Führung mit Freude

“Der Weg ist das Ziel.”


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“Der Weg ist das Ziel.” Dieser in der fernöstlichen Philosophie verankerter Spruch war der Lieblingsspruch einer meiner Lehrer in meiner Ausbildung. In meiner Klasse war er damals zu einem Running Gag geworden und auch ich musste immer wieder darüber schmunzeln. Dennoch speicherte ich diesen Spruch in meiner Sprüchesammlung unter der Rubrik: da muss ich mal in Ruhe darüber nachdenken. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte sofort darüber nachgedacht und diesen Spruch verinnerlicht …

Aber, wie die meisten meiner Freunde, Verwandten und Bekannten, begab ich mich sehr schnell auf den Weg zum Ziel. Und mein Ziel war definitiv nicht der Weg. Das Ziel war immer wieder neu. Auf dem Weg zum Ziel hat mich ständig der Gedanke begleitet: “Wenn ich dieses Ziel erreicht habe, dann kann ich endlich anfangen zu leben, dann bin ich angekommen.”

Und so lief ich von einem erreichten Ziel zum nächsten. Wenn ich mein Abi bestanden habe, dann bin ich am Ziel. Wenn ich die Seminararbeit abgegeben habe, dann habe ich das Ziel erreicht. Wenn ich den Studienabschluss habe… Wenn ich den Job habe… Wenn ich diese Position habe... Wenn ich das Gehalt erreicht habe… Wenn der neue Kollege eingearbeitet ist… Sobald das neue Tool etabliert ist… Wenn das neue Projekt zu Ende ist … Wenn diese Phase überstanden oder jene Phase vorbei ist… wenn, wenn, wenn… Kleine und große Ziele reihten sich aneinander, und der Weg fühlte sich an, wie ein Laufband, das sich immer schneller und schneller bewegte. Egal welches Ziel ich erreichte, ich hatte nie wirklich das Gefühl, angekommen zu sein. Es gab immer ein neues Ziel, das ich erst erreichen musste.

Irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht das Laufband wechseln sollte. In einer anderen Firma wird es sicher besser, da bewegen sich die Laufbänder sicherlich langsamer und entspannter, da kann ich bestimmt einfacher ankommen. Und so wechselte ich das Laufband, in der vollen Überzeugung, diesmal wird alles anders, diesmal wird es gemütlich und ich werde endlich genug Zeit haben für meine Kinder, meine Familie, vielleicht sogar für mich… Aber auch dieses Laufband drehte sich in kürzester Zeit so schnell, dass ich das Gefühl hatte, im hohen Bogen herauszufallen.

Und als ich mal wieder auf meinem Laufband, erschöpft, aber entschlossen wie immer, einem neuen Ziel hinterhereilte, stolperte ich zufällig über diesen, inzwischen altbekannten Spruch: “Der Weg ist das Ziel.”

Der Weg ist das Ziel! Ich habe einige Tausende von Kilometern gemacht, ohne zu wissen, dass ich schon längst angekommen bin! Ich habe nicht verstanden, dass ich den Weg auch gemütlich laufen kann, dass immer wieder eine Bank da ist, um kurz innezuhalten und dass ich am Wegesrand auch picknicken darf. Mir war nicht bewusst, wie wunderschön dieser Weg ist und dass ich ihn genießen darf. In meinem Fokus auf meine Ziele habe ich den Weg völlig ausgeblendet.

Aber unsere Ziele sind nur bestimmte Stationen auf unserem Weg, die wir anstreben dürfen. Wir sollen auch feiern, wenn wir sie erreichen. Aber unser Leben besteht aus dem Weg, der zu diesen Zielen führt.

Jeder einzelne Augenblick auf diesem Weg ist genauso wertvoll, wie die Momente, in denen wir unsere Ziele erreichen. Wir dürfen jeden einzelnen Augenblick auf diesem Weg schätzen und ihn ganz bewusst genießen. Wenn wir diesen Weg achtsam gehen, verstehen wir, dass dieser unser Weg das eigentliche Ziel ist. Und wenn der Weg das Ziel ist, dann sind wir bereits angekommen.

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Führung mit FreudeBy Aldona Giesbrecht