
Sign up to save your podcasts
Or


Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Liebe von Gott Geliebte hier in Tailfingen,
Die Tränen fließen oft ungesehen. Einsam, in der Stille. Es kann wohl gar keiner sehen, wie groß die Not ist. Oder vielleicht schaut auch einfach nur keiner hin.
Sie hat ihre Enkel schon so lange nicht mehr gesehen. Klar, sie wohnen weit weg. Nur sehr selten war es ihnen möglich, die lange Fahrt auf sich zu nehmen. Und das Programm der jungen Leute ist doch heute auch so voll. Das sieht sie ja alles ein. Dann kam Corona. Die Heime waren lange zu. Besuche waren sowieso nicht möglich. Und jetzt, wo sie wieder möglich sind, ist das ja alles so umständlich, mit dem Testen und so. Irgendwie haben alle akzeptiert, dass das jetzt eben so ist. Aber wenn sie das Foto auf ihrem Nachtisch sieht -- inwzischen ist es vier Jahre alt -- dann sticht es sie tief ins Herz. Es tut so weh. Wie lange soll das noch gehen? Sie möchte nicht mehr. Sie möchte endlich wieder umarmt werden, lachen, sich an den Enkeln freuen; an der Sonne im Garten draußen und an einem Eisbecher im Café am Markt. Sie möchte endlich wieder leben. Warum? Wie lange noch?
Er möchte eigentlich gar nicht mehr leben. Wenn man es genau nimmt, schon seit acht Jahren nicht mehr. Seit damals, als seine geliebte Frau gestorben sind. Hilflos war er da auf einmal. Er konnte sich doch kaum mehr erinnern, jemals ohne sie gelebt zu haben, nach all den Jahrzehnten ihrer Ehe. Nie hätte er gedacht, dass er es einmal sein würde, der noch übrig bleibt. Das wollte er nicht. Und dann war sie nicht mehr da. Irgendwie hat er sich eingerichtet in dem Schmerz, in der Traurigkeit, in der Leere. Bei so vielen Handgriffen, so vielen Kleinigkeiten, kommt die Erinnerung an sie wieder hoch. Dann bleibt ihm fast das Herz stehen. Ach, wenn es doch stehen bleiben würde. Jetzt kam auch noch der Krebs dazu. Unheilbar, haben sie gesagt, nach drei unnötigen, quälenden Chemos. Nur noch kurze Zeit haben sie ihm gegen. Da hat er sich heimlich fast gefreut. Aber das ist jetzt auch schon wieder vier Jahre her. Der Schmerz und die Einsamkeit werden immer unerträglicher. Aber er darf nicht gehen. Dabei möchte er doch so gerne. Warum nicht? Wie lange noch?
Sie weiß schon lange nicht mehr, was sie noch anfangen soll, mit den quengelnden Kindern zu Hause, die endlich wieder Normalität wollen. Schule. Freunde. Leben eben, wie es sich gehört als Kind. Stattdessen hocken sie zu Hause. Der hippelige Erstklässler soll sich selbst durch Wochenpläne arbeiten, diszipliniert und konzentriert. Das ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Stattdessen prügelt er sich mit seinem Bruder. Für sie fühlt es sich an, als reibe man Schleifpapier über ihre rohen Nerven. Und jede Nachricht von verlängertem Lockdown, von erneut ausgesetztem Schulunterricht, jeder Elternbrief und jedes Weckerklingeln am Morgen dringt wie ein Bohrer in ihre Schläfen. Sie weiß nicht, wie sie das noch aushalten soll. Und dazu die Sorgen, wie es weitergeht. Bis jetzt hat die Firma irgendwie mitgemacht, sie konnte Stunden reduzieren, Urlaub nehmen -- erst bezahlt, dann unbezahlt -- konnte irgendwie jonglieren mit Mann und Oma und Nachbarin. Aber lange geht das nicht mehr so weiter, das ahnt sie, und es lässt sie nicht schlafen bei Nacht, die Angst, vor dem, was da kommt. Warum? Wie lange noch?
