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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Buch des Propheten Hosea, aus dem 10. Kapitel:
Beginnt mit der Saat! Gerechtigkeit soll wachsen. Sammelt die Früchte! Liebe soll sie hervorbringen. Pflügt neues Land! Denn es ist Zeit, nach dem Herrn zu fragen. Dann wird er kommen und Gerechtigkeit bringen – wie Regen über euer Land. (Hosea 10,12)Das kleine Stück Erde ist leer. Trockener Boden. Steine. Eine karge Ecke. Nichts los hier. Dabei könnte es hier ganz anders aussehen. Goldene Ähren könnten sich in der Sommersonne wiegen--ihr Tanz ein Vorgeschmack auf die Freude bei der Ernte. Tomatenstauden könnten hier stehen, in Reih und Glied, oder banale Kartoffeln. Oder ein Olivenhain, mit silbrig glänzenden Blättern. Hier in Gäufelden vielleicht eine Streuobstwiese--die Bäume beladen mit Früchten, deren Süße man schon auf der Zunge spüren kann. Darunter wohliger Schatten für heiße Sommertage. Reiche Ernte, mehr als man braucht--zum Einkochen und Kuchen backen und Saft pressen und einfach zum Naschen, zum Verschenken, um anderen auch eine Freude zu machen mit der süßen Fülle.
Aber hier steht nichts. Hier wächst nichts. Das kleine Stück Erde ist leer.
Manchmal vergessen wir, dass alle die kostbaren Genüsse und auch das ganz "Normale", was unsere Nahrungsgrundlage darstellt--dass nicht davon im Regal im Supermarkt wächst. Ein bisschen mehr davon haben wir geahnt, manchmal, in diesen letzten Jahren, als die Pandemie und ihre Ängste uns vor seltsame Mangelerscheinungen stellten: Klopapier und Nudeln, Tomatensoße und viele andere Produkte, die wir immer für selbstverständlich hielten, fehlten plötzlich in den Regalen. Uns ging plötzlich wieder neu auf, wie abhängig wir sind von so vielem, von so vielen. Aber, mir scheint, wir haben das auch schnell wieder vergessen, seit die Regale sich wieder gefüllt haben. Wir sind ja schon verwöhnt. Wir wollen ja das, von dem wir glauben, dass es uns zusteht.
Also muss jemand rausfahren--nicht nur ins Zentrallager von Edeka und Rewe, sondern jemand muss sich auf den Traktor schwingen und rausfahren zu all den kleinen Stückchen Erde wie diesem hier. Um zu ernten. Mähdrescher müssen die goldgelb wogenden Ährenmeere durchkreuzen. Tomaten müssen gepflückt werden, Kartoffeln gezogen und jemand muss das Obst auflesen. Damit es in unsere Regale kommt. Die meisten von uns sind inzwischen weit weg von diesen Beschäftigungen--ganz anders als zur Zeit des Propheten Hosea, im 8. Jahrhundert vor Christus. Da gab es noch keine berufliche Ausdifferenzierung wie bei uns heute. Wer überleben wollte, war immer selbst auch ein Stück Landwirt:in, war selbst mit dabei, wenn es galt, die Ernte einzubringen. Für die, die gar nichts derartiges hatten, ließ man--so war zumindest die Idee in der Tora, in Gottes guten Lebensleitlinien--ein wenig stehen am Rande der Felder, damit sie auch noch etwas abbekamen. Man war also selbst beteiligt und verstand deshalb auch Sätze wie die des Propheten sofort. Heute müssen wir erst einmal ein wenig darüber nachdenken. Viele von uns--da gehöre ich auch dazu--sind ja eben nicht geübt im Ernten. Aber wir sind (zumindest wenn wir darüber nachdenken) dann doch froh, dass es Menschen gibt, die für uns hinausfahren zu jenem kleinen Stückchen Erde und uns mitbringen von dem, was da wächst. Dann feiern wir Erntedank. Nicht nur im Herbst, sondern auch dann, wenn wir genüsslich und dankbar in etwas hineinbeißen.
