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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
Ich mache mir Sorgen.
Ich mache mir Sorgen, wenn die Preise steigen.
Ich mache mir Sorgen, wenn die nächste Rechnung auf meinem Tisch landet.
Ich mache mir Sorgen, wenn es draußen kalt wird und wir die Heizung einschalten müssen, ohne abschätzen zu können, wie viel uns der Winter kosten wird.
Ich mache mir Sorgen, wenn in den Nachrichten von Stromausfall geredet wird.
Ich mache mir Sorgen, wenn mir der Katastrophenschutz schreibt und die Kirchen und Gemeindehäuser als mögliche Wärmeinseln im Extremfall erfassen will.
Ich mache mir Sorgen, wenn Vladimir Putin eine Teilmobilmachung bekannt gibt.
Ich mache mir Sorgen, wenn sogenannte "Referenden" im Osten der Ukraine abgehalten werden und Russland wohl kurz vor der Annektion der besetzten Gebiete steht.
Ich mache mir Sorgen, wenn sich die Rüstungsspirale immer schneller dreht.
Ich mache mir Sorgen, wenn Atomkraftwerke beschossen werden.
Ich mache mir Sorgen, wenn unverhohlen mit dem Einsatz nuklearer Waffensysteme gedroht wird.
Ich mache mir Sorgen, wenn ich die Klimaprognosen für meine Heimat lese.
Ich mache mir Sorgen, wenn ich sehe, wie wenig passiert, um tatsächlich Veränderung in die aktuellen Klimatrends zu bringen.
Ich mache mir Sorgen, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht.
Ich mache mir Sorgen, wenn ich sehe, wie Menschen online und offline Hass und Gewalt gegen andere proklamieren.
Ich mache mir Sorgen, wenn rechte Parteien in Deutschland wieder Wähler finden.
Ich mache mir Sorgen, wenn es immer weniger möglich ist, miteinander zu reden.
Ich mache mir Sorgen, wenn Fakten und Wissenschaft auf einmal weniger wichtig sind als Bauchgefühle.
Ich mache mir Sorgen, wenn Menschen nicht mehr in der Lage sind, Fake News zu erkennen.
Ich mache mir Sorgen, wenn herauskommt, wie gezielt Menschen manipuliert werden.
Ich mache mir Sorgen.
Eine Menge Sorgen.
Ich mache mir Sorgen um meine Zukunft.
Ich mache mir Sorgen um die Zukunft meiner Kinder. Um die der Welt, eigentlich.
Ich mache mir eine Menge Sorgen.
Vielleicht überrascht es euch, das von einem Pfarrer zu hören. Sollte der nicht eher sagen: "Macht euch keine Sorgen!"? Ich glaube, es ist einfach nur menschlich, Sorgen zu haben. So lange, bis Gott kommt und die Welt endgültig verwandelt, werden wir mit Sorgen umzugehen haben. Und die Aufforderung, "Macht euch keine Sorgen" ist wahrscheinlich genauso wirkungsvoll wie die Aufforderung, sich jetzt bitte keinen rosa Elefanten vorzustellen. Ah! Merkt ihr was?
Sorgen sind Teil unseres Lebens. Kein Wunder, dass sie auch in der Bibel immer wieder Thema sind. Selbst Jesus kennt die Sorgen des menschlichen Lebens. Als Mensch gewordener Gottessohn ist er bereit, auch sie auf sich zu nehmen, um zu zeigen: Auch da ist Gott dabei. Er speist uns nicht mit einem banalen "Macht euch keine Sorgen" ab. Er weiß gut genug, dass "jeder Tag seine eigene Plage hat."
Statt Sorgen mit locker-flockigen Worten plattbügeln zu wollen, sollten wir also eher lernen, wie wir damit umgehen. Die Dinge, die ich eingangs aufgezählt habe und das, was dich nachts vom Schlafen abhält, die verschwinden ja nicht einfach nach ein paar salbungsvollen Sätzen von der Kanzel. Aber vielleicht ändert sich unser Umgang damit. Das wäre doch schon was!
