
Sign up to save your podcasts
Or


Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Nachfolger:innen des Auferstandenen in Burladingen,
So unbeschwert fröhlich, wie wir in den Ostermorgen hineingehen, war es damals, am ersten Sonntag natürlich nicht. Da hat noch niemand "frohe Ostern" gewünscht. Im Gegenteil: Sie waren ja alle gedanklich quasi noch im Karsamstag, im Trauern um den gestorbenen Jesus, in der Angst und im Schrecken. Wie schwer muss ihnen das Herz gewesen sein!
Mit meinen Schülern in der vierten Klasse spreche ich jedes Jahr ganz ausführlich über den Karsamstag. Ich glaube, man muss das gedanklich erst einmal nachvollziehen, um die ganze Tragweite des Ostermorgens zu begreifen. Man muss verstehen, dass da keine Hoffnung mehr war. Dass alles dunkel war, traurig und leer. Dass alles Schöne aus dem Leben gewichen zu sein schien. Nur noch Trostlosigkeit, Tränen und Trauer. Nur noch Angst und Schrecken. Nur noch dunkelste, tiefste Nacht.
Wer die gedanklich erfasst hat, der kann erspüren, was in den ersten Sonnenstrahlen des Ostermorgens geschieht. Mit dem Licht der Sonne bricht das Licht des neuen Lebens, der Auferstehung, der Freude herein. Und wo das Licht kommt, muss die Dunkelheit weichen. Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!
Davon wussten sie noch nichts, als sie unterwegs waren zum Grab. Sie waren noch niedergeschlagen. Sie waren noch in Angst und Sorgen. Sie waren noch im Abschiednehmen vom Liebsten, den sie gehabt hatten. Ich könnte mir vorstellen, dass sie den größten Teil des Wegs schweigend gingen. Dass jede von ihnen ihren eigenen Gedanken nachhing. "Trübsal blasen", nennen wir das heute. Wenn die Sorgen so schwer sind, dass andere Gedanken gar keinen Platz mehr daneben haben. Trübsal blasen. Das ist es, was sie da tun. Selbst kleinste Dinge können dann plötzlich zu einem unüberwindbaren Berg werden. Für sie ist es der Stein vor dem Grab, in dem sich alle Last und Sorge der Welt zu bündeln scheint: "Wer wälzt uns den Stein vor des Grabes Tür?"
Kennt ihr das, wenn da so ein riesiger Stein zu liegen scheint, der alles andere niederdrückt und erstickt? Eine Last, so groß, dass man gar nicht weiß, wo man auch nur anfangen soll, geschweige denn, wie man sie überwinden könnte. Wer wälzt uns den Stein weg?
So kommen sie zum Grab.
Spannend an diesem Markustext finde ich auch, dass sie gar nicht so arg viel anders wieder vom Grab weggehen. Der Stein war weg. Das Grab war leer. Der Auferstandene erscheint nicht in dieser Erzählung. Nur ein Engel, der nach Galiläa verweist. Etwas ratlos stehen sie da. Sie wissen auch nicht so genau, was sie jetzt tun sollen. Sie "gingen hinaus und flohen vor dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich."
So endet der ursprüngliche Text des Markusevangeliums. Ratlos lässt er auch mich zurück. Angst und Zittern und Entsetzen in der Ostergeschichte?
Schon Mitte des zweiten Jahrhunderts hat irgendjemand beschlossen, dass das so nicht geht. Neuere Manuskripte des Markusevangeliums haben einen längeren Text -- noch einmal 12Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.] (Markus 16,20) Verse -- der von einer ganzen Reihe von Erscheinungen des Auferstandenen berichtet. Es ist, als wolle man die Leser beruhigen: Es gibt keinen Grund zur Angst. Er ist wirklich auferstanden. Wir haben ihn gesehen. So erscheint er am Ende dann auch noch einmal selbst im Evangelium und spricht ein grandioses Schlusswort, in dem er seine Nachfolger:innen mit Vollmacht ausstattet und sie aussendet, um seine Mission weiterzuführen bis an die Enden der Erde:
Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, so wird's gut mit ihnen. (Markus 16,15-18)So muss doch ein Ostertext klingen, oder! Und nachdem Jesus dann im vorletzten Vers zum Himmel aufgehoben wurde und sich als Herr aller Herren zur Rechten Gottes des Vaters setzt, endet das Markusevangelium mit dem neuen Schluss nun so:
Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen. (Markus 16,20)
Genau so stelle ich mir das vor. Halleluja! Der Herr ist wahrhaftig auferstanden! Er sitzt nun auf dem Thron Gottes und für die, die im folgen, gibt es ein großes Happy End. Ostern. Neues Leben. Hoffnung nach der Finsternis. Große Freude. Nur noch ein Lachen übrig für Hölle, Tod und Teufel. Jesus ist Sieger!