Wenn es denn etwas zu feiern gäbe.
Da wächst ja nichts, auf unserem Stückchen Erde. Was soll man denn dann ernten?
Haben wir da nicht etwas vergessen? Wir wären gerne gleich beim Ernten. Wir würde am liebsten schon fertig genießen und herzhaft reinbeißen in den Ertrag unseres Stückchens Erde. Nun sind wir enttäuscht. Wieso ist da nichts?
Man muss nicht erst die Bibel lesen, um eine ganz grundlegende Lebensweisheit zu lernen: Von nichts kommt nichts!
Die Ernte ist schließlich nur ein geringer Teil der Arbeit. Ganz viel Beschäftigung fällt schon lange vorher an. Da wird gepflügt und geeggt und gehackt und gedüngt und vor allem natürlich: Gesät. Aus den Samen wächst ja dann die reife Frucht, die wir so lieben! Wer ernten will, muss erst einmal säen. Und arbeiten.
Und ernten wollen wir ja: Nicht nur Weizen und Roggen und Gerste und Hafer, nicht nur Tomaten und Kartoffeln und Gurken und Zucchini, nicht nur Äpfel und Birnen und Zwetschgen und Mirabellen, und Erdbeeren und Spargel und so vieles mehr. Ernten wollen wir ja auch noch in ganz anderen Bereichen: Wir haben ganz konkrete Vorstellungen von der Frucht, die wir brauchen zu einem guten Leben auf dieser Erde. "Gerechtigkeit soll wachsen", fasst Hosea das zusammen. Und ich glaube, dagegen hat nun wirklich niemand etwas. Gerechtigkeit soll wachsen. So stellen wir uns die Welt doch idealerweise vor: Dass alle die Chance auf ein gutes Leben in Frieden haben. Dass alle miteinander auskommen. Dass genug für alle da ist. Dass niemand sich Sorgen machen muss. Dass keiner ausgegrenzt wird. Dass niemand sich nachts schlaflos im Bett wälzen muss, weil er keine Hoffnung mehr hat für seine Zukunft und die seiner Kinder. Dass wir zuversichtlich nach vorne schauen dürfen. Dass wir uns sicher fühlen können. Wir und alle anderen auch, und voraussehbar auch die, die nach uns noch kommen. Das würden wir gerne ernten.
Das haben wir auch hineingeschrieben in unsere großen Dokumente, in die Erklärung der Menschenrechte und in das Grundgesetz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Die Würde jedes Menschen. Das wäre Gerechtigkeit. Das würden wir gerne ernten.
Davon haben wir gesungen: "Alle Menschen werden Brüder" -- und Schwestern natürlich auch. Alle Menschen. Das wäre Gerechtigkeit. Das würden wir gerne ernten.
Und jetzt stehen wir mitunter ganz bedröppelt da, weil wir merken, dass es da oft nichts zu ernten gibt. Dass der Friede, den wir uns wünschen für unser Zusammenleben, direkt vor Ort und auf der ganzen Welt, ganz oft bedroht ist. Dass trotz der schrecklichen Erfahrungen der Vergangenheit die Menschheit nicht gelernt hat, nicht mehr aufeinander loszugehen. Dass Teilhabe und gleiche Chancen für viele nur ein inhaltleeres Wunschbild sind, fern von jeder Lebensrealität. Dass schon wieder Parolen von Ausgrenzung und Menschenverachtung gerufen werden und plötzlich wahlfähig sind. Dass es ganz schnell egal ist, wie es um unsere Lebensgrundlagen auf dieser Erde bestellt ist, wenn deren Schutz uns am Ende um ein paar Euro aus der Urlaubskasse bringt. Dass Versöhnung und Friede und Zukunft gar nicht jedem für alle wichtig sind, sondern vielen ganz oft nur für sich selbst.
