Christoph predigt

Es rauscht


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem Buch des Propheten Ezechiel (bei Luther heißt er "Hesekiel"), aus dem 37. Kapitel:


1Die Hand des Herrn ergriff mich und ich hatte eine Vision: Der Herr führte mich durch seinen Geist hinaus und brachte mich mitten in eine Ebene. Dort lagen überall Knochen. 2Gott führte mich an den Knochen vorbei und in der Ebene umher. Die ganze Ebene lag voller Knochen, die völlig ausgetrocknet waren. 3Gott sagte zu mir: »Du Mensch, können diese Knochen wieder lebendig werden?« Ich antwortete ihm: »Herr, mein Gott, du weißt es!« 4Da sagte er zu mir: »Rede als Prophet zu diesen Knochen und sag zu ihnen: Ihr vertrockneten Knochen, hört das Wort des Herrn! 5So spricht Gott, der Herr zu diesen Knochen: Ich selbst gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig! 6Ich verbinde euch mit Sehnen und lasse Fleisch darüber wachsen. Ich überziehe euch mit Haut und gebe euch Lebensgeist. So werdet ihr wieder lebendig. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin.« 7Ich redete als Prophet, wie er mir befohlen hatte. Noch während ich redete, wurde es laut und die Erde bebte. Die Knochen rückten zueinander, jeder Knochen an seinen Platz. 8Ich sah, wie sie mit Sehnen verbunden wurden und wie Fleisch darüber wuchs. Dann wurden sie mit Haut überzogen, aber Lebensgeist war noch nicht in ihnen.9Da sagte Gott zu mir: »Rede als Prophet zu diesem Lebensgeist! Ja, du Mensch, rede als Prophet zum Geist und sag: So spricht Gott, der Herr! Geist, komm herbei aus den vier Himmelsrichtungen! Hauch diese Toten an, damit sie wieder lebendig werden.« 10Ich redete als Prophet, wie er mir befohlen hatte. Da kam Lebensgeist in sie und sie wurden wieder lebendig. Sie standen auf – es war eine sehr große Menschenmenge. 11Gott sagte zu mir: Du Mensch, diese Knochen stehen für die Israeliten. Sie sagen: »Unsere Knochen sind vertrocknet. Unsere Hoffnung ist dahin, wir haben keine Zukunft mehr!« 12Darum rede als Prophet und sag zu ihnen: »So spricht Gott, der Herr! Ich öffne eure Gräber und lasse euch herauskommen, denn ihr seid mein Volk. Dann bringe ich euch in das Land Israels. 13So werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin: Ich öffne eure Gräber und lasse euch herauskommen, denn ihr seid mein Volk. 14Ich gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig. Dann bringe ich euch in euer Land. So werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin: Ich habe es angekündigt und werde es tun!« – So lautet der Ausspruch von Gott, dem Herrn. (Ezechiel 37,1-14)


Sie sagen: "Unsere Hoffnung ist verloren."

Du sagst: "Die Hoffnung stirbt zuletzt". Irgendwo hast du das einmal gehört und es klingt richtig--weil man doch Hoffnung nicht einfach aufgeben darf, oder?

"Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagst du.

Und sie sagen: "Jetzt ist sie gestorben. Und wir mit ihr."

So fühlt es sich zumindest an. Leer. Trocken. Tot.

Nur noch vertrocknete Knochen. Leblose Überreste in der einsamen Weite. Zerfallende Erinnerungen an eine andere Zeit, an Hoffnung, an Leben, an Gefühle und Sehnsüchte, an Freude und Lachen, an Zukunft.

Aus.

Alles aus.

Verdorrt.

Die Hoffnung ist in der Wüste gestorben und wir mit ihr.


Da liegen sie jetzt: Die, die einmal Hoffnung hatten. Die, die lange daran festgehalten haben. Die, die schon früher aufgaben auch. Da liegen die, die sich an irgendetwas geklammert hatten. Die, die nach Auswegen suchten, vielleicht nach neuen Wegen--die manchmal auch auf Abwege gerieten auf der Suche nach irgendetwas, was helfen könnte. Und die, die bis zum Schluss beim alten Trott geblieben sind. Da liegen die, die sich auf neue Lösungen einließen und die, die es immer schon besser wussten. Da liegen sie alle. Und alle sind tot.

Trostloser geht es nicht mehr. Hoffnungsloser gibt es nicht mehr.

Da gibt es kein Grab, gepflanzt mit schönen Blumen. Da stellt niemand Bilder auf oder kommt und sitzt da in der Sonne, und erzählt von seinem Tag, als wären sie noch da und man säße gemeinsam beim Mittagskaffee auf der Bank im Garten. Es gibt keine Grabsteine und keine Kreuze, kein Zeichen des Glaubens, des Hoffens, das es weitergehen könnte. Niemand hat sie betrauert und besungen, keiner von ihrem Leben erzählt. Niemand stand dort, der erinnert hat, dass wir alle in Gottes Hand sind, im Leben und im Sterben und dass nichts, auch der Tod nicht, uns trennen kann von seiner Liebe.

Es war ja niemand da. Sie liegen alle dort.

Niemand war da, der noch hoffen konnte.

Die Hoffnung ist verloren.


Ezechiel ist schon der Prophet mit den ganz krassen Bildern. Gott hat es ihm auch wahrlich nicht einfach gemacht. Eine Schriftrolle musste er essen. 390 Tage lang auf einer Seite liegen vor einem Modell der Stadt Jerusalem. "Im Geist" unternimmt er Reisen, sieht im Tempel befremdliche Bilder von seltsamen Gestalten und Rädern mit Augen. Manche Ausleger fragen sich, ob er einfach geisteskrank war. Aber das hier übertrifft alles--das Bild vom verlassenen Massengrab auf dem Feld. Es gibt nichts daran, was irgendwie schön wäre: nur Vergänglichkeit, nur menschliche Überreste, nur trockene Knochen im Staub.

So wird uns ein Bild gezeichnet vom Zustand eines ganzen Volkes. So nimmt die prophetische Stimme Israel wahr, nach Jahrhunderten von Götzendienst und eigenen Abwegen. Alle Prophetenworte haben sie ignoriert. Alle Warnungen in den Wind geschlagen. Selbst als das angekündigte Gericht begann, als feindliche Armeen das Land eroberten und anfingen, die Menschen aus ihrer Heimat zu verschleppen, gibt es keine Umkehr. Was bleibt dann noch? Aus der Ferne, aus dem Exil in Babylon, schreibt der Prophet Worte an die, die noch übrig sind. Er zeichnet ein düsteres Bild. Eines, in dem Gott selbst sich zurückzieht aus der Mitte seiner Leute. Da bleibt kein Raum mehr für irgendetwas Positives.

Unsere Hoffnung ist verloren.

Sie ist gestorben. Und wir mit ihr.


Der noch kleinen Schar der Jesusnachfolger:innen in Jerusalem hätte es durchaus ähnlich gehen können. Nicht, dass sie sich selbst in eine ähnliche Lage gebracht hätten. Eigentlich hatten sie doch alles richtig gemacht. Sie hatten in ihm, in dem Mann aus Nazareth, den Einen erkannt, auf den alle warteten: den Verheