netkiosk.digital

Ostern, Ostern halt so!


Listen Later

Autor, Sprecher und Episodenbild

Yeal Gabriel Gwyneth Spengler

Technik und Gestaltung

Thorsten Siefert

Das lange Osterwochenende liegt schon ein paar Tage zurück. Sind Sie unbeschadet durch die Festtage hindurch gekommen? Haben alle Geschenke gepasst, war das “Ach wie schön, dass wir beisammen sind!”-Wiedersehensessen mit der Familie erträglich und am wichtigsten: Haben Sie mit einer einigermaßen glaubwürdigen Begründung zur rechten Zeit den Absprung zurück in die Freiheit geschafft? Gratulation, Ostern ist durch. Gönnen Sie sich jetzt ein paar Tage Erholung, dann können Sie ja schon einmal mit den Weihnachtsvorbereitungen beginnen. So ein Sommer kann sehr kurz sein und die Schneekugeln liegen ab September verkaufsbereit in den Regalen.

Und hier so? Ein paar Einblicke möchte ich Ihnen gewähren. Karfreitag, Pizzagate. Mein Freund kam am frühen Nachmittag vorbei. Der Plan: Sich austauschen, Pläne besprechen,, eine Pizza backen, powered by Fertigteig aus dem Lieblingsdiscounter. Und mit deren Zubereitung ging es auch sofort los. “Probier doch mal den Kräuterschinken”, sagte der Lieblingsmensch während er diesen Brotbelag in kleine Stücke schnitt. Mehr als ein “Hmmm …” brachte ich nicht heraus, dieser Schinken schmeckte irgendwie seltsam, was ich artikulierte. Daraufhin wurde ich energisch der Küche verwiesen. Das hätte mich misstrauisch machen müssen.

Zeitsprung: Einige Unterhaltungen später war die Pizza essbereit. Sehr essbereit. Mein Freund hatte Sorge, dass der Teig nicht durch war. Mein Kommentar “Wenn wir sie noch ein wenig weiterbacken, haben wir leckere Pizzakekse” wurde ganz offenbar nicht als hilfreich empfunden. Ein Test zeigte: Der Teig war durch. “Hast du einen Pizzaschneider?“, fragte der auf sein Werk stolze Bäcker.

Kennen Sie dieses Gefühl, wenn das österliche Matschhirn plötzlich auf Schnellbetrieb umschalten muss und der ihnen sicher auch gut bekannte Notlügenalarm sich aktiviert. Ja, ich hatte unlängst einen Pizzaschneider in Form eines Vespa-Rollers gekauft, aber als ein Teil seines Ostergeschenks, das es ja erst am folgenden Tag geben sollte. Kurze Kolateralschadensabwägung. Mein Freund bezeichnet mich ohnehin immer wieder als Lügenbaron, nur weil ich manchmal einfach auf eine Alltagsfrage von ihm hin eine absolut irrsinnige Geschichte erfinde und vortrage, die zumindest ich lustig finde. Damit fliege ich regelmäßig auf, was mir aber recht egal ist. Hier war also vom guten Ruf ohnehin nichts mehr übrig. “Nein, habe ich nicht”, lautete folglich meine inkorrekte Antwort. Dass er die Pizza sodann mit einer der Küchenscheren zuschnitt, darüber verlor ich kein Wort und hielt meine in Richtung Irritationsausdruck gehenden Gesichtszüge angestrengt im Zaum.

Und dann am Tisch. Ich konfrontierte mich – argwöhnisch beobachtet von kontrollierenden Blicken des Pizzabäckers versteht sich – mit dem ersten Stück, darauf Kräuterschinkenbelag. Es scheint so zu sein, dass bei mir die Verbindung zwischen Geschmacksnerven und Sprachzentrum direkt ist, so direkt, dass der beschriebene Notlügenmechanismus überhaupt nicht mehr zum Zuge kam und ich artikulierte, was ich schmeckte, ungeschönt. Enttäuschung im Gesicht des Gegenübers verbunden mit der Aufforderung, doch einmal die Salamivariante zu probieren. Hier überraschte mich ein Geschmack von Salami, der allerdings hinter einem schweren säuerlichen Vorhang nur mühsam hervortrat.

Ich hätte es wissen müssen. Seitdem ich meinen Freund kenne, ist er Vegetarier. Vegetarische Wurst, sie war also der Grund für mein erzwungenes temporäres Küchenexil gewesen, sonst hätte ich womöglich interveniert. Es mag sein, dass das verwendete Salamiimitat auf einem Brot nach Salami schmeckt, für das Erhitzen eignet sie sich weniger. Und hatten wir nicht unlängst erst Fleischwurstgate? In einem Nudelsalat hatte sie sich recht gut gemacht, die Reste der Fakewurst hatte ich einen Tag später zu einer Nudelpfanne gegeben. Beim Braten geriet sie in eine schwere Konsitenzkrise und legte sich ein cremiges Gewand an. Es gilt also: Finger weg von hochstapelnder Veggi-Wurst, besonders wenn sie damit etwas Warmes zubereiten wollen. Genug davon. Spaß hatten wir dennoch und ich habe Ihnen etwas zu erzählen.