Gerechtigkeit?
"Auf geht's", ruft der Prophet. "Natürlich wollt ihr Gerechtigkeit ernten. Dann sät. Pflügt. Bebaut das Land, auf dem ihr lebt."
Was auf den Feldern von Israel und Gäufelden gilt, das ist auch im restlichen Leben so: Von nichts kommt nichts.
Es liegt also an uns, was wir ernten werden.
Da muss zuerst einmal gepflügt werden. Das unterste zuoberst gekehrt. Verkrustete Strukturen aufgebrochen. Verhärtetes weggerissen. Da muss erst einmal der Boden bereitet werden für das, was da wachsen soll. Das klingt nicht nur angenehm. Da wird es heißen, von manchem Abschied zu nehmen, was immer so war. Da wird es heißen, Kritik nicht nur auszusitzen, sondern auch anzunehmen. Sich auch selbst unangenehm hinterfragen zu lassen. Das wird die Bereitschaft brauchen, auch neue Strukturen zu akzeptieren, aus denen etwas wachsen kann.
Da muss gesät werden. Gerechtigkeit säen: In der Sprache der Propheten geht es da um ein aufrechtes Miteinander, um gemeinschaftsförderndes Handeln, das nicht nur auf den eigenen Vorteil schaut, sondern das Ganze, die Gemeinschaft, die Menschheit und die ganze Schöpfung Gottes, im Auge behält. Gerechtigkeit säen, das geschieht im ganz alltäglichen Miteinander, in vielen kleinen Begegnungen, in vielen kleinen Entscheidungen, in vielen einfachen Sätzen und in vielen anderen, die nicht gesagt werden. Gerechtigkeit säen ist eine Grundhaltung und es sollte die unsere sein, wenn wir am Ende ernten wollen. Als Christ:innen hat uns dabei Jesus Christus, DIE menschgewordene Gerechtigkeit Gottes selbst, Vorbild, Leitlinie und Maßstab zu sein.
Damit Gerechtigkeit und Liebe wachsen.
Das wird viel schweißtreibende Arbeit brauchen--gerade da, wo vieles trocken, steinig und verhärtet ist.
Am Besten, wir fangen gleich damit an!
Beginnt mit der Saat! Gerechtigkeit soll wachsen. Sammelt die Früchte! Liebe soll sie hervorbringen. Pflügt neues Land! Denn es ist Zeit, nach dem Herrn zu fragen. Dann wird er kommen und Gerechtigkeit bringen – wie Regen über euer Land. (Hosea 10,12)Doch: Halt!
Ist das überhaupt realistisch? Können wir das schaffen? Kann überhaupt noch etwas wachsen auf unserem Boden, in unserer Welt?
Nun: "Es ist Zeit, nach dem Herrn zu fragen", sagt der Prophet. "Dann wird er kommen und Gerechtigkeit bringen--wie Regen über euer Land."
Wenn wir heute Erntebitte halten, dann denken wir zunächst an die ganz realen Felder und Wiesen und Obstbäume hier vor unserer Tür. Da wurde viel gepflügt und gesät und gedüngt und beschnitten und veredelt. Da steckt unendlich viel Arbeit drin. Zum Glück! Denn wir wollen ja ernten.
Und doch halten wir heute Erntebitte, weil uns auch bewusst ist, wie viel sich unseren Möglichkeiten entzieht. Sonne und Regen, Frost und Hitze, Wind und Wetter bleiben für uns unverfügbar. Am Ende sogar das Wachstum selbst. Auch im hochmodernen Wissenschaftszeitalter kann niemand an einem Hälmchen ziehen, damit es wächst. Wir kommen zu Gott und wir bringen unsere Bitte vor ihn: "Herr, segne die Arbeit unserer Hände. Gib du das Deine hinzu, damit wir am Ende ernten können."
