Christoph predigt

Die Herberge zum Barmherzigen Samariter


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Gnade mit euch und Friede von Gott , dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in der Augustenhilfe,

Es gibt viel zu sehen in Jerusalem und Umgebung. Auf Schritt und Tritt begegnen dir dort die Zeugnisse vergangener Zeiten -- einer reichen Geschichte, die sich über mehrere Jahrtausende erstreckt. Zweimal war ich dort. Jedes Mal konnte ich zwei Wochen lang auf eigene Faust und mit ortskundigen Menschen die Gegend erkunden -- auch abseits der ausgetretenen Touristenpfade. Ich habe viel gelernt in diesen Tagen. In besonders guter Erinnerung habe ich die erste Fahrt von Jerusalem hinunter ins Jordantal und weiter ans Tote Meer. Kaum hat man die Stadt verlassen, beginnt die Wüste. Die fand ich sehr beeindruckend. So etwas kennen wir hier ja gar nicht.

Steinig ist sie dort, die Wüste. 1.000 Höhenmeter liegen zwischen Jericho unten am Jordan und Jerusalem oben in den Bergen. 40 km Wüste. Trockenheit. Sand und Steine. Tiefe Täler, schroffe Berghänge, die dem Albtrauf in nichts nachstehen. Früher war das ein heftiger Fussmarsch von Jerusalem nach Jericho. In den abgelegenen Tälern konnte viel passieren. In den Höhlen der Gegend wohnten die Räuber, das war gut bekannt.

Heute braucht man nicht einmal eine Stunde von Jerusalem nach Jericho auf der gut ausgebauten Route 1. Die Wüste flitzt am Fenster vorbei. Ab und zu kann man tatsächlich noch ein paar Zelte oder einfache Behausungen der Beduinenhirten erkennen, die dort bis heute leben. Im Auto sorgt derweil die Klimaanlage für angenehme Kühle.

Mitten drin, nach etwa einer halben Stunde, kommt kurz nach Ma'ale Adumim auf der rechten Seite eine unscheinbare Abzweigung. Ein größeres Haus, ein Parkplatz. Ein paar Touristenbusse. Ein Shop mit Andenken, wie überall. Im Haus verbirgt sich ein Museum für Steinmosaiken. Wir fahren vorbei. "Die Herberge des barmherzigen Samariters", meint mein Führer, Jean-Louis, mit einem Grinsen.

Ich brauche einen Moment, bis ich den Witz begreife. An zahllosen Touristen, die das "Museum of the Good Samaritan" besuchen, ist er offensichtlich komplett vorbeigegangen.

Es gibt keine Herberge des barmherzigen Samariters.

Ich will nicht ausschließen, dass sich die Geschichte, die Jesus erzählt, auf bekannte örtliche Gegebenheiten bezog. Dass es auf dieser Reiseroute irgendwo zwischen Jericho und Jerusalem tatsächlich eine Herberge gab, erscheint mir plausibel. Und wahrscheinlich hat man, wie überall in Israel, auch irgendwo ein paar Überreste ausgegraben. Das mag alles sein.

Aber: Es gibt keine Herberge des barmherzigen Samariters.

Jesus macht an dieser Stelle, was Jesus eben ganz oft macht. Man hat ihm eine Frage gestellt. Und statt zu antworten, erzählt er eine Geschichte. Zum Selberdenken. Zum Begreifen.

Beim barmherzigen Samariter geht es also nicht darum, einer historischen Persönlichkeit auf die Spur zu kommen, die Überreste einer Herberge zu besichtigen oder den genauen Fußweg durch die Wüste zu finden. Wer sich daran aufhält, dem entgeht die Antwort Jesu komplett. Der will uns nämlich nicht in der Biografie einer bestimmten Person mit hineinnehmen, sondern uns zum Nachdenken über die Antwort bringen, die die Frage verdient hat. Zum Nachdenken über unsere Antwort. Theoretisch, und dann aber auch ganz praktisch im Leben. Und, gemessen an der Geschichte, über die Frage ob unsere Antwort die richtige Antwort ist. Oder ob wir da vielleicht umdenken müssen.

"Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?", hat man ihn gefragt. Und die Antwort auf diese Frage scheint schnell geklärt. Alle Anwesenden können sich leicht darauf einigen, dass sich die Gesetze und Gebote Gottes im Grunde alle in zwei Grundsätzen zusammenfassen lassen: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Das "Doppelgebot der Liebe" nennen wir das heute. Das ist nichts Neues, nichts, was Jesus erfunden hätte. Im Gegenteil: Diese Zusammenfassung ist längst bekannt in Israel. Sein Gesprächspartner kann sie sofort auswendig zitieren.

"Du hast recht geantwortet.", sagt Jesus. "Tu das, so wirst du leben."

Frage geklärt. Die Antwort liegt doch auf der Hand. Wenn du das ewige Leben erstrebst, dann liebe Gott, deinen Nächsten und dich selbst. Weiß doch jeder. Wieso fragst du überhaupt?