Hören wir deshalb dem Apostel Paulus zu, der in seinem Brief an die Galater ab dem Ende des 5. Kapitels Folgendes schreibt:
Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden.Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen. Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten. Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen. (Galater 5,25-6,10)Puh, das war jetzt ganz schön viel Text. Vermutlich mehr, als wir heute hier im Detail überhaupt erfassen können. Lasst mich versuchen, das alles erst einmal irgendwie einzusortieren:
Paulus schreibt einen Brief an die Gemeinden in Galatien. Da ist er schon einmal gewesen, auf einer seiner Reisen. Eigentlich wollte er sich dort gar nicht aufhalten, wurde aber krank und fand dort Aufnahme und Pflege. Wie immer hat er die Zeit genutzt, um den Menschen das Evangelium nahe zu bringen. So waren nach wenigen Monaten in der Gegend auch eine Reihe von stabilen Gemeinden entstanden, die Paulus einige Jahre später auch noch ein zweites Mal besuchte.
Wohl nach diesem zweiten Besuch muss es zum Konflikt gekommen sein. Andere führten nun das Wort in den Gemeinden und hatten viele überzuigt, neben dem Glauben sei unbedingt auch das peinlich genaue Einhalten des mosaischen Gesetzes nötig, um Gottes Zuwendung zu erfahren. Grund für Paulus, in aller Schärfe dagegen zu halten: Kein anderes Evangelium! Gott wendet sich uns Menschen bedingungslos zu, weil er in seinem Sohn Jesus Christus am Kreuz ein für alle Mal die Versöhnung gewirkt hat. Wem das nicht genug ist, der hat komplett verpasst, wie Gott wirklich ist. Mehr noch: Wem das nicht genug ist, der lebt nicht aus der Freiheit der begnadeten Kinder Gottes, sondern der wiegt sich mit seinen eigenen Taten in falscher Sicherheit und zieht gleichzeitig das, was Gott durch Christus schenkt und durch seinen Geist in uns wirkt, in Zweifel.
Der Text, den wir heute gelesen haben, steht ziemlich am Ende des Briefs. Neues Leben, hat Paulus betont, sucht nicht nach Regelerfüllung, sondern lebt die Liebe zum Nächsten aus der Kraft des Heiligen Geistes.
Aber was heißt das denn ganz konkret? Gerade dann, wenn die Sorgen mir den Schlaf rauben, wenn sie auf mir liegen wie eine unsagbar schwere Last, die mich am Boden zerschmettern will?
Zwei scheinbar widersprüchliche Sätze klingen mir aus diesem Text entgegen: "Einer trage des anderen Last", schreibt Paulus. Und dann "Denn jeder wird seine eigene Last tragen." Wie jetzt? Dazwischen liegen doch Welten!
In der Tat liegen dazwischen vor allem Sätze, die das eine vom anderen Abgrenzen. Menschen, die das neue Leben aus dem Heiligen Geist leben, die tragen ihre Lasten gemeinsam, ist Paulus überzeugt. Damit ist mehr gemeint als nur ein Aufteilen der Befindlichkeiten unter mehreren, die dann irgendwie damit fertig werden müssen. In der Summe wären die Sorgen und Nöte uns ja auch als geteilte Last zu schwer. Paulus redet hier von Menschen, die als von Gott Befreite und mit Gott Versöhnte leben. Die wissen, dass Gott sie bedingungslos liebt und dass er versprochen hat, nie von ihrer Seite zu weichen. Die durch Jesus Christus bereits erfahren haben, dass Gottes Zuwendung zu ihnen keine Grenzen kennt. Wer das weiß, der kann geteilte Lasten im Vertrauen auf Gott tragen. Keine Not ist dann mehr eine, die von uns allein zu lösen ist. Keine Situation ist eine, in der wir allein, oder als verlorene kleine Gruppe miteinander stehen. Jede Sorgenlast ist eine, die wir miteinander als von Gott Geliebte tragen -- ja, in der wir uns selbst von Gott getragen wissen. Jede schlaflose Sorgennacht ist eine, in der wir uns gegenseitig im Glauben stärken können, weil wir uns miteinander als Gottes Kinder, Erben und als Empfänger seiner Versprechen wissen.
Nichts davon nimmt die Sorgen weg. Alles davon ändert, wie ich -- nein: wie wir mit den Sorgen umgehen. Alles davon ändert, was die Sorgen mit uns machen können, wenn immer das Wissen um das neue Leben in Christus überwiegt.
Das ist die eine Seite.
