Walk & Talk mit Ida

Durchatmen. Eine kleine Pause für dein Nervensystem.


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Durchatmen. Eine kleine Pause für dein Nervensystem.

Willkommen zurück!

Hallo und herzlich willkommen zu einem neuen Spaziergang hier im Westerwald!
Ich freue mich, dass du dabei bist bei Walk & Talk mit Ida. Es gibt wieder eine neue Folge nach meiner Winterpause über Weihnachten und Neujahr. Das heißt, wir starten ins neue Jahr direkt – da es Montag ist – gemeinsam mit einer kleinen Übung, die ich dir vorstellen möchte. Und ich hoffe, dass ich dich dafür begeistern kann, oder zumindest interessieren.

DIE ÜBUNG - 3-Minuten-Atempause

Die Übung ist extra ganz kurz und heißt deshalb auch 3-Minuten-Atempause.
Ich will dir aber auch erklären, warum die so viel tut und wofür sie so viel tut. Denn ich selber mag es gar nicht, Übungen zu machen, wenn ich eigentlich gar nicht verstehe, was die tun. Das ist immer so: Da kommt einer vorbei und sagt "Die Übung ist so toll, die musst du unbedingt machen!" Aber ganz ehrlich, meistens mache ich sie nicht, wenn ich nicht verstehe, was sie mir eigentlich bringt – und vielleicht auch, wie ich sie selber anpassen kann, wenn ich merke, dass sie gerade nicht zu mir passt.
Und genau das möchte ich heute dir erklären für diese Übung.

DER KONTEXT - Kennst du das?

Denn ich denke, viele kennen das: Dass man sehr gestresst ist, von einem Meeting zum anderen, dass man nicht mal eine Mittagspause hat.
Also ich hatte das ja jahrelang, viele Tage – nicht jeden zum Glück, aber viele, viele, viele Tage in der Woche kam ich nicht mal richtig zur Mittagspause. Und das habe ich immer sehr gemerkt.
Also wenn dann zu viele Termine sind, zu viele Gespräche sind – selbst wenn die Termine nicht so stressig sind an sich, wenn das Thema ganz okay ist – trotzdem ist selbst die Menge der Meetings irgendwann für mich zu viel gewesen. Und ich habe gemerkt: Ich brauche eine Pause.
Und ja, natürlich hilft es dann, sich eine Stunde Zeit zu nehmen, gemütlich mit Kollegen Mittagessen zu gehen. Aber es kommt ja eben auch häufig vor, dass das leider nicht reinpasst.
Und da ist diese 3-Minuten-Atempause meiner Meinung nach echt Gold wert. Denn sie tut unglaublich viel für dein inneres Stresslevel – und für deine Resilienz dadurch.
Also dadurch, dass das Stresslevel niedriger wird durch die Übung, steigt wieder deine Resilienz an. Die beiden sind ja so ein bisschen gegenseitig.

WAS TUT DIESE ÜBUNG?

Das Erste ist: Sie sorgt nicht dafür, dass man sieht, dass du die Übung machst. Das finde ich immer eine sehr schöne Sache. Denn du sitzt einfach ganz normal in deinem Stuhl oder stehst – was du möchtest – und nimmst dir die Zeit.
3 Minuten ist übrigens ein Vorschlag. Das ist so eine Zeit, wo die Übung auch schon richtig gut wirkt. Aber selbst nach ein paar Atemzügen – und da wir Menschen ja im Schnitt etwa irgendwas zwischen 12 und 16 Atemzüge die Minute machen, geht das ganz schön schnell.
Ich habe bei mir immer gemerkt, ich atme allgemein langsamer, aber ich habe auch bei meinen Patienten gemerkt: Diese Zahlen stimmen tatsächlich. Also viele Leute atmen recht schnell.
Und wenn du dann ein paar Atemzüge machst – ja, das hilft schon. Dann brauchst du vielleicht gar nicht unbedingt die ganzen 3 Minuten, aber es ist trotzdem empfehlenswert.

