Christoph predigt

Die Mannschaft


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Festgemeinde,

Ich finde es ja schon mutig vom TVN, für den Gottesdienst zum 100. Jubiläum ausgerechnet eine der unsportlichsten Personen in Gäufelden um ein Wort zu bitten. Was man sich dabei wohl gedacht hat? Nun stehe ich aber schon einmal hier vorne und vor der Herausforderung, in wenigen Minuten mindestens so viele Weisheiten von mir zu geben wie Béla Réthy in einem kompletten Länderspiel. Viel Spaß dabei! Zum Glück kommt dieser Termin nicht ganz zur Unzeit, denn es gibt ja so eine Zeitspanne von ein paar Wochen alle zwei Jahre oder so, da werden selbst vom Sport völlig unbeleckte Personen wie ich plötzlich zu Fanatikern, sitzen im Nationaltrikot auf dem Sofa und stopfen zwei Mal 45 Minuten Chips und Getränke in sich rein, um hinterher sagen zu können: "Wir haben gewonnen." Ich stehe also heute hier nicht nur als Pfarrer, sondern als einer von ungefähr 83 Millionen deutschen Bundestrainer:innen und als solcher bin ich ja vielleicht dann doch qualifiziert, im TVN-Festzelt meine Meinung sagen zu dürfen. Was passiert, wenn die ungehört bleibt, hat man ja letzte Woche beim EM-Aus für die deutsche Mannschaft gesehen. Und damit das in zwei Jahren bei der WM dann nicht wieder so endet, hier also ein paar entscheidende Tipps von mir zur besten Mannschaftsaufstellung:

Erstens: Manuel Neuer.

Ihr schaut mich erwartungsvoll an. Das war's aber schon. Das Bild von der Aufstellung ging schon vor Jahren durch die sozialen Netzwerke: Manuel Neuer auf allen Positionen. Mir leuchtet das irgendwie ein. Ein guter Torwart wie Neuer ist ja schon super. Wir stellen einfach elf davon auf den Platz, dann passt gar kein gegnerischer Ball mehr in unser Tor rein. Starke Verteidigung, eine solide Mauer hinten -- dann sollen die mal schauen, wie die noch Tor schießen. Dem Erfolg unserer Mannschaft dagegen sollte das keinen Abbruch tun--schließlich würde es niemanden überraschen, wenn Neuer in Zukunft auch noch selber Tore schießt. Und wenn es vorne mal hektisch wird und der Ball dann neben dem Tor raus geht, wechseln wir einfach einen der 11 Neuer gegen Toni Kroos aus. Irgendjemand muss ja schließlich die Ecken schießen.

Natürlich könnte man das Ganze auch umgekehrt machen. Wir könnten ja statt rein defensiv auch komplett offensiv agieren. Dann wären Füllkrug, Havertz, Müller und Undav, Beier, Wirtz, Sané und Musiala auf jeden Fall auf dem Feld. Gündoğan und Kroos vermutlich auch, und vielleicht noch Robert Andrich. Weiter hinten bräuchten wir niemand, wenn der Ball gar nicht mehr aus dem gegnerischen Strafraum herauskommt, oder?

Ich muss sagen, dieses zweite Konzept kann man definitiv als erprobt bezeichnen. Das war nämlich schon früher zu meiner Schulzeit so. Alle wollten am liebsten in den Sturm und Tore schießen. Hauptsache, vorne mit dabei. Nur ich, meist als letzter in die Mannschaft gewählt, blieb auf jeden Fall hinten in der Abwehr. "Im Weg stehen kannst du ja gut." Ob's funktioniert hat? An eine wirklich funktionierende Mannschaft kann ich mich aus dieser Zeit jedenfalls nicht erinnern. Ganz viele Einzelkämpfer, von denen jeder der Star der Show sein will, machen eben noch kein Team.

