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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Buch der Genesis (1. Mose), aus dem 21. Kapitel:
Und das Kind wuchs heran und wurde entwöhnt. Und Abraham machte ein großes Mahl am Tage, da Isaak entwöhnt wurde. Und Sara sah den Sohn Hagars, der Ägypterin, den sie Abraham geboren hatte, dass er lachte. Da sprach sie zu Abraham: Vertreibe diese Magd mit ihrem Sohn; denn der Sohn dieser Magd soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak. Das Wort missfiel Abraham sehr um seines Sohnes willen. Aber Gott sprach zu ihm: Lass es dir nicht missfallen wegen des Knaben und der Magd. Alles, was Sara dir gesagt hat, dem gehorche; denn nach Isaak soll dein Geschlecht genannt werden. Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem Volk machen, weil er dein Sohn ist. Da stand Abraham früh am Morgen auf und nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser und legte es Hagar auf ihre Schulter, dazu den Knaben, und schickte sie fort. Da zog sie hin und irrte in der Wüste umher bei Beerscheba. Als nun das Wasser in dem Schlauch ausgegangen war, warf sie den Knaben unter einen Strauch und ging hin und setzte sich gegenüber von ferne, einen Bogenschuss weit; denn sie sprach: Ich kann nicht ansehen des Knaben Sterben. Und sie setzte sich gegenüber und erhob ihre Stimme und weinte. Da erhörte Gott die Stimme des Knaben. Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum großen Volk machen. Und Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Knaben zu trinken. Und Gott war mit dem Knaben. Der wuchs heran und wohnte in der Wüste und wurde ein Bogenschütze. Und er wohnte in der Wüste Paran und seine Mutter nahm ihm eine Frau aus Ägyptenland. (Genesis 21, 8-21)Geliebte des Herrn in Bitz/Burladingen,
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c)
Sie hätte das wahrscheinlich nicht unterschrieben, dort in der Wüste bei Beerscheba. Unter der stechenden Sonne. Ringsherum nur Staub und Steine und Steine und Staub und Sand und Staub und Steine. Und nichts. Ganz viel nichts. Kein Schatten. Kein Wasser. Kein Schutz. Keine Perspektive. Kein Zuhause. Keine Hoffnung. Keine Kraft mehr. Keine Zukunft. Nur nichts, und davon ganz, ganz viel unter der unbarmherzigen, sengenden Sonne.
Die Hoffnung, die sie einmal hatte, liegt im Sterben, einen Bogenschuss weit von der Stelle, an der sie kauert. Hoffnung gibt es nicht für Leute wie sie. Hoffnung ist immer nur für die anderen. Die Gesegneten. Die mit all den Verheißungen. Land, Zukunft, Nachkommen, Segen für die Völker. Die einen haben Gottes Versprechen von Zukunft, reich wie die Zahl der Sandkörner am Meer. Sie hat nur die Sandkörner. Kein Versprechen. Keine Zukunft. Kein Meer. Nur die Sandkörner.
Wahrscheinlich hat sie das schon immer gewusst. Sie hat ja nie dazugehört. Sie war immer die Fremde. Hagar, die Ägypterin. Aus dem Ausland. Kein Teil der Familie. Eine Sklavin. Besitz, nur da um zu dienen. Ein Gebrauchsgegenstand, eigentlich. Den Launen ihrer Herrin ausgesetzt. Und wer zwischen den Zeilen lesen kann, der kann sich vorstellen, was das hieß. Wie viel Frust und angestaute Enttäuschung und verletzte Gefühle da waren und sich immer wieder einen Ort, suchten, wo sie sich entladen konnten.
Sara hatte ja selbst ihre unglückliche Geschichte: Von dem Ehemann, der sich plötzlich in den Kopf gesetzt hatte, alles zu verlassen -- Familie, Heimat, Geborgenheit -- nur, weil angeblich Gott ihm das gesagt hatte. Unterwegs zu einem verheißenen Land, von dem er nicht einmal selbst wusste, wo es liegen sollte. Gott würde es ihm schon zeigen. Angekommen waren sie nach vielen Gefahren und Strapazen dann erst einmal in Ägypten, wo ihr Mann sie als ihre Schwester ausgab, weil der Herrscher ein Auge auf sie geworfen hatte und Abram um sein Leben fürchtete. Welch ein Schlag ins Gesicht einer Frau! Und dann die ewige Geschichte mit den Nachkommen, zahlreiche wie die Sterne und die Sandkörner, einem Volk, durch das die ganze Welt gesegnet werden sollte. Langjähriger Zwischenstand: Null. Und die biologische Uhr hatte längst aufgehört zu ticken. Nur ein bitteres Lachen hat Sara noch übrig für diese "Verheißung", die doch so offensichtlich nie wahr werden kann.