Auch auf den Feldern unseres Zusammenlebens in dieser Welt gibt es ganz vieles, was nicht in unserer Hand liegt. Ganz vieles, was unsere Möglichkeiten übersteigt, wo wir an unsere Grenzen stoßen. Sollten wir nicht auch hier Erntebitte halten? Das heißt nicht, wir legen die Hände in den Schoß und vertrauen alles einer übernatürlichen Macht an. "Der wird's schon richten!" Nein, wir pflügen, säen und arbeiten weiter. Wir leben Gerechtigkeit, wo wir es können. Wir jagen dem Frieden nach. Wir teilen Liebe aus. Und am Ende brauchen wir Gottes Segen dazu. Er kann handeln, sogar über unser Verständnis hinaus. Das Gebet ist genau dasselbe: "Herr, segne die Arbeit unserer Hände. Segne unser Miteinander, wo wir uns einbringen für Frieden, Liebe und Gerechtigkeit. Gib du das Deine dazu, damit am Ende Gerechtigkeit werde und Friede auf dieser Welt." Ganz kurz könnte man das beten mit den Worten, die Jesus selbst uns gelehrt hat: "Dein Reich komme, Herr. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden."
Das kleine Stück Erde ist leer. Trockener Boden. Steine. Eine karge Ecke. Aber auf den zweiten Blick entdecke ich, dass sich da etwas verändert hat. Da hat jemand Furchen gezogen. Erde aufgelockert, Vertrocknetes und Verhärtetes aufgebrochen. Zwischen den Steinen strecken sich ein paar grüne Hälmchen der Sonne entgegen. Die Hoffnung keimt auf. Noch ist das alles klein. Es wird Zeit brauchen, um zu wachsen. Zeit. Und Arbeit. Und Gottes Segen. Aber mein Herz feiert schon einen Atemzug lang Erntedank. Ich kann es sehen: Wir haben Hoffnung!
Da will ich gerne weiterackern. Und nach dem Herrn fragen. Ich weiß es ja: "Er wird kommen und Gerechtigkeit bringen--wie Regen über [unser] Land."
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Buch des Propheten Hosea, aus dem 10. Kapitel:
Beginnt mit der Saat! Gerechtigkeit soll wachsen. Sammelt die Früchte! Liebe soll sie hervorbringen. Pflügt neues Land! Denn es ist Zeit, nach dem Herrn zu fragen. Dann wird er kommen und Gerechtigkeit bringen – wie Regen über euer Land. (Hosea 10,12)Das kleine Stück Erde ist leer. Trockener Boden. Steine. Eine karge Ecke. Nichts los hier. Dabei könnte es hier ganz anders aussehen. Goldene Ähren könnten sich in der Sommersonne wiegen--ihr Tanz ein Vorgeschmack auf die Freude bei der Ernte. Tomatenstauden könnten hier stehen, in Reih und Glied, oder banale Kartoffeln. Oder ein Olivenhain, mit silbrig glänzenden Blättern. Hier in Gäufelden vielleicht eine Streuobstwiese--die Bäume beladen mit Früchten, deren Süße man schon auf der Zunge spüren kann. Darunter wohliger Schatten für heiße Sommertage. Reiche Ernte, mehr als man braucht--zum Einkochen und Kuchen backen und Saft pressen und einfach zum Naschen, zum Verschenken, um anderen auch eine Freude zu machen mit der süßen Fülle.
Aber hier steht nichts. Hier wächst nichts. Das kleine Stück Erde ist leer.
Manchmal vergessen wir, dass alle die kostbaren Genüsse und auch das ganz "Normale", was unsere Nahrungsgrundlage darstellt--dass nicht davon im Regal im Supermarkt wächst. Ein bisschen mehr davon haben wir geahnt, manchmal, in diesen letzten Jahren, als die Pandemie und ihre Ängste uns vor seltsame Mangelerscheinungen stellten: Klopapier und Nudeln, Tomatensoße und viele andere Produkte, die wir immer für selbstverständlich hielten, fehlten plötzlich in den Regalen. Uns ging plötzlich wieder neu auf, wie abhängig wir sind von so vielem, von so vielen. Aber, mir scheint, wir haben das auch schnell wieder vergessen, seit die Regale sich wieder gefüllt haben. Wir sind ja schon verwöhnt. Wir wollen ja das, von dem wir glauben, dass es uns zusteht.