So habe ich mir das immer vorgestellt. Inzwischen bin ich genauso froh über den ursprünglichen kurzen Schluss.
Das hat vielleicht etwas mit Lebenserfahrung zu tun. Mit Brüchen und mit den Kurven, die das Leben so macht. Je länger man lebt und je mehr man davon mitbekommt, desto mehr wird einem ja bewusst, dass es nicht immer ganz so einfach ist, wie wir das gerne hätten. Dass nicht nach jeder Durststrecke des Lebens gleich der dritte Tag mit neuem Leben und neuer Freude kommt. Dass sich nicht jede Nacht im Licht des Ostermorgens in endloses Wohlgefallen auflöst. Dass nicht jeder Christ das "siegreiche Auferstehungsleben" führt, das ihm manche gerne zusprechen möchten.
Manche haben das schon lange gemerkt. Für andere hat es vielleicht erst ein Corona-Ostern gebraucht. Oder eines wie heute, wo wir hier frohe Osterlieder singen, während andere in Kiew und anderswo Schutz vor Raketen und Bomben suchen. Vielleicht haben wir das zu lange überhört in unseren frohen, lauten Ostergesängen, dass die nicht immer jeder aus voller Seele mitsingen kann. Weil vielleicht der Ehemann oder andere Angehörige in der Ukraine sind und du Angst um ihr Leben hast. Weil vielleicht dein Ehepartner vor kurzem gestorben ist und dieses erste Osterfest alleine weniger Fest und mehr schmerzhafte Erinnerung daran ist, dass es nie wieder so sein wird wie früher. Weil du vielleicht krank bist und Schmerzen leidest. Weil dich vielleicht Zukunftsängste plagen, die man mit flotten Osterliedern nicht einfach wegsingen kann.
Wo wir im leeren Grab hinter dem weggewälzten Steinbrocken mehr sehen, als tatsächlich zu sehen ist -- Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden -- da bleiben andere erst einmal genauso ratlos zurück wie die Frauen damals am Grab. Da, wo wir so gerne die ganze Strahlkraft und Freude des Auferstandenen in unserem Leben hätten, ist oft zunächst einmal nur eine Leerstelle. "Er ist auferstanden", ja, das ist Hoffnung. Aber: Er ist nicht hier.
Nicht hier. Nicht jetzt. Zumindest nicht auf eine Art, die wie die Ostermorgensonne alle Dunkelheit auf einen Schlag vertreibt. Zumindest nicht auf eine Art, die deine ganzen schweren Lebensumstände irgendwie sofort und magisch in pure Osterfreude verwandelt.
Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.
Am Ende gehst du genauso ratlos weiter wie die drei Frauen.
Er ist auferstanden. Er ist nicht hier. Diese Leerstelle muss man erst einmal aushalten. So schmerzhaft spannend das oft ist -- letztlich sind solche Leerstellen auch der Grund, warum der Glaube an Jesus Christus überhaupt eine Relevanz für unser Leben besitzt. Weil er uns nämlich keine schnellen Lösungen vorgaukelt. Keine Instant-Auferstehungsfreude. Weil das Evangelium eine Botschaft ist, die das Leben ernst nimmt. So wie es ist -- wie wir es auch kennen. Mit all den Stellen, wo es eben keine schnellen Lösungen gibt. Wo man langen Atem braucht und sich oft gerade noch irgendwie an der letzten Hoffnung festklammern kann. Da wird das Evangelium zu dieser Hoffnung, an der man festhält. Weil es diese Leerstellen kennt und ernst nimmt und nicht so tut, als gäbe es sie nicht. Der Gottessohn, der Immanuel -- Gott mit uns -- ist nicht nur für die Menschen gekommen, die keine Probleme haben. Im Gegenteil: Schon vor dem Kreuz war er immer gerade für die da, die keinen Grund zum Jubeln hatten.
