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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
Manchmal wünschte ich, ich könnte ihn sehen: Gott, an den ich glaube. Gott, auf den ich hoffe. Gott, auf den ich mein Vertrauen setze.
An manchen Tagen fällt mir das leicht, mit dem unsichtbaren Gott. An anderen Tagen fällt es mir furchtbar schwer. An Tagen, in denen ich das Böse wahrnehme in dieser Welt: die Dunkelheit und Kälte, die Habgier und Missgunst zwischen uns, die Kriege, die Sorgen, die ungelösten Fragen.
Dann möchte ich ihn gerne sehen, Gott. Das würde mir Mut machen. Das würde mir helfen, weiter zu vertrauen. Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, wie er damals:
Aus dem 6. Kapitel des Jesajabuchs:
1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. 2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. 3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! 4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch. 5 Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. 6 Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, 7 und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei. 8 Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! (Jesaja 6,1-8)Ob er sich das damals auch gewünscht hat? In diesem seltsamen Jahr, als König Usija starb?
Der hatte eigentlich ganz gut angefangen. Schon mit 16 Jahren König -- im Königebuch der hebräischen Bibel heißt er "Asarja". Ein geschickter war er. Er gewann Kämpfe gegen die Philister und eroberte Gath und Aschdod. Er besiegte Nachbarvölker wie die Ammoniter und war bis nach Ägypten bekannt. Er baute in Jerusalem und in der Wüste. Er förderte die Landwirtschaft und rüstete sein Heer auf. Man konnte stolz sein auf einen wie Usija. Die Dinge sahen gut aus für das israelitische Südreich Judah.
Gut, bis Usija sein Erfolg zu Kopf stieg. Mit wachsendem Selbstbewusstsein glaubte er sich Gott immer näher. Er selbst übernahm Aufgaben der Priester am Heiligtum, dem Wohnort Gottes in Jerusalem. Alle Warnungen schlug er in den Wind. Und dann bekam er Aussatz -- die gefürchtete, ansteckende Hautkrankheit. Gegen die gab es nur ein Mittel: Isolierung. Einsam verbrachte Usija seine letzten Tage. Sein Sohn Jotam übernahm die Regierung. Und im Norden wuchs die Bedrohung durch das aufstrebende assyrische Weltreich. Ausgerechnet jetzt...
Da sieht Jesaja Gott in einer Vision. Ganz plastisch zeichnet er uns Bilder von dem, was das Auge eigentlich gar nicht sehen kann. Von dem, was der Verstand nicht erfassen kann. Gott ist kaum in menschlichen Worten unterzubringen. In menschlichen Räumen schon gar nicht. Die große Halle des Tempels reicht gerade einmal für den untersten Rand seines Gewands aus. Gott sprengt alle menschlichen Maßstäbe und Vorstellungskräfte. Der Prophet ist auf einmal ganz klein. Ob sein Blick ausreicht, Gott ins Angesicht zu schauen, sagt er nicht. Aber auf keinen Fall befindet er sich mit Gott auf Augenhöhe. Gott lässt sich nicht in menschlichen Bildern fassen.
Als einen König stellt Jesaja uns Gott vor -- eine Bilderwelt, die ihm wohlbekannt war. Mag sein, dass der Hoffnungskönig Usija versagt hat. Der wahre König sitzt hier auf dem Thron -- größer und erhabener als alle Könige dieser Welt. Assyrer, Ägypter, alle die mit ihren Weltreichen, sind nichts gegen ihn.
Der Hofstaat, der ihn umgibt, besteht aus Wesen, die an sich schon unvorstellbar sind. Seraphim -- wörtlich: Glühende --, fabelhafte Engelswesen deren Erscheinungsbild, auf die ägyptische Mythologie zurückgeht, wo sie in Form der Uräusschlange mit ihrem tödlichen Giftbiss erscheinen. Dort sind sie seit dem Mittleren Reich Zeichen der Macht der ägyptischen Pharaonen und der sie beschützenden Götterwelt geworden. In Jesajas Vision sind sie bloße Diener, Hofstaat des einen Allmächtigen. Doch schon ihre Stimmen reichen aus, um die Erde beben zu lassen und der Rauch der "Feurigen" erfüllt das ganze Haus. Wie mächtig muss erst der sein, dem sie dienen!
