn dann auch noch mobile soziale Dienste an Grenzen stoßen, wird Versorgung schnell fragil.

    In Rheinland-Pfalz werden Pflegevergütungen nicht einfach einseitig festgelegt.

    Sie werden verhandelt und vereinbart.

    Aber ob die aktuelle Runde die Belastung durch die hohen Spritpreise bereits ausreichend abbildet, lässt sich öffentlich nicht klar belegen.

    Genau das verschärft die Unsicherheit.

    Denn Kosten steigen sofort.

    Verhandlungen wirken langsam.

    Und Hilfe wird trotzdem jeden Tag gebraucht.

    Die eigentliche Gefahr ist deshalb leise.

    Sie kommt nicht mit einem Knall.

    Sie kommt schrittweise.

    Ein Dienst plant vorsichtiger.

    Eine Tour wird enger getaktet.

    Ein Gebiet wird unattraktiver.

    Ein Anbieter zieht sich vielleicht irgendwann zurück.

    Und dann wird aus einem hohen Spritpreis ein soziales Problem.

    Besonders in ländlichen Räumen.

    Dort, wo Versorgung ohnehin auf Kante genäht ist.

    Deshalb geht es bei diesem Thema nicht nur um Benzin oder Diesel.

    Es geht um Daseinsvorsorge.

    Es geht um Verlässlichkeit.

    Und es geht um die Frage, wie wir Menschen versorgen, die nicht warten können.

    Pflegebedürftige Menschen brauchen Hilfe nicht irgendwann.

    Sondern heute.

    Zu Hause.

    Und oft genau dort, wo der Weg am weitesten ist.

    5 min
  • Mehr Macht im Geheimen

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Thorsten Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Es gilt das gesprochene Wort

    Der Bundesnachrichtendienst steht vor einer möglichen Zeitenwende. Die Bundesregierung diskutiert eine Reform, die den Dienst deutlich operativer machen würde.

    Es geht nicht mehr nur um Auswertung und Lagebilder.
    Es geht um Sabotage, um Hacking, um Eingriffe in technische Systeme und um die Frage, wie weit ein demokratischer Staat im Geheimen gehen darf.

    Genau darüber sollten wir jetzt sehr nüchtern sprechen.

    Bisher ist der Grundgedanke klar. Der BND ist der Auslandsnachrichtendienst Deutschlands. Er soll Informationen von außen- und sicherheitspolitischer Bedeutung sammeln und auswerten. Er soll gerade nicht selbst polizeilich handeln. Dieses Trennungsgebot zwischen Nachrichtendienst und Polizei ist in Deutschland kein technisches Detail, sondern eine historische Lehre. Es soll verhindern, dass sich heimliche Aufklärung und exekutive Eingriffsmacht in einer Hand bündeln.

    Neu an der Reform wäre deshalb nicht, dass der BND schon heute verdeckt arbeitet. Das tut er natürlich. Neu wäre, dass er in bestimmten Lagen zusätzliche operative Befugnisse bekommen soll.
    Nach den bisher bekannt gewordenen Entwürfen geht es um weitergehende Internetüberwachung, KI-gestützte Auswertung, Gesichtserkennung, Hacking, aktive Cyberabwehr, das Eindringen in Wohnungen zum Einbau von Spionagetechnik und um Sabotage, etwa an gegnerischer Infrastruktur oder an Waffenteilen. Diese Befugnisse sollen an eine sogenannte nachrichtendienstliche Sonderlage gebunden sein, die politisch festgestellt werden müsste.

    Befürworter sagen: Deutschland holt damit nur nach, was andere Partner längst können. Der BND solle auf das Niveau relevanter europäischer Dienste gebracht werden. Außerdem wolle das Kanzleramt die Abhängigkeit von US-Diensten verringern. Das ist sicherheitspolitisch nachvollziehbar. Aber aus dieser Diagnose folgt noch nicht automatisch, dass jede zusätzliche Befugnis auch klug ist.

    Die Debatte bekam zusätzlichen Schub, als BND-Präsident Martin Jäger auf der Münchner Sicherheitskonferenz erklärte, Deutschland solle hybride Angriffe Russlands nicht nur beobachten und dokumentieren, sondern so beantworten, dass die Gegenseite Konsequenzen spürt. Er sagte auch, der Dienst müsse operativer werden. Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Denn aus Abschreckung wird dann schnell eine Logik des einfach Mitmachens. Und genau da beginnt mein Zweifel.

    Mein Einwand ist gar nicht zuerst moralisch. Er ist praktisch. Mehr Befugnisse bringen wenig, wenn es an Personal, Technik und wirksamer Kontrolle fehlt. Der BND hat zwar bereits über 6.000 Beschäftigte. Zugleich sucht er sichtbar in Feldern wie IT, Mathematik, Sprachen und offenen Quellen. Wer operative Cyberfähigkeiten, Datenanalyse und menschliche Quellenführung ausbauen will, braucht nicht nur neue Paragrafen. Er braucht jahrelang aufgebaute Fähigkeiten, belastbare Ausbildung und genug Leute, die diesen Job wirklich können.

    Dagegen lässt sich ein ernstes Argument anführen. Peter R. Neumann, Professor of Security Studies am King’s College London, betont öffentlich, deutsche Geheimdienste gehörten zu den am engmaschigsten kontrollierten der Welt. Das sollte man nicht leichtfertig abtun. Deutschland hat tatsächlich mehrere Kontrollinstanzen, darunter das Parlamentarische Kontrollgremium, die G10-Kommission, den Unabhängigen Kontrollrat, Gerichte, Rechnungshof und bisher auch die Datenschutzaufsicht.

    Und trotzdem bleibt ein Problem. Kritiker wie Niko Härting warnen, der BND bewege sich vom Nachrichtendienst hin zu einer Sicherheitsbehörde mit weitgehenden Eingriffsbefugnissen. In seinem Podcast mit Stefan Brink wird ausdrücklich die Abkehr vom Trennungsgebot kritisiert und auch der Vorschlag, die Kontrollfunktion der Bundesdatenschutzbeauftragten zurückzudrängen.

    Diese Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Anfang März 2026 hat das Bundesverwaltungsgericht die Klage der BfDI gegen den BND auf Einsicht in Präsidentenanordnungen zu CNE-Maßnahmen als unzulässig verworfen. Das Gericht hat also gerade nicht mehr Kontrolle geschaffen, sondern einen Konflikt über Kontrollrechte offen sichtbar gemacht.

    Deshalb lautet die eigentliche Frage für mich nicht: Dürfen wir härter werden? Die wichtigere Frage lautet: Werden wir dadurch sicherer, ohne selbst verwundbarer zu werden?