Also muss jemand rausfahren--nicht nur ins Zentrallager von Edeka und Rewe, sondern jemand muss sich auf den Traktor schwingen und rausfahren zu all den kleinen Stückchen Erde wie diesem hier. Um zu ernten. Mähdrescher müssen die goldgelb wogenden Ährenmeere durchkreuzen. Tomaten müssen gepflückt werden, Kartoffeln gezogen und jemand muss das Obst auflesen. Damit es in unsere Regale kommt. Die meisten von uns sind inzwischen weit weg von diesen Beschäftigungen--ganz anders als zur Zeit des Propheten Hosea, im 8. Jahrhundert vor Christus. Da gab es noch keine berufliche Ausdifferenzierung wie bei uns heute. Wer überleben wollte, war immer selbst auch ein Stück Landwirt:in, war selbst mit dabei, wenn es galt, die Ernte einzubringen. Für die, die gar nichts derartiges hatten, ließ man--so war zumindest die Idee in der Tora, in Gottes guten Lebensleitlinien--ein wenig stehen am Rande der Felder, damit sie auch noch etwas abbekamen. Man war also selbst beteiligt und verstand deshalb auch Sätze wie die des Propheten sofort. Heute müssen wir erst einmal ein wenig darüber nachdenken. Viele von uns--da gehöre ich auch dazu--sind ja eben nicht geübt im Ernten. Aber wir sind (zumindest wenn wir darüber nachdenken) dann doch froh, dass es Menschen gibt, die für uns hinausfahren zu jenem kleinen Stückchen Erde und uns mitbringen von dem, was da wächst. Dann feiern wir Erntedank. Nicht nur im Herbst, sondern auch dann, wenn wir genüsslich und dankbar in etwas hineinbeißen.
Wenn es denn etwas zu feiern gäbe.
Da wächst ja nichts, auf unserem Stückchen Erde. Was soll man denn dann ernten?
Haben wir da nicht etwas vergessen? Wir wären gerne gleich beim Ernten. Wir würde am liebsten schon fertig genießen und herzhaft reinbeißen in den Ertrag unseres Stückchens Erde. Nun sind wir enttäuscht. Wieso ist da nichts?
Man muss nicht erst die Bibel lesen, um eine ganz grundlegende Lebensweisheit zu lernen: Von nichts kommt nichts!
Die Ernte ist schließlich nur ein geringer Teil der Arbeit. Ganz viel Beschäftigung fällt schon lange vorher an. Da wird gepflügt und geeggt und gehackt und gedüngt und vor allem natürlich: Gesät. Aus den Samen wächst ja dann die reife Frucht, die wir so lieben! Wer ernten will, muss erst einmal säen. Und arbeiten.
Und ernten wollen wir ja: Nicht nur Weizen und Roggen und Gerste und Hafer, nicht nur Tomaten und Kartoffeln und Gurken und Zucchini, nicht nur Äpfel und Birnen und Zwetschgen und Mirabellen, und Erdbeeren und Spargel und so vieles mehr. Ernten wollen wir ja auch noch in ganz anderen Bereichen: Wir haben ganz konkrete Vorstellungen von der Frucht, die wir brauchen zu einem guten Leben auf dieser Erde. "Gerechtigkeit soll wachsen", fasst Hosea das zusammen. Und ich glaube, dagegen hat nun wirklich niemand etwas. Gerechtigkeit soll wachsen. So stellen wir uns die Welt doch idealerweise vor: Dass alle die Chance auf ein gutes Leben in Frieden haben. Dass alle miteinander auskommen. Dass genug für alle da ist. Dass niemand sich Sorgen machen muss. Dass keiner ausgegrenzt wird. Dass niemand sich nachts schlaflos im Bett wälzen muss, weil er keine Hoffnung mehr hat für seine Zukunft und die seiner Kinder. Dass wir zuversichtlich nach vorne schauen dürfen. Dass wir uns sicher fühlen können. Wir und alle anderen auch, und voraussehbar auch die, die nach uns noch kommen. Das würden wir gerne ernten.