Nur ein bitteres Lachen. Und Hagar.
Die ist ja nur Besitz. Was dann geschieht, mag in den Gepflogenheiten der damaligen Kultur nicht unüblich gewesen sein. Einen männlichen Nachkommen zu sichern war wichtiger als alles andere. Aber man darf nicht darüber hinweglesen und übersehen, was hier geschieht: Eine Frau wird zum Sex gezwungen. Ohne Liebe, ohne Ehe, ohne irgendeine Art von Beziehung oder Wertschätzung. Sie ist nur Objekt, nur Werkzeug, nur Mittel zum Zweck. Eine Frau wird zum Sex gezwungen -- wie oft? Bis sie ein Kind empfängt, das sie austragen muss für einen anderen, für eine andere. Sie selbst hat keine Rechte, ein nichts, ein bloßes Hilfsmittel. Furchtbar! Abscheulich! Lasst euch von den ach so verklärten Vätergeschichten nicht darüber hinwegtäuschen, was hier geschieht.
Hagar ist ein Opfer.
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c)
Was soll man da anderes tun, als bitter zu lachen? Nach ihrem Glauben hat niemand gefragt. Sie ist die, die überwunden wurde, der man alles genommen hat, auch mit Gewalt. Sie ist die, die hier am Ende angekommen ist. In der Wüste, im Sterben. Endstation. Und ihre Hoffnung stirbt einen Bogenschuss entfernt. Sie kann gar nicht hinschauen.
Hoffnung. Ja, einen kurzen Moment hatte sie ja einmal Hoffnung. Als der Sohn tatsächlich geboren wurde. Als das Gesicht des alten Patriarchen zu leuchten begann, weil er endlich die Erfüllung der Verheißung greifbar vor sich sah. Ismael. "Gott hat gehört." Plötzlich keimte da der Gedanke, dass es doch eine Zukunft geben könnte, auch für Sie. Dass er diese Zukunft war, Ismael, ihr Sohn. Ein kleines, grünes Hoffnungspflänzchen, nur ein winziges Hälmchen.
Und dann wurde Sara schwanger. Was keiner geglaubt hatte. Was biologisch unmöglich schien. Was nur noch für bitteres Lachen sorgte. Der Sohn wurde geboren. Isaak. "Lachen". Der verheißene Sohn, ein fröhliches Lachen jetzt. Ein Jauchzen, Freude, Begeisterung. Glaube. Bei Sara.
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c)
Für Hagar war da kein Platz mehr. Und schon gar nicht für das helle Kinderlachen Ismaels. Sie waren plötzlich nur noch Bedrohung, nur noch das fünfte Rad am Wagen, nur noch Erinnerung an die Zeit als der Glaube nicht stark genug war. Sie mussten weg! Und möglichst schnell!
Jetzt sind sie hier. Endstation. Sengende Sonne. Unendliche Wüste. Und nichts. Ganz, ganz viel nichts.
Geliebte Gottes in Bitz/Burlandingen,
Das hätte so eine schöne Triumphpredigt werden können heute: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c). Ich hätte den Römerbrief aufschlagen können und wunderschöne Worte lesen, vom Glauben den Gott schenkt aus dem Hören des Evangeliums.
Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. (Römer 10,9)Und wir, die Gesegneten, Erben der Verheißung, säßen glückselig lächelnd hier in der Kirche und freuten uns an dem Reichtum des Guten, mit dem uns Gott aus Gnade durch Christus beschenkt.
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).
Stattdessen: Hitze. Wüste. Nichts. Endstation.
Was soll das?
Geliebte Gottes in Bitz/Burlandingen,
Wir sind gesegnet. So viele von uns. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c). Es tut gut, daran zu denken, sich daran zu freuen.