    Wenn der BND künftig nicht nur aufklärt, sondern aktiv stört, sabotiert und zurückschlägt, dann verändert sich die Institution grundlegend.

    Dann verändert sich auch das Verhältnis von Geheimhaltung, Kontrolle und politischer Verantwortung. Und in Deutschland sollte man bei genau dieser Verschiebung besonders vorsichtig sein.

    Hinzu kommt noch ein zweites Problem, über das in diesem Land viel zu selten gesprochen wird: Unsere digitale Verwundbarkeit entsteht nicht nur durch feindliche Staaten oder Hacker von außen. Sie entsteht durch digitale Lieferketten. In diesem Fall unzählige kleine Software-Bausteine, auf die wir uns im Alltag verlassen, die irgendwo auf der Welt von anderen bereitgestellt werden.

    Beispiel NPM. Dies ist vereinfacht gesagt eine riesige Online-Bibliothek für solche Bausteine. Entwickler laden sich dort fertige Teile herunter, damit sie nicht alles selbst programmieren müssen.
    Axios ist so ein fertiges Teil. Es hilft Programmen dabei, Daten aus dem Internet zu laden oder an Server zu senden. Es ist also kein Nischenprodukt, sondern ein Werkzeug, das in sehr vielen Webseiten, Apps und internen Programmen steckt.

    Genau das macht so einen Fall so gefährlich. Wenn ein weit verbreiteter Baustein heimlich manipuliert wird, dann holen sich unter Umständen sehr viele andere Programme diesen Fehler gleich mit ins Haus. In diesem Fall war zeitweise eine veränderte Version von Axios im Umlauf. Wer sie in diesem Zeitraum eingebaut hat, konnte sich unbemerkt Schadcode auf den Rechner holen.

    Schadcode bedeutet ganz einfach: fremder, schädlicher Code läuft auf dem eigenen Computer, obwohl man das gar nicht will. So etwas kann Passwörter ausspähen, Dateien kopieren, weitere Schadprogramme nachladen oder Angreifern eine Art Hintertür öffnen. Der Rechner arbeitet dann nicht mehr nur für seinen Besitzer, sondern im Zweifel auch für den Angreifer.

    Für Privatleute kann das bedeuten, dass Zugangsdaten, private Nachrichten oder Bankinformationen abgegriffen werden. Doof.
    Für Firmen kann es noch gravierender sein. Dann geht es um Kundendaten, Geschäftsgeheimnisse, Produktionsabläufe oder den Zugriff auf ganze interne Netze. Richtig doof.
    Und bei Verwaltungen steht im schlimmsten Fall noch mehr auf dem Spiel, nämlich sensible Bürgerdaten, die Funktionsfähigkeit staatlicher IT und letztendlich unser aller Sicherheit. Katastrophal!

    Der Punkt ist also: Nicht nur ein direkter Angriff von außen ist gefährlich. Gefährlich ist auch, wenn wir über digitale Lieferketten angreifbar werden. Wenn schon ein kleiner Baustein in einer weit verbreiteten Software so viele andere mitreißen kann, dann zeigt das, wie verletzlich unsere digitale Infrastruktur inzwischen geworden ist.

    Das Entscheidende daran ist nicht nur der technische Ablauf. Entscheidend ist die politische Lehre:

    Axios ist keine obskure Bastelbibliothek von Nerds.
    Es ist ein Grundbaustein moderner Webentwicklung mit zig Millionen Downloads pro Woche.

    Selbst GitHub, eine zentrale Plattform, auf der sehr viele Entwickler weltweit Software verwalten und austauschen, warnte: Wer die betroffene Bibliothek in diesem Zeitraum ganz normal aus dem Netz in sein Projekt übernommen hat, konnte sich dabei unbemerkt Schadcode auf den Rechner holen.

    Wenn so ein Paket kompromittiert wird, dann trifft das nicht nur einzelne Entwickler.
    Dann trifft es Build-Pipelines,
    Unternehmen,
    Behörden
    und am Ende die digitale Infrastruktur selbst.

    Und genau hier berühren sich die Themen BND-Reform und Lieferketten für Softwareprodukte.

    Wenn wir auf hybride Angriffe vor allem mit mehr offensiven Fähigkeiten antworten, geraten wir in dieselbe Spirale wie alle anderen.
    Dann suchen auch wir nach Zero Days um Schadsoftware verbreiten zu können.
    Dann wird jedes fremde System zur potenziellen Waffe.
    Dann wächst der Druck auf genau die offenen Ökosysteme, von denen wir selbst täglich abhängen.

    Nein, die Lehre aus Axios sollte daher nicht sein, Open Source sei das Problem. Die Lehre ist: Wer digitale Souveränität will, muss die Lieferkette härten, Entwickler besser schützen, Abhängigkeiten prüfen, Reproduzierbarkeit fördern und in robuste europäische Software-Ökosysteme investieren.

    Darum wäre mein Schluss ein anderer als der Ruf nach dem härteren Geheimdienst.

    Ja, Deutschland muss sich gegen hybride Angriffe wehren können.
    Ja, ein Auslandsdienst darf nicht blind und zahnlos sein. Aber Sicherheit entsteht nicht nur durch die Fähigkeit zum Gegenschlag. Sie entsteht auch durch Resilienz, durch Kontrolle und durch die Entscheidung, nicht jede Logik des Gegners zu übernehmen.

    Der Auslandsgeheimdienst der Bundesrepublik sollte nicht einfach nur werden wie alle anderen.
    Nein, die Bundesrepublik sollte zeigen, dass ein demokratischer Staat sich verteidigen kann, ohne seine eigenen Grenzen zu verlernen.

    12 min
  • Wenn die Glocken schweigen und Kinderaugen leuchten

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Thorsten Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Episodenbild : Ortsgemeinde Selbach, um 1900

    Es gilt das gesprochene Wort

    Hallo und herzlich willkommen zu dieser österlichen Episode.

    Ich lebe in Selbach (Sieg).

    Einer kleinen Ortsgemeinde in der Verbandsgemeinde Wissen.

    Im Norden von Rheinland-Pfalz.

    Irgendwo zwischen Köln und Siegen.

    Ein ruhiger Ort.

    Ein mir seit 25 Jahren vertrauter Ort.

    Ein Ort mit Herz.

    Und ein Ort mit einem Brauch, der mich jedes Jahr aufs Neue bewegt.

    Das Osterklappern.

    Wenn an den Kartagen die Glocken schweigen, dann wird es bei uns nicht still.

    Dann sind es die Kinder, die man hört.

    Mit ihren Klappern.

    Mit ihrem Rhythmus.

