Christoph predigt

El Roi


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in der Augustenhilfe,

"Du bist ein Gott, der mich sieht." So lautet die Jahreslosung 2023. Der Bibelvers also, auf den wir Christ:innen uns geeinigt haben, sozusagen als Überschrift über dieses Jahr. Das wollen wir dieses Jahr mit hineinnehmen, immer wieder bedenken. Das soll uns vielleicht auch zum Trost oder zum Mutmacher werden.

"Du bist ein Gott, der mich sieht." Nicht für jede:n hört sich das sofort nach einer guten Überschrift über das neue Jahr an. Für viele schwingt da erst einmal ein kritischer Unterton mit. Erinnerungen an ein Gottesbild, das vielleicht in der Kindheit so vermittelt wurde und nicht selten das ganze Leben geprägt hat. Der erhobene Zeigefinger: Pass auf, was du tust! Gott sieht alles. Pass auf, was du sagst: Gott sieht alles! Pass auf, was du denkst! Gott sieht alles. Die Idee vom alles überwachenden Gott, der selbst in die verborgensten Regungen des Herzens hineinsieht und dem man es irgendwie nie recht machen kann. Immer fühle ich mich schuldig. Immer werde ich an mein eigenes Versagen erinnert. Immer erscheint Gott als der mindestens kritisch Dreinblickende, wahrscheinlich aber sogar als der hart Richtende.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Bevor wir jetzt diese Jahreslosung gleich wieder aufgeben, sollten wir sie zumindest einmal in ihrem Zusammenhang verstanden haben. Da klingt das nämlich gleich ganz anders.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Es sind Worte aus der Wüste, die uns dieses Jahr begleiten sollen. Dort sitzt sie nämlich, die Frau, die sie ausspricht. Erschöpft und niedergeschlagen sitzt sie an einem Brunnen in der Wüste. Um sie herum: Nur weite Leere. Nichts, was Hoffnung geben könnte. Kein Ziel vor Augen. Kein Platz, der Geborgenheit bietet. Keine Heimat. Keine Perspektive. Keine Zukunft. Sie sitzt dort, am Ende ihrer Kräfte, weil sie abgehauen ist. Sie hat es nicht mehr ausgehalten, wie man sie behandelt hat. Die Frau, die dort sitzt, ist keine Heilige. Sie ist keine sanftmütige Pietistin, die in der Stille des Morgens mit einer Tasse Kaffee über Gott nachsinnt und ihn als den wahrnimmt, der sie sieht.

Die Frau ist ein Nichts. Eine Ausländerin aus Ägypten. Eine Sklavin, Eigentum der Frau eines Patriarchen. Ausgebeutet: Sie ist nur da, um ihre Arbeitskraft für andere zu geben. Und manchmal auch mehr als ihre Arbeitskraft. Für uns heute kaum vorstellbar -- und doch auch noch schreckliche Realität an anderen Orten in unserer heutigen Welt: Manchmal ist sie auch einfach nur eine Gebärmutter. Denn als die Besitzerin dem Patriarchen keine Kinder gebären kann, da muss sie herhalten. Zum Sex gezwungen mit einem Mann, ohne Liebe, ohne ihre Zustimmung, ohne überhaupt ein Interesse für ihre Person -- und das so oft, bis sie schließlich schwanger wird. Mir graust vor dieser Geschichte und vor Abram und Sarai (später werden sie Abraham und Sara heißen), die wir oft so verklären in unseren Bibelgeschichten.

Man hätte ja annehmen können, dass alles besser würde, jetzt, wo sie das Kind des Patriarchen austrägt -- den erhofften Erben, seit so vielen Jahren sehnsüchtig erwartet. Den, der einmal das erwählte Volk Gottes leiten soll. Man hätte annehmen können, dass wenigstens das ihren Status irgendwie verbessert hätte. Nein. Im Gegenteil. Was jetzt stattfindet, macht alles noch schlimmer. Wir nennen das heute Täter-Opfer-Umkehr. Die Täter, die, die sie ausgenutzt haben, stilisieren sich selbst zu den Opfern: "Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben;", sagt Sarai zu Abram, "nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der Herr sei Richter zwischen mir und dir." Den Patriarchen interessiert sie gar nicht: Mach doch, was du willst. Es ist deine Sklavin. Für sie kommt zu Ausbeutung und Missbrauch nun auch noch die ständige Demütigung durch die Besitzerin. Kein Wunder, dass sie wegrennt.

Und nun sitzt sie in der Wüste. Wertlos. Gedemütigt. Ausgenutzt. Hilflos. Hoffnungslos. Am Ende.

Was bleibt ihr denn noch im Leben, der entlaufenen Sklavin, ohne Wert, ohne Heimat, ohne einen Vater für ihr Kind? Ohne Zukunft?

