Christoph predigt

Effata


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder,

Aus dem Evangelium nach Markus, aus dem 7. Kapitel kommt unser heutiger Predigttext. Eine der vielen ganz kurzen Erzählungen aus den Jesusgeschichten der Evangelien. Sieben Verse nur. Aber weil es hier um "Evangelium", um die Gute, nein, die beste Nachricht der Welt geht, möchte ich diesen Text heute so aufmerksam wie möglich mit euch anschauen. Deshalb habe ich ihn so mitgebracht, dass ihr ihn nicht nur hören, sondern auch lesen könnt:

Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig.Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden. (Markus 7,31-37)


Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Um ein Haar wäre er nicht gekommen. Vielleicht hat er es einfach nicht mitbekommen, dass Jesus da war. Vielleicht waren die vielen Geschichten von Jesus irgendwie an ihm vorübergegangen -- wie so vieles im Leben der Gemeinschaft um ihn herum, zu der er gehörte und dann doch irgendwie wieder nicht. Weil er nicht hörte, blieb ihm vieles verborgen. Weil er sich -- wenn überhaupt -- nur stammelnd verständlich machen konnte (das griechische Wort kann völlige Stummheit oder ein schwer verständliches Reden bedeuten), hatten es sicher schon viele aufgegeben, mit ihm zu reden. Vielleicht wusste er ja auch Bescheid, aber hat sich keine Hoffnungen gemacht, dass Jesus "so einem wie ihm" helfen könnte.

Wie dem auch sei: Um ein Haar wäre er nicht gekommen."

Sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege.

"Sie" haben ihn zu Jesus gebracht. Wer "sie" genau sind, wissen wir nicht. Wahrscheinlich stehen sie für die typischen Hörer:innen, die Jesus an allen Orten an sich zog. Was "sie" sich genau von ihm erwarteten, wird uns auch nicht erklärt. Vermutlich haben "sie" auf ein Wunder gehofft. Dass er ihm die Hand auflege. Ein Zeichen des Segens, der Zuwendung, der Kraft Gottes. Und Jesus war ja bekannt dafür, dass Menschen bei ihm Heilung erfuhren.

"Sie" brachten ihn zu Jesus.

"Sie" wurden nicht enttäuscht. Jesus macht da willig alles mit. Nach Art der altorientalischen Heiler nimmt er den Mann beiseite, vollführt symbolträchtige Gesten, zeigt seine Hoffnung auf himmlische Hilfe deutlich an und spricht ein Wort, das von Kraft zeugen soll. Hefata!

Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig.

"Sie" erlebten ein Wunder.

Sie.

Ja, Sie.

Moment mal! Hat nicht vor allem er ein Wunder erlebt. Wie mag es wohl gewesen sein, plötzlich hören zu können? Wie mag es sich wohl angefühlt haben, als sich "die Fessel seiner Zunge" löste und er plötzlich klar reden konnte? Sicher hat es sein Leben verändert. Die Schranken, die ihn bei so vielem ausgeschlossen hatten, waren auf einen Schlag gefallen. Teilhabe, Dazugehören, Beziehungen wurden jetzt ganz anders möglich. Ein Unterschied, so denke ich mir, wie Tag und Nacht. Oder vielleicht besser, weil hier ja kein Blinder geheilt wurde, wie Totenstille und herzliches Lachen. Wie betretenes Schweigen und Miteinander singen. Ein Unterschied wie Sprachlosigkeit und Redeschwall, wie einsilbige Antworten und begeistertes Erzählen. Krasser kann man es sich kaum vorstellen.

Er hat das erlebt. Sein Leben wurde verändert. Es ist, als habe sich plötzlich eine Tür geöffnet, hinein ins Leben, das ihm bisher verborgen blieb.

Hefata.

"Öffne dich.", sagt Jesus. Und die Tür geht auf, wie seine Ohren und sein Mund.

Ein Wunder.

Er hat ein Wunder erlebt.

Aber das ist gar nicht das, was das Evangelium berichtet. Wer den Text zweimal liest, dem fällt erst richtig auf, dass er da fast nur eine Randfigur ist. Alles, woran er überhaupt beteiligt wird, ist passiv. Er wird gebracht. Andere bitten für ihn. Er wird beiseite genommen, ihm werden Finger in die Ohren gelegt. Seine Zunge wird berührt. Er wird angesprochen: "Hefata. Tu dich auf!" Seine Ohren tun sich auf, seine Zunge wird gelöst und dann, ein einziges Mal, tut er selbst etwas in diesem Text: "Er redete richtig." Aber was er sagt, das können wir uns nur vorstellen. Das Evangelium erzählt nichts davon. Und dieser kurze Teilsatz ist das letzte Mal, dass er überhaupt vorkommt. Hinterher wird er nicht einmal mehr erwähnt. Obwohl er doch eigentlich die Hauptfigur der Geschichte sein sollte.