    Mit ihrer Freude.

    Mitten auf den Straßen unseres Dorfes.

    Auch in diesem Jahr sind wieder Kinder losgezogen.

    Begleitet von Erwachsenen.

    Gemeinsam.

    Schritt für Schritt.

    Klappern für Klappern.

    Ein altes Zeichen.

    Ein alter Klang.

    Und doch jedes Jahr wieder ganz lebendig.

    Heute bin ich mit dem Auto an ihnen vorbeigefahren.

    An den Kindern.

    An ihren Begleitern.

    Und ich habe in diese leuchtenden Augen geschaut.

    Das war so ein Moment, der einen nicht loslässt.

    Da war Freude.

    Echte Freude.

    Da war Stolz.

    Da war Aufregung.

    Und da war dieses wunderbare Gefühl, dass etwas weiterlebt.

    Nicht einfach in Büchern.

    Nicht in Erzählungen allein.

    Sondern genau hier.

    Auf unseren Straßen.

    In unseren Familien.

    In unseren Kindern.

    Ich glaube, genau das hat mich so berührt.

    Denn wir leben in einer Zeit, in der vieles schnell vergeht.

    Vieles wird ersetzt.

    Vieles wird einfach vergessen.

    Aber dann gibt es diese Augenblicke.

    Diese einfachen.

    Diese still großen.

    Kinder gehen los.

    Erwachsene gehen mit.

    Das Dorf hört hin.

    Und für einen Moment spürt man ganz deutlich:

    Tradition muss nichts Verstaubtes sein.

    Tradition kann etwas Lebendiges sein.

    Etwas, das von Herz zu Herz weitergegeben wird.

    Das Osterklappern ist bei uns nicht nur ein Brauch.

    Es ist Erinnerung.

    Es ist Gemeinschaft.

    Es ist ein Stück Heimat.

    „Heimat“ in Deutschland ein ambivalenter Begriff.

    Für viele klingt er warm, nah und persönlich.

    Für viele andere ist er historisch und politisch belastet.

    Schwierig wird der Begriff auch, weil er oft nicht nur Zugehörigkeit beschreibt, sondern Grenzen zieht.

    Ich tue mich daher mit dem Begriff „Heimat“ schon seit Kinderzeiten schwer.

    Unsere Autorin Yael Gabriel Gwynnyth Spengler lehnt den Begriff völlig ab.

    Aber vielleicht ist Heimat manchmal genau das:

    Ein Klang, den man seit langem kennt.

    Ein Weg durchs Dorf.

    Ein alter Brauch.

    Und Kinder, die ihn mit leuchtenden Augen in die Zukunft tragen.

    Mich bewegt das Geräusch der Klappern.

    Weil er so viel erzählt.

    Ohne große Worte.

    Er erzählt davon, dass nicht alles verloren geht.

    Er erzählt davon, dass Gemeinschaft noch da ist.

    Er erzählt davon, dass Tradition dann weiterlebt, wenn Menschen sie fortführen.

    Und genau das konnte man heute sehen.

    In jedem Schritt.

    In jedem Blick.

    In jedem Klappern.

    Ich finde es wunderschön, dass sich so ein Brauch gehalten hat.

    Und noch schöner finde ich, dass er weitergetragen wird.

    Selbach ist vielleicht ein kleiner Ort.

    Aber in solchen Momenten zeigt sich, wie groß ein kleines Dorf sein kann.

    Nicht ausgrenzend, sondern verbindend durch ein Geräusch.

    Ein richtiges Stück Heimat.

    Thorsten Siefert für netkiosk.digital

    5 min
  • Verhütung - hier kann man helfen!

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Es ist eine der schönsten Beschäftigungen der Welt. Nichts wird von der Erfahrung übertroffen, die zwei Menschen, gerne auch eine beliebige Anzahl darüber hinaus, machen dürfen, wenn sie sich gegenseitig an ihren Körpern erfreuen. Es geht um Sex. Und das vorab: Auch im Alter lässt er sich nicht durch noch so exquisite Mahlzeiten vollständig ersetzen. Das ist gut so.

    Die gesundheitlichen Vorteile dieses großartigen Zeitvertreibs sind unumstritten. Egal ob allein, zu zweit, zu mehreren: Sex erleichtert das Einschlafen und kann zur Verbesserung von Schlafstörungen beitragen. Er wirkt außerdem stress- sowie schmerzmindernd, praktizierter Sex reduziert die Wahrscheinlichkeit Prostatakrebs zu entwickeln und kann die Fruchtbarkeit steigern.

    Bei Frauen fördert guter Sex die Herzgesundheit und verringert das Risiko von Bluthochdruck. Lediglich ältere Männer sollten etwas vorsichtig sein, bei ihnen besteht die Möglichkeit, dass sie dadurch Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln.

    Und wie oft sollte man nun zwischenmenschliche Intimität genießen? Für Partnerschaften gilt: Einmal in der Woche ist gut für das Wohlbefinden, mehr bringt nicht mehr. Pauschal kann man solche Aussagen allerdings nicht treffen und regelmäßiger wöchentlicher Sex ist auch kein Garant für eine gelungene Beziehung. Lebensumstände, individuelle Bedürfnisse oder auch Lust sind nur einige Faktoren, die mitbestimmen, wie häufig man sich näher kommt. Jetzt wissen Sie Bescheid.

    Nun habe ich davon gehört, dass vornehmlich bei heterosexuellen Paaren in einer bestimmten Altersgruppe die Bedeutung zuverlässiger Verhütungspraxen als vorteilhaft empfunden wird. Nur durch deren Anwendung lässt sich recht sicher gewährleisten, dass die Freude zu Zweit nach absehbarer Zeit nicht einen neuen Menschen in die Beziehung eintreten lässt, dessen Dasein den bisherigen Lebensstil eines Paares nachhaltig verändert. Zuverlässig.

    Wenn man also nicht mit Absicht in die Phase der Reproduktion eintreten möchte, muss man aufpassen, was nicht im wörtlichen Sinne gemeint ist, schon weil es meist nicht hilft. Die für ein Paar geeigneten Verhütungsmittel und -wege müssen gefunden werden, sie sollen praktikabel sein und bestenfalls die Verantwortung nicht nur auf einen Beziehungspartner verlagern. Beide sind gefordert ihren Beitrag zu leisten.

    Doch Verhütung gibt es nur gegen Geld. In der Bundesrepublik ist das genau reguliert. Bis zum 22. Lebensjahr werden die Kosten für Verhütungsmittel von den gesetzlichen Krankenkassen zuverlässig übernommen. Für die Zeit danach existieren Regelungen, die von medizinischen Indikationen ausgehend weitere Leistungen der Kassen ermöglichen.