Wir sind gesegnet, geliebt, gerettet.
Und dann gibt es Hagar in der Wüste. Und unsere Welt ist voll von Hagars. Voll von denen, die keine Hoffnung mehr haben. Die alles verloren haben. Die keine Zukunft mehr haben. Nur noch Endstation und ganz, ganz viel nichts.
Sie schwitzen in den stickigen Textilfabriken von Bangaladesh. Sie schufften in den Minen des Kongo. Sie bluten als Kindersoldaten in Myanmar und Somalia. Sie waten durch die ungeklärten Abwasser der Slums in Kolkata. Sie stochern in unseren Konsumabfällen auf den riesigen Müllkippen in Afrika. Sie brechen aus aus aussichtsloser Armut und wandern durch die erbarmungslose Sahara, werden unterwegs ausgeraubt, entführt, vergewaltigt, werden in lybischen Lagern gefoltert, in seeuntüchtigen Booten auf dem Mittelmeer ausgesetzt und ertrinken unter den Augen des reichen Europas im Mittelmeer. Unter unseren Augen. Oder sie schaffen es an Land, wo wir sie in menschenunwürdige Lager sperren, hier, auf unserem Kontinent.
Die Welt ist voll von Hagars und voll von Hitze, Staub, Steinen, Endstation und ganz viel Nichts.
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).
Das klingt wie Hohn in ihren Ohren!
Und, schaut, das soll jetzt keine politische Predigt werden, auch wenn heute Wahltag ist und tatsächlich jeder von uns heute die Chance hat, mal über den eigenen Gartenzaun hinauszuschauen und die Hagars der Welt mit in den Blick zu nehmen, für die es keine Hoffnung gibt, nur Nichts.
Im Gegenteil. Die Hagars dieser Welt gibt es ja nicht nur in den Slums und Müllkippen, in den Flüchtlingslagern und Minen und auf pazifischen Inseln, die der Klimawandel im Meer versinken lässt. Die Hagars der Welt gibt es hier in Bitz/Burladingen und man sieht es ihnen oft gar nicht an, dass da nur noch Leere ist, nur noch Steine und Staub und Nichts; dass da keine Zukunft mehr ist, weil sie zerstört wurde, oft grausam und kalt; dass sie angekommen sind an der Endstation und ihre Hoffnung endgültig im Sterben liegt. Vielleicht sitzen manche sogar in diesem Raum, heute Morgen, für die es wie Hohn klingt, wenn wir triumphieren:
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).
Und deshalb muss diese Hagargeschichte gehört werden, auch wenn sie uns aufstößt und reibt und wir uns viel lieber einfach gefreut hätten, dass wir geliebt, gesegnet und gerettet sind. Weil Geschichte sich wiederholt und Hagar heute wieder in der Wüste hockt, an der Endstation, und nur noch bitter weinen kann.
Und weil die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist an dieser Stelle.
Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum großen Volk machen. Und Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Knaben zu trinken. Und Gott war mit dem Knaben.Gehört. Gott hat gehört.
Gesehen. Gott hat gesehen.
Und Gott war mit dem Knaben (und seiner Mutter natürlich auch).
Sollte Gott nicht ganz woanders sein? Ist Gott nicht bei Abraham und Sara, bei den Gesegneten, bei den Lachenden. Ist Gott nicht dort, wo Verheißung erfüllt wird und Segen fließt, wo Hoffnung blüht und Zukunft leuchtet? Ist Gott nicht dort, wo man begeistert triumphiert: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).
Ja, da ist Gott sicher auch. Zum Glück.
Aber entscheidend ist, dass er hier ist. In der Wüste. Dass er hört. Dass er sieht. Dass er die im Auge behält, für die sich keiner interessiert. Dass Hagar ihm wichtig ist und Ismael etwas zählt in seinen Augen.
Dass er Hoffnung gibt und Zukunft, wo es Nichts mehr gibt, aber auch wirklich gar nichts mehr außer ganz, ganz viel Nichts. AN der Endstation.
Da ist Gott.