"Sie" kommen weiter vor.

Sie sollen niemandem davon erzählen -- das ist ein typisches Motiv im Markusevangelium.

Sie tun es doch -- das ist genauso typisch. Sie sind so begeistert von dem, was da gerade eben geschehen ist, dass sie es gar nicht für sich behalten können. Es muss einfach raus. "Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über", hat Jesus ja schon selbst bei einer anderen Gelegenheit festgestellt. Ihr Herz ist so voll von Begeisterung, dass es gar nicht anders kann, als überzusprudeln in Freude und Gotteslob.

Sie haben nämlich gerade ein Wunder erlebt.

Ja, Sie.

Und sie tun das, was man tut, wenn man ein Wunder erlebt hat. "Sie wunderten sich über die Maßen."

Wunder bringen einen nämlich zum Wundern.

Und sie haben gerade eins erlebt.


Liebe Schwestern und Brüder,

Vielleicht ist das der Punkt, wo wir noch einmal nachschauen müssen, ob wir über "sie" nicht doch noch ein kleines bisschen mehr wissen. Es gibt da so Details, die wir oft überlesen in den Geschichten der Evangelien, weil sie uns auf den ersten Blick belanglos erscheinen. Dabei sind gerade diese kurzen Erzählungen in den Evangelien meistens sehr wohlüberlegt in ihrer Wahl der wenigen Worte und alles, was da steht, ist von Bedeutung. So auch der erste Satz, mit dem diese Geschichte begonnen hat. Wisst ihr überhaupt noch, was da als erstes berichtet wurde?

"Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte."

Das war der erste Satz. Eine Ortsangabe. Das könnte man jetzt alles auf einer Landkarte nachschauen. Aber so wichtig ist das gar nicht -- denken wir. Die Geschichte ist auch ohne diese Ortsangabe verständlich -- meinen wir. Und wir lesen weiter und vergessen diesen ersten Satz eigentlich gleich wieder.

"Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte."

Wer aufmerksam liest, der zählt in diesem einen Satz vier separate Ortsangaben. Tyrus. Sidon. Das "galiläische Meer", das ist der See Genetsaret. Und das "Gebiet der zehn Städte." Vier Ortsangaben. Deutlicher kann man es eigentlich kaum mehr machen, dass der Ort eine Rolle spielen könnte.

Die "10 Städte", die sogenannte "Dekapolis" war das Gebiet auf der anderen Seite des Sees. Heidnisches Gebiet, wenn es auch ganz nahe an Galiläa liegt. Tyrus und Sidon, wo Jesus herkommt, das ist eigentlich sogar schon Ausland. Jesus kommt von den Heiden und geht zu den Heiden.

"Sie" sind Menschen, die gar nicht so viel Bezug zum Glauben an den einen Gott haben. "Ihnen" fehlt dafür komplett der Zugang, der Durchblick.


Und Sie erleben ein Wunder.

Effata.

Öffne dich.


Es gibt noch einen Satz, den wir in dieser Geschichte leicht überlesen. Das ist der letzte. Weiß den noch jemand?

"Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden."


Eine gutes Fazit von dem, was hier gerade geschehen ist. Begeisterte Menschen, die hier reden. Das könnten sie gesagt haben, oder? Ich fasse das mal in eigenen Worten zusammen: "Toll macht er das alles! Er heilt die Kranken! Ist doch super!" Oder?

Und weil wir das alles ja schon vorher in der Erzählung selbst erfahren haben, geht auch dieser begeisterte Bericht ein wenig unter. Schließlich wird hier ja nichts neues mehr gesagt, oder?


Liebe Schwestern und Brüder,

"Wer Ohren hat, zu hören, der höre!", würde Jesus sagen. Und Martin Luther würde mit Römer 10 darauf hinweisen, dass aus dem Hören des Evangeliums Glaube wächst. Wir tun also gut daran, nicht so leichtfertig mit den biblischen Texten umzugehen.