DIE WISSENSCHAFT - Atem und Herzfrequenz

Also, du nimmst dir 3 Minuten Zeit. Und was passiert dann?
Wenn du einatmest, dann gibt es da so ein System im Körper, bei dem die Atmung und die Herzfrequenz sich gegenseitig beeinflussen. Das gilt für das Einatmen – und übrigens auch für das Ausatmen – aber jeweils genau andersrum:
Beim Einatmen:
Hast du eine minimale, kleine Beschleunigung deines Herzschlags.
Beim Ausatmen:
Hast du eine Verlangsamung des Herzschlags.
Das ist eine schöne Sache. Die wirkt sich nämlich nicht nur auf deinen Herzschlag direkt aus, sondern auch auf dein Nervensystem.

SYMPATHIKUS UND PARASYMPATHIKUS

Das heißt:
Beim Einatmen wirst du eher in den Sympathikus – wie wir das nennen. Aber der Sympathikus sagt dir wahrscheinlich nicht viel. Also in das System, was dich eher auf Kampf und Flucht vorbereitet – ein kleines, kleines bisschen mehr in die Richtung geschubst.
Und auf der anderen Seite: Wenn du ausatmest, wird dein System ein kleines bisschen mehr Richtung Parasympathikus – das ist dann der andere. Das ist das System, was dich Richtung Entspannung und Stressverminderung bringt.
Also:

Bei der Einatmung, wenn du da den Akzent drauf legst, dann steigt dein Stress ein ganz, ganz, ganz kleines bisschen mehr an.

Und wenn du deinen Akzent auf die Ausatmung legst – wie du das machst, zeige ich dir übrigens gleich – also wenn du deinen Akzent auf die Ausatmung legst, dann wirst du ein ganz kleines bisschen Richtung Entspannung geschubst.

Und wenn du dir jetzt überlegst, dass du in so einer Minute natürlich relativ viele Atemzüge machst – also auch in 3 Minuten – dann sind diese "kleinen bisschen", die dich Richtung Entspannung schubsen, insgesamt schon einiges.

SO GEHT DIE ÜBUNG

Das heißt, es geht einfach nur ums Atmen, ums Einatmen und Ausatmen – das machst du ja sowieso.
Der kleine Unterschied ist jetzt, dass du versuchst, sowieso schon vielleicht für dein Tun, etwas langsamer einzuatmen. Man kann da zum Beispiel bis 4 zählen.
Also:
EINATMEN bis 4
1 – 2 – 3 – 4
Und dann kommt jetzt der Clou:
AUSATMEN bis 6 (oder sogar bis 8, wenn du es schaffst)
Also du zählst im Kopf langsam bis 6 oder bis 8, während du ausatmest.
Fang mal mit 6 an, würde ich sagen, wenn du diese Art von Übungen noch nicht gewohnt bist. Und steigere dich dann vielleicht Richtung 8.

SO KLINGT ES

Das heißt:
Einatmen: 1 – 2 – 3 – 4
Und dann Ausatmen: 1 – 2 – 3 – 4 – 5 – 6
Das kommt dir jetzt vielleicht schon unglaublich langsam vor. Und ja, es ist wahrscheinlich auch um einiges langsamer, als du normal atmest, wenn du nicht darauf achtest.
Aber genau das ist ja der Trick: Du atmest einfach weiter, und dein Körper kommt mehr in den Ruhemodus. Aber auch nicht so, dass du gleich einschläfst – im Normalfall.

DIE UMKEHR-VARIANTE - Wenn du müde bist

Das Ganze funktioniert übrigens tatsächlich auch andersrum.
Wenn du also unglaublich müde bist und dich nochmal wach kriegen musst, dann kannst du das andersrum machen. Dann erhöhst du dein Stresslevel – also du atmest länger, aber insgesamt auch schneller. Also das Ganze geht dann viel schneller, und du legst den Akzent wirklich von der Länge eher auf die Einatmung. Und atmest dann tatsächlich schnell aus, durch den Mund vielleicht sogar.
Und damit steigt dein Stresslevel ein bisschen an, und du wirst wahrscheinlich etwas munterer.
Das heißt nicht unbedingt, dass du dich besser konzentrieren kannst, je nachdem, was du machen musst. Denn durch Stress wird die Konzentration ja nicht unbedingt befördert.
Aber nichtsdestotrotz: Es wirkt eben auch andersrum, und das ist ja das Schöne bei unseren körperlichen Sachen. Man kann sie häufig in beide Richtungen verwenden.

