© Jüdische Gemeinde Halle
Der Anschlag von Halle am 9. Oktober erschütterte unser Land: am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, versuchte ein mutmaßlicher Rechtsextremist mit Waffengewalt in die Synagoge in der Hallenser Innenstadt einzudringen. Eine Sicherheitstür verhinderte den Massenmord. Wahllos tötete der junge Mann im Anschluss eine Passantin und einen Kunden in einem Dönerimbiss. „Nie wieder“ sollten in Deutschland Juden um ihr Leben fürchten, so der gesamtgesellschaftliche Konsens in der Bundesrepublik. Jetzt geht der 9. Oktober 2019 ein in die Geschichtsschreibung als ein „Tag der Scham und der Schande“, so Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Tag nach dem Anschlag.
Doch wie geht es - zwei Monate später - den Menschen, die knapp einem Massenmord entkommen sind? Fragen an Max Privorozki, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle.
ERF Medien: Herr Privorozki, eine mobile Polizeiwache schützt jetzt die Synagoge im Paulusviertel. Hilft die Polizeipräsenz, mit der schrecklichen Erinnerung besser umzugehen?
Max Privorozki: Ich kann diese Frage schwer beantworten. Die Polizeipräsenz vor Synagogen in Deutschland ist eigentlich (leider) eine gewöhnliche Tatsache. Wir danken den Beamten, die uns schützen.
ERF Medien: Wie präsent ist der Anschlag zwei Monate später- bestimmt er die Gespräche in der Gemeinde, die Gefühlslage, die Stimmung?
Max Privorozki: Man kann das so nicht sagen: das Thema ist präsent. Das Interesse an den aktuellen Gemeindeaktivitäten ist wesentlich größer. Die Pläne für das Haushaltsjahr 2020 haben auf jeden Fall Priorität.
Die Gemeinde muss weiterarbeiten
ERF Medien: Das klingt nach einer gesunden Widerstandsfähigkeit und dass sich die Gemeindeglieder von diesem Anschlag nicht ihr Gemeindeleben bestimmen lassen wollen….
Max Privorozki: Was anderes habe ich auch nicht erwartet: das Leben muss weitergehen und die Gemeinde muss weiterarbeiten.
ERF Medien: Trotzdem: gibt es fachliche Hilfe und Unterstützung, etwa psychotherapeutische Angebote, für diejenigen, die an diesem 9. Oktober in der Synagoge gewesen sind?
Max Privorozki: Auf jeden Fall. Bei uns gab es bereits Vertreter der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland mit konkreten Angeboten sowohl zur psychotherapeutischen als auch zur allgemeinen Unterstützung. Es gibt auch zahlreiche Angebote von Firmen und einzelnen Personen, die uns ihre Leistungen anbieten.
ERF Medien: Politisch hat sich in den vergangenen Wochen einiges bewegt: die Innenminister haben einen 10-Punkte-Plan beschlossen im Kampf gegen Rechtsextremismus, der u. a. den besseren Schutz von jüdischen Einrichtungen vorsieht. Außerdem wird sich im Landtag von Sachsen-Anhalt ein Untersuchungsausschuss mit dem Anschlag beschäftigen. Reichen Ihrer Meinung nach diese Maßnahmen aus?
Max Privorozki: Die Vorbereitungsarbeit und Erstellung eines allgemeinen Sicherheitskonzeptes sind im vollen Gange. Über die Ergebnisse kann man nur dann sprechen, wenn dieses Konzept fertig ist. Zum Untersuchungsausschuss des Landtages: ich kann nachvollziehen, dass die vollständige Aufarbeitung der Ereignisse am 9.10.2019 sehr wichtig ist. Dennoch sehe ich bei den Motiven sowohl für die Einsetzung als auch gegen die Einsetzung dieses Ausschusses viel mehr das politische Kalkül der jeweiligen Parteien.
Solidaritätswelle war großartig
ERF Medien: Wie meinen Sie das konkret? Denken Sie, dass z. B. die AfD, die diesen Untersuchungsausschuss initiiert hat, sich damit in der Öffentlichkeit profilieren will?
Max Privorozki: Die Opposition hat immer I…