Was uns dabei nämlich entgeht: Dieser begeisterte Bericht der Menschen, die gerade Zeugen eines Wunders wurden, ist ein biblisches Zitat. Dieser Text stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja. Genauer gesagt, aus dem 5. und 6. Vers des 35. Kapitels:

"Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen wird frohlocken." (Jesaja 35,5)


Und dieser Anklang an das Jesajabuch ist keineswegs zufällig. Schon gar nicht an das 35. Kapitel. Hört mal zu, worum es dort geht:


Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien.Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unsres Gottes.Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!Sagt den verzagten Herzen: "Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! [...]"Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren.Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.


Bekannte Worte. Reiche Bilder des Propheten, der über das kommende Reich Gottes spricht.

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen wird frohlocken.


Hier tauchen diese Worte wieder auf. Die Zuhörer, die Zuschauer, die Zeugen des Wunders zitieren sie. Sie sagen damit: "Wir haben das Reich Gottes entdeckt. Was schon die Propheten ahnten, das wurde hier vor unseren Augen Wirklichkeit. Wo Jesus heilt, das sehen wir Gottes Reich."

Das wirkliche Wunder ist nämlich an ihnen geschehen. Menschen, die vorher nichts vom Reich Gottes wussten, haben plötzlich in Jesu Handeln das Reden Gottes gehört. Menschen, deren Leben vorher um ganz andere Themen kreisten, reden plötzlich begeistert vom kommenden Gottesreich.

Effata.

Tu dich auf.

Für sie hat sich eine Tür aufgetan ins Leben, ins Leben des Gottesreichs, das mit Jesus angebrochen ist.

Das ist das wahre Wunder in dieser Geschichte.


Er hat ein Wunder erlebt.

Sie ein noch größeres.

Und dann sind da noch wir. Wenn Glaube aus dem Hören des Evangeliums kommt, dann sind wir beim Hören dieser Texte immer automatisch ein Teil der Handlung.

Er hat ein Wunder erlebt. Ohren öffneten sich. Seine Zunge wurde entfesselt.

Sie haben ein Wunder erlebt. Herzen öffneten sich und ihre Münder loben Gott für das Kommen seines Reichs.

Und wir?


Ganz bewusst habe ich versucht, euch mit der Nase auf die Teile des Texts zu stoßen, die wir oft einfach überhören. Sie haben mir schon in der Vorbereitung als Illustration dafür gedient, dass auch an mir vieles einfach vorbeigeht.

Auf welchem Ohr bin ich taub? Was kommt in meinem Reden höchstens stammelnd vor?

Wo überhöre ich das Reden Gottes? Wo übersehe ich die Spuren seines Reiches, das mit Christus doch angebrochen ist in dieser Welt? Wo müsste ich viel mehr, viel klarer von ihm reden?


Das fängt sicher bei mir ganz persönlich an: Mit dem Hören auf Gottes Wort, aber auch auf das Reden der Menschen um mich her, durch die Gott immer wieder, auch ganz überraschend spricht. Ich müsste oft viel aufmerksamer durch die Welt gehen -- gerade auch durch die Ecken, in denen ich mit Gott und seinem Reich vielleicht gar nicht rechne. Müsste besser hinhören, wo Dinge angesprochen werden, die vielleicht außerhalb meiner üblichen Interessenlage oder der Meinungsblase der ich angehöre, gesagt wird.

Dann gilt es sicher auch für uns alle: Denn da gibt es die großen Themen, die bei uns oft verhallen. Ob wir Gott und sein Reden nicht auch darin hören könnten? In den Hilfeschreien aus Afghanistan. Im Stönen der Flüchtenden auf dem Mittelmeer. In den Nachrichten von Bränden in Südeuropa, von Flutkatastrophen. Im stummen Aufschrei der Natur um uns her, wenn das Klima sich verändert. Wie viel entgeht uns da, weil wir längst nicht mehr hinhören oder schon bei der nächsten Nachricht sind?


Er hat ein Wunder erlebt.

Sie ein noch größeres.

Womöglich brauchen wir auch eins.

Es könnte uns verändern. Und ganz vieles in unserer Welt gleich mit.


Wo wir dafür hingehen müssen, das wissen wir. Der Weg ist ganz kurz, denn er ist ganz nahe.

O, dass sein "Effata", sein "Tu dich auf", heute auch in Tailfingen erklingen möge -- mitten hinein in unser Leben.

Gib uns Ohren, die hören und Augen die sehen...

Leg uns deine Hände auf und rühre unsere Ohren mit deinen Fingern an. Tue unsere Münder auf und löse die Fesseln unserer Zungen.

Tu ein Wunder, Herr, an uns hier, wie du es an ihm und ihnen getan hast.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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