Da sollte es nicht überraschen, dass der Christus auch nicht nur für die auferstanden ist, die bereit sind, in einem Augenblick von Trauer auf Freude umzuschalten. Er ist nicht nur für die da, die von einem Glaubenssie zum nächsten eilen. Die böse Geister austreiben ohne mit der Wimper zu zucken. Die für giftige Schlangen nur ein mildes Lächeln übrig haben. Die Krankheit mit einem einfachen Gebet überwinden. Ihr merkt schon: All die großen Glaubenszeichen aus dem neuen, langen Ende des Matthäusevangeliums. Es ist toll, dass es solche Erlebnisse gibt. Aber Christus ist nicht nur für Glaubenshelden auferstanden. Sondern auch für dich und mich. Er weiß um die Leerstellen in unserem Leben und um die Kraft, die es kostet, sie auszuhalten. Und deshalb, genau deshalb, vertraue ich ihm.
Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.
Aber das ist nicht das Ende der Botschaft des Osterengels: "Geht aber hin", sagt er, "und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat."
Es bleibt nicht bei der Leerstelle. Er ist vielleicht nicht hier, wie du es erwartet hast, aber es gilt ja doch: Er ist auferstanden. Und: "Ihr werdet ihn sehen, wie er euch gesagt hat."
Der Engel verweist auf Galiläa. Dieser Landstrich im Norden Israels war für die meisten der Nachfolger:innen Jesu Heimat. Zu Hause. Alltag, wenn man so will. Der Engel schickt sie zurück ins Leben. Ins ganz normale Leben. Nach Galiläa. Er hat keine spektakuläre Ostershow am Grab anzubieten, keine mächtige Glaubenserfahrung, von der man für immer zehren kann, aber dafür etwas viel besseres: Die Aussicht auf eine -- nein auf ganz viele Begegnungen mit dem Auferstandenen genau dort, wo das Leben stattfindet. "Da werdet ihr ihn sehen", sagt der Engel. Dort wird er an eurer Seite sein. Mittendrin. Im ganz alltäglichen Wahnsinn. In der Gemengelage all dessen, was dich gerade so umtreibt. Mittendrin in dem vielen, was sich dir in den Weg stellt, was dir Herausforderung ist, woran du oft zu scheitern drohst. "Da werdet ihr ihn sehen".
Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.
Nein, er ist vielleicht nicht da, wo wir ihn gesucht haben. Nicht in der überwältigenden Erfahrung, die alles für immer in Freude verwandelt. Vielleicht wird dieses Ostern ein nachdenkliches bleiben, eines mit gemischten Gefühlen, ein trauriges. Vielleicht kannst du auch das nächste Osterlied nur stockend mitsingen. Oder gar nicht.
Aber vergiss es nicht: Er ist auferstanden. Ist er nicht hier? Vielleicht fühlt es sich gerade so an, als sei er gar nicht hier. Nicht da, wo du ihn am dringendsten bräuchtest. Dann höre das Versprechen des Engels: "Da werdet ihr ihn sehen." Dann mach die Augen auf und fange an, ihn zu entdecken in deinem Alltag, in deinem Galiläa. Dann finde seine Spuren, in deinen Begegnungen mit anderen, in deinen alltäglichen Erlebnissen, in der Stille deiner Pausen und selbst mitten in deinen dunklen Nächten. Dann glaube, dass er da ist, wenn sonst keiner da ist. In Einsamkeit, in Krankheit, in Zukunftsängsten. In den Kriegsgebieten der Ukraine und anderswo.
Er ist nicht hier? Doch er ist hier -- nur vielleicht an anderer Stelle, als du ihn gesucht hättest. Fang an zu hören, zu ahnen, zu glauben, dass das, was der Engel sagt, doch genau das ist, was Gott zu dir gesagt hat, schon damals, in deiner Taufe -- genau damals, als er versprochen hat, das neue Leben des Auferstandenen mit dir zu teilen: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende." Dann geh durch dein Galiläa, deine ganz eigenen Lebensgegebenheiten, mit dem festen Vertrauen -- das ist es ja, was Glaube ist: festes Vertrauen -- dass du ihn da sehen wirst.
Dann wird auch für dich Ostern -- nicht nur an diesem Sonntag, sondern immer wieder neu. Alle Tage, weil er, der Auferstandene mit dir geht. Alle Tage, bis an das Ende der Welt.
Er ist wahrhaftig auferstanden.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Nachfolger:innen des Auferstandenen in Burladingen,
So unbeschwert fröhlich, wie wir in den Ostermorgen hineingehen, war es damals, am ersten Sonntag natürlich nicht. Da hat noch niemand "frohe Ostern" gewünscht. Im Gegenteil: Sie waren ja alle gedanklich quasi noch im Karsamstag, im Trauern um den gestorbenen Jesus, in der Angst und im Schrecken. Wie schwer muss ihnen das Herz gewesen sein!
Mit meinen Schülern in der vierten Klasse spreche ich jedes Jahr ganz ausführlich über den Karsamstag. Ich glaube, man muss das gedanklich erst einmal nachvollziehen, um die ganze Tragweite des Ostermorgens zu begreifen. Man muss verstehen, dass da keine Hoffnung mehr war. Dass alles dunkel war, traurig und leer. Dass alles Schöne aus dem Leben gewichen zu sein schien. Nur noch Trostlosigkeit, Tränen und Trauer. Nur noch Angst und Schrecken. Nur noch dunkelste, tiefste Nacht.
Wer die gedanklich erfasst hat, der kann erspüren, was in den ersten Sonnenstrahlen des Ostermorgens geschieht. Mit dem Licht der Sonne bricht das Licht des neuen Lebens, der Auferstehung, der Freude herein. Und wo das Licht kommt, muss die Dunkelheit weichen. Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!
Davon wussten sie noch nichts, als sie unterwegs waren zum Grab. Sie waren noch niedergeschlagen. Sie waren noch in Angst und Sorgen. Sie waren noch im Abschiednehmen vom Liebsten, den sie gehabt hatten. Ich könnte mir vorstellen, dass sie den größten Teil des Wegs schweigend gingen. Dass jede von ihnen ihren eigenen Gedanken nachhing. "Trübsal blasen", nennen wir das heute. Wenn die Sorgen so schwer sind, dass andere Gedanken gar keinen Platz mehr daneben haben. Trübsal blasen. Das ist es, was sie da tun. Selbst kleinste Dinge können dann plötzlich zu einem unüberwindbaren Berg werden. Für sie ist es der Stein vor dem Grab, in dem sich alle Last und Sorge der Welt zu bündeln scheint: "Wer wälzt uns den Stein vor des Grabes Tür?"
Kennt ihr das, wenn da so ein riesiger Stein zu liegen scheint, der alles andere niederdrückt und erstickt? Eine Last, so groß, dass man gar nicht weiß, wo man auch nur anfangen soll, geschweige denn, wie man sie überwinden könnte. Wer wälzt uns den Stein weg?
So kommen sie zum Grab.
Spannend an diesem Markustext finde ich auch, dass sie gar nicht so arg viel anders wieder vom Grab weggehen. Der Stein war weg. Das Grab war leer. Der Auferstandene erscheint nicht in dieser Erzählung. Nur ein Engel, der nach Galiläa verweist. Etwas ratlos stehen sie da. Sie wissen auch nicht so genau, was sie jetzt tun sollen. Sie "gingen hinaus und flohen vor dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich."
So endet der ursprüngliche Text des Markusevangeliums. Ratlos lässt er auch mich zurück. Angst und Zittern und Entsetzen in der Ostergeschichte?
Schon Mitte des zweiten Jahrhunderts hat irgendjemand beschlossen, dass das so nicht geht. Neuere Manuskripte des Markusevangeliums haben einen längeren Text -- noch einmal 12Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.] (Markus 16,20) Verse -- der von einer ganzen Reihe von Erscheinungen des Auferstandenen berichtet. Es ist, als wolle man die Leser beruhigen: Es gibt keinen Grund zur Angst. Er ist wirklich auferstanden. Wir haben ihn gesehen. So erscheint er am Ende dann auch noch einmal selbst im Evangelium und spricht ein grandioses Schlusswort, in dem er seine Nachfolger:innen mit Vollmacht ausstattet und sie aussendet, um seine Mission weiterzuführen bis an die Enden der Erde:
Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, so wird's gut mit ihnen. (Markus 16,15-18)So muss doch ein Ostertext klingen, oder! Und nachdem Jesus dann im vorletzten Vers zum Himmel aufgehoben wurde und sich als Herr aller Herren zur Rechten Gottes des Vaters setzt, endet das Markusevangelium mit dem neuen Schluss nun so:
Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen. (Markus 16,20)
Genau so stelle ich mir das vor. Halleluja! Der Herr ist wahrhaftig auferstanden! Er sitzt nun auf dem Thron Gottes und für die, die im folgen, gibt es ein großes Happy End. Ostern. Neues Leben. Hoffnung nach der Finsternis. Große Freude. Nur noch ein Lachen übrig für Hölle, Tod und Teufel. Jesus ist Sieger!