    Grundsätzlich aber gilt, dass man nun selbst für die Kosten aufkommen muss. Menschen mit geringem Einkommen trifft das mitunter hart. Für sie hängt sehr viel davon ab, wo sie leben. Sowohl Kommunen, Gesundheitsämter als auch ProFamilia können geeignete Ansprechpartner sein, wenn ihnen entsprechende finanzielle Mittel zu diesem Zweck zugewiesen wurden. Man muss sich also kümmern.

    In einigen Großstädten erhalten Empfänger staatlicher Unterstützungsangebote zuverlässig kostenlose Verhütungsmittel. Aber nicht nur dort. Fragen Sie bei der Verwaltung Ihrer Gemeinde oder Stadt nach.

    Letzte Woche erreichte uns aus dem NDR-Studio Norderstedt eine in diesem Zusammenhang doch erstaunliche Meldung: Menschen mit geringem Einkommen im Landkreis Segeberg konnten bisher für die benötigten Verhütungsmittel eine Kostenübernahme bei pro familia beantragen. Diese Regelung wird es ab Juni nicht mehr geben. Im Kreistag zu Segeberg beschloss eine Mehrheit aus CDU und AfD die bisherige Praxis nun zu beenden, gegen die Stimmen aller anderen Parteien übrigens. Lina Jenner, Fachreferentin von pro familia in Schleswig-Holstein, formulierte gegenüber dem NDR sehr treffend, dass dies ein Rückschritt für die Gleichberechtigung und reproduktive Selbstbestimmung sei.

    Erschreckend ist bereits die politische Dimension – hier zeigt sich eine unübersehbare Schnittmenge zwischen CDU und AfD. Das Entstehen einer solchen Mehrheit und wie schnell sich konservative Haltungen als ergänzend wahrnehmen können und dann Entscheidungen treffen, die sich auf das Leben von vielen Menschen in höchstem Maße nachteilig auswirken, das alles ist schon bedenklich, kommt aber nicht vollkommen überraschend.

    Schlimmer allerdings: Wie in vielen anderen Situationen in der Bundesrepublik – denken wir nur an die Reform, die aus dem Bürgergeld nun zum 1. Juli 2026 die Grundsicherung werden lässt – sind es erneut unterstützungsbedürftige Menschen, denen etwas genommen wird. Nämlich ein Stück Würde. Die Möglichkeit, seine Sexualität auszuleben, zu genießen, gehört zur Würde des Menschen eindeutig dazu, die das Grundgesetz in seinem ersten Artikel garantiert.

    Es ist weder im Interesse der Beteiligten, noch in dem des Staates, dass durch nicht geschützten Sex ungewollt Kinder in die Welt kommen. Nur zu oft erfahren und erleben diese, dass sie genau das sind: ungewollt, unerwünscht. Wenn man also weiter denkt, beschädigt diese Entscheidung von CDU und AfD, wie sie im Kreistag Segeberg getroffen wurde, nicht nur die Würde der interagierenden Geschlechtspartner, die sich ein Verhütungsmittel tatsächlich nicht leisten können. Nein, auch die Würde derer, die also in Folge und von ihren Eltern unbeabsichtigt ein Menschenleben beginnen werden, wird mit ihrem Eintreten in die bundesrepublikanische Gesellschaft und deren antiquiert bürgerlichen Moralvorstellungen verletzt.

    Aus all dem kann sich nur eine Forderung ergeben: Die Aufgabe des Sozialstaates muss es folglich sein, allen unterstützungsbedürftigen Bürgern den kostenfreien Zugang zu benötigten Verhütungsmitteln ein Sexualleben lang zu ermöglichen. Nicht nur, um ein hoffentlich befriedigendes gemeinsames Erlebnis ohne die Angst vor nicht erwünschten Konsequenzen zu gewährleisten, auch im Feld der Gesunderhaltung sowie des Gesundheitsschutzes – denken wir an sexuell übertragbare Krankheiten – ergäben sich Vorteile. Die Würde der Betroffenen – bezogen auf zumindest diese Angelegenheit – sie wäre gewährleistet und ein Versprechen der bundesrepublikanischen Verfassung eingelöst.

    8 min
  • Fragwürdige Begleitung

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Begleitetes Fahren – einst eine Initiative des niedersächsischen Verkehrsministers Walter Hirche – hat sich bewährt. Junge Fahrer verursachen, dies belegt zum Beispiel eine Studie der HUK-Coburg von 2022, deutlich weniger Schäden als zuvor. 

    Begleitung und Unterstützung von älteren Menschen, beim Einkaufen, im Haushalt, da wo sie gebraucht wird. Eine sinnvolle Sache. Oder die Begleitung von Schülern bei ihren ersten Schritten in einer weiterführenden Schule durch Tutoren, also ältere Mitschüler. Sie lässt den Anfang eines neuen Lebensabschnitts der Neuankömmlinge gut gelingen. Folgeschluss: Die Begleitung durch ältere, erfahrene oder bereits in bestimmten Feldern kompetente Mitmenschen in diversen Lebenslagen ist wünschenswert, sinnvoll und hilfreich. 

    In allen Lebenslagen? Und wie ist das mit dem begleitenden Trinken? Tatsächlich steht darüber etwas im Jugendschutzgesetz und das seit dem Jahr 1952. Demnach ist der Konsum von Bier, Wein und Schaumwein durch 14 jährige in Begleitung durch Sorgeberechtigte legal, zulässig, also tatsächlich möglich.

    Diese Regelung war und ist weder zeitgemäß noch klug. Längst weiß man, dass sich junge Menschen bis in die 20er Lebensjahre hinein noch entwickeln. Umbauprozesse im Gehirn sind weder mit 16 noch mit 18 Jahren beendet. Und Alkohol stört dabei ganz empfindlich: Das Gedächtnis, die Impulskontrolle und die emotionale Entwicklung werden negativ beeinflusst. Vorliegende neurowissenschaftliche Studien bestätigen dies. Drogen, und Alkohol ist eine solche, schaden der Entwicklung, erzeugen Abhängigkeiten, die ggf. in Kriminalisierung und Abdrängung der Betroffenen an den Rand der Gesellschaft führen. 

    Davon ganz abgesehen:  Die Gesamtkosten, die durch Alkoholmissbrauch entstehen, belaufen sich jährlich in der Bundesrepublik auf etwa 57 Milliarden Euro, ca. 74.000 Menschen sterben Jahr für Jahr an den Folgen der Alkoholsucht. 