Gott ist kein Gott der Triumphierenden, der Sieger, der Starken. Dass er da auch ist, ist ein Glück, ein Trost, aber wie Gottes Herz wirklich schlägt, sieht man genau woanders: in der Wüste. Bei den Schwachen. Bei den Sklaven, bei den Opfern, bei den Hoffnungslosen. Da leuchtet seine Herrlichkeit. Jahwe. Ich bin der ich bin. Ich bin für euch da. Der Gott, der Sklaven aus Ägypten holt. Der Gott, der ein unbedeutendes Volk erwählt. Der Gott, der für die Armen sorgt, für die Witwen und Waisen. Der Gott, der sich selbst klein macht, schwach und arm und Mensch wird, in Jesus Christus. Nicht um hier zu triumphieren. Nein, er geht die niedrigen Wege des menschlichen Lebens. Er wendet sich denen zu, die keine Kraft haben, keine Hoffnung und keinen Fürsprecher. Den Aussätzigen. Den Ausgestoßenen. Den Frauen und Kindern, den Kranken, den stadtbekannten Sündern. "Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken." (Matth. 9,12). Er kennt die Niedrigen und macht sich eins mit den Schwachen, selbst bis zur Endstation. Er stirbt mit den sterbenden Hoffnungen der Hagars dieser Welt am Kreuz.
Er schenkt sich uns selbst. Sich, und sein Leben. Und er ist Auferstanden und mit ihm die Hoffnung für die an der Endstation.
Gott sieht die Hagars dieser Welt.
Gott sieht dich, Hagar. Gott hört dich, Hagar.
Gott liebt dich, Hagar.
Er weiß, wie es aussieht. Er kennt die sterbenden Hoffnungen und die, die schon gestorben sind. Er weiß um das ganze, große weite Nichts.
Was ist mit dir, Hagar?
Fürchte dich nicht, denn Gott hat gehört.
Steh auf!
Wo du das hörst; wo du ihn kommen siehst; wo du das begreifst und dich auf ihn verlässt in deiner Hoffnungslosigkeit -- denn sich auf ihn verlassen, genau dass ist es, "Glaube" -- wo das geschieht und du an seiner Hand aufstehst, da kann es auch bei dir geschehen -- Hagar:
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Buch der Genesis (1. Mose), aus dem 21. Kapitel:
Und das Kind wuchs heran und wurde entwöhnt. Und Abraham machte ein großes Mahl am Tage, da Isaak entwöhnt wurde. Und Sara sah den Sohn Hagars, der Ägypterin, den sie Abraham geboren hatte, dass er lachte. Da sprach sie zu Abraham: Vertreibe diese Magd mit ihrem Sohn; denn der Sohn dieser Magd soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak. Das Wort missfiel Abraham sehr um seines Sohnes willen. Aber Gott sprach zu ihm: Lass es dir nicht missfallen wegen des Knaben und der Magd. Alles, was Sara dir gesagt hat, dem gehorche; denn nach Isaak soll dein Geschlecht genannt werden. Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem Volk machen, weil er dein Sohn ist. Da stand Abraham früh am Morgen auf und nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser und legte es Hagar auf ihre Schulter, dazu den Knaben, und schickte sie fort. Da zog sie hin und irrte in der Wüste umher bei Beerscheba. Als nun das Wasser in dem Schlauch ausgegangen war, warf sie den Knaben unter einen Strauch und ging hin und setzte sich gegenüber von ferne, einen Bogenschuss weit; denn sie sprach: Ich kann nicht ansehen des Knaben Sterben. Und sie setzte sich gegenüber und erhob ihre Stimme und weinte. Da erhörte Gott die Stimme des Knaben. Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum großen Volk machen. Und Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Knaben zu trinken. Und Gott war mit dem Knaben. Der wuchs heran und wohnte in der Wüste und wurde ein Bogenschütze. Und er wohnte in der Wüste Paran und seine Mutter nahm ihm eine Frau aus Ägyptenland. (Genesis 21, 8-21)Geliebte des Herrn in Bitz/Burladingen,
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c)
Sie hätte das wahrscheinlich nicht unterschrieben, dort in der Wüste bei Beerscheba. Unter der stechenden Sonne. Ringsherum nur Staub und Steine und Steine und Staub und Sand und Staub und Steine. Und nichts. Ganz viel nichts. Kein Schatten. Kein Wasser. Kein Schutz. Keine Perspektive. Kein Zuhause. Keine Hoffnung. Keine Kraft mehr. Keine Zukunft. Nur nichts, und davon ganz, ganz viel unter der unbarmherzigen, sengenden Sonne.