Unlängst berichtete ich, wie mein neues Äußeres, das eine Erscheinung zwischen einem weiblichen und männlichen Wesen mal mehr, mal weniger zu treffen sucht, in diesem einmaligen sozialen Raum Westerwald Wertschätzung in ganz unterschiedlicher Form erfährt. Mein Outfit am Ostersamstag: Oranges T-Shirt mit Hip-Hop-Bärchen in bunt, passender orangener Hut, beige Cordjogginghose, farblich abgestimmte Holzperlenkette, bunt lackierte Fingernägel.

Wir waren nach Frankfurt gefahren. Mission Hifi, ein fantastisches und nicht gerade günstiges All-in-One-System, das ich jetzt über ein Jahr aus der Ferne bewundert hatte, sollte nun in mein Leben eintreten. Es war telefonisch vorbestellt und ich voller Vorfreude. Wir erreichten Frankfurt. Die Reise durch die Stadt ist im Prinzip eine eigene Geschichte wert, mein Beifahrer war mit seinen Nerven durch, als wir das Parkhaus des Hifi-Händlers unserer Wahl erreicht hatten. Die Fahrt endete wie immer mit dem folgenden Satz meines Herzallerbesten: “Ich fahre dann zurück.”

In der entsprechenden Abteilung der sich als ziemlicher Luxustempel darstellenden Verkaufsstelle angelangt musste ich warten, einem anderen Kunden wurde ausführlich ein Kopfhörer erklärt, den er dann testete. Man wandte sich mir zu, ich informierte den Mitarbeiter über mein Anliegen, dem er sich annahm – wenig überschwänglich, eher sachlich, distanziert. Nachdem ich bezahlt hatte, erklärte er mir, wo die Ware abzuholen sei. Meine Frage nach einer nahegelegenen Toilette beantwortete er freundlich mit einer auch für mich verständlichen Wegbeschreibung, wir verabschiedeten uns.

Und wenige Schritte weiter lag sie vor mir, die von meiner Ausscheidungsabteilung ersehnte Pipibox. Verschlossen. Eine Stimme fragte von der Seite mich eindeutig abwertend musternd, als sei ich soeben einem Altkleidercontainer entstiegen, was ich in dem Raum wolle. Ich erklärte mein durchaus dringliches Anliegen. Der Ausdruck des Missfallens in den Augen des Verkäufers, er ließ mich nicht daran zweifeln, dass ich hier prinzipiell unerwünscht war. Ich hörte sodann etwas, womit ich wirklich nicht gerechnet hatte, eine messerscharf formulierte und unfreundlich vorgetragene Frage: “Sind Sie denn Kunde des Hauses?” Ich stockte.

Die Impulsantwort hätte lauten müssen: “Seit diesem Moment nicht mehr.” Der Diplomatiemodus schaltete sich ein: “Ja, wir haben eben etwas gekauft”, hörte ich mich erklärend sagen, während ich auf die Rechnung deutete, die mein daneben stehender Freund in der Hand hielt. Wortlos wurde mir der Weg zur Entsorgungsstation eröffnet. Lieber großer Hifi-Händler in der Frankfurter Innenstadt, herzlichen Dank für den geleisteten Service, das neutral zu bewertende Einkaufserlebnis mit anschließender entwürdigender Degradierung. Dabei liegt Frankfurt doch gar nicht im Westerwald.
Ein paar fast schon langweilige, aber erfreuliche Fakten zum Schluss: Der Rest unseres Einkaufstrips in Frankfurt und später in Gießen war angenehm, kurzweilig mit Zeit zum Erzählen und miteinander Lachen. Das Hifi-System klingt traumhaft und hüllte mich, während ich diesen Artikel schrieb, mit raumfüllendem LoFi ein.

Zu Ostern erhielt ich von meinem Freund eine Karte mit Jesusmotiv und dem Covertext “I´m back and I´ve brought eggs.” Mit dieser hatte er mich bereits vergangenes Jahr erfreut, was – nachdem es bemerkt worden war – einen ausgedehnten bilateralen Lachflash nach sich zog. Dazu gab es Schokoeier und Selbstgebackenes von seiner Oma. Ich konnte anschließend endlich den Vespa-Pizzaroller – auch hier wieder ein Lachflash eingedenk Pizzagates – sowie einen fantastisch bunten Kissenbezug überreichen. Und am Nachmittag des Ostersonntags war ich bei Freunden, eine wunderbar kurzweilige und schöne Begegnung.

Auf meinem Balkon flattert soeben ein Zitronenfalter umher. Ostern ist vorbei. Jetzt genießen wir erstmal den Frühling, dann kommt der Sommer, bevor es im September endlich weihnachtlich wird.

...more
View all episodesView all episodes
Download on the App Store

netkiosk.digitalBy Hans-Christian Spengler und Thorsten A. Siefert