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Digitale Steinzeit in der Arztpraxis?


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Autor, Sprecher und Episodenbild

Thorsten Siefert

Technik und Gestaltung

Thorsten Siefert

Es gilt das gesprochene Wort

Ich war in den letzten Monaten oft in Arztpraxen.

Warum, spielt keine Rolle.

Was aber eine Rolle spielt, ist das hier:

Ich konnte viele Blicke auf die Software werfen, die dort benutzt wird.

Und nein, das ist keine Studie.

Das ist keine repräsentative Erhebung.

Es ist nur mein subjektiver Eindruck.

Aber dieser Eindruck war ziemlich eindeutig.

Kaum eine Arzthelferin wirkte wirklich zufrieden mit der Software.

Nicht entspannt.

Nicht überzeugt.

Eher genervt.

So, als müsste man sich jeden einfachen Arbeitsschritt mühsam erkämpfen.

Kleines Beispiel gefällig?

Der 2D-Code auf Medikationsplänen.

Bei keinem meiner Besuche konnte dieser Code gelesen werden.

Kein schneller Import.

Kein sauberer digitaler Ablauf.

Stattdessen mussten Medikamente teils manuell eingetippt werden.

Über die Tastatur.

Zeile für Zeile.

Wie in der digitalen Steinzeit.

Und genau da beginnt das eigentliche Problem.

Denn schlechte Software ist nicht nur unbequem.

Sie ist nicht nur langsam.

Sie ist nicht nur ein Nervfaktor.

Sie kann auch gefährlich werden.

Vor ein paar Tagen bin ich auf einen Beitrag zu Sicherheitsmängeln bei Gesundheitssoftware gestoßen.

Darin geht es um Praxisverwaltungssysteme.

Also um genau die Software, auf die Arztpraxen jeden Tag angewiesen sind.

Und der Befund ist unerquicklich.

Bei drei von vier getesteten Praxisverwaltungssystemen konnten Schwachstellen so kombiniert werden, dass Angriffe aus dem Internet möglich waren.

Genannt werden unter anderem fehlende Verschlüsselung bei der Datenübertragung, veraltete Kryptografie und mangelhafte Authentifizierung.

Das ist der Moment, in dem aus Frust ein echtes Risiko wird.

Denn wenn eine Software schon im Alltag nicht sauber funktioniert, dann stellt sich sofort die nächste Frage:

Wie gut ist sie dort, wo man es nicht direkt sieht?

Bei Updates.

Bei Berechtigungen.

Bei Protokollen.

Bei Schnittstellen.

Bei der Absicherung von Patientendaten.

Und dann kommt noch die zweite schlechte Nachricht dazu.

Der aktuelle M-Trends-Bericht von Mandiant beschreibt, dass Angreifer länger unentdeckt in kompromittierten Systemen bleiben.

Die globale mittlere Verweildauer stieg von 11 auf 14 Tage.

Bei bestimmten Spionagefällen lag sie sogar bei 122 Tagen.

Und die Zeit zwischen Erstzugang und Übergabe an weitere Angreifer schrumpfte laut Bericht auf nur noch 22 Sekunden.

Das heißt übersetzt:

Wenn Systeme schwach sind, und wenn Angriffe länger unbemerkt bleiben, dann wächst das Risiko im Stillen.

Nicht laut.

Nicht spektakulär.

Sondern leise.

Tag für Tag.

Gerade in Arztpraxen ist das hochsensibel.

Dort liegen keine belanglosen Daten.

Dort liegen Diagnosen.

Medikationspläne.

Befunde.

Verläufe.

Also Informationen, die zutiefst privat sind.

Und trotzdem erleben wir oft eine digitale Realität, die an den falschen Stellen modern und an den entscheidenden Stellen brüchig wirkt.

Da wird von Entscheidern über digitale Gesundheitsversorgung gesprochen.

Über Vernetzung.

Über Effizienz.

Über Fortschritt.

Aber am Empfang scheitert schon das Einlesen eines 2D-Codes.

Vielleicht ist genau das die ehrlichste Beschreibung des Problems.

Wir haben nicht zu wenig Digitalisierung.

Wir haben zu oft schlechte Digitalisierung.

Und das ist ein Unterschied.

Denn Digitalisierung darf nicht bedeuten, dass Papier einfach durch schlechte Software ersetzt wird.

Digitalisierung muss besser sein.

Schneller.

Sicherer.

Robuster.

Und vor allem benutzbar.

Für die Menschen, die jeden Tag damit arbeiten.

Denn was heute in vielen Praxen passiert, ist etwas anderes.

Die Mitarbeiterinnen improvisieren.

Sie umgehen Fehler.

Sie gleichen Brüche im System mit Erfahrung und Geduld aus.

Sie tippen Dinge ab, die längst automatisch laufen müssten.

Sie halten mit ihrem Einsatz einen digitalen Alltag zusammen, der technisch viel stabiler sein müsste.

Und genau das ist der eigentliche Skandal.

Nicht, dass mal etwas hakt.

Sondern dass man sich daran gewöhnt hat.

Dass schlechte Software als normal gilt.

Dass Reibungsverluste als unvermeidbar hingenommen werden.

Und dass man erst dann genauer hinschaut, wenn es nicht mehr nur um Nerven geht, sondern um Sicherheit.

Am Ende bekommen wir sonst das Schlechteste aus zwei Welten.

Die Langsamkeit des Analogen.

Und die Verwundbarkeit des Digitalen.

Mein Eindruck aus den letzten Monaten ist deshalb ziemlich klar:

Das Problem ist nicht, dass Arztpraxen digital arbeiten.

Das Problem ist, dass sie zu oft mit Software arbeiten müssen, die diesen Anspruch nicht erfüllt.

Und das ist kein Randthema.

Es ist eine Frage von Zeit.

Von Belastung.

Von Versorgung.

Und am Ende auch von Vertrauen.

Das ist auch keine Frage von Kassen- oder Privatpatient. Die Verwaltung läuft über die selben Softwaren.

Wer seine Gesundheit einem System anvertraut, muss sich darauf verlassen können, dass dieses System funktioniert.

Und dass es geschützt ist.

Beides scheint derzeit zu oft nicht der Fall zu sein.

Thorsten Siefert für netkiosk.digital

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netkiosk.digitalBy Hans-Christian Spengler und Thorsten A. Siefert