Walk & Talk mit Ida

Eisregen. Kann mich das resilient machen?


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Hallo und herzlich willkommen, heute wieder bei Walk & Talk mit Ida – und zwar drinnen.

Ja, ich sitze hier drinnen in meinem Arbeitszimmer aus dem einfachen Grund, dass es tatsächlich draußen so gruselig schlechtes Wetter ist, dass ich zwar draußen war – und was ich da erlebt habe und warum das eigentlich doch ein echt cooles Erlebnis war, erzähle ich dir gleich – aber ich konnte draußen nicht aufnehmen. Deshalb bist du jetzt hier mit mir drinnen. Aber glaube mir, die Tonqualität ist um einiges besser hier drinnen als bei heftig wehendem Wind im Westerwald.
Wie war das für mich heute Morgen?
Ich muss sagen, ich fand es schrecklich. Ich hatte überhaupt keine Lust rauszugehen. Die Idee, dass ich da draußen bei dem Eisregen rausgehe, die war einfach nur eklig – schon allein die Idee.
Aber ich habe den Vorteil, dass ich einen Hund habe, und Paulchen muss raus. Das heißt, ich bin doch rausgegangen. Also: dicke Schuhe an, dicke Jacke an, Schal an, Mütze an. Und ich bin mit so einem Unwohlsein aus der Tür gestapft, wie ich es sonst nur habe, wenn richtig Schnee liegt.
Weil – das muss ich ja auch ehrlich sagen – ich finde Schnee toll, wenn ich ihn sehe. Ich finde es nicht toll, nach draußen zu gehen.
Resilienz – das erste Missverständnis
Aber gut, deshalb sind wir ja heute bei dem Thema Resilienz. Es ist Dienstag, es geht um Resilienz und um alles, was uns positiv nach vorne bringt – und uns erinnert:
Nein, nicht uns härter macht.
Ah, ich glaube, da wären wir schon gleich bei dem ersten Missverständnis über Resilienz. Nein, Resilienz macht uns nicht härter. Und nein, Resilienz macht uns auch nicht zum Bambusstab. Ich glaube, beide Bilder sind relativ falsch.
Aber gut, was macht es uns stattdessen? Da werde ich auch nächste Woche noch ein bisschen mehr drüber sprechen, weil das Thema Resilienz ist ja echt total gehypt – und häufig anders verstanden, zumindest als ich es verstehe.
Ich glaube, Resilienz ist die Frage: Wie gehen wir mit Dingen um?
Wir brauchen kein Bambusstab zu sein, wir brauchen auch kein Wasser zu sein oder irgendwo zu fließen. Aber ich glaube, wenn wir wissen, wo wir hinwollen, dann finden wir einen Weg dorthin – egal, was uns auf den Weg geschmissen wird.
Schlechtes Wetter als Resilienz-Training
Und damit gehe ich jetzt zum Thema schlechtes Wetter. Denn tatsächlich ist das schlechte Wetter ja auch irgendwas, was mir einfach auf den Weg geschmissen wird. Oder dir, wenn du rausgehst – vielleicht nur zum Auto läufst oder tatsächlich bei mir, mit mir in meinem Therapie-Wald bist.
Und als Therapeutin finde ich Wetter immer eines der besten Hilfsmittel in der Therapie, wegen genau dem Gedanken, den ich dir jetzt schildere.
Ich bin ja gedanklich jetzt auch nicht nur Therapeutin, sondern Privatmensch. Und als Privatmensch – wie gesagt – hasse ich das, bei dem Wetter rauszugehen.
Die Verwandlung
Und das Coole ist dann immer: Wenn ich dann mal draußen bin und hier den Berg hochlaufe Richtung Wald, dann wird mir warm – also auf eine gute Weise warm. Und dann ist dieser Schnee-Eis-Graupel-Regen-Schnee – ich weiß nicht, was es heute Morgen war – mit diesem heftigen Wind eigentlich völlig egal.
Diese Verwandlung, die finde ich so cool. Und deshalb wollte ich darüber reden, und zwar genau beim Thema Resilienz.
Sich überwinden – und wachsen
Weil die Sache ist ja: Ganz oft merke ich bei mir – oder merke ich bei Leuten bei mir in der Therapie oder auch früher im Business – dass Leute keine Lust haben auf was und es dann vor sich herschieben und irgendwie sich drum drücken oder was auch immer.
Aber ganz oft, wenn man Themen angeht – und es schafft… ja, und es klingt jetzt echt doof, aber: Es schafft, sich zu überwinden. Ich weiß, dass es doof klingt, es klingt so nach typischem Therapeutenspruch, ja.
