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In der Psychologie gibt es den Begriff Theory of Mind. Er beschreibt die Fähigkeit Einzelner, sich in die mentale Welt anderer hineinversetzen und somit deren Gedanken und Überzeugungen erschließen zu können. Es ist ein kognitives System, das einen radikalen Perspektivenwechsel ermöglicht. Zwar erwerben wir diese Fähigkeit bereits im Kindesalter, doch es hilft, wenn wir sie später weiterhin pflegen. So gelingt es, unser Gegenüber weit besser zu verstehen und – wenn wir darin gut geübt sind – dessen zukünftiges Verhalten vorherzusagen, das Handeln anderer gar in das eigene zu integrieren.
Was hat das alles mit Literatur zu tun? Nun, auch über die Lektüre oder das Hören psychologisch stimmiger Literatur mit gut gesehenen Menschen/Figuren können wir unsere Empathie und eben auch unsere Einschätzungen, die auf der Theory of Mind basieren, trainieren. Und wenn wir es dann noch mit einem Text zu tun haben, in dem all das selbst thematisiert wird, kann das schon eine besonders spannende Angelegenheit sein.
In Edgar Allan Poes Text „Der entwendete Brief“ begegnen wir jedenfalls dem Amateurdetektiv Dupin, der vom Pariser Polizeipräfekten um Hilfe bei der Suche nach einem Brief gebeten wird, der einer gesellschaftlich bedeutenden Dame gestohlen wurde. Der Brief hat es wohl in sich, das Ganze hat gar eine politische Dimension, jedenfalls wird sie nun erpresst. Dann wird es verzwickt: Der Täter ist zwar bekannt, er kann aber nicht verhaftet werden, da eine Veröffentlichung der ganzen Angelegenheit sicherlich großen öffentlichen Schaden anrichten würde. Eine extrem gründliche Hausdurchsuchung durch die Polizei blieb ohne Erfolg. Doch der Brief muss gefunden werden. Dupin versetzt sich mental in die Lage und Gedanken des Täters und – findet ihn. Auch erläutert er eindrucksvoll und höchst unterhaltsam anhand einiger anschaulicher Anekdoten und einer kritischen Auseinandersetzung mit mathematischen Axiomen usw., welche Denkweise seiner eigenen Methode zugrunde liegt: die hier literarisch vorgeformte Theory of Mind (unter dieser Bezeichnung wissenschaftlich erst viel später beschrieben). Das ist sehr spannend, in einer ästhetisch schönen Sprache erzählt und das Ende der Geschichte, die Auflösung des Falls, beeindruckend. Der Fall lässt den Leser/die Hörerin nicht so schnell wieder los.
Die Figur Dupin, die noch in weiteren Poe-Erzählungen auftaucht, war Vorbild für Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes und man kann sie zweifellos als eine Art Ursprungsfigur all der Profiler bezeichnen, die heute in Streaming-Serien herumschwirren. Poes Erzählung aus dem Jahr 1844 wird für uns gelesen von Gabi Sutter, deren Stil durchaus in die beschriebene Zeit passt, als man noch Zylinder und frau noch Korsett trug.
By Volker DrükeIn der Psychologie gibt es den Begriff Theory of Mind. Er beschreibt die Fähigkeit Einzelner, sich in die mentale Welt anderer hineinversetzen und somit deren Gedanken und Überzeugungen erschließen zu können. Es ist ein kognitives System, das einen radikalen Perspektivenwechsel ermöglicht. Zwar erwerben wir diese Fähigkeit bereits im Kindesalter, doch es hilft, wenn wir sie später weiterhin pflegen. So gelingt es, unser Gegenüber weit besser zu verstehen und – wenn wir darin gut geübt sind – dessen zukünftiges Verhalten vorherzusagen, das Handeln anderer gar in das eigene zu integrieren.
Was hat das alles mit Literatur zu tun? Nun, auch über die Lektüre oder das Hören psychologisch stimmiger Literatur mit gut gesehenen Menschen/Figuren können wir unsere Empathie und eben auch unsere Einschätzungen, die auf der Theory of Mind basieren, trainieren. Und wenn wir es dann noch mit einem Text zu tun haben, in dem all das selbst thematisiert wird, kann das schon eine besonders spannende Angelegenheit sein.
In Edgar Allan Poes Text „Der entwendete Brief“ begegnen wir jedenfalls dem Amateurdetektiv Dupin, der vom Pariser Polizeipräfekten um Hilfe bei der Suche nach einem Brief gebeten wird, der einer gesellschaftlich bedeutenden Dame gestohlen wurde. Der Brief hat es wohl in sich, das Ganze hat gar eine politische Dimension, jedenfalls wird sie nun erpresst. Dann wird es verzwickt: Der Täter ist zwar bekannt, er kann aber nicht verhaftet werden, da eine Veröffentlichung der ganzen Angelegenheit sicherlich großen öffentlichen Schaden anrichten würde. Eine extrem gründliche Hausdurchsuchung durch die Polizei blieb ohne Erfolg. Doch der Brief muss gefunden werden. Dupin versetzt sich mental in die Lage und Gedanken des Täters und – findet ihn. Auch erläutert er eindrucksvoll und höchst unterhaltsam anhand einiger anschaulicher Anekdoten und einer kritischen Auseinandersetzung mit mathematischen Axiomen usw., welche Denkweise seiner eigenen Methode zugrunde liegt: die hier literarisch vorgeformte Theory of Mind (unter dieser Bezeichnung wissenschaftlich erst viel später beschrieben). Das ist sehr spannend, in einer ästhetisch schönen Sprache erzählt und das Ende der Geschichte, die Auflösung des Falls, beeindruckend. Der Fall lässt den Leser/die Hörerin nicht so schnell wieder los.
Die Figur Dupin, die noch in weiteren Poe-Erzählungen auftaucht, war Vorbild für Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes und man kann sie zweifellos als eine Art Ursprungsfigur all der Profiler bezeichnen, die heute in Streaming-Serien herumschwirren. Poes Erzählung aus dem Jahr 1844 wird für uns gelesen von Gabi Sutter, deren Stil durchaus in die beschriebene Zeit passt, als man noch Zylinder und frau noch Korsett trug.