    Zurück zu der noch geltenden Regelung des begleiteten Trinkens. Das Argument: Wenn die Eltern dabei sind, dann ist doch alles unter Kontrolle. Falsch. Das Gegenteil belegt eine im Mai 2025 veröffentlichte Studie aus der Reihe “Addictive Behaviours”. Untersucht wurden die Auswirkungen des Trinkens von Alkohol mit elterlicher Zustimmung. Ergebnis: Es ist gefährlich und das sogar unabhängig vom Alter der jungen Menschen. 

    Eine weitere Folge: Unbeherrschter Umgang mit der Droge. Dies wurde zum Beispiel durch eine Befragung des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit aus dem Jahr 2023 deutlich. Interviewt wurden Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren. Besonders interessant sind diese Ergebnisse: 28,9 % der 18 bis 25 jährigen trinken regelmäßig. 13,8 Prozent der Befragten erleben einmal im Monat einen Alkoholrausch. Vielleicht nur ein bisschen trinken? Nein, denn laut der WHO ist die Menge der aufgenommenen Droge Alkohol insofern nicht relevant, als dass schon der denkbar geringste Konsum schädlich ist und das für jeden Menschen. 

    Bereits im Jahr 2024 nahm die Gesundheitsministerkonferenz die Abschaffung der bisherigen Regelung im Jugendschutzgesetz auf ihre Agenda. Im Juni 2025 erneute sie ihre Forderung gegenüber dem Bund, das Gesetz zu ändern. Unterstützt wird diese durch die jetzige Bundesgesundheitsministerin Prien und auch durch den Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Henning Streek. 

    Mehrheitlich sind ebenso die Menschen im Land dafür. Eine im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse durchgeführte Umfrage durch das Meinungsforschungsinstitut forsa zeigt das deutlich: 65% der Befragten waren für eine Aufhebung der bisherigen Regelung. 

    Der Auftrag an die Bundesregierung: Das begleitete Trinken entlegalisieren. In diesem Zusammenhang sowie vor dem Hintergrund vorliegender Forschungsergebnisse und wenn man sich schon einmal dem Thema widmet, könnte man darüber nachdenken, ob das Trinken von Alkohol erst ab dem 18. Lebensjahr erlaubt werden soll. Denn wenn man ein Verhalten nicht vollständig untersagen kann, lässt sich durch Einschränkungen ggf. etwas retten. Nein, nicht etwas. Es geht um Menschen. Sie vor einer Sucht zu bewahren, die sie in ein menschenunwürdiges Leben abdrängt und ihnen letztlich häufig den Tod bringt.

    6 min
  • Digitale Steinzeit in der Arztpraxis?

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Thorsten Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Es gilt das gesprochene Wort

    Ich war in den letzten Monaten oft in Arztpraxen.

    Warum, spielt keine Rolle.

    Was aber eine Rolle spielt, ist das hier:

    Ich konnte viele Blicke auf die Software werfen, die dort benutzt wird.

    Und nein, das ist keine Studie.

    Das ist keine repräsentative Erhebung.

    Es ist nur mein subjektiver Eindruck.

    Aber dieser Eindruck war ziemlich eindeutig.

    Kaum eine Arzthelferin wirkte wirklich zufrieden mit der Software.

    Nicht entspannt.

    Nicht überzeugt.

    Eher genervt.

    So, als müsste man sich jeden einfachen Arbeitsschritt mühsam erkämpfen.

    Kleines Beispiel gefällig?

    Der 2D-Code auf Medikationsplänen.

    Bei keinem meiner Besuche konnte dieser Code gelesen werden.

    Kein schneller Import.

    Kein sauberer digitaler Ablauf.

    Stattdessen mussten Medikamente teils manuell eingetippt werden.

    Über die Tastatur.

    Zeile für Zeile.

    Wie in der digitalen Steinzeit.

    Und genau da beginnt das eigentliche Problem.

    Denn schlechte Software ist nicht nur unbequem.

    Sie ist nicht nur langsam.

    Sie ist nicht nur ein Nervfaktor.

    Sie kann auch gefährlich werden.

    Vor ein paar Tagen bin ich auf einen Beitrag zu Sicherheitsmängeln bei Gesundheitssoftware gestoßen.

    Darin geht es um Praxisverwaltungssysteme.

    Also um genau die Software, auf die Arztpraxen jeden Tag angewiesen sind.

    Und der Befund ist unerquicklich.

    Bei drei von vier getesteten Praxisverwaltungssystemen konnten Schwachstellen so kombiniert werden, dass Angriffe aus dem Internet möglich waren.

    Genannt werden unter anderem fehlende Verschlüsselung bei der Datenübertragung, veraltete Kryptografie und mangelhafte Authentifizierung.

    Das ist der Moment, in dem aus Frust ein echtes Risiko wird.

    Denn wenn eine Software schon im Alltag nicht sauber funktioniert, dann stellt sich sofort die nächste Frage:

    Wie gut ist sie dort, wo man es nicht direkt sieht?

    Bei Updates.

    Bei Berechtigungen.

    Bei Protokollen.

    Bei Schnittstellen.

    Bei der Absicherung von Patientendaten.

    Und dann kommt noch die zweite schlechte Nachricht dazu.

    Der aktuelle M-Trends-Bericht von Mandiant beschreibt, dass Angreifer länger unentdeckt in kompromittierten Systemen bleiben.

    Die globale mittlere Verweildauer stieg von 11 auf 14 Tage.

    Bei bestimmten Spionagefällen lag sie sogar bei 122 Tagen.

    Und die Zeit zwischen Erstzugang und Übergabe an weitere Angreifer schrumpfte laut Bericht auf nur noch 22 Sekunden.

    Das heißt übersetzt:

    Wenn Systeme schwach sind, und wenn Angriffe länger unbemerkt bleiben, dann wächst das Risiko im Stillen.

    Nicht laut.

    Nicht spektakulär.

    Sondern leise.

    Tag für Tag.

    Gerade in Arztpraxen ist das hochsensibel.

    Dort liegen keine belanglosen Daten.

    Dort liegen Diagnosen.

    Medikationspläne.

    Befunde.

    Verläufe.

    Also Informationen, die zutiefst privat sind.

    Und trotzdem erleben wir oft eine digitale Realität, die an den falschen Stellen modern und an den entscheidenden Stellen brüchig wirkt.

    Da wird von Entscheidern über digitale Gesundheitsversorgung gesprochen.

    Über Vernetzung.

    Über Effizienz.

    Über Fortschritt.

    Aber am Empfang scheitert schon das Einlesen eines 2D-Codes.

    Vielleicht ist genau das die ehrlichste Beschreibung des Problems.