NASE ODER MUND?

Aber da wir ja vor allem darüber sprechen, dass Leute in unserem Büroalltag – und wahrscheinlich auch du – zu viel Stress haben, würde ich die langsame Variante empfehlen, mit der Ausatmung.
Jetzt kommt noch die Frage: Nase oder Mund?
Generell ist es so, dass die Atmung durch die Nase sehr viele Vorteile für uns Menschen hat. Und deshalb ist sie insgesamt empfehlenswert.
Und gerade wenn du deinen Stresslevel runterbringen willst, ist die Nasenatmung häufig besser. Das geht ja auch häufig etwas langsamer von selber.
Und wenn du deinen Stresslevel höher bringen wolltest – weshalb auch immer – dann wäre die Mundatmung vielleicht etwas empfehlenswerter.

WICHTIGE HINWEISE

Wichtig ist: Bitte nicht so schnell atmen, dass du jetzt anfängst zu hyperventilieren. Das sorgt dann eher dafür, dass du vom Stuhl fällst. Das wollen wir jetzt auch nicht, oder? Also solltest du es für die Stresssteigerungsvariante verwenden.
Gleiches könnte ich übrigens auch sagen für die Entspannungsvariante: Bitte schnell genug atmen, damit du noch genug Sauerstoff bekommst. Aber ich glaube, der Teil ist dir jetzt sowieso klar.

ZUSAMMENFASSUNG

Ja, das ist ein kleiner Ausflug zum Atmen – und was der Atem so alles mit uns tut, und was er mit dem Herzschlag zu tun hat, und was er mit unserem autonomen Nervensystem zu tun hat. Also dem Parasympathikus – dem Entspannungsteil – und dem Sympathikus – dem Stressteil.
Ich hoffe, ich konnte dich ein bisschen inspirieren, das zu versuchen. Und vor allem, weil es echt kurz ist und weil es auch keiner sehen braucht. Also notfalls kannst du das auch während des Meetings machen – solange du dabei dich noch ein bisschen darauf konzentrierst, was um dich herum passiert.

FRAGE DES TAGES

Und die Frage des Tages, die ja am Ende bei meinem Podcast immer kommt – die dich hoffentlich inspiriert, darüber nachzudenken – ist:
Was hast du denn bis jetzt getan, um dich in stressigen Situationen – vor allem auf der Arbeit, zwischen Meetings, wenn man hin und her hetzt – kurz ein bisschen zu entspannen?
Vielleicht hast du ja eine ganz interessante Technik und hast Lust, mir davon zu erzählen oder mir zu schreiben. Ich freue mich immer über schöne, interessante, vor allem auch schnelle und einfache Techniken, um dir – und ganz vielen anderen Menschen – damit weiterzuhelfen.
Ich wünsche dir noch einen wundervollen Tag!

Wissenschaftliche Grundlagen dieser Episode:

Balban, M. Y., Neri, E., Kogon, M. M., Weed, L., Nouriani, B., Jo, B., … & Huberman, A. D. (2023). Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal. Cell Reports Medicine, 4(1), 100895. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36630953/

Harnessing non-invasive vagal neuromodulation: HRV biofeedback and SSP for cardiovascular and autonomic regulation (Review). (2025). Medical International, 5(1), 236. Spandidos Publications. https://www.spandidos-publications.com/10.3892/mi.2025.236

Jerath, R., Edry, J. W., Barnes, V. A., & Jerath, V. (2006). Physiology of long pranayamic breathing: Neural respiratory elements may provide a mechanism that explains how slow deep breathing shifts the autonomic nervous system. Medical Hypotheses, 67(3), 566–571. https://doi.org/10.1016/j.mehy.2006.02.042

Marchant, N. J. (2025). Comparing the effects of square, 4-7-8, and 6 breaths-per-minute breathing conditions on heart rate variability, CO2 levels, and mood. BYU Scholars Archive. https://scholarsarchive.byu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=11705&context=etd

Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton & Company.

Proposed physiological mechanisms of pranayama: A discussion. (2024). PMC - PubMed Central. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10837615/

Disclaimer:

Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht. Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge. Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken. Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

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Walk & Talk mit IdaBy Ida Hameete