Herr Zebaoth, Herr der Heerscharen, wird dieser König genannt. Seine Armeen bleiben für uns unsichtbar, aber wer staunend vor seiner Größe steht, der mag sich ausmalen, welche Macht in seinen Streitkräften liegt. Welche Armee dieser Welt wollte vor ihm bestehen? Welche Weltmacht will sich mit ihm auch nur ansatzweise messen?
Herr Zebaoth, Jahwe Zebaoth -- das wird Jesaja nicht entgangen sein. Denn dieser Herr der Heerscharen ist "Jahwe", der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott, der sich Mose vorstellt als der, der für Israel da ist -- der Israel als sein Volk erwählt, der sie von Sklaven zu Befreiten macht und einen Bund mit ihnen schließt, der ihnen ein Land schenkt und dort bei ihnen wohnt. "Ich bin für euch da" heißt sein Name. Und wenn der für einen da ist, kann einem wirklich nichts mehr passieren.
Jesaja könnte den Tempel also frohen Mutes, zuversichtlich und gestärkt verlassen, wäre da nicht eine Kleinigkeit -- nein: Kleinigkeiten gibt es nicht in diesem Bild -- ein ganz großes Hindernis zu solch einem freudigen Abgang:
"Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth". Dieses dreimal "Heilig" ist mehr als ein Teil der Liturgie, der bis heute in vielen Kirchen als "Sanctus" zum Abendmahl gesungen wird. Es ist eine grundlegende Beschreibung des Wesens Gottes.
Heilig -- Gott ist anders als alles andere. Wer vor ihm steht, der kann nicht anders, als sich ganz klein zu fühlen. Gott steht über allem. Gott ist nicht mein guter Kumpel. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, der alles, was ist gemacht hat. Jeder andere, alles andere ist nur Geschöpf. Im Gegenüber zu Gott wird sichtbar wie klein und unvollkommen alles andere ist. Jeder andere. Jesaja. Und ich.
Heilig -- Gott ist vollkommen und ohne Fehler. "Heil" steckt in diesem Wort mit drin. Wer vor ihm steht, ist überwältigt von seiner Herrlichkeit und entdeckt gleichzeitig, wie stümperhaft und fehlerhaft jede eigene Lebenskonstruktion ist. "Weh mir, ich vergehe!", ruft Jesaja. Und jedem von uns würde es genauso gehen. Mir auch.
Heilig -- die Begegnung mit Gott zeigt zuerst die eigene Unvollkommenheit auf. Sie lässt keinen Raum für einen triumphalen Abgang, der in der Herrlichkeit Gottes schwelgt und den "Herr der Heerscharen" als meinen großzügigen Unterstützer mit in die eigene Lebenswelt nimmt. Gott lässt sich nicht einstecken und mitnehmen. Wer ihm begegnet, dem fehlen die Worte. In seiner Gegenwart kann man nur demütig werden.
Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth.
Das Gottesbild, das uns Jesaja vor Augen stellt, überwältigt die Sinne. Es überwältigt den Verstand. Es lässt einen zurück wie den Propheten selbst: "Weh mir, ich vergehe!"
Was mache ich denn mit so einem Bild von Gott?
In der Vision des Jesaja tritt die reale Lebenswelt ganz schnell in den Hintergrund. Die historischen Umstände und der Tempel als geographischer Ort bilden nur das Sprungbrett hinein in eine Bilderwelt, die außerhalb des von uns Erlebbaren liegt. Hat dieser Gott überhaupt einen Bezug zu meinem Alltag?
Ja, hat er, müsste Jesaja sagen, der sich von ihm senden lässt und zurückkommt mit Worten des Gerichts über die, die sich auf Gottes Seite wähnen, aber doch nicht so leben, als sei er da, mitten unter ihnen.
Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth.
Und dann das Gericht?
Wie froh bin ich gerade heute am Trinitatisfest, dass diesem Bild vom überwältigenden, großen, heiligen und unfassbaren Gott noch andere Bilder zur Seite stehen. Am allermeisten hilft mir dabei das Bild, das Gott von sich selbst zeichnet. Als er sich nämlich zu erkennen gibt -- "Offenbarung" könnte man das nennen. Als er sich erfassbar macht, indem er sich nicht mehr nur in Visionen und Bildern zeigt, die ihn doch sowieso nie fassen können. Als er sich vielmehr selbst hineinbegibt in die Welt dessen, was wir kennen und täglich erleben:
Gott wird Mensch. Er wird einer von uns. Er kommt als Kind, ganz weit weg von aller Größe und Herrlichkeit, in das kratzige Stroh einer Futterkrippe, in Windeln, zu den ärmsten der Armen. Er kommt als Mensch, als Handwerker, als wandernder Prediger, als einer ohne festen Wohnsitz. Er kommt als einer, der begegnet, mit offenen Augen und offenen Armen, der Grenzen überschreitet zu dem Menschen hin, egal, ob sie arm sind oder reich, krank oder gesund, wichtig oder unwichtig, angesehen oder nicht, Mann oder Frau oder Kind oder wer auch immer.
Bei ihm heißt selbst Aussatz nicht mehr Ausschluss wie damals, bei Usija. Er ist den Kranken nahe, berührt und heilt. Er ist heil-ig auf ganz andere, ganz heil-same Art.
In ihm zeigt sich Gott als der, der Jahwe heißt. "Ich bin für euch da". Er stellt sich sichtbar auf die Seite der Ausgestoßenen, der Leidenden, der Unterdrückten und Verfolgten. Er stellt sich auf der Seite der Sterbenden -- auf unser aller Seite als er den Tod auf sich nimmt -- und was für einen Tod!
Er sieht ganz anders aus als der Gott, den Jesaja zeichnet. Selbst nach der Auferstehung trägt er die Wunden seines Leidens an seinem Leib. Und weit und breit ist kein Seraph in Sicht!
Und doch ist er derselbe: Gott, der Große, Heilige, Unfassbare, macht sich selbst klein und zwängt sich hinein in diese Welt, in diesen Christus. Gott, der Große, Heilige, Unfassbare selbst ist es, der uns in ihm entgegen kommt. Der uns anfasst und umarmt. Der uns einlädt und mit uns zu Tisch sitzt. Der uns berührt und heil macht.
"In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis" (Kolosser 2,3), weiß der Apostel Paulus zu berichten. Und doch kommt er uns nahe und öffnet sich uns und nimmt uns mit hinein in sein Reich.
Er ist Jahwe. "Ich bin für euch da."
Jesaja mag das Bild vom großen Weltenherrscher nahe gelegen sein. Als Christ:innen ist uns ein ganz anderes Bild das wichtigste geworden: Jesus. Der Christus. Hier zeigt sich Gott selbst noch einmal ganz neu.
Jahwe. "Ich bin für euch da."
Und dem muss sich heute am Trinitatisfest, eine Woche nach Pfingsten, noch ein weiteres Bild zur Seite stellen. Denn: So wie der endlos erhabene Gott aus Jesajas Vision mir für immer unzugänglich bleiben wird, so wäre auch der Mensch Jesus mir fern -- zweitausend Jahre weit, Tendenz steigend -- wenn er nicht versprochen hätte, dass es weiter geht mit den Menschen und ihm. Auf Himmelfahrt folgt Pfingsten: Gott sendet seinen Geist, wie Jesus es versprochen hat.
Parakletos hat er ihn genannt, den "Tröster". Wörtlich: einen, der an meiner Seite ist. Als Stütze. Als "Beistand", ganz wörtlich. "Advocatus" auf Lateinisch -- der Advokat ist uns auch noch bekannt und lässt ahnen, wie man sich diesen Beistand vorstellen könnte. Einer, der mehr ist als ich und der für mich da ist, wo ich alleine nicht bestehen könnte.
