Christoph predigt

Ein neues Lied


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Ganz hoch oben setzt der Artist vorsichtig den ersten Fuß auf das Seil. Tastend sucht er nach der richtigen Position, bevor er mit der langen Balancierstange in seinen Händen den Schritt nach vorne wagt. Gebannt schauen wir von unten zu. Unglaublich dünn sieht das Seil aus der Ferne aus. Schritt für Schritt und zunehmend schneller, geht der Artist hoch droben in die Mitte der Manege, als ob es sich um einen Sonntagmittagspaziergang handele. Für uns ist das Seil kaum zu sehen. Für ihn ist es scheinbar breit wie eine Straße. In der Mitte angekommen bleibt er stehen, dreht und wendet sich und jedesmal sieht es für uns so aus, als müsse er sicher fallen. Für ihn sind das alles noch leichte Übungen. Bis zu dem Moment, wo sein linker Fuß ins Rutschen gerät. Wild schwankt die Balancierstange hin und her. Er taumelt, versucht, das Gleichgewicht wieder zu finden, aber schafft es doch nicht. Ein Aufschrei geht durch's Publikum. Und dann passiert es. Er fällt.

In all der Aufregung haben wir gar nicht bemerkt, wie seine Partnerin die Stange auf der anderen Seite hochgeklettert ist. Just in dem Moment, als er sich nicht mehr halten kann, schwingt sie auf dem Trapez am langen Seil wie Tarzan durch die Manege. Genau zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle greift sie im Fallen seine Hand und zieht ihn zu sich auf das Trapez. Uns ist allen fast das Herz stehen geblieben. Ein hörbares Aufatmen geht durch den Raum. Als wir endlich begreifen, dass der Sturz mit zum ausgeklügelten Programm gehört, klatschen wir vor Erleichterung noch lauter als sonst. Die beiden dort oben sind so lange schon wieder dabei, die nächsten atemberaubenden Kunststücke vorzuführen.

Mich hat die Aufführung begeistert. Aber genauso spannend fand ich die Reaktionen des Publikums. Den entsetzten Aufschrei hätte kein Dirigent besser synchronisieren können. Es war, als hätten wir alle nur gespannt ein Zeichen gewartet, miteinander erschreckt aufstöhnen zu dürfen. Dabei war da gar nichts geplant. Niemand von uns hatte die Zeit, zu überlegen, was nun die angemessene Reaktion sein könnte. Der Schreckensschrei, das erleichterte Aufatmen, der frenetische Applaus -- sie alle kamen unwillkürlich, von Herzen und waren die ganz natürliche Reaktion für jeden, der das Ganze unvoreingenommen beobachtete.

Solche unwillkürlichen Reaktionen gibt es an vielen Stellen. Das "Au!" wenn dir jemand auf den großen Zeh tritt gehört genauso dazu wie das "Stopp!", wenn ein kleines Kind sich von der Hand losreist und auf die Straße zurennt und das "Wow", wenn du gerade etwas Unglaubliches beobachtet hast oder das "Mmm", wenn du in etwas wahnsinnig Leckeres gebissen hast.

Das Lob Gottes, wenn wir an seine großen Taten denken, gehört in dieselbe Kategorie -- das scheint zumindest das zu sein, was Jesus sagt, als seine Anhänger ihn beim Einzug in Jerusalem in den Himmel hinauf loben. König, Gottgesandter, Friedefürst, sind die Bezeichnungen, die ihnen in diesem Moment spontan einfallen. Die Freude über Gottes Handeln in Jesus bricht sich Bahn und es wird laut. Unwillkürlich, natürlich, sagt Jesus. Das muss einfach geschehen, dass Gott hier gelobt wird. Und wenn diese hier es nicht täten, dann müsste man erwarten, dass die Steine an ihrer Stelle in das Lob Gottes ausbrechen.

Solche spontanen Reaktionen kann man nicht kritisieren, wie es die Pharisäer hier tun. Sie sind keine lang geplanten, wohlüberlegten Äußerungen, sondern spontane Gefühlsregungen, die so stark sind, dass sie sich gar nicht zurückhalten lassen. Das ist es, was passiert, wenn Menschen die großen Taten Gottes sehen.

Und begegnet dieser Text heute noch einmal, wenige Wochen nach Palmsonntag, weil das umso mehr gilt, wenn man begreift, was Gott in Jesus Christus tut. Im auferstandenen Herrn, der den Tod überwunden hat und damit unwiderruflich Hoffnung bringt für alle, die noch hier dieses sterbliche Leben leben. Die "österliche Freudenzeit" trägt ihren Namen nicht ohne Grund. Besser wird es nicht mehr: Was Gott in Christus getan hat, muss einfach Begeisterung hervorrufen. Die Namen der Sonntage in dieser Zeit geben Zeugnis davon: Jubilate! Kantate! Rogate! Jubelt! Singt! Betet! Das ist es, was ganz natürlich jedes Mal geschieht, wenn Christen sich neu an die Auferstehung Jesu erinnern.