Aber tatsächlich: Also wenn ich mal aus der Tür raus bin – und egal, wie beschissen das Wetter ist – oder wenn ich in den Bergen wandern gehe und egal, wie steil der Berg ist: Wenn man mal dran ist und ihn hochläuft, dann schafft man es auch, an den ganzen Sachen sich selbst zu messen.
Die Wissenschaft dahinter
Und das ist auch was, was ich total spannend finde, was eben in der Psychologie herausgefunden wurde. Du bekommst natürlich wieder die wissenschaftlichen Studien in den Show Notes. Nämlich, dass es ein Stück Wachstum außerhalb der Komfortzone ist, aber dadurch halt die Selbstwirksamkeit erhöht – und auch den Optimismus.
Denn wenn man den Mist mal geschafft hat – also, wir haben das zum Beispiel hier jetzt gefunden in einer Studie über das Winterwandern – dann wird man selbstwirksamer. Also: Ich kann das plötzlich! Diesen Berg hoch, oder: Ich kann das, durch den Schneesturm.
Und das ist eine total coole Sache.
Was Kälte mit uns macht
Und dazu kommt noch – gerade wenn es um schlechtes Wetter geht, dieses kalte, fiese Wetter da draußen – dass die Kälte selber einen total positiven Einfluss auf uns Menschen hat.
Und zum Beispiel dafür sorgt, dass unsere Abwehrzellen – also vor allem diese natürlichen Killerzellen (ich liebe ja den Namen, habe ich glaube ich in einer anderen Folge schon mal erwähnt) – diese natürlichen Killerzellen, die steigen dann an.
Und man hat auch einen stabilen Anstieg im Dopamin, also in der Belohnung.
Und das merke ich übrigens auch. Wenn ich dann da draußen bin, dann fühle ich mich total gestärkt. Und trotzdem will ich morgens immer nicht raus. Aber wenn ich draußen bin, fühle ich mich total gestärkt.
Man bekommt durch die Bewegung und die Kälte – und gerade auch den Mix von beidem – auf jeden Fall mehr Aktivierung für braunes Fett. Und über braunes Fett müssen wir irgendwann mal reden. Das ist nämlich gutes Fett. In unserer Gesellschaft denken wir ja oft: Oh, Fett ist schlimm. Aber braunes Fett ist tatsächlich sehr gut für unseren Körper.
Parasympathikus und Entspannung
Zusätzlich ist die Kälte auch noch aktivierend auf den Parasympathikus, in einiger Hinsicht. Also wenn wir es dann schaffen, uns bei der Kälte auch zu entspannen – wenn wir das nicht schaffen, dann aktiviert es definitiv eher den Kampf-Flucht-Modus.
Aber dieses Schaffen, sich dem Wetter auszusetzen, aber dem Wetter auch im Sinnvollen zu trotzen, dann schaffen wir uns dabei zu entspannen. Und das ist sehr positiv.
Ein kleiner Spaziergang im Eisregen
Ja, was man nicht alles erzählen kann über so einen kleinen Spaziergang im Eisregen morgens. Kannst du dir das vorstellen? Ida, im Eisregen, vorm Wald.
Aber das ist wirklich was, was ich nur empfehlen kann. Also so schrecklich ich es morgens finde – oder auch zu jeder anderen Uhrzeit, übrigens – wenn ich daran denke rauszumüssen: Aber für Resilienz gibt es fast nichts Besseres, glaube ich, als einen Spaziergang im Eisregen.
Abschlussfrage
Und damit verabschiede ich mich auch erst mal für heute und frage dich natürlich eine Frage zum Abschluss, wenn du möchtest, damit du noch ein wenig weiter drüber nachdenken kannst. Und das ist die Frage:
Woran merkst du, dass es dir in der Situation, in der du bist, gut geht – obwohl du erst einen schwierigen Start hattest?
Also bei mir ist es zum Beispiel tatsächlich, wenn ich mich wieder warm fühle. Also ich komme aus der Tür raus, es ist eklig, es ist Eisregen, kalt, windig, und ich fühle mich erst so richtig eklig. Und wenn ich dann den Berg hochlaufe bei uns und den Wald sehe, dann wird mir plötzlich von innen heraus warm.
Und das ist ein total angenehmes Gefühl. Und das ist für mich so der Change-Punkt, wo ich merke: Ja, jetzt ist alles gut.
Und ja, was ist das denn bei dir? Was ist dein Change-Punkt, an dem du erkennst: Vielleicht ist es eine doofe Situation, vielleicht ist es etwas Unangenehmes am Anfang – aber trotzdem, jetzt geht es mir trotzdem gut?
Und gerade dieses "trotzdem gut gehen" ist ja das, was die Resilienz – oder was einer der Faktoren ist, die die Resilienz massiv steigern kann.
Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag und viel Spaß im Eisregen.