Christus selbst lebt in mir durch seinen Heiligen Geist. So ist Gott mir ganz nahe. Das sieht noch einmal ganz anders aus als der, der von Seraphim umkreist den Tempel mit seinem Saum ausfüllte. Das sieht noch einmal ganz anders aus als der Wanderprediger aus Galiläa, der als Auferstandener die Wundmale mit sich trägt. Eigentlich "sieht" es gar nicht "aus". Denn wenn ich ihn finden will, muss ich dort schauen, wo er versprochen hat, zu wohnen: In mir.
Wenn ich ihn brauche, muss ich gar nicht weit und lange suchen. Sein Geist wohnt in mir.
Jahwe. "Ich bin für euch da."
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
Manchmal wünschte ich, ich könnte ihn sehen: Gott, an den ich glaube. Gott, auf den ich hoffe. Gott, auf den ich mein Vertrauen setze.
An manchen Tagen fällt mir das leicht, mit dem unsichtbaren Gott. An anderen Tagen fällt es mir furchtbar schwer. An Tagen, in denen ich das Böse wahrnehme in dieser Welt: die Dunkelheit und Kälte, die Habgier und Missgunst zwischen uns, die Kriege, die Sorgen, die ungelösten Fragen.
Dann möchte ich ihn gerne sehen, Gott. Das würde mir Mut machen. Das würde mir helfen, weiter zu vertrauen.
Wenn ich ihn brauche, dann ist er schon da.
Wenn ich ihn suche, dann zeigt sein Geist zu Christus hin. "Alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis."
Wenn ich ihn anschaue, dann reicht das ganze Universum nicht aus, um ihn zu fassen.
Dann kann ich nicht anders, als überwältigt mit einzustimmen in das Lob seiner Engel:
"Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll."
Ich auch.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
Manchmal wünschte ich, ich könnte ihn sehen: Gott, an den ich glaube. Gott, auf den ich hoffe. Gott, auf den ich mein Vertrauen setze.
An manchen Tagen fällt mir das leicht, mit dem unsichtbaren Gott. An anderen Tagen fällt es mir furchtbar schwer. An Tagen, in denen ich das Böse wahrnehme in dieser Welt: die Dunkelheit und Kälte, die Habgier und Missgunst zwischen uns, die Kriege, die Sorgen, die ungelösten Fragen.
Dann möchte ich ihn gerne sehen, Gott. Das würde mir Mut machen. Das würde mir helfen, weiter zu vertrauen. Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, wie er damals:
Aus dem 6. Kapitel des Jesajabuchs:
1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. 2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. 3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! 4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch. 5 Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. 6 Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, 7 und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei. 8 Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! (Jesaja 6,1-8)Ob er sich das damals auch gewünscht hat? In diesem seltsamen Jahr, als König Usija starb?
Der hatte eigentlich ganz gut angefangen. Schon mit 16 Jahren König -- im Königebuch der hebräischen Bibel heißt er "Asarja". Ein geschickter war er. Er gewann Kämpfe gegen die Philister und eroberte Gath und Aschdod. Er besiegte Nachbarvölker wie die Ammoniter und war bis nach Ägypten bekannt. Er baute in Jerusalem und in der Wüste. Er förderte die Landwirtschaft und rüstete sein Heer auf. Man konnte stolz sein auf einen wie Usija. Die Dinge sahen gut aus für das israelitische Südreich Judah.
Gut, bis Usija sein Erfolg zu Kopf stieg. Mit wachsendem Selbstbewusstsein glaubte er sich Gott immer näher. Er selbst übernahm Aufgaben der Priester am Heiligtum, dem Wohnort Gottes in Jerusalem. Alle Warnungen schlug er in den Wind. Und dann bekam er Aussatz -- die gefürchtete, ansteckende Hautkrankheit. Gegen die gab es nur ein Mittel: Isolierung. Einsam verbrachte Usija seine letzten Tage. Sein Sohn Jotam übernahm die Regierung. Und im Norden wuchs die Bedrohung durch das aufstrebende assyrische Weltreich. Ausgerechnet jetzt...