Jubelt! Singt! Betet!

Nur stehen wir dieses Jahr an Kantate da wie belämmert und trauen uns kaum, hinter unseren Masken zu singen. Das zaghafte Gebrummel, das wir uns abzuringen trauen, kann schon der nächste Nachbar mit Abstand kaum noch hören. Das ist weit weg von dem lautstarken Lob der Jünger auf dem Weg nach Jerusalem!

Müssen 2021, nach so vielen Jahren, doch noch die Steine ran, um für das Lob Gottes zu sorgen?

Wie das wohl klingen würde, wenn die Mauern hier um uns her plötzlich anfangen würden, zu singen? Wenn das ganze Kirchengebäude hinter uns plötzlich ins swingen käme? Ob die kleinen Steine Sopran singen und die etwas größeren im Alt? Ob der Kirchturm dann plötzlich den Tenor geben würde und ein dreistimmiges Konzert laut wird, bis dann die ganze Alb mit einem tiefen Bass einstimmt und alles um uns herum bebt und schwingt und jubelt und singt? Das Lob der großen Taten Gottes, der Triumph des Auferstandenen Christus wäre doch sicher so ein gigantisches Musikstück wert, das keiner überhören kann und das nicht nur durch Mark und Bein, sondern durch das ganze Universum dringt!

Jubelt! Singt! Betet!

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen frohlocken, und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn!

Und wir? Was würden wir wohl tun, wenn vor uns und hinter uns und über uns und unter uns plötzlich das vielstimmige Lob der Steine erklingen würde?

Ob wir mit offenem Mund daständen, hinter unseren Masken und gar nicht mehr wüssten, was wir nun sagen oder tun sollen?

Ob wir zaghaft mit einstimmen würden, erst noch leise brummelnd und dann immer lauter?

Ob wir uns die Masken vom Gesicht reißen würden und losrennen würden, um Harfen zu holen, wie es im Psalm heißt und Trompeten und Posaunen oder einfach jedes andere Musikinstrument, das uns in die Finger kommt und sich vermutlich leichter in Truchtelfingen/Onstmettingen finden lässt als eine Harfe?

Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, dass wir vielleicht noch viel belämmerter dastehen würden als vorher. Dass wir uns zutiefst schämen würden, wenn die Steine und Mauern und die Türme und Häuser und Hügel und Berge um uns herum das Lobkonzert anstimmen, das eigentlich von uns kommen sollte.

"Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien."

Was machen wir den nun, heute, an Kantate, mitten in der österlichen Freudenzeit, wenn es für mehr als zaghaftes Brummeln hinter Masken nicht reicht?

Vielleicht liegt die Lösung darin, den Wochenspruch ganz ernst zu nehmen:

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Ein neues Lied, das ist vielleicht genau das, was wir brauchen.

Damit meine ich nicht nur eine neue Zusammenstellung unterschiedlicher Töne und Harmonien.

Nein, ich meine ein wirklich neues Lied. Eines, das in der unendlichen Vielzahl von bereits existierenden Melodien und Kompositionen so vielleicht noch gar nie erklungen ist.

Ein Lied, das vielleicht ohne Harfen gespielt wird, ohne Trompeten und Posauenen oder was ihr sonst so finden würdet in Truchtelfingen/Onstmettingen, und vielleicht in dieser maskentragenden Zeit sogar ohne die Stimmen, die hinter der Maske nur Brummeln dürfen.

Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir ganz neue Ausdrucksformen finden für die Freude, die uns vom auferstandenen Herrn Christus her kommt. Formen, die ohne laute Stimmen auskommen und die Freude trotzdem hinaustragen in die Welt.

Wie das genau aussieht, das kann bei jedem ganz anders aussehen. Vielleicht fängt es ganz leise mit einem veränderten Blick auf die Dinge an. Vielleicht mit einem Telefonanruf bei jemandem, der schon lange nichts mehr von die gehört hat. Vielleicht mit Zeit füreinander, mit praktischen Gesten, mit Bildern, die mehr sagen, als tausend gesungene Worte. Vielleicht fängt es auch einfach mit unseren Gesichtern an, die zumindest auf dem Teil, den man um die Maske herum sieht, nicht Niedergeschlagenheit und Lockdowndepression widerspiegeln, sondern die Freude und Hoffnung und Zuversicht, die einem nachfolgen, der den Tod überwunden hat.

Wie das bei dir aussehen kann, wie dein persönliches neues Lied klingen könnte, das kannst du ja in den nächsten Tagen überlegen und ausprobieren.

Und dann juble! Singe! Bete! Mit ganz neuen Liedern.

Jubelt! Singt! Betet! So dass alle diese neuen Stimmen an ganz vielen Orten gehört werden und zusammenkommen zu einer neuen, vielstimmigen, wunderbaren Harmonie.

Dann werden alle hören, was gehört werden muss in dieser österlichen Freudenzeit:

Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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