Der Gesprächspartner ist unzufrieden. Er fühlt sich missverstanden. Er will sich rechtfertigen.

Er legt noch einmal nach: "Wer ist denn mein Nächster?"

Und dann erzählt Jesus seine Geschichte.

Die könnte ich jetzt noch einmal ausführlich nacherzählen. Wir könnten sie auseinandernehmen und analysieren. Ich könnte Bilder zeigen von der Wüste. Wir könnten über Priester reden und Leviten. Über die Stellung von Samaritern in der damaligen Gesellschaft. Wir könnten darüber nachdenken, warum ausgerechnet die Frommen in der Geschichte so schlecht wegkommen und ausgerechnet der verachtete Samariter der Held wird.

Wahrscheinlich würde ich euch gar nichts Neues erzählen. Das ist sicher nicht die erste Predigt, die ihr über den barmherzigen Samariter hört.

Aber je mehr wir uns in die Geschichte vertiefen, für die Jesus nur ganz wenige Sätze braucht, desto mehr steigt das Risiko, dass uns die Pointe völlig entgeht. Denn Jesus antwortet ja nicht nur mit einer Geschichte. Am Ende stellt er selbst eine Frage. Im Grunde dreht er die Frage seines Gesprächspartners einfach herum: "Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?"

Puh, Jesus, das ist jetzt aber wirklich kompliziert! Ich weiß gar nicht, wie man da antworten soll. Sicher hat sich sein Gesprächspartner umgedreht und erst einmal eine Woche darüber nachgedacht, bevor er zurück zu Jesus kam. Vielleicht hat er einen Publikumsjoker genutzt und die Anwesenden darüber abstimmen lassen. Oder einen Experten angerufen, der ihn in einem theologisch-philosophischen Beratungsgespräch weiterhelfen konnte.

"Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?"

A. Der Priester. B. Der Levit. C. Der Samariter. D. gibt es nicht.

Hm.

Es sei immer Antwort C oder die längste, hat Günther Jauch bei "Wer wird Millionär" einmal scherzhaft gemeint.

C. Der Samariter.

Soll ich das einloggen?

Günther Jauch würde jetzt gespannt schauen und zu seiner Wasserflasche greifen. Der Kandidat rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her.

C. Der Samariter.

Erst mal Werbung. Dann noch einmal eine Zusammenfassung. Die Spannung steigt ins unermessliche.

Es ist.... C. Der Samariter! Richtig!

"Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?"


Wer ist denn eigentlich dein Nächster, frage ich meine Schüler in der dritten Klasse. Eine lebhafte Diskussion beginnt. Viele interessante Vorschläge. Auf was man da alles kommen kann!

Am Ende nehmen wir einen Meterstab. Wir messen nach. Es geht ja schließlich um "Nähe". Wir lesen ab: Der Nico sitzt 53 cm von mir weg. Der Luca 87 cm. Also ist der Nico mein Nächster. So einfach ist das. Ein bisschen Augenmaß hätte auch genügt.


"Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?"

Natürlich kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Der die Barmherzigkeit an ihm tat."

Da sprach Jesus zu ihm: "So geh hin und tu desgleichen!"


Genau da liegt die Pointe. Die Antwort liegt nämlich auf der Hand.

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.

Das braucht eigentlich keine Erklärung. Da braucht man nicht erst Philosophie und Theologie zu studieren, um das zu kapieren. Es braucht keine lange Suche, keine komplizierten Prozeduren, keine Komitees, die lange beraten, was denn nun zu tun sei. Es geht ganz einfach um das, was offensichtlich ist. Um die Menschen, die mich sowieso umgeben. Um die Nöte, die ich sehe, ohne erst suchen zu müssen. Um Liebe zu denen, die hier, bei mir, in meinem ganz normalen Alltagsumkreis, Liebe brauchen.

Natürlich kann man das lange diskutieren. So wie in diesem Gespräch.

Dann erzählt Jesus eine Geschichte. Und der Fragesteller steht beschämt da, weil ihm vorgeführt wurde, wie offensichtlich seine Ausreden sind.


Wer ist mein Nächster? Wer ist dein Nächster?

Du brauchst keinen Pfarrer, um dir das zu erklären. Du brauchst nur Augen und Ohren. Offene Hände und eine offenes Herz. Die Antwort liegt nämlich auf der Hand. Auch bei dir, da wo du bist.


Es ist leicht, Erklärungen zu finden, warum das alles anders ist. Sich in Diskussionen zu verlieren. Niemand hat je den Levit und den Priester befragt. Es ist ja nur eine Geschichte. Aber sicher hätten sie plausible Gründe gehabt, warum sie nicht angehalten haben. Am Ende sind es einfach Ausreden.


Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.

Wie wäre es, wenn wir das einfach tun?


Da sprach Jesus zu ihm: "So geh hin und tu desgleichen!"

Das sagt er auch zu uns.

Amen.

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