Da sieht Jesaja Gott in einer Vision. Ganz plastisch zeichnet er uns Bilder von dem, was das Auge eigentlich gar nicht sehen kann. Von dem, was der Verstand nicht erfassen kann. Gott ist kaum in menschlichen Worten unterzubringen. In menschlichen Räumen schon gar nicht. Die große Halle des Tempels reicht gerade einmal für den untersten Rand seines Gewands aus. Gott sprengt alle menschlichen Maßstäbe und Vorstellungskräfte. Der Prophet ist auf einmal ganz klein. Ob sein Blick ausreicht, Gott ins Angesicht zu schauen, sagt er nicht. Aber auf keinen Fall befindet er sich mit Gott auf Augenhöhe. Gott lässt sich nicht in menschlichen Bildern fassen.
Als einen König stellt Jesaja uns Gott vor -- eine Bilderwelt, die ihm wohlbekannt war. Mag sein, dass der Hoffnungskönig Usija versagt hat. Der wahre König sitzt hier auf dem Thron -- größer und erhabener als alle Könige dieser Welt. Assyrer, Ägypter, alle die mit ihren Weltreichen, sind nichts gegen ihn.
Der Hofstaat, der ihn umgibt, besteht aus Wesen, die an sich schon unvorstellbar sind. Seraphim -- wörtlich: Glühende --, fabelhafte Engelswesen deren Erscheinungsbild, auf die ägyptische Mythologie zurückgeht, wo sie in Form der Uräusschlange mit ihrem tödlichen Giftbiss erscheinen. Dort sind sie seit dem Mittleren Reich Zeichen der Macht der ägyptischen Pharaonen und der sie beschützenden Götterwelt geworden. In Jesajas Vision sind sie bloße Diener, Hofstaat des einen Allmächtigen. Doch schon ihre Stimmen reichen aus, um die Erde beben zu lassen und der Rauch der "Feurigen" erfüllt das ganze Haus. Wie mächtig muss erst der sein, dem sie dienen!
Herr Zebaoth, Herr der Heerscharen, wird dieser König genannt. Seine Armeen bleiben für uns unsichtbar, aber wer staunend vor seiner Größe steht, der mag sich ausmalen, welche Macht in seinen Streitkräften liegt. Welche Armee dieser Welt wollte vor ihm bestehen? Welche Weltmacht will sich mit ihm auch nur ansatzweise messen?
Herr Zebaoth, Jahwe Zebaoth -- das wird Jesaja nicht entgangen sein. Denn dieser Herr der Heerscharen ist "Jahwe", der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott, der sich Mose vorstellt als der, der für Israel da ist -- der Israel als sein Volk erwählt, der sie von Sklaven zu Befreiten macht und einen Bund mit ihnen schließt, der ihnen ein Land schenkt und dort bei ihnen wohnt. "Ich bin für euch da" heißt sein Name. Und wenn der für einen da ist, kann einem wirklich nichts mehr passieren.
Jesaja könnte den Tempel also frohen Mutes, zuversichtlich und gestärkt verlassen, wäre da nicht eine Kleinigkeit -- nein: Kleinigkeiten gibt es nicht in diesem Bild -- ein ganz großes Hindernis zu solch einem freudigen Abgang:
"Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth". Dieses dreimal "Heilig" ist mehr als ein Teil der Liturgie, der bis heute in vielen Kirchen als "Sanctus" zum Abendmahl gesungen wird. Es ist eine grundlegende Beschreibung des Wesens Gottes.