Die Hoffnung, die sie einmal hatte, liegt im Sterben, einen Bogenschuss weit von der Stelle, an der sie kauert. Hoffnung gibt es nicht für Leute wie sie. Hoffnung ist immer nur für die anderen. Die Gesegneten. Die mit all den Verheißungen. Land, Zukunft, Nachkommen, Segen für die Völker. Die einen haben Gottes Versprechen von Zukunft, reich wie die Zahl der Sandkörner am Meer. Sie hat nur die Sandkörner. Kein Versprechen. Keine Zukunft. Kein Meer. Nur die Sandkörner.
Wahrscheinlich hat sie das schon immer gewusst. Sie hat ja nie dazugehört. Sie war immer die Fremde. Hagar, die Ägypterin. Aus dem Ausland. Kein Teil der Familie. Eine Sklavin. Besitz, nur da um zu dienen. Ein Gebrauchsgegenstand, eigentlich. Den Launen ihrer Herrin ausgesetzt. Und wer zwischen den Zeilen lesen kann, der kann sich vorstellen, was das hieß. Wie viel Frust und angestaute Enttäuschung und verletzte Gefühle da waren und sich immer wieder einen Ort, suchten, wo sie sich entladen konnten.
Sara hatte ja selbst ihre unglückliche Geschichte: Von dem Ehemann, der sich plötzlich in den Kopf gesetzt hatte, alles zu verlassen -- Familie, Heimat, Geborgenheit -- nur, weil angeblich Gott ihm das gesagt hatte. Unterwegs zu einem verheißenen Land, von dem er nicht einmal selbst wusste, wo es liegen sollte. Gott würde es ihm schon zeigen. Angekommen waren sie nach vielen Gefahren und Strapazen dann erst einmal in Ägypten, wo ihr Mann sie als ihre Schwester ausgab, weil der Herrscher ein Auge auf sie geworfen hatte und Abram um sein Leben fürchtete. Welch ein Schlag ins Gesicht einer Frau! Und dann die ewige Geschichte mit den Nachkommen, zahlreiche wie die Sterne und die Sandkörner, einem Volk, durch das die ganze Welt gesegnet werden sollte. Langjähriger Zwischenstand: Null. Und die biologische Uhr hatte längst aufgehört zu ticken. Nur ein bitteres Lachen hat Sara noch übrig für diese "Verheißung", die doch so offensichtlich nie wahr werden kann.
Nur ein bitteres Lachen. Und Hagar.
Die ist ja nur Besitz. Was dann geschieht, mag in den Gepflogenheiten der damaligen Kultur nicht unüblich gewesen sein. Einen männlichen Nachkommen zu sichern war wichtiger als alles andere. Aber man darf nicht darüber hinweglesen und übersehen, was hier geschieht: Eine Frau wird zum Sex gezwungen. Ohne Liebe, ohne Ehe, ohne irgendeine Art von Beziehung oder Wertschätzung. Sie ist nur Objekt, nur Werkzeug, nur Mittel zum Zweck. Eine Frau wird zum Sex gezwungen -- wie oft? Bis sie ein Kind empfängt, das sie austragen muss für einen anderen, für eine andere. Sie selbst hat keine Rechte, ein nichts, ein bloßes Hilfsmittel. Furchtbar! Abscheulich! Lasst euch von den ach so verklärten Vätergeschichten nicht darüber hinwegtäuschen, was hier geschieht.
Hagar ist ein Opfer.
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c)
Was soll man da anderes tun, als bitter zu lachen? Nach ihrem Glauben hat niemand gefragt. Sie ist die, die überwunden wurde, der man alles genommen hat, auch mit Gewalt. Sie ist die, die hier am Ende angekommen ist. In der Wüste, im Sterben. Endstation. Und ihre Hoffnung stirbt einen Bogenschuss entfernt. Sie kann gar nicht hinschauen.