Die muss man nicht einnehmen. Paulus schreibt ja gerade an Menschen, die überzeugt sind, dass es vor allem auf ihre eigenen Leistungen im Einhalten bestimmter Regeln ankommt. Wer auf sich selbst schaut und "meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst." Am Ende trägt so einer seine eigene Last. Freiwillig. Unnötig. Zum Druck der Sorgen kommt noch der Druck, selbst für eine Lösung sorgen zu müssen. Kein Wunder, dass man daran zu Grunde gehen kann!
Was Paulus in vielen Worten schreibt, lässt sich im Wochenspruch aus dem 1. Petrusbrief trefflich zusammenfassen: "Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch." Da geht es ja auch nicht um ein Rezept, wie man in Zukunft immer sorglos und glücklich leben kann. Es ist nicht die Gas- oder Stromrechnung, die ich zum Himmel werfe, oder das CO2 in der Atmosphäre oder Vladimir Putin und seine Atombomben. Aber es ist das, was das alles mit mir macht, das ich zu Gott bringe. Bei ihm finde ich Liebe, Kraft, und die Zuversicht, dass er zu seinen Versprechen steht. Er erinnert mich neu daran, dass ich nie allein bin, sondern ihn immer an meiner Seite habe. Das macht mich ruhig. Gelassen. Ich kann freier atmen. Es ist, als sei eine Last von mir genommen. Ich bin "ent-lastet".
Die Sorgen sind genauso wenig weg, wie der rosa Elefant. Aber ich habe einen Weg gefunden. Besser: Gott hat mir einen Weg geschenkt. Im Vertrauen auf ihn will ich weitergehen. Betend, so wie Dietrich Bonhoeffer es beschreibt (Widerstand und Ergebung, DBW Bd. 8, S. 204f.):
Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen: Hilf mir beten und meine Gedanken sammeln; ich kann es nicht allein. In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht. Ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.Vater im Himmel, Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht. Lob und Dank sei dir für den neuen Tag. Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue in meinem vergangenen Leben. Du hast mir viel Gutes erwiesen, laß mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen. Du wirst mir nicht mehr auferlegen, als ich tragen kann. Du läßt deinen Kindern alle Dinge zum besten dienen.Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
Ich mache mir Sorgen.
Ich mache mir Sorgen, wenn die Preise steigen.
Ich mache mir Sorgen, wenn die nächste Rechnung auf meinem Tisch landet.
Ich mache mir Sorgen, wenn es draußen kalt wird und wir die Heizung einschalten müssen, ohne abschätzen zu können, wie viel uns der Winter kosten wird.
Ich mache mir Sorgen, wenn in den Nachrichten von Stromausfall geredet wird.
Ich mache mir Sorgen, wenn mir der Katastrophenschutz schreibt und die Kirchen und Gemeindehäuser als mögliche Wärmeinseln im Extremfall erfassen will.
Ich mache mir Sorgen, wenn Vladimir Putin eine Teilmobilmachung bekannt gibt.
Ich mache mir Sorgen, wenn sogenannte "Referenden" im Osten der Ukraine abgehalten werden und Russland wohl kurz vor der Annektion der besetzten Gebiete steht.
Ich mache mir Sorgen, wenn sich die Rüstungsspirale immer schneller dreht.
Ich mache mir Sorgen, wenn Atomkraftwerke beschossen werden.
Ich mache mir Sorgen, wenn unverhohlen mit dem Einsatz nuklearer Waffensysteme gedroht wird.
Ich mache mir Sorgen, wenn ich die Klimaprognosen für meine Heimat lese.
Ich mache mir Sorgen, wenn ich sehe, wie wenig passiert, um tatsächlich Veränderung in die aktuellen Klimatrends zu bringen.
Ich mache mir Sorgen, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht.
Ich mache mir Sorgen, wenn ich sehe, wie Menschen online und offline Hass und Gewalt gegen andere proklamieren.
Ich mache mir Sorgen, wenn rechte Parteien in Deutschland wieder Wähler finden.
Ich mache mir Sorgen, wenn es immer weniger möglich ist, miteinander zu reden.
Ich mache mir Sorgen, wenn Fakten und Wissenschaft auf einmal weniger wichtig sind als Bauchgefühle.
Ich mache mir Sorgen, wenn Menschen nicht mehr in der Lage sind, Fake News zu erkennen.