Heilig -- Gott ist anders als alles andere. Wer vor ihm steht, der kann nicht anders, als sich ganz klein zu fühlen. Gott steht über allem. Gott ist nicht mein guter Kumpel. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, der alles, was ist gemacht hat. Jeder andere, alles andere ist nur Geschöpf. Im Gegenüber zu Gott wird sichtbar wie klein und unvollkommen alles andere ist. Jeder andere. Jesaja. Und ich.
Heilig -- Gott ist vollkommen und ohne Fehler. "Heil" steckt in diesem Wort mit drin. Wer vor ihm steht, ist überwältigt von seiner Herrlichkeit und entdeckt gleichzeitig, wie stümperhaft und fehlerhaft jede eigene Lebenskonstruktion ist. "Weh mir, ich vergehe!", ruft Jesaja. Und jedem von uns würde es genauso gehen. Mir auch.
Heilig -- die Begegnung mit Gott zeigt zuerst die eigene Unvollkommenheit auf. Sie lässt keinen Raum für einen triumphalen Abgang, der in der Herrlichkeit Gottes schwelgt und den "Herr der Heerscharen" als meinen großzügigen Unterstützer mit in die eigene Lebenswelt nimmt. Gott lässt sich nicht einstecken und mitnehmen. Wer ihm begegnet, dem fehlen die Worte. In seiner Gegenwart kann man nur demütig werden.
Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth.
Das Gottesbild, das uns Jesaja vor Augen stellt, überwältigt die Sinne. Es überwältigt den Verstand. Es lässt einen zurück wie den Propheten selbst: "Weh mir, ich vergehe!"
Was mache ich denn mit so einem Bild von Gott?
In der Vision des Jesaja tritt die reale Lebenswelt ganz schnell in den Hintergrund. Die historischen Umstände und der Tempel als geographischer Ort bilden nur das Sprungbrett hinein in eine Bilderwelt, die außerhalb des von uns Erlebbaren liegt. Hat dieser Gott überhaupt einen Bezug zu meinem Alltag?
Ja, hat er, müsste Jesaja sagen, der sich von ihm senden lässt und zurückkommt mit Worten des Gerichts über die, die sich auf Gottes Seite wähnen, aber doch nicht so leben, als sei er da, mitten unter ihnen.
Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth.
Und dann das Gericht?
Wie froh bin ich gerade heute am Trinitatisfest, dass diesem Bild vom überwältigenden, großen, heiligen und unfassbaren Gott noch andere Bilder zur Seite stehen. Am allermeisten hilft mir dabei das Bild, das Gott von sich selbst zeichnet. Als er sich nämlich zu erkennen gibt -- "Offenbarung" könnte man das nennen. Als er sich erfassbar macht, indem er sich nicht mehr nur in Visionen und Bildern zeigt, die ihn doch sowieso nie fassen können. Als er sich vielmehr selbst hineinbegibt in die Welt dessen, was wir kennen und täglich erleben:
Gott wird Mensch. Er wird einer von uns. Er kommt als Kind, ganz weit weg von aller Größe und Herrlichkeit, in das kratzige Stroh einer Futterkrippe, in Windeln, zu den ärmsten der Armen. Er kommt als Mensch, als Handwerker, als wandernder Prediger, als einer ohne festen Wohnsitz. Er kommt als einer, der begegnet, mit offenen Augen und offenen Armen, der Grenzen überschreitet zu dem Menschen hin, egal, ob sie arm sind oder reich, krank oder gesund, wichtig oder unwichtig, angesehen oder nicht, Mann oder Frau oder Kind oder wer auch immer.
Bei ihm heißt selbst Aussatz nicht mehr Ausschluss wie damals, bei Usija. Er ist den Kranken nahe, berührt und heilt. Er ist heil-ig auf ganz andere, ganz heil-same Art.
In ihm zeigt sich Gott als der, der Jahwe heißt. "Ich bin für euch da". Er stellt sich sichtbar auf die Seite der Ausgestoßenen, der Leidenden, der Unterdrückten und Verfolgten. Er stellt sich auf der Seite der Sterbenden -- auf unser aller Seite als er den Tod auf sich nimmt -- und was für einen Tod!