Er kann auch nur selten ruhig schlafen. Die Bilder sind unauslöschlich in sein Gedächtnis ausgebrannt. Die Schreie. Die Schüsse. Die Peitschenhiebe. Mitten in der Nacht haben sie ihn aufgeweckt. Er dachte schon, jetzt ist alles aus. Jetzt bringen sie ihn um. Stattdessen haben sie ihn in ein Boot bugsiert, mit so vielen anderen, dass er kaum Platz zum Atem hatte. Die Füße standen im Treibstoff, der einfach ins Boot gegossen wurde, ohne Rücksicht darauf, dass das die Haut der Passagiere verbrannte. Schwimmwesten gab es keine. Dafür gab es meterhohe Welllen mit Gischt obendrauf und einen grauen, bleiernen Himmel. Er hatte doch nie Schwimmen gelernt. Die Überfahrt, die Täler und Berge der Wellen, schien sich endlos hinzuziehen, bis dann irgendwann der Motor stotterte und seinen Geist aufgab, und sie nur noch ziellos dahintrieben, vor und zurück, hoch und runter. An den Rest erinnert er sich nicht mehr. So halb war er zu sich gekommen, als fremde Menschen ihm eine Schwimmweste überstreiften und ihn auf das rettende Schiff hievten. Europa, der sichere Hafen, erreicht nach langen Tagen des Wartens und Verhandelns, ist nicht das Land der Hoffnung, von dem er geträumt hat. Keiner will ihn hier. Keiner versteht ihn. Er fühlt sich alleingelassen und fremd, weit weg von seinen Lieben, an einem Ort, der keine Perspektiven für ihn zu haben scheint. Warum? Wie lange noch?
Sie weiß schon gar nicht mehr, wie ihre Freundinnen aussehen. Die WhatsApp-Nachrichten werden immer weniger und immer inhaltsleerer. Es fühlt sich fast so an, als habe es immer nur Lockdown und Fernunterricht gegeben. Sie sehnt sich nach dem Spaß, an den sie sich erinnern kann, nach sonnigen Tagen, fröhlichem Miteinander, Zeit zum Abhängen und auch mal sinnlosem Quatschen, ganz nahe beieinander, als wäre das das natürlichste der Welt. Stattdessen hockt sie hier in ihrem kleinen Zimmer, vor dem alten PC den ihr Onkel vorbeigebracht hat, und hofft, dass das stotternde Internet den Schulvormittag heute durchhält. Dass sie Mathe noch einmal kapieren könnte, den Gedanken hat sie schon längst aufgegeben. Wie das alles einmal werden soll in ihrer Zukunft, daran denkt sie lieber nicht. Warum? Wie lange noch?
Das Leid ist ganz unterschiedlich. Die Schmerzen, die Not, sind groß.
Allen gemeinsam ist, dass sie alles versucht haben. Alles, was irgendwie helfen könnte.
Sogar das Beten. Mit unterschiedlich großen Erwartungen, mit ganz unterschiedlichen Worten und Formen. Aber wer weiß, vielleicht hört ja doch einmal zu.
Allen gemeinsam ist auch die Erfahrung, dass das Beten oft scheinbar nicht weiter als bis zur Decke geht. Oder in den grauen Wolken des Himmels hängen bleibt.
Das Bild mit den Wolken stammt aus dem Predigttext für heute. Einem seltsamen Text, aus einem der "versteckten Bücher", den sogenannten "Apokryphen", Spätschriften zum Alten Testament, die in der hebräischen Bibel gar nicht vorkommen, in der "Septuaginta"; der in der Antike äußerst verbreiteten griechischen Übersetzung davon aber schon. Geistliche Literatur vergangener Tage. Weisheitsschriften aus dem Alten Orient. Die Reformatoren haben sie nicht auf eine Ebene mit der Heiligen Schrift gestellt, und trotzdem mit ins Deutsche übersetzt, weil sie nützlich für Glauben und Leben seien. Gerade das Buch Sirach, aus dem wir heute gelesen haben, wurde in der lutherschen Übersetzung sogar zu einer Art Bestseller. Es kann sich also durchaus lohnen, einmal darin zu lesen.
Ben Sirach, ein Weisheitslehrer in Jerusalem, ungefähr 200 Jahre vor Jesus, gibt darin die gesammelten Schätze seiner Lebensweisheit weiter. Vom guten Leben redet er ganz viel, von Freundschaft und vom Miteinander, von gelingenden Beziehungen und guten Regeln. Und vom Beten.
Das lohnt sich, sagt Ben Sirach. Gott ist nämlich einer, der auf der Seite derer steht, die ihn am dringendsten brauchen. Auf der Seite derer, die die ungesehenen Tränen weinen. Die unter dem grauen, wolkenverhangenen Lebenshimmel leben und nicht mehr wissen, wie es noch weitergehen soll. Gott steht auf der Seite der Notleidenden, die keine Hilfe finden und keinen Fürsprecher haben. Er steht denen bei, denen sich alles entgegenstellt. Zu Ben Sirachs Zeiten waren das die Witwen und Waisen. Heute sind es viele andere, mit ganz anderen Schicksalen. Aber mit demselben Gott.