    Wir haben nicht zu wenig Digitalisierung.

    Wir haben zu oft schlechte Digitalisierung.

    Und das ist ein Unterschied.

    Denn Digitalisierung darf nicht bedeuten, dass Papier einfach durch schlechte Software ersetzt wird.

    Digitalisierung muss besser sein.

    Schneller.

    Sicherer.

    Robuster.

    Und vor allem benutzbar.

    Für die Menschen, die jeden Tag damit arbeiten.

    Denn was heute in vielen Praxen passiert, ist etwas anderes.

    Die Mitarbeiterinnen improvisieren.

    Sie umgehen Fehler.

    Sie gleichen Brüche im System mit Erfahrung und Geduld aus.

    Sie tippen Dinge ab, die längst automatisch laufen müssten.

    Sie halten mit ihrem Einsatz einen digitalen Alltag zusammen, der technisch viel stabiler sein müsste.

    Und genau das ist der eigentliche Skandal.

    Nicht, dass mal etwas hakt.

    Sondern dass man sich daran gewöhnt hat.

    Dass schlechte Software als normal gilt.

    Dass Reibungsverluste als unvermeidbar hingenommen werden.

    Und dass man erst dann genauer hinschaut, wenn es nicht mehr nur um Nerven geht, sondern um Sicherheit.

    Am Ende bekommen wir sonst das Schlechteste aus zwei Welten.

    Die Langsamkeit des Analogen.

    Und die Verwundbarkeit des Digitalen.

    Mein Eindruck aus den letzten Monaten ist deshalb ziemlich klar:

    Das Problem ist nicht, dass Arztpraxen digital arbeiten.

    Das Problem ist, dass sie zu oft mit Software arbeiten müssen, die diesen Anspruch nicht erfüllt.

    Und das ist kein Randthema.

    Es ist eine Frage von Zeit.

    Von Belastung.

    Von Versorgung.

    Und am Ende auch von Vertrauen.

    Das ist auch keine Frage von Kassen- oder Privatpatient. Die Verwaltung läuft über die selben Softwaren.

    Wer seine Gesundheit einem System anvertraut, muss sich darauf verlassen können, dass dieses System funktioniert.

    Und dass es geschützt ist.

    Beides scheint derzeit zu oft nicht der Fall zu sein.

    Thorsten Siefert für netkiosk.digital

    7 min
  • Vom Experiment zum Organisationsmodell

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Thorsten Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Es gilt das gesprochene Wort

    Wir reden über KI oft so, als ginge es nur um Tools. Um Chatbots. Um bessere Suchfunktionen. Um schnellere Texte. Aber genau das reicht nicht mehr.

    KI ist gerade dabei, vom Experiment zum Organisationsmodell zu werden. Und das sieht man besonders gut, wenn man drei Entwicklungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, einfach mal zusammenlegt:

    –       Ein US-Tech-Riese prüft einen massiven Stellenabbau,

    –       in New York, USA, entsteht neuer Regulierungsdruck für KI in der Rechtsberatung,

    –       und in Deutschland wird KI im Job deutlich häufiger genutzt.

    Bevor wir uns New York und Meta zu wenden noch eine wichtige Einordnung: New York ist nicht die USA. Und der US-Tech-Riese Meta ist nicht der amerikanische Arbeitsmarkt

    Fangen wir mit dem Stellenabbau bei Meta an. Dort geht es längst nicht mehr nur um Innovation. Es geht um Struktur.

    Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Meta einen Stellenabbau von 20 Prozent oder mehr prüft.

    Hintergrund sind hohe Ausgaben für KI-Infrastruktur und die Erwartung, dass KI-gestützte Arbeit produktiver wird.

    Meta hatte Ende Dezember rund 79.000 Beschäftigte. Wenn der Plan so kommt, wäre das der größte Einschnitt seit 2022 und 2023. Meta selbst weist den Bericht als spekulativ zurück.

    Ja, mir ist bewusst, dass der Fall Meta mehr ein Symbol, als empirisch stabiles Fundament ist. Aber schon die Logik hinter diesem Fall ist bemerkenswert: KI wird hier nicht als Zusatz verstanden, sondern als Hebel für eine andere Organisation mit weniger Menschen und mehr Automatisierung. War zu erwarten, oder?

    Wenden wir uns New York zu.

    Dort wird über Regeln für KI in der Rechtsberatung diskutiert.

    Laut beck-aktuell, ein juristisches Nachrichten- und Analyseportal des C.H. Beck-Verlags, soll es nicht reichen, Nutzer nur darauf hinzuweisen, dass sie mit einem Chatbot sprechen.

    Der Entwurf zielt darauf, unzulässige Rechtsberatung einzudämmen, Haftung klarer zu regeln und den Umgang mit Verzerrungen, also Bias, ernster zu nehmen. Das ist wichtig. Denn es zeigt: Selbst im Land der Tech-Euphorie wächst der Druck, Grenzen zu definieren. Nicht überall. Nicht pauschal. Aber sichtbar. War das zu erwarten?

    Und jetzt der Blick nach Deutschland.

    Der ist deshalb so interessant, weil hier oft behauptet wird, Regulierung bremse alles aus. Die Zahlen aus dem McKinsey-„HR-Monitor 2026“, die über dpa und ZEIT berichtet wurden, erzählen zumindest ein komplexeres Bild.

    In Deutschland hat sich die regelmäßige Nutzung von KI-Tools am Arbeitsplatz binnen eines Jahres von 19 auf 38 Prozent verdoppelt. Die tägliche Nutzung stieg von 7 auf 16 Prozent. In den USA dagegen sank die regelmäßige Nutzung im selben Zeitraum von 64 auf 47 Prozent.

    Die tägliche Nutzung fiel von 32 auf 22 Prozent. McKinsey führt das unter anderem darauf zurück, dass KI dort oft nicht sauber in Prozesse eingebettet und die Belegschaft nicht ausreichend qualifiziert wurde.

    Zugleich bieten in den USA nur noch 31 Prozent der Unternehmen spezifische KI-Weiterbildungen an. In Deutschland sind es immerhin 28 Prozent, auch wenn 14 Prozent der Unternehmen KI noch komplett verbieten.

    Genau hier wird es spannend. Wie in der Industriellen Revolution geht es auch bei KI nicht nur um neue Werkzeuge, sondern um die Neuorganisation von Arbeit. Der eigentliche Umbruch entsteht nicht durch die Technologie allein, sondern durch die Art, wie Unternehmen Prozesse, Verantwortlichkeiten und Qualifikationen um sie herum neu ordnen.

    Die entscheidende Frage lautet also nicht nur: Wer baut die besten Modelle?