Ich mache mir Sorgen, wenn herauskommt, wie gezielt Menschen manipuliert werden.
Ich mache mir Sorgen.
Eine Menge Sorgen.
Ich mache mir Sorgen um meine Zukunft.
Ich mache mir Sorgen um die Zukunft meiner Kinder. Um die der Welt, eigentlich.
Ich mache mir eine Menge Sorgen.
Vielleicht überrascht es euch, das von einem Pfarrer zu hören. Sollte der nicht eher sagen: "Macht euch keine Sorgen!"? Ich glaube, es ist einfach nur menschlich, Sorgen zu haben. So lange, bis Gott kommt und die Welt endgültig verwandelt, werden wir mit Sorgen umzugehen haben. Und die Aufforderung, "Macht euch keine Sorgen" ist wahrscheinlich genauso wirkungsvoll wie die Aufforderung, sich jetzt bitte keinen rosa Elefanten vorzustellen. Ah! Merkt ihr was?
Sorgen sind Teil unseres Lebens. Kein Wunder, dass sie auch in der Bibel immer wieder Thema sind. Selbst Jesus kennt die Sorgen des menschlichen Lebens. Als Mensch gewordener Gottessohn ist er bereit, auch sie auf sich zu nehmen, um zu zeigen: Auch da ist Gott dabei. Er speist uns nicht mit einem banalen "Macht euch keine Sorgen" ab. Er weiß gut genug, dass "jeder Tag seine eigene Plage hat."
Statt Sorgen mit locker-flockigen Worten plattbügeln zu wollen, sollten wir also eher lernen, wie wir damit umgehen. Die Dinge, die ich eingangs aufgezählt habe und das, was dich nachts vom Schlafen abhält, die verschwinden ja nicht einfach nach ein paar salbungsvollen Sätzen von der Kanzel. Aber vielleicht ändert sich unser Umgang damit. Das wäre doch schon was!
Hören wir deshalb dem Apostel Paulus zu, der in seinem Brief an die Galater ab dem Ende des 5. Kapitels Folgendes schreibt:
Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden.Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen. Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten. Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen. (Galater 5,25-6,10)Puh, das war jetzt ganz schön viel Text. Vermutlich mehr, als wir heute hier im Detail überhaupt erfassen können. Lasst mich versuchen, das alles erst einmal irgendwie einzusortieren:
Paulus schreibt einen Brief an die Gemeinden in Galatien. Da ist er schon einmal gewesen, auf einer seiner Reisen. Eigentlich wollte er sich dort gar nicht aufhalten, wurde aber krank und fand dort Aufnahme und Pflege. Wie immer hat er die Zeit genutzt, um den Menschen das Evangelium nahe zu bringen. So waren nach wenigen Monaten in der Gegend auch eine Reihe von stabilen Gemeinden entstanden, die Paulus einige Jahre später auch noch ein zweites Mal besuchte.
Wohl nach diesem zweiten Besuch muss es zum Konflikt gekommen sein. Andere führten nun das Wort in den Gemeinden und hatten viele überzuigt, neben dem Glauben sei unbedingt auch das peinlich genaue Einhalten des mosaischen Gesetzes nötig, um Gottes Zuwendung zu erfahren. Grund für Paulus, in aller Schärfe dagegen zu halten: Kein anderes Evangelium! Gott wendet sich uns Menschen bedingungslos zu, weil er in seinem Sohn Jesus Christus am Kreuz ein für alle Mal die Versöhnung gewirkt hat. Wem das nicht genug ist, der hat komplett verpasst, wie Gott wirklich ist. Mehr noch: Wem das nicht genug ist, der lebt nicht aus der Freiheit der begnadeten Kinder Gottes, sondern der wiegt sich mit seinen eigenen Taten in falscher Sicherheit und zieht gleichzeitig das, was Gott durch Christus schenkt und durch seinen Geist in uns wirkt, in Zweifel.
Der Text, den wir heute gelesen haben, steht ziemlich am Ende des Briefs. Neues Leben, hat Paulus betont, sucht nicht nach Regelerfüllung, sondern lebt die Liebe zum Nächsten aus der Kraft des Heiligen Geistes.
Aber was heißt das denn ganz konkret? Gerade dann, wenn die Sorgen mir den Schlaf rauben, wenn sie auf mir liegen wie eine unsagbar schwere Last, die mich am Boden zerschmettern will?