Es lohnt sich, zu beten, sagt Ben Sirach, weil Gott nicht auf die Person sieht und auf deren Leistungsfähigkeit oder gesellschaftlichen Status. Es lohnt sich, zu beten, sagt Ben Sirach, weil das Gebet weiter geht als nur bis zu den Wolken. Natürlich wissen wir, dass Gott nicht irgendwo weit weg "oben" über den Wolken wohnt. Aber das Bild ist stark und einprägsam: Gebet dringt durch die Wolken. Gebet kommt an, sagt Ben Sirach. Es lohnt sich zu beten,
Es lohnt sich, auf Ben Sirach zu hören, sage ich. Auch wenn uns das vielleicht ganz ungewohnt erscheint und deshalb erstmal schwer fällt. Viele von uns haben nie gelernt, zu klagen. Im Gegenteil: Wir verehren die, die leiden, ohne zu klagen, als wahre Helden. Zu biblischen Zeiten hätte man über uns vielleicht gelacht. Da war die Klage etwas ganz normales. Über ein Drittel der Psalmen sind Klagegebete, die mit starken Worten Gott das menschliche Elend vorhalten und ihn an seine Versprechen erinnern. Wie lange noch, Herr?
Es lohnt sich, zu beten, sagt Ben Sirach. Unser Gebet, unser Klagen, dringt durch zu Gott und wird dort gehört. Gehört von dem, der gerecht ist und von großer Güte.
Die biblischen Klagegebete enden oft mit einem Bericht, dass sich das Vertrauen gelohnt hat. Vielleicht können auch wir einmal berichten, dass unser Gebet von Gott gehört wurde. Vielleicht müssen wir einfach neu entdecken, dass wir Gott unser Leid klagen dürfen. Und es tun. Am besten gleich heute.
Über den Wolken scheint oft die Sonne. Wenn Gebet durch die Wolken dringt, schiebt er vielleicht die düstere Bedeckung weg und das Licht seiner Hoffnung scheint in unser Leben.
Es könnte sich lohnen, ihm sein Leid zu klagen.
Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten.
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Liebe von Gott Geliebte hier in Tailfingen,
Die Tränen fließen oft ungesehen. Einsam, in der Stille. Es kann wohl gar keiner sehen, wie groß die Not ist. Oder vielleicht schaut auch einfach nur keiner hin.
Sie hat ihre Enkel schon so lange nicht mehr gesehen. Klar, sie wohnen weit weg. Nur sehr selten war es ihnen möglich, die lange Fahrt auf sich zu nehmen. Und das Programm der jungen Leute ist doch heute auch so voll. Das sieht sie ja alles ein. Dann kam Corona. Die Heime waren lange zu. Besuche waren sowieso nicht möglich. Und jetzt, wo sie wieder möglich sind, ist das ja alles so umständlich, mit dem Testen und so. Irgendwie haben alle akzeptiert, dass das jetzt eben so ist. Aber wenn sie das Foto auf ihrem Nachtisch sieht -- inwzischen ist es vier Jahre alt -- dann sticht es sie tief ins Herz. Es tut so weh. Wie lange soll das noch gehen? Sie möchte nicht mehr. Sie möchte endlich wieder umarmt werden, lachen, sich an den Enkeln freuen; an der Sonne im Garten draußen und an einem Eisbecher im Café am Markt. Sie möchte endlich wieder leben. Warum? Wie lange noch?
Er möchte eigentlich gar nicht mehr leben. Wenn man es genau nimmt, schon seit acht Jahren nicht mehr. Seit damals, als seine geliebte Frau gestorben sind. Hilflos war er da auf einmal. Er konnte sich doch kaum mehr erinnern, jemals ohne sie gelebt zu haben, nach all den Jahrzehnten ihrer Ehe. Nie hätte er gedacht, dass er es einmal sein würde, der noch übrig bleibt. Das wollte er nicht. Und dann war sie nicht mehr da. Irgendwie hat er sich eingerichtet in dem Schmerz, in der Traurigkeit, in der Leere. Bei so vielen Handgriffen, so vielen Kleinigkeiten, kommt die Erinnerung an sie wieder hoch. Dann bleibt ihm fast das Herz stehen. Ach, wenn es doch stehen bleiben würde. Jetzt kam auch noch der Krebs dazu. Unheilbar, haben sie gesagt, nach drei unnötigen, quälenden Chemos. Nur noch kurze Zeit haben sie ihm gegen. Da hat er sich heimlich fast gefreut. Aber das ist jetzt auch schon wieder vier Jahre her. Der Schmerz und die Einsamkeit werden immer unerträglicher. Aber er darf nicht gehen. Dabei möchte er doch so gerne. Warum nicht? Wie lange noch?