    Die viel wichtigere Frage ist: Wer baut die tragfähigeren Organisationen!

    Wer KI einfach nur freischaltet, hat noch keine Transformation geschafft.

    Wer Stellen abbaut, ohne Verantwortung, Haftung, Weiterbildung und Prozessdesign mitzudenken, macht aus KI vor allem ein Sparprogramm.

    Und wer Regulierung nur als Bürokratie verspottet, übersieht, dass fehlende Regeln am Ende oft durch Krisen, Fehlanwendungen und Vertrauensverluste ersetzt werden.

    Aus meiner Sicht ist deshalb ein anderer Weg plausibler. Die EU hat mit dem AI Act früh einen Rahmen gesetzt. Die Verordnung ist am 1. August 2024 in Kraft getreten. Sie gilt stufenweise. Verbote bestimmter KI-Praktiken und Pflichten zur KI-Kompetenz greifen schon seit Februar 2025.

    Voll anwendbar wird der Rechtsrahmen grundsätzlich ab dem 2. August 2026, mit weiteren Übergängen für einzelne Bereiche. Aktuell wird aber diskutiert, dieses Startdatum zu verschieben. Böse Bürokratie halt.

    Der Ansatz der KI-VO ist risikobasiert.

    Er soll Innovation ermöglichen, aber eben nicht ohne Schutz für Grundrechte, Sicherheit und Transparenz. Das ist nicht perfekt. Aber es ist mehr als Bürokratie. Es ist der Versuch, KI nicht nur technisch, sondern institutionell beherrschbar zu machen.

    Deshalb würde ich die Frage „Einfach mal machen lassen oder Leitplanken setzen und dann machen?“ im Moment so beantworten: Leitplanken setzen und dann machen.

    Nicht, weil Europa automatisch recht hat. Und nicht, weil die USA automatisch falsch liegen. Sondern weil die ersten Signale dafür sprechen, dass nachhaltige KI-Nutzung mehr braucht als Tempo.

    Sie braucht Regeln.

    Sie braucht Verantwortlichkeiten.

    Sie braucht Training.

    Und sie braucht Organisationen, die KI nicht nur einkaufen, sondern sinnvoll einbauen.

    Deutschland zeigt gerade, dass Nutzung auch unter Regulierung wachsen kann. Entwicklungen in den USA zeigen gleichzeitig, dass frühe Euphorie nicht automatisch in stabile Anwendung übersetzt wird.

    Wer KI wirklich groß machen will, muss sie organisieren. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Experiment und einem Organisationsmodell.

    Thorsten Siefert für netkiosk.digital“

    8 min
  • Wenn der Lack erstmal drauf ist, ist er drauf

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Überraschend. Ich hätte damit nicht gerechnet. Eine kleine Veränderung des Äußeren sorgt dafür, dass sich die Wahrnehmung der Umwelt von einer Person nochmal nachhaltig zu ändern scheint. Festmachen kann man das nur an den Reaktionen der Menschen: Blicke, Kopfschütteln, Aufmerksammachen, konsterniertes Staunen, Gaffen, Kopfschütteln, dümmliches Grinsen, Empörung und mehr.

    Vor etwa anderthalb Jahren habe ich begonnen mein Äußeres zu verändern. Bunter, vielfältiger, weiblicher. Aus einer grauen, schwulen Maus wurde eine ziemlich farbenfrohe, die Aufmerksamkeit auf sich ziehende “moderne Frau der Zukunft”. Im Juli letzten Jahres folgte dann der Wechsel meines Geschlechter-Eintrags. Seitdem bin ich “ohne Geschlecht” in der Welt unterwegs.

    In einer Gesellschaft, die nach wie vor in allen Lebensbereichen von Männern dominiert wird, erschien mir dieser Schritt zwangsläufig und logisch zu sein. Weder männlich, weiblich, noch divers als Label drücken das aus, was mir wichtig ist: Nur in einer Welt, in der Geschlechterbezeichnungen und -zuordnungen keine mehr so hervorragende Rolle spielen wie heute, ist Gleichberechtigung erreichbar. Das scheint mir der richtige, zukunftsweisende Weg zu sein. Und kleiden darf man sich jederzeit und so, wie man sich gerade fühlt. Unabhängig davon, ob die Natur einen mit einem Pipi oder einer Vagnia oder etwas dazwischen, möglicherweise mit gänzlich Neuem versehen hat.

    Zurück zum Outfit. Es ist nicht so einfach, einen Stil zu finden, der zu einem passt. Und wenn ich mir Bilder von mir aus den letzten anderthalb Jahren anschaue, dann staune ich mitunter. Was habe ich alles ausprobiert, neu kombiniert und wieder verworfen. Es hat einen ungeheuren Spaß gemacht, das ist noch heute unverändert so. Es haben sich zwei Linien herausgebildet: Der Auftritt der etwas eleganteren, alternden Dame, die ich eher selten austrage, eben dann, wenn ich sie gerade fühle. Häufiger komme ich als die bunte Alte, bei der auch mal so gar nichts zusammenpassen darf. Mit ihr bin ich am Liebsten in der Welt unterwegs, sie ist ich, ich bin sie, wir sind eine Wohlfühlgemeinschaft.

    Und die Umwelt: Sie hat sich nach und nach daran gewöhnt, dass hier jemand Schrilles mit dem Einkaufswagen durch den Supermarkt, über den Parkplatz, in die Arztpraxis oder sonst wohin trollt. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin nach und nach Teil des “Straßenbildes” geworden, immer noch irgendwie anders, aber irgendwie dazugehörig. Für einige Mitmenschen zumindest, längst nicht für alle.

    Und dann – ich berichtete bereits in einem anderen Beitrag ausführlich darüber – wendete ich mich einer weiteren Dimension des “Schmuck-seins” zu, dem Tragen von möglichst auffälligem, viel farbigem Nagellack.

    Erstaunlich. Dieser von mir prominent in den Gesamtauftritt eingebettete Nagellack scheint einen großen Teil der Umwelt in seiner Wirkung mitunter zu überfordern. Diese hatte sich an die bunten Oberteile, einzigartigen Ketten, erstaunlichen Hüte, frohen Kappen und dazu farblich mehr oder minder abgestimmten Hosen – im Gesamtbild immer eher weiblich betont – offenbar gewöhnt. Aber knallige Fingernägel, dazu noch in unterschiedlichen Farben, das scheint doch etwas zu viel des Zumutbaren für manchen zu sein.