Zwei scheinbar widersprüchliche Sätze klingen mir aus diesem Text entgegen: "Einer trage des anderen Last", schreibt Paulus. Und dann "Denn jeder wird seine eigene Last tragen." Wie jetzt? Dazwischen liegen doch Welten!
In der Tat liegen dazwischen vor allem Sätze, die das eine vom anderen Abgrenzen. Menschen, die das neue Leben aus dem Heiligen Geist leben, die tragen ihre Lasten gemeinsam, ist Paulus überzeugt. Damit ist mehr gemeint als nur ein Aufteilen der Befindlichkeiten unter mehreren, die dann irgendwie damit fertig werden müssen. In der Summe wären die Sorgen und Nöte uns ja auch als geteilte Last zu schwer. Paulus redet hier von Menschen, die als von Gott Befreite und mit Gott Versöhnte leben. Die wissen, dass Gott sie bedingungslos liebt und dass er versprochen hat, nie von ihrer Seite zu weichen. Die durch Jesus Christus bereits erfahren haben, dass Gottes Zuwendung zu ihnen keine Grenzen kennt. Wer das weiß, der kann geteilte Lasten im Vertrauen auf Gott tragen. Keine Not ist dann mehr eine, die von uns allein zu lösen ist. Keine Situation ist eine, in der wir allein, oder als verlorene kleine Gruppe miteinander stehen. Jede Sorgenlast ist eine, die wir miteinander als von Gott Geliebte tragen -- ja, in der wir uns selbst von Gott getragen wissen. Jede schlaflose Sorgennacht ist eine, in der wir uns gegenseitig im Glauben stärken können, weil wir uns miteinander als Gottes Kinder, Erben und als Empfänger seiner Versprechen wissen.
Nichts davon nimmt die Sorgen weg. Alles davon ändert, wie ich -- nein: wie wir mit den Sorgen umgehen. Alles davon ändert, was die Sorgen mit uns machen können, wenn immer das Wissen um das neue Leben in Christus überwiegt.
Das ist die eine Seite.
Die muss man nicht einnehmen. Paulus schreibt ja gerade an Menschen, die überzeugt sind, dass es vor allem auf ihre eigenen Leistungen im Einhalten bestimmter Regeln ankommt. Wer auf sich selbst schaut und "meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst." Am Ende trägt so einer seine eigene Last. Freiwillig. Unnötig. Zum Druck der Sorgen kommt noch der Druck, selbst für eine Lösung sorgen zu müssen. Kein Wunder, dass man daran zu Grunde gehen kann!
Was Paulus in vielen Worten schreibt, lässt sich im Wochenspruch aus dem 1. Petrusbrief trefflich zusammenfassen: "Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch." Da geht es ja auch nicht um ein Rezept, wie man in Zukunft immer sorglos und glücklich leben kann. Es ist nicht die Gas- oder Stromrechnung, die ich zum Himmel werfe, oder das CO2 in der Atmosphäre oder Vladimir Putin und seine Atombomben. Aber es ist das, was das alles mit mir macht, das ich zu Gott bringe. Bei ihm finde ich Liebe, Kraft, und die Zuversicht, dass er zu seinen Versprechen steht. Er erinnert mich neu daran, dass ich nie allein bin, sondern ihn immer an meiner Seite habe. Das macht mich ruhig. Gelassen. Ich kann freier atmen. Es ist, als sei eine Last von mir genommen. Ich bin "ent-lastet".
Die Sorgen sind genauso wenig weg, wie der rosa Elefant. Aber ich habe einen Weg gefunden. Besser: Gott hat mir einen Weg geschenkt. Im Vertrauen auf ihn will ich weitergehen. Betend, so wie Dietrich Bonhoeffer es beschreibt (Widerstand und Ergebung, DBW Bd. 8, S. 204f.):
Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen: Hilf mir beten und meine Gedanken sammeln; ich kann es nicht allein. In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht. Ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.Vater im Himmel, Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht. Lob und Dank sei dir für den neuen Tag. Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue in meinem vergangenen Leben. Du hast mir viel Gutes erwiesen, laß mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen. Du wirst mir nicht mehr auferlegen, als ich tragen kann. Du läßt deinen Kindern alle Dinge zum besten dienen.Amen.

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