Hoffnung. Ja, einen kurzen Moment hatte sie ja einmal Hoffnung. Als der Sohn tatsächlich geboren wurde. Als das Gesicht des alten Patriarchen zu leuchten begann, weil er endlich die Erfüllung der Verheißung greifbar vor sich sah. Ismael. "Gott hat gehört." Plötzlich keimte da der Gedanke, dass es doch eine Zukunft geben könnte, auch für Sie. Dass er diese Zukunft war, Ismael, ihr Sohn. Ein kleines, grünes Hoffnungspflänzchen, nur ein winziges Hälmchen.
Und dann wurde Sara schwanger. Was keiner geglaubt hatte. Was biologisch unmöglich schien. Was nur noch für bitteres Lachen sorgte. Der Sohn wurde geboren. Isaak. "Lachen". Der verheißene Sohn, ein fröhliches Lachen jetzt. Ein Jauchzen, Freude, Begeisterung. Glaube. Bei Sara.
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c)
Für Hagar war da kein Platz mehr. Und schon gar nicht für das helle Kinderlachen Ismaels. Sie waren plötzlich nur noch Bedrohung, nur noch das fünfte Rad am Wagen, nur noch Erinnerung an die Zeit als der Glaube nicht stark genug war. Sie mussten weg! Und möglichst schnell!
Jetzt sind sie hier. Endstation. Sengende Sonne. Unendliche Wüste. Und nichts. Ganz, ganz viel nichts.
Geliebte Gottes in Bitz/Burlandingen,
Das hätte so eine schöne Triumphpredigt werden können heute: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c). Ich hätte den Römerbrief aufschlagen können und wunderschöne Worte lesen, vom Glauben den Gott schenkt aus dem Hören des Evangeliums.
Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. (Römer 10,9)Und wir, die Gesegneten, Erben der Verheißung, säßen glückselig lächelnd hier in der Kirche und freuten uns an dem Reichtum des Guten, mit dem uns Gott aus Gnade durch Christus beschenkt.
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).
Stattdessen: Hitze. Wüste. Nichts. Endstation.
Was soll das?
Geliebte Gottes in Bitz/Burlandingen,
Wir sind gesegnet. So viele von uns. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c). Es tut gut, daran zu denken, sich daran zu freuen.
Wir sind gesegnet, geliebt, gerettet.
Und dann gibt es Hagar in der Wüste. Und unsere Welt ist voll von Hagars. Voll von denen, die keine Hoffnung mehr haben. Die alles verloren haben. Die keine Zukunft mehr haben. Nur noch Endstation und ganz, ganz viel nichts.
Sie schwitzen in den stickigen Textilfabriken von Bangaladesh. Sie schufften in den Minen des Kongo. Sie bluten als Kindersoldaten in Myanmar und Somalia. Sie waten durch die ungeklärten Abwasser der Slums in Kolkata. Sie stochern in unseren Konsumabfällen auf den riesigen Müllkippen in Afrika. Sie brechen aus aus aussichtsloser Armut und wandern durch die erbarmungslose Sahara, werden unterwegs ausgeraubt, entführt, vergewaltigt, werden in lybischen Lagern gefoltert, in seeuntüchtigen Booten auf dem Mittelmeer ausgesetzt und ertrinken unter den Augen des reichen Europas im Mittelmeer. Unter unseren Augen. Oder sie schaffen es an Land, wo wir sie in menschenunwürdige Lager sperren, hier, auf unserem Kontinent.
Die Welt ist voll von Hagars und voll von Hitze, Staub, Steinen, Endstation und ganz viel Nichts.
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).
Das klingt wie Hohn in ihren Ohren!
Und, schaut, das soll jetzt keine politische Predigt werden, auch wenn heute Wahltag ist und tatsächlich jeder von uns heute die Chance hat, mal über den eigenen Gartenzaun hinauszuschauen und die Hagars der Welt mit in den Blick zu nehmen, für die es keine Hoffnung gibt, nur Nichts.