So habe ich mir das immer vorgestellt. Inzwischen bin ich genauso froh über den ursprünglichen kurzen Schluss.
Das hat vielleicht etwas mit Lebenserfahrung zu tun. Mit Brüchen und mit den Kurven, die das Leben so macht. Je länger man lebt und je mehr man davon mitbekommt, desto mehr wird einem ja bewusst, dass es nicht immer ganz so einfach ist, wie wir das gerne hätten. Dass nicht nach jeder Durststrecke des Lebens gleich der dritte Tag mit neuem Leben und neuer Freude kommt. Dass sich nicht jede Nacht im Licht des Ostermorgens in endloses Wohlgefallen auflöst. Dass nicht jeder Christ das "siegreiche Auferstehungsleben" führt, das ihm manche gerne zusprechen möchten.
Manche haben das schon lange gemerkt. Für andere hat es vielleicht erst ein Corona-Ostern gebraucht. Oder eines wie heute, wo wir hier frohe Osterlieder singen, während andere in Kiew und anderswo Schutz vor Raketen und Bomben suchen. Vielleicht haben wir das zu lange überhört in unseren frohen, lauten Ostergesängen, dass die nicht immer jeder aus voller Seele mitsingen kann. Weil vielleicht der Ehemann oder andere Angehörige in der Ukraine sind und du Angst um ihr Leben hast. Weil vielleicht dein Ehepartner vor kurzem gestorben ist und dieses erste Osterfest alleine weniger Fest und mehr schmerzhafte Erinnerung daran ist, dass es nie wieder so sein wird wie früher. Weil du vielleicht krank bist und Schmerzen leidest. Weil dich vielleicht Zukunftsängste plagen, die man mit flotten Osterliedern nicht einfach wegsingen kann.
Wo wir im leeren Grab hinter dem weggewälzten Steinbrocken mehr sehen, als tatsächlich zu sehen ist -- Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden -- da bleiben andere erst einmal genauso ratlos zurück wie die Frauen damals am Grab. Da, wo wir so gerne die ganze Strahlkraft und Freude des Auferstandenen in unserem Leben hätten, ist oft zunächst einmal nur eine Leerstelle. "Er ist auferstanden", ja, das ist Hoffnung. Aber: Er ist nicht hier.
Nicht hier. Nicht jetzt. Zumindest nicht auf eine Art, die wie die Ostermorgensonne alle Dunkelheit auf einen Schlag vertreibt. Zumindest nicht auf eine Art, die deine ganzen schweren Lebensumstände irgendwie sofort und magisch in pure Osterfreude verwandelt.
Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.
Am Ende gehst du genauso ratlos weiter wie die drei Frauen.
Er ist auferstanden. Er ist nicht hier. Diese Leerstelle muss man erst einmal aushalten. So schmerzhaft spannend das oft ist -- letztlich sind solche Leerstellen auch der Grund, warum der Glaube an Jesus Christus überhaupt eine Relevanz für unser Leben besitzt. Weil er uns nämlich keine schnellen Lösungen vorgaukelt. Keine Instant-Auferstehungsfreude. Weil das Evangelium eine Botschaft ist, die das Leben ernst nimmt. So wie es ist -- wie wir es auch kennen. Mit all den Stellen, wo es eben keine schnellen Lösungen gibt. Wo man langen Atem braucht und sich oft gerade noch irgendwie an der letzten Hoffnung festklammern kann. Da wird das Evangelium zu dieser Hoffnung, an der man festhält. Weil es diese Leerstellen kennt und ernst nimmt und nicht so tut, als gäbe es sie nicht. Der Gottessohn, der Immanuel -- Gott mit uns -- ist nicht nur für die Menschen gekommen, die keine Probleme haben. Im Gegenteil: Schon vor dem Kreuz war er immer gerade für die da, die keinen Grund zum Jubeln hatten.