Er sieht ganz anders aus als der Gott, den Jesaja zeichnet. Selbst nach der Auferstehung trägt er die Wunden seines Leidens an seinem Leib. Und weit und breit ist kein Seraph in Sicht!
Und doch ist er derselbe: Gott, der Große, Heilige, Unfassbare, macht sich selbst klein und zwängt sich hinein in diese Welt, in diesen Christus. Gott, der Große, Heilige, Unfassbare selbst ist es, der uns in ihm entgegen kommt. Der uns anfasst und umarmt. Der uns einlädt und mit uns zu Tisch sitzt. Der uns berührt und heil macht.
"In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis" (Kolosser 2,3), weiß der Apostel Paulus zu berichten. Und doch kommt er uns nahe und öffnet sich uns und nimmt uns mit hinein in sein Reich.
Er ist Jahwe. "Ich bin für euch da."
Jesaja mag das Bild vom großen Weltenherrscher nahe gelegen sein. Als Christ:innen ist uns ein ganz anderes Bild das wichtigste geworden: Jesus. Der Christus. Hier zeigt sich Gott selbst noch einmal ganz neu.
Jahwe. "Ich bin für euch da."
Und dem muss sich heute am Trinitatisfest, eine Woche nach Pfingsten, noch ein weiteres Bild zur Seite stellen. Denn: So wie der endlos erhabene Gott aus Jesajas Vision mir für immer unzugänglich bleiben wird, so wäre auch der Mensch Jesus mir fern -- zweitausend Jahre weit, Tendenz steigend -- wenn er nicht versprochen hätte, dass es weiter geht mit den Menschen und ihm. Auf Himmelfahrt folgt Pfingsten: Gott sendet seinen Geist, wie Jesus es versprochen hat.
Parakletos hat er ihn genannt, den "Tröster". Wörtlich: einen, der an meiner Seite ist. Als Stütze. Als "Beistand", ganz wörtlich. "Advocatus" auf Lateinisch -- der Advokat ist uns auch noch bekannt und lässt ahnen, wie man sich diesen Beistand vorstellen könnte. Einer, der mehr ist als ich und der für mich da ist, wo ich alleine nicht bestehen könnte.
Christus selbst lebt in mir durch seinen Heiligen Geist. So ist Gott mir ganz nahe. Das sieht noch einmal ganz anders aus als der, der von Seraphim umkreist den Tempel mit seinem Saum ausfüllte. Das sieht noch einmal ganz anders aus als der Wanderprediger aus Galiläa, der als Auferstandener die Wundmale mit sich trägt. Eigentlich "sieht" es gar nicht "aus". Denn wenn ich ihn finden will, muss ich dort schauen, wo er versprochen hat, zu wohnen: In mir.
Wenn ich ihn brauche, muss ich gar nicht weit und lange suchen. Sein Geist wohnt in mir.
Jahwe. "Ich bin für euch da."
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
Manchmal wünschte ich, ich könnte ihn sehen: Gott, an den ich glaube. Gott, auf den ich hoffe. Gott, auf den ich mein Vertrauen setze.
An manchen Tagen fällt mir das leicht, mit dem unsichtbaren Gott. An anderen Tagen fällt es mir furchtbar schwer. An Tagen, in denen ich das Böse wahrnehme in dieser Welt: die Dunkelheit und Kälte, die Habgier und Missgunst zwischen uns, die Kriege, die Sorgen, die ungelösten Fragen.
Dann möchte ich ihn gerne sehen, Gott. Das würde mir Mut machen. Das würde mir helfen, weiter zu vertrauen.
Wenn ich ihn brauche, dann ist er schon da.
Wenn ich ihn suche, dann zeigt sein Geist zu Christus hin. "Alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis."
Wenn ich ihn anschaue, dann reicht das ganze Universum nicht aus, um ihn zu fassen.
Dann kann ich nicht anders, als überwältigt mit einzustimmen in das Lob seiner Engel:
"Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll."
Ich auch.
Amen.

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