Sie weiß schon lange nicht mehr, was sie noch anfangen soll, mit den quengelnden Kindern zu Hause, die endlich wieder Normalität wollen. Schule. Freunde. Leben eben, wie es sich gehört als Kind. Stattdessen hocken sie zu Hause. Der hippelige Erstklässler soll sich selbst durch Wochenpläne arbeiten, diszipliniert und konzentriert. Das ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Stattdessen prügelt er sich mit seinem Bruder. Für sie fühlt es sich an, als reibe man Schleifpapier über ihre rohen Nerven. Und jede Nachricht von verlängertem Lockdown, von erneut ausgesetztem Schulunterricht, jeder Elternbrief und jedes Weckerklingeln am Morgen dringt wie ein Bohrer in ihre Schläfen. Sie weiß nicht, wie sie das noch aushalten soll. Und dazu die Sorgen, wie es weitergeht. Bis jetzt hat die Firma irgendwie mitgemacht, sie konnte Stunden reduzieren, Urlaub nehmen -- erst bezahlt, dann unbezahlt -- konnte irgendwie jonglieren mit Mann und Oma und Nachbarin. Aber lange geht das nicht mehr so weiter, das ahnt sie, und es lässt sie nicht schlafen bei Nacht, die Angst, vor dem, was da kommt. Warum? Wie lange noch?
Er kann auch nur selten ruhig schlafen. Die Bilder sind unauslöschlich in sein Gedächtnis ausgebrannt. Die Schreie. Die Schüsse. Die Peitschenhiebe. Mitten in der Nacht haben sie ihn aufgeweckt. Er dachte schon, jetzt ist alles aus. Jetzt bringen sie ihn um. Stattdessen haben sie ihn in ein Boot bugsiert, mit so vielen anderen, dass er kaum Platz zum Atem hatte. Die Füße standen im Treibstoff, der einfach ins Boot gegossen wurde, ohne Rücksicht darauf, dass das die Haut der Passagiere verbrannte. Schwimmwesten gab es keine. Dafür gab es meterhohe Welllen mit Gischt obendrauf und einen grauen, bleiernen Himmel. Er hatte doch nie Schwimmen gelernt. Die Überfahrt, die Täler und Berge der Wellen, schien sich endlos hinzuziehen, bis dann irgendwann der Motor stotterte und seinen Geist aufgab, und sie nur noch ziellos dahintrieben, vor und zurück, hoch und runter. An den Rest erinnert er sich nicht mehr. So halb war er zu sich gekommen, als fremde Menschen ihm eine Schwimmweste überstreiften und ihn auf das rettende Schiff hievten. Europa, der sichere Hafen, erreicht nach langen Tagen des Wartens und Verhandelns, ist nicht das Land der Hoffnung, von dem er geträumt hat. Keiner will ihn hier. Keiner versteht ihn. Er fühlt sich alleingelassen und fremd, weit weg von seinen Lieben, an einem Ort, der keine Perspektiven für ihn zu haben scheint. Warum? Wie lange noch?
Sie weiß schon gar nicht mehr, wie ihre Freundinnen aussehen. Die WhatsApp-Nachrichten werden immer weniger und immer inhaltsleerer. Es fühlt sich fast so an, als habe es immer nur Lockdown und Fernunterricht gegeben. Sie sehnt sich nach dem Spaß, an den sie sich erinnern kann, nach sonnigen Tagen, fröhlichem Miteinander, Zeit zum Abhängen und auch mal sinnlosem Quatschen, ganz nahe beieinander, als wäre das das natürlichste der Welt. Stattdessen hockt sie hier in ihrem kleinen Zimmer, vor dem alten PC den ihr Onkel vorbeigebracht hat, und hofft, dass das stotternde Internet den Schulvormittag heute durchhält. Dass sie Mathe noch einmal kapieren könnte, den Gedanken hat sie schon längst aufgegeben. Wie das alles einmal werden soll in ihrer Zukunft, daran denkt sie lieber nicht. Warum? Wie lange noch?
Das Leid ist ganz unterschiedlich. Die Schmerzen, die Not, sind groß.