Aber was weiß ich schon. Ich bin ja Pfarrer, kein Bundestrainer. Und deshalb mach ich jetzt das, was ich gut kann. Ich lese euch einen Abschnitt aus der Bibel vor. Aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther, aus dem 12. Kapitel:

4Es gibt zwar verschiedene Gaben, aber es ist immer derselbe Geist. 5Es gibt verschiedene Aufgaben, aber es ist immer derselbe Herr. 6Es gibt verschiedene Kräfte, aber es ist immer derselbe Gott. Er bewirkt das alles in allen Menschen. 7Das Wirken des Geistes zeigt sich bei jedem auf eine andere Weise. Es geht aber immer um den Nutzen für alle. 8Der eine ist durch den Geist in der Lage, mit Weisheit zu reden. Ein anderer kann Einsicht vermitteln – durch denselben Geist! 9Einem Dritten wird durch denselben Geist ein besonders starker Glauben gegeben. Wieder ein anderer hat durch den einen Geist die Gabe zu heilen. 10Ein anderer hat die Fähigkeit, Wunder zu tun. Ein anderer kann als Prophet reden. Und wieder ein anderer kann die Geister unterscheiden. Der Nächste redet in verschiedenen unbekannten Sprachen, ein weiterer kann diese Sprachen deuten. 11Aber das alles bewirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem eine Fähigkeit zu, ganz so, wie er es will. (1. Korinther 12,4-11)

Soviel zur Halbzeitpause aus dem Studio des Apostels. Ich bin mir nämlich sicher, hätte der in unserer Zeit seinen Brief an den bunten Haufen von Christ:innen völlig unterschiedlicher Couleur in der trubeligen griechischen Hafenstadt Korinth geschrieben, hätte er über Fussball geredet. Weil es das damals aber noch nicht in dieser Form gab, setzt er seinen Text stattdessen mit der Analogie des menschlichen Körpers fort, der aus ganz unterschiedlichen Körperteilen besteht -- jedes mit seiner Aufgabe. Damit unterstreicht er die wesentlichen Punkte, die er den Korinther:innen klar machen will. Ich fasse die mal so zusammen:

Erstens: Wir sind alle unterschiedlich. Okay, da hätten wir keinen Apostel gebraucht, um das zu wissen. Ein Blick hier ins Festzelt hätte genügt. Lauter unterschiedliche Menschen. Wir sind alle unterschiedlich--und das ist gut so. Kaum auszudenken, wie es wäre, wenn wir alle genau gleich wären. Die Welt würde nicht besser, mit lauter Manuel Neuers oder Niclas Füllkrugs, sondern einfach nur langweiliger. Und sie würde nicht funktionieren. Ganz entscheidende Menschen würden an allen Stellen fehlen. Wir hätten zwar tolle Fußballspieler, aber nicht die Lieder von Paul Gerhardt, nicht die Gedichte von Mörike, die Formeln von Einstein, die Hits von Helene Fischer und die leckeren Schnitzel vom Gauri. Was wäre die Welt ohne Mozart und Ringelnatz und Herbert Grönemeyer und Paul Bocuse und Desmond Tutu, ohne meine Frau und meine Töchter und meine Eltern? Wie arm wären wir, hätte es nur CR7 gegeben und nicht Mutter Theresa und Erich Kästner und Barack Obama und Frank Huber?

Am Bild des Paulus mit den Körperteilen kann man das ganz einfach verstehen. Stellt euch einen Körper vor, der nur aus linken Ohrläppchen besteht. Oder aus Gallenblasen. Oder aus Zehennägeln. Nichts davon ist unwichtig. Aber keines dieser Körperteile allein reicht aus. Da wäre ganz schnell Schluss mit Fußballspielen.

Ich stelle mir das gerade für die Kirche vor. Nehmt einmal an, alle hier in der Evangelischen Kirchengemeinde in Nebringen wären genau wie ich. Wer würde sonntags die Orgel spielen? Wer hält die Kirche in Schuss? Wer leitet dann die Krabbelgruppe? Wer bäckt den Kuchen für den Seniorenkreis? Wer kümmert sich akkurat um alle Finanzen? Wer bringt den fachmännischen Blick des Handwerkers für unsere Gebäude mit? Wer macht die schönen Blumengestecke für den Altar? Wenn unsere Kirchengemeinde 1.272 Pfarrer Fischer hätte, wäre sie nicht spitzenmäßig aufgestellt, sondern bitter arm dran -- und, nebenbei gemerkt, vermutlich die unsportlichste Kirchengemeinde der Welt.