    Stellen Sie sich vor, sie werden von ihrem Gegenüber gescannt. Der Blick – ich finde das urkomisch und komme mitunter aus dem Grinsen nicht heraus – bleibt neuerdings final an den Fingernägeln hängen. An genau dieser Stelle scheint das Urteil über mich noch einmal verstärkt zu werden. Aus “unmöglich” wird ein “ziemlich unmöglich”, aus dem “Kopfschütteln” eine energische Variante desselben. Personen, die sich abwenden, tun dies noch demonstrativer als sonst. Manch einer grummelt einen Kommentar, der leider zu undeutlich ist, um darauf reagieren zu können. Aus einem an mir vorbeifahrenden Auto auf einem Parkplatz hörte ich unlängst Bekundungen des Ekels, lautmalerisch und unüberhörbar vorgetragen.

    Und diejenigen, die mich so mögen und akzeptieren, wie ich ihnen begegne, sind begeistert. Sie sprechen mich immer wieder an, schenken mir ein Lächeln, fragen nach. Nie in meinem Leben zuvor habe ich so viele zufällige und erfreuliche Gespräche führen dürfen wie heute. Gespräche mit Menschen, von denen es so viele gibt, die offen sind für Neues, die den anderen so lassen, wie sie oder er oder es eben sind. Menschen, die ihr Gegenüber nicht tolerieren, sondern selbstverständlich annehmen und akzeptieren. Wie schön, dass es sie gibt, wie schön, dass es uns gibt.

    7 min
  • Neu im Neo-Land

    Autor, Sprecher und Episodenbild

    Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

    Technik und Gestaltung

    Thorsten Siefert

    Das Auspacken neuer Technik, ich zelebriere es gerne, Schritt für Schritt, feierlich, ganz für mich. Freitagabend letzter Woche traf das MacBook Neo ein, zusammen mit meinem Freund Alex. Wir saßen uns am Esstisch gegenüber und er forderte mich auf, die Verpackung zu öffnen. “Nein, später”, entgegnete ich. Und dann – Alex hatte die zitrusgelbe Neuanschaffung schließlich aus dem AppleStore Düsseldorf bei strömendem Regen gerettet und war darauf im Detail genauso neugierig wie ich – drehte ich die Verpackung um, um die Öffnungsstreifen abzuziehen. Da legte sich eine Hand über die meine. “Für wen machst du das jetzt? Nicht für mich”, sagte Alex. “Für mich”, log ich freundlich lächelnd. 

    Aus der Box befreit lag es dann vor uns, das Gerät fühlt sich so an, wie es heißt, Neo eben. Es erinnert mich ganz stark an mein zweites MacBook, das Weiße in Polycarbonat-Ausführung mit irgendeinem Intel Chip darin. Es fasst sich auch irgendwie genauso an, so rund. So selbstverständlich und organisch. Fast zum Liebhaben. Wie selbstverständlich startete das nagelneue Neo mit dem vertrauten Gong, eine kurze Reise durch die Einrichtung, ein Update und es konnte losgehen. Der bekannte Hello-Schriftzug lief über den Bildschirm, alles war bereit.

    Das Faszinierende: Für die Hälfte des Preises des bisherigen Einsteigermodells MacBook Air erhält man hier genau das, was man zum täglichen Arbeiten braucht. Und wie bei den anderen Geräten von Apple ist man dank AppleID sofort zuhause, findet seine Texte, Bilder und weitere Dateien am gewohnten Platz vor, man muss nichts mehr aufwändig einrichten. 

    Die Leistung: Keine Abstriche aus meiner Perspektive, der eines einfachen Anwenders. Der A18Pro liegt im Single-Core-Betrieb deutlich über dem M1 und reicht fast an den M3 heran.  Alles, was ich an Programmen nutze, läuft flüssig. Die Qualität: Gewohnt hoch. Der Bildschirm in Retina-Auflösung, das sehr gute Keyboard, ein sauber verarbeitetes Alugehäuse, einfach top. Ja, die Tastatur hat keine Hintergrundbeleuchtung. Das Trackpad ist mechanisch, nur eine USB-Buchse einigermaßen leistungsfähig, von Thunderbolt keine Spur. Das alles stört mich nicht im Geringsten. Nichts von den Features, die Apple weggelassen hat, mindert die AppleExperience im alltäglichen Gebrauch. 

    Störendes? Hmm. Bislang nicht. Der Ladevorgang mit maximal 30 Watt ist schon etwas zeitraubend. Zwei Stunden kann es dauern, bis 100% der Akkukapazität erreicht sind. Dafür verbraucht das Neo so wenig Energie, das es nur selten in die Nähe einer Steckdose muss. Aber ich nehme auch mit meinen anderen Devices – und da sind einige Schnelllader dabei – nicht an der Energieübertragungsolympiade teil. So wie ich mich jede Nacht in Ruhe regeneriere – wer möchte schon gerne Schnellschläfer sein – gönne ich es ihnen, sich gemählich Saft aus dem Netz ziehen. Den Akkus schadet das sicher nicht. 

    Ich hoffe sehr, dass das Neo zu dem wird, was ich mir von meinem Lieblingscomputerhersteller schon lange gewünscht habe: Ein Türöffner für all jene Menschen, die aufgrund der Preisgestaltung bislang Abstand von Apple und seinen wirklich unfassbar einfach zu bedienenden und langlebigen Endgeräten gehalten haben. Dies ist der optimale Moment für einen Wechsel aus der Welt der überteuerten Plastik-Notebooks mit miserablen Bildschirmen, durchdrückbaren Tastaturen, klapprigen Trackpads samt eines Betriebssystems von Microsoft, das in seiner 11. Version charakterlich einem Werbewochenblättchen sehr nahe kommt. Letzteres kann man unbesorgt dem Altpapier zuführen, mit einem 600€-Notebook wird das kein vernünftiger Mensch tun und sich stattdessen über einige Jahre damit herumärgern müssen. 

    Und darüber würde ich mich freuen: Das Neo finden Sie im Elektronikmarkt Ihrer Wahl zum Ausprobieren, vielleicht gibt es ja in Ihrer Stadt sogar einen Apple Store. Testen Sie das Neo, machen Sie sich selbst ein Bild von dem Einstiegsangebot der Kalifornier. Sie können hier nichts falsch machen. Als ich 2006 meinen ersten iMac von Amazon geliefert bekam – vorher hatte ich einen furchtbaren Streit mit Windows Vista gehabt und spontan meinen ersten Apple-Computer bestellt – war ich durchaus ein wenig unsicher dahingehend, wie das Arbeiten damit nun werden würde. Lassen Sie es mich so sagen: Es wurde super gut und das wird es auch bei Ihnen werden. Indigo, silber, rosa oder zitrusgelb, Sie haben die Wahl.

    7 min

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