Das haben wir auch hineingeschrieben in unsere großen Dokumente, in die Erklärung der Menschenrechte und in das Grundgesetz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Die Würde jedes Menschen. Das wäre Gerechtigkeit. Das würden wir gerne ernten.
Davon haben wir gesungen: "Alle Menschen werden Brüder" -- und Schwestern natürlich auch. Alle Menschen. Das wäre Gerechtigkeit. Das würden wir gerne ernten.
Und jetzt stehen wir mitunter ganz bedröppelt da, weil wir merken, dass es da oft nichts zu ernten gibt. Dass der Friede, den wir uns wünschen für unser Zusammenleben, direkt vor Ort und auf der ganzen Welt, ganz oft bedroht ist. Dass trotz der schrecklichen Erfahrungen der Vergangenheit die Menschheit nicht gelernt hat, nicht mehr aufeinander loszugehen. Dass Teilhabe und gleiche Chancen für viele nur ein inhaltleeres Wunschbild sind, fern von jeder Lebensrealität. Dass schon wieder Parolen von Ausgrenzung und Menschenverachtung gerufen werden und plötzlich wahlfähig sind. Dass es ganz schnell egal ist, wie es um unsere Lebensgrundlagen auf dieser Erde bestellt ist, wenn deren Schutz uns am Ende um ein paar Euro aus der Urlaubskasse bringt. Dass Versöhnung und Friede und Zukunft gar nicht jedem für alle wichtig sind, sondern vielen ganz oft nur für sich selbst.
Gerechtigkeit?
"Auf geht's", ruft der Prophet. "Natürlich wollt ihr Gerechtigkeit ernten. Dann sät. Pflügt. Bebaut das Land, auf dem ihr lebt."
Was auf den Feldern von Israel und Gäufelden gilt, das ist auch im restlichen Leben so: Von nichts kommt nichts.
Es liegt also an uns, was wir ernten werden.
Da muss zuerst einmal gepflügt werden. Das unterste zuoberst gekehrt. Verkrustete Strukturen aufgebrochen. Verhärtetes weggerissen. Da muss erst einmal der Boden bereitet werden für das, was da wachsen soll. Das klingt nicht nur angenehm. Da wird es heißen, von manchem Abschied zu nehmen, was immer so war. Da wird es heißen, Kritik nicht nur auszusitzen, sondern auch anzunehmen. Sich auch selbst unangenehm hinterfragen zu lassen. Das wird die Bereitschaft brauchen, auch neue Strukturen zu akzeptieren, aus denen etwas wachsen kann.
Da muss gesät werden. Gerechtigkeit säen: In der Sprache der Propheten geht es da um ein aufrechtes Miteinander, um gemeinschaftsförderndes Handeln, das nicht nur auf den eigenen Vorteil schaut, sondern das Ganze, die Gemeinschaft, die Menschheit und die ganze Schöpfung Gottes, im Auge behält. Gerechtigkeit säen, das geschieht im ganz alltäglichen Miteinander, in vielen kleinen Begegnungen, in vielen kleinen Entscheidungen, in vielen einfachen Sätzen und in vielen anderen, die nicht gesagt werden. Gerechtigkeit säen ist eine Grundhaltung und es sollte die unsere sein, wenn wir am Ende ernten wollen. Als Christ:innen hat uns dabei Jesus Christus, DIE menschgewordene Gerechtigkeit Gottes selbst, Vorbild, Leitlinie und Maßstab zu sein.
Damit Gerechtigkeit und Liebe wachsen.