Ich stelle mir das gerade für den TVN vor. Stellt euch einmal vor, alle im Verein wären so wie Frank Huber. Wer würde dann das Kinderturnen leiten? Wer würde in der C-Jugend spielen? Wer trainiert die Handballer? (Die Frauenmannschaften gäbe es gar nicht erst!) Wer macht mit den Senior:innen Yoga? Müsste Frank dann auch ein Turnzwerg sein? Wer kümmert sich um das Sportheim? Wer mäht den Rasen auf dem Sportplatz? Wer hätte die lustigen Figuren angemalt, die überall in Nebringen stehen? Ich mag euren ersten Vorsitzenden sehr, aber wenn der TVN so um die 750 Frank Hubers hätte, würden wir euch ca. 749 anderen heute schmerzlich vermissen.

Wir sind alle unterschiedlich. Das macht's nicht immer einfach miteinander. Aber wie brauchen einander. So wie der Stürmer den Torwart braucht und den Mittelfeldspieler und den linken Innenverteidiger. Und den Trainer, den Mannschaftsarzt und den Busfahrer auf dem Weg zum Stadion. Gut, dass wir einander ergänzen.

Hinter all dieser Unterschiedlichkeit steckt Gott, sagt uns Paulus. Er hat sich das alles ausgedacht. Er schenkt ganz unterschiedlichen Menschen ganz unterschiedliche Begabungen, damit es uns allen besser geht. Sein Geist steckt hinter all dem. HAbt ihr ihn dort schon entdeckt?

Gott stellt also selbst eine Mannschaft auf--mit deutlich mehr als 11 Feldspielern. Oder, genauer gesagt, ein Team. Denn Gottes Mannschaft ist nicht auf bestimmte Kategorien beschränkt. Man muss kein bestimmtes Geschlecht haben, um dabei zu sein. Keine bestimmte Trikot- oder Hautfarbe. Man muss keine bestimmte Sprache sprechen oder ein bestimmtes Gebet. Man muss seinem Glauben nicht auf eine ganz bestimmte Art Ausdruck verleihen. Gottes Team ist bunt. Es ist divers. Es ist schillernd verschieden, auf so viele verschiedene Arten, wie es Menschen gibt. Manchmal muss man richtig suchen, um zu finden, was sie überhaupt zusammenbringt. Was man am Ende zusammenfindet, ist ganz einfach: Gottes Geist steckt dahinter. Er bringt unterschiedliche Menschen zusammen und verbindet sie auf eine Art und Weise, von der alle nur gewinnen können.

Da stehen also ganz viele auf dem Feld. Ein wildes, trubeliges Durcheinander. Sind die denn alle überhaupt qualifiziert? Können die überhaupt genug? Sind die denn wer? Hat man die überprüft? Haben die eine Zulassung? Kennt irgendeiner die alle überhaupt? Wir wollen immer gleich unsere Schubladen aufmachen und erst einmal Ordnung in das Ganze hier bringen. Da kann doch nicht jeder einfach... Das hat man schon bei der EM gesehen. Manche stören sich an der Trikotfarbe. Oder an der Hautfarbe. Oder dem Geburtsort der Eltern. "Das ist nicht mehr meine Mannschaft", sagen sie dann. "Aber es ist mein Team", sagt Gott. Und er sieht ganz zufrieden aus.

Da stehen also ganz viele auf dem Feld. Hoffen wir zumindest. Denn wenn der Anpfiff ertönt, wäre es gut, die Mannschaft würde auch spielen. Vielleicht liegt darin die Herausforderung, die wir heute mitnehmen müssen: Wir sind unterschiedlich. Und das ist gut so. Wir brauchen einander. Jetzt sollten wir unsere unterschiedlichen Gaben auch füreinander einsetzen. Das wäre ganz im Sinne Gottes. Mit dem Wind seines Geistes in unserem Rücken tun wir unser Bestes, so wie wir sind und an dem Platz, an dem wir uns finden. Und am Ende, da bin ich mir sicher, können wir so alle nur gewinnen: in der Kirche, im TVN und im restlichen Leben.

In diesem Sinne: Olé.

Oder wie wir Pfarrer sagen:

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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