Literaturverzeichnis

Klimaresilienz & theoretische Konzepte:

Ecopsychepedia. (n.d.). Climate resilience. Zugriff am 3. Februar 2026, von https://ecopsychepedia.org/glossary/resilience/

Resilienz-Definitionen & interdisziplinäre Perspektiven:

Full article: Resilience definitions, theory, and challenges: interdisciplinary perspectives. (n.d.). Zugriff am 2. Februar 2026, von https://www.tandfonline.com/doi/full/10.3402/ejpt.v5.25338

Neurohormesis & Neurobiologie:

Cold-Water Immersion: Neurohormesis and possible implications for neurodegenerative diseases. (2024). American Journal of Psychiatry, 181(6). https://psychiatryonline.org/doi/full/10.1176/appi.neuropsych.20240053

Immunsystem & Kälteexposition:

Brenner, I., Castellani, J. W., Gabaree, C., Young, A. J., Zamecnik, J., Shephard, R. J., & Shek, P. N. (1999). Immune changes in humans during cold exposure: Effects of prior heating and exercise. Journal of Applied Physiology, 87(2), 699-710. https://journals.physiology.org/doi/full/10.1152/jappl.1999.87.2.699

Kälteakklimatisierung & Skelettmuskel:

Cold acclimation affects immune composition in skeletal muscle of healthy lean subjects. (2015). PLOS ONE. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4552515/

Psychologische Resilienz bei Winterwanderern:

Personal resources of winter and summer hikers visiting the Tatra National Park. (2022). International Journal of Environmental Research and Public Health. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8997396/

Neurobiologie des Wohlbefindens:

Yankouskaya, A., Williamson, R., Stacey, C., Totman, J. J., & Massey, H. (2023). Short-term head-out whole-body cold-water immersion facilitates positive affect and increases interaction between large-scale brain networks. Biology, 12(2). https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9953392/

Umweltpsychologie & Winterlandschaften:

The real benefits of walking in a winter wonderland. (n.d.). Anglia Ruskin University. https://www.aru.ac.uk/news/the-real-benefits-of-walking-in-a-winter-wonderland

Braunes Fettgewebe & Kälte:

The use of cold exposure to promote good health. (n.d.). 150Health. https://www.150health.com/all-articles/u9qzt46g0nc7k3pz40knrrxbr9168s

Stress Reduction & Naturexposition:

Ecopsychology: How immersion in nature benefits your health. (n.d.). Yale Environment 360. https://e360.yale.edu/features/ecopsychology-how-immersion-in-nature-benefits-your-health

Nachbarschaft & psychologische Resilienz:

Role of the neighborhood environment in psychological resilience. (2023). Utrecht University Research Portal. https://research-portal.uu.nl/files/213594296/1-s2.0-S0169204623000804-main.pdf

Disclaimer

Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht. Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge. Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken. Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

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Walk & Talk mit IdaBy Ida Hameete