Allen gemeinsam ist, dass sie alles versucht haben. Alles, was irgendwie helfen könnte.
Sogar das Beten. Mit unterschiedlich großen Erwartungen, mit ganz unterschiedlichen Worten und Formen. Aber wer weiß, vielleicht hört ja doch einmal zu.
Allen gemeinsam ist auch die Erfahrung, dass das Beten oft scheinbar nicht weiter als bis zur Decke geht. Oder in den grauen Wolken des Himmels hängen bleibt.
Das Bild mit den Wolken stammt aus dem Predigttext für heute. Einem seltsamen Text, aus einem der "versteckten Bücher", den sogenannten "Apokryphen", Spätschriften zum Alten Testament, die in der hebräischen Bibel gar nicht vorkommen, in der "Septuaginta"; der in der Antike äußerst verbreiteten griechischen Übersetzung davon aber schon. Geistliche Literatur vergangener Tage. Weisheitsschriften aus dem Alten Orient. Die Reformatoren haben sie nicht auf eine Ebene mit der Heiligen Schrift gestellt, und trotzdem mit ins Deutsche übersetzt, weil sie nützlich für Glauben und Leben seien. Gerade das Buch Sirach, aus dem wir heute gelesen haben, wurde in der lutherschen Übersetzung sogar zu einer Art Bestseller. Es kann sich also durchaus lohnen, einmal darin zu lesen.
Ben Sirach, ein Weisheitslehrer in Jerusalem, ungefähr 200 Jahre vor Jesus, gibt darin die gesammelten Schätze seiner Lebensweisheit weiter. Vom guten Leben redet er ganz viel, von Freundschaft und vom Miteinander, von gelingenden Beziehungen und guten Regeln. Und vom Beten.
Das lohnt sich, sagt Ben Sirach. Gott ist nämlich einer, der auf der Seite derer steht, die ihn am dringendsten brauchen. Auf der Seite derer, die die ungesehenen Tränen weinen. Die unter dem grauen, wolkenverhangenen Lebenshimmel leben und nicht mehr wissen, wie es noch weitergehen soll. Gott steht auf der Seite der Notleidenden, die keine Hilfe finden und keinen Fürsprecher haben. Er steht denen bei, denen sich alles entgegenstellt. Zu Ben Sirachs Zeiten waren das die Witwen und Waisen. Heute sind es viele andere, mit ganz anderen Schicksalen. Aber mit demselben Gott.
Es lohnt sich, zu beten, sagt Ben Sirach, weil Gott nicht auf die Person sieht und auf deren Leistungsfähigkeit oder gesellschaftlichen Status. Es lohnt sich, zu beten, sagt Ben Sirach, weil das Gebet weiter geht als nur bis zu den Wolken. Natürlich wissen wir, dass Gott nicht irgendwo weit weg "oben" über den Wolken wohnt. Aber das Bild ist stark und einprägsam: Gebet dringt durch die Wolken. Gebet kommt an, sagt Ben Sirach. Es lohnt sich zu beten,
Es lohnt sich, auf Ben Sirach zu hören, sage ich. Auch wenn uns das vielleicht ganz ungewohnt erscheint und deshalb erstmal schwer fällt. Viele von uns haben nie gelernt, zu klagen. Im Gegenteil: Wir verehren die, die leiden, ohne zu klagen, als wahre Helden. Zu biblischen Zeiten hätte man über uns vielleicht gelacht. Da war die Klage etwas ganz normales. Über ein Drittel der Psalmen sind Klagegebete, die mit starken Worten Gott das menschliche Elend vorhalten und ihn an seine Versprechen erinnern. Wie lange noch, Herr?
Es lohnt sich, zu beten, sagt Ben Sirach. Unser Gebet, unser Klagen, dringt durch zu Gott und wird dort gehört. Gehört von dem, der gerecht ist und von großer Güte.
Die biblischen Klagegebete enden oft mit einem Bericht, dass sich das Vertrauen gelohnt hat. Vielleicht können auch wir einmal berichten, dass unser Gebet von Gott gehört wurde. Vielleicht müssen wir einfach neu entdecken, dass wir Gott unser Leid klagen dürfen. Und es tun. Am besten gleich heute.
Über den Wolken scheint oft die Sonne. Wenn Gebet durch die Wolken dringt, schiebt er vielleicht die düstere Bedeckung weg und das Licht seiner Hoffnung scheint in unser Leben.
Es könnte sich lohnen, ihm sein Leid zu klagen.
Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten.
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.
Amen.

0 Listeners