Das wird viel schweißtreibende Arbeit brauchen--gerade da, wo vieles trocken, steinig und verhärtet ist.
Am Besten, wir fangen gleich damit an!
Beginnt mit der Saat! Gerechtigkeit soll wachsen. Sammelt die Früchte! Liebe soll sie hervorbringen. Pflügt neues Land! Denn es ist Zeit, nach dem Herrn zu fragen. Dann wird er kommen und Gerechtigkeit bringen – wie Regen über euer Land. (Hosea 10,12)Doch: Halt!
Ist das überhaupt realistisch? Können wir das schaffen? Kann überhaupt noch etwas wachsen auf unserem Boden, in unserer Welt?
Nun: "Es ist Zeit, nach dem Herrn zu fragen", sagt der Prophet. "Dann wird er kommen und Gerechtigkeit bringen--wie Regen über euer Land."
Wenn wir heute Erntebitte halten, dann denken wir zunächst an die ganz realen Felder und Wiesen und Obstbäume hier vor unserer Tür. Da wurde viel gepflügt und gesät und gedüngt und beschnitten und veredelt. Da steckt unendlich viel Arbeit drin. Zum Glück! Denn wir wollen ja ernten.
Und doch halten wir heute Erntebitte, weil uns auch bewusst ist, wie viel sich unseren Möglichkeiten entzieht. Sonne und Regen, Frost und Hitze, Wind und Wetter bleiben für uns unverfügbar. Am Ende sogar das Wachstum selbst. Auch im hochmodernen Wissenschaftszeitalter kann niemand an einem Hälmchen ziehen, damit es wächst. Wir kommen zu Gott und wir bringen unsere Bitte vor ihn: "Herr, segne die Arbeit unserer Hände. Gib du das Deine hinzu, damit wir am Ende ernten können."
Auch auf den Feldern unseres Zusammenlebens in dieser Welt gibt es ganz vieles, was nicht in unserer Hand liegt. Ganz vieles, was unsere Möglichkeiten übersteigt, wo wir an unsere Grenzen stoßen. Sollten wir nicht auch hier Erntebitte halten? Das heißt nicht, wir legen die Hände in den Schoß und vertrauen alles einer übernatürlichen Macht an. "Der wird's schon richten!" Nein, wir pflügen, säen und arbeiten weiter. Wir leben Gerechtigkeit, wo wir es können. Wir jagen dem Frieden nach. Wir teilen Liebe aus. Und am Ende brauchen wir Gottes Segen dazu. Er kann handeln, sogar über unser Verständnis hinaus. Das Gebet ist genau dasselbe: "Herr, segne die Arbeit unserer Hände. Segne unser Miteinander, wo wir uns einbringen für Frieden, Liebe und Gerechtigkeit. Gib du das Deine dazu, damit am Ende Gerechtigkeit werde und Friede auf dieser Welt." Ganz kurz könnte man das beten mit den Worten, die Jesus selbst uns gelehrt hat: "Dein Reich komme, Herr. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden."
Das kleine Stück Erde ist leer. Trockener Boden. Steine. Eine karge Ecke. Aber auf den zweiten Blick entdecke ich, dass sich da etwas verändert hat. Da hat jemand Furchen gezogen. Erde aufgelockert, Vertrocknetes und Verhärtetes aufgebrochen. Zwischen den Steinen strecken sich ein paar grüne Hälmchen der Sonne entgegen. Die Hoffnung keimt auf. Noch ist das alles klein. Es wird Zeit brauchen, um zu wachsen. Zeit. Und Arbeit. Und Gottes Segen. Aber mein Herz feiert schon einen Atemzug lang Erntedank. Ich kann es sehen: Wir haben Hoffnung!
Da will ich gerne weiterackern. Und nach dem Herrn fragen. Ich weiß es ja: "Er wird kommen und Gerechtigkeit bringen--wie Regen über [unser] Land."
Amen.

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