Da sollte es nicht überraschen, dass der Christus auch nicht nur für die auferstanden ist, die bereit sind, in einem Augenblick von Trauer auf Freude umzuschalten. Er ist nicht nur für die da, die von einem Glaubenssie zum nächsten eilen. Die böse Geister austreiben ohne mit der Wimper zu zucken. Die für giftige Schlangen nur ein mildes Lächeln übrig haben. Die Krankheit mit einem einfachen Gebet überwinden. Ihr merkt schon: All die großen Glaubenszeichen aus dem neuen, langen Ende des Matthäusevangeliums. Es ist toll, dass es solche Erlebnisse gibt. Aber Christus ist nicht nur für Glaubenshelden auferstanden. Sondern auch für dich und mich. Er weiß um die Leerstellen in unserem Leben und um die Kraft, die es kostet, sie auszuhalten. Und deshalb, genau deshalb, vertraue ich ihm.
Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.
Aber das ist nicht das Ende der Botschaft des Osterengels: "Geht aber hin", sagt er, "und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat."
Es bleibt nicht bei der Leerstelle. Er ist vielleicht nicht hier, wie du es erwartet hast, aber es gilt ja doch: Er ist auferstanden. Und: "Ihr werdet ihn sehen, wie er euch gesagt hat."
Der Engel verweist auf Galiläa. Dieser Landstrich im Norden Israels war für die meisten der Nachfolger:innen Jesu Heimat. Zu Hause. Alltag, wenn man so will. Der Engel schickt sie zurück ins Leben. Ins ganz normale Leben. Nach Galiläa. Er hat keine spektakuläre Ostershow am Grab anzubieten, keine mächtige Glaubenserfahrung, von der man für immer zehren kann, aber dafür etwas viel besseres: Die Aussicht auf eine -- nein auf ganz viele Begegnungen mit dem Auferstandenen genau dort, wo das Leben stattfindet. "Da werdet ihr ihn sehen", sagt der Engel. Dort wird er an eurer Seite sein. Mittendrin. Im ganz alltäglichen Wahnsinn. In der Gemengelage all dessen, was dich gerade so umtreibt. Mittendrin in dem vielen, was sich dir in den Weg stellt, was dir Herausforderung ist, woran du oft zu scheitern drohst. "Da werdet ihr ihn sehen".
Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.
Nein, er ist vielleicht nicht da, wo wir ihn gesucht haben. Nicht in der überwältigenden Erfahrung, die alles für immer in Freude verwandelt. Vielleicht wird dieses Ostern ein nachdenkliches bleiben, eines mit gemischten Gefühlen, ein trauriges. Vielleicht kannst du auch das nächste Osterlied nur stockend mitsingen. Oder gar nicht.
Aber vergiss es nicht: Er ist auferstanden. Ist er nicht hier? Vielleicht fühlt es sich gerade so an, als sei er gar nicht hier. Nicht da, wo du ihn am dringendsten bräuchtest. Dann höre das Versprechen des Engels: "Da werdet ihr ihn sehen." Dann mach die Augen auf und fange an, ihn zu entdecken in deinem Alltag, in deinem Galiläa. Dann finde seine Spuren, in deinen Begegnungen mit anderen, in deinen alltäglichen Erlebnissen, in der Stille deiner Pausen und selbst mitten in deinen dunklen Nächten. Dann glaube, dass er da ist, wenn sonst keiner da ist. In Einsamkeit, in Krankheit, in Zukunftsängsten. In den Kriegsgebieten der Ukraine und anderswo.
Er ist nicht hier? Doch er ist hier -- nur vielleicht an anderer Stelle, als du ihn gesucht hättest. Fang an zu hören, zu ahnen, zu glauben, dass das, was der Engel sagt, doch genau das ist, was Gott zu dir gesagt hat, schon damals, in deiner Taufe -- genau damals, als er versprochen hat, das neue Leben des Auferstandenen mit dir zu teilen: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende." Dann geh durch dein Galiläa, deine ganz eigenen Lebensgegebenheiten, mit dem festen Vertrauen -- das ist es ja, was Glaube ist: festes Vertrauen -- dass du ihn da sehen wirst.
Dann wird auch für dich Ostern -- nicht nur an diesem Sonntag, sondern immer wieder neu. Alle Tage, weil er, der Auferstandene mit dir geht. Alle Tage, bis an das Ende der Welt.
Er ist wahrhaftig auferstanden.
Amen.

0 Listeners