Erzählkünstler

"Der Esskünstler" (Ludwig Börne)


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Alle menschlichen und zwischenmenschlichen Lebensbereiche werden in der Literatur zum Thema, auch das Hungern (wie in der letzten Podcast-Folge) und das Essen, dem sich Ludwig Börnes satirische Geschichte „Der Esskünstler“ widmet. Der Ich-Erzähler sitzt diesem Künstler gegenüber, und wir, die Leser und Hörerinnen, erfahren etwa, dass dieser außergewöhnliche Mensch nie mit der Gabel zu essen pflegt, dass er Teller und Glas nach Erhalt im Restaurant stets nachsäubert und dass er Gemüsesorten fein getrennt auf seinem Teller sortiert. Das wirkt skurril, ungewöhnlich und unterhaltsam. Ein Porträt eines genuss- und stilvoll Essenden – dabei könnte es bleiben. Doch der Erzähler belässt es nicht dabei. Immer wieder würzt er seine Beschreibungen nach, indem er den Handlungen seines Beobachtungsobjekts politische, gesellschaftliche und auch mal philosophische Motive beigibt. Dann ist von den im 19. Jahrhundert umtriebigen deutschen Liberalen die Rede, vom Kampf für die Freiheit und Gleichheit (nach der Französischen Revolution), auch von einer Theorie des Nachtisches. In gewisser Weise schrieb Ludwig Börne, der Begründer des deutschen Feuilletons, mit dieser Geschichte ein frühes Vorläufer-Werk der erst ab den 1930er-Jahren entstehenden Kunst der italienischen Cucina Futuristica und der heutigen Eat-Art. Und er lässt seinen Ich-Erzähler diese Kunstform mit allerlei Kunstfremdem kommentieren – darin den Vorgehens- und Schreibweisen heutiger Literaturrezensenten nicht unähnlich.

Ludwig Börne (eigentlich hieß er Juda Löb Baruch) wuchs im sogenannten Juden-Ghetto in Frankfurt auf, eine Art Gefängnis mit strikten Ausgangssperren. Das Gefühl der Stigmatisierung und des Anders-Seins blieb ihm sein Leben lang. Einige Zeit arbeitete er als Theaterkritiker, Schriftsteller und Herausgeber einer liberalen Zeitschrift; eine Heimat für sich und sein politisches Engagement fand er aber erst in Frankreich, von wo aus er sich u.a. für die deutsch-französische Freundschaft engagierte. „Der Esskünstler“ entstand im Jahr 1822 und wird einfühlsam von Rose Lohmann gelesen.

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ErzählkünstlerBy Volker Drüke