Im Gegenteil. Die Hagars dieser Welt gibt es ja nicht nur in den Slums und Müllkippen, in den Flüchtlingslagern und Minen und auf pazifischen Inseln, die der Klimawandel im Meer versinken lässt. Die Hagars der Welt gibt es hier in Bitz/Burladingen und man sieht es ihnen oft gar nicht an, dass da nur noch Leere ist, nur noch Steine und Staub und Nichts; dass da keine Zukunft mehr ist, weil sie zerstört wurde, oft grausam und kalt; dass sie angekommen sind an der Endstation und ihre Hoffnung endgültig im Sterben liegt. Vielleicht sitzen manche sogar in diesem Raum, heute Morgen, für die es wie Hohn klingt, wenn wir triumphieren:
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).
Und deshalb muss diese Hagargeschichte gehört werden, auch wenn sie uns aufstößt und reibt und wir uns viel lieber einfach gefreut hätten, dass wir geliebt, gesegnet und gerettet sind. Weil Geschichte sich wiederholt und Hagar heute wieder in der Wüste hockt, an der Endstation, und nur noch bitter weinen kann.
Und weil die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist an dieser Stelle.
Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum großen Volk machen. Und Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Knaben zu trinken. Und Gott war mit dem Knaben.Gehört. Gott hat gehört.
Gesehen. Gott hat gesehen.
Und Gott war mit dem Knaben (und seiner Mutter natürlich auch).
Sollte Gott nicht ganz woanders sein? Ist Gott nicht bei Abraham und Sara, bei den Gesegneten, bei den Lachenden. Ist Gott nicht dort, wo Verheißung erfüllt wird und Segen fließt, wo Hoffnung blüht und Zukunft leuchtet? Ist Gott nicht dort, wo man begeistert triumphiert: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).
Ja, da ist Gott sicher auch. Zum Glück.
Aber entscheidend ist, dass er hier ist. In der Wüste. Dass er hört. Dass er sieht. Dass er die im Auge behält, für die sich keiner interessiert. Dass Hagar ihm wichtig ist und Ismael etwas zählt in seinen Augen.
Dass er Hoffnung gibt und Zukunft, wo es Nichts mehr gibt, aber auch wirklich gar nichts mehr außer ganz, ganz viel Nichts. AN der Endstation.
Da ist Gott.
Gott ist kein Gott der Triumphierenden, der Sieger, der Starken. Dass er da auch ist, ist ein Glück, ein Trost, aber wie Gottes Herz wirklich schlägt, sieht man genau woanders: in der Wüste. Bei den Schwachen. Bei den Sklaven, bei den Opfern, bei den Hoffnungslosen. Da leuchtet seine Herrlichkeit. Jahwe. Ich bin der ich bin. Ich bin für euch da. Der Gott, der Sklaven aus Ägypten holt. Der Gott, der ein unbedeutendes Volk erwählt. Der Gott, der für die Armen sorgt, für die Witwen und Waisen. Der Gott, der sich selbst klein macht, schwach und arm und Mensch wird, in Jesus Christus. Nicht um hier zu triumphieren. Nein, er geht die niedrigen Wege des menschlichen Lebens. Er wendet sich denen zu, die keine Kraft haben, keine Hoffnung und keinen Fürsprecher. Den Aussätzigen. Den Ausgestoßenen. Den Frauen und Kindern, den Kranken, den stadtbekannten Sündern. "Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken." (Matth. 9,12). Er kennt die Niedrigen und macht sich eins mit den Schwachen, selbst bis zur Endstation. Er stirbt mit den sterbenden Hoffnungen der Hagars dieser Welt am Kreuz.
Er schenkt sich uns selbst. Sich, und sein Leben. Und er ist Auferstanden und mit ihm die Hoffnung für die an der Endstation.
Gott sieht die Hagars dieser Welt.
Gott sieht dich, Hagar. Gott hört dich, Hagar.
Gott liebt dich, Hagar.
Er weiß, wie es aussieht. Er kennt die sterbenden Hoffnungen und die, die schon gestorben sind. Er weiß um das ganze, große weite Nichts.
Was ist mit dir, Hagar?
Fürchte dich nicht, denn Gott hat gehört.
Steh auf!
Wo du das hörst; wo du ihn kommen siehst; wo du das begreifst und dich auf ihn verlässt in deiner Hoffnungslosigkeit -- denn sich auf ihn verlassen, genau dass ist es, "Glaube" -- wo das geschieht und du an seiner Hand aufstehst, da kann es auch bei dir geschehen -- Hagar:
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1. Joh 5, 4c).
Amen.

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