Gott. Gott bleibt ihr.

"Gott?" hätte sie wahrscheinlich jetzt bitter gefragt. "Was soll der schon für mich tun?" Für sie ist der Gott, an den wir glauben, der Gott von Abram und Sarai. Der Gott der Ausbeuter und der Täter. Natürlich kennt sie die Geschichte. Man wird sie ja oft genug erzählt haben, abends am Feuer. Sie ist die Antwort auf alle Fragen, warum die Sippe des Patriarchen nicht irgendwo sesshaft wird, sondern immer weiterzieht durch fremde Lande -- mit Zelten und Vieh und Sklavinnen wie Hagar. Gott steckt dahinter. Gott -- mit seinem Versprechen an Abram: ein Land, ein Kind und ganz viel Segen für die ganze Welt. Gott hat ihn auserwählt. Gott selbst hat zu ihm geredet. Gott ist auf seiner Seite -- und das war Grund genug, damals die gesicherte Existenz zu verlassen und seither wartend durch die Welt zu ziehen. Gott hinterher! Irgendwann wird er sagen: Wir sind am Ziel. Irgendwann wird sein Versprechen erfüllt sein. Irgendwann wird Abram zu "Abraham", dem "Vater der Vielen". Und die, die ihn langsam für verrückt erklären, werden erkennen, wen Gott freundlich ansieht.

Hagar ist nicht überrascht. Die vielen Götter des antiken Orient stehen immer auf der Seite der Mächtigen. Für Menschen wie Hagar gibt es keine Götter.

Für sie gibt es nur Wüste. Und Leere. Und Hoffnungslosigkeit.

Bis der Engel des Herrn sie dort findet.

"Der Herr hat dein Elend erhört."

Und Hagar, die Ausländerin, die Sklavin, die Wertlose, sich herausnimmt, Gott einen Namen zu geben: El Roi. "Der Gott, der mich sieht."

Der Gott, der mich sieht.

Nicht nur die Starken.

Nicht nur die Heiligen.

Nicht nur die, die ohne Fehler sind.

Nicht nur die, die sich mit seinem Namen schmücken.

Nicht nur die, die sich seines Segens gewiss sind.

Nicht nur die, die einen Titel tragen.

Nicht nur die, die oft genug in die Kirche gehen.

El Roi. Der Gott, der mich sieht.

Denn so ist er wirlich, unser Gott.

Er schaut hinein in die letzten Winkel der Wüste und sieht die verzweifelte Hagar.

Er schaut hinein in die Flüchtlingslager und sieht die Menschen ohne Heimat und Hoffnung.

Er schaut hinein in die Fabriken in Bangladesch und sieht die Kinder, die dort arbeiten müssen und keine Perspektive auf Verbesserung im Leben haben.

Er schaut hin, wo Frauen ihre Körper verkaufen müssen, um genug zum Leben zu haben.

Er sieht die junge Frau, die schwanger ist und nicht weiß, wie sie das schaffen soll.

Er sieht das Kind, das zuhause leiden muss und keiner nimmt es wahr.

Er sieht hinter die heruntergelassen Rolläden, wo ein alter Mensch einsam sitzt und keiner kommt.

Er sieht Menschen, die auch in Gemeinschaft mit anderen letztlich einsam bleiben.

El Roi. Der Gott, der mich sieht. Er übersieht keinen.

Er sieht auch in die Augustenhilfe. Auch in dein Zimmer. Auch in dein Herz. Er sieht dich. Er kennt dich. Er weiß, was dich umtreibt.

El Roi. Der Gott, der dich sieht. Er hat dich nicht vergessen.

Und sein Blick, wie dort bei Hagar, ist keiner, der anklagt. Keiner, der richtet. Keiner, der teilnahmslos weiterschaut.

Sein Blick ist voller Liebe. Sein Blick ist voller Erbarmen. Sein Blick ist voller Hoffnung für dich.

El Roi. Der Gott, der dich sieht.

Er ist der Gott, der neben dir steht. Der bei dir ist. Der dich nie alleine lässt. Der zu dir kommt und mit dir geht, auch wenn es durch Wüstenstrecken geht. Er ist der Gott, der sich immer und überall und bedingungslos seinen Menschen zuwendet. Der mit uns durch Leben und Sterben geht. "Immanuel" haben wir ihn genannt. "Gott mit uns."

Er betritt auch dieses Jahr mit uns. Nie wird er dich aus seinen Augen lassen. Was auch geschehen wird -- wer weiß das schon? -- er bleibt immer in Sichtweite.

El Roi. Der Gott, der mich sieht.

Mit ihm kann ich erhobenen Hauptes in alles gehen, was kommt. Ich bin gesehen. Von Gott, der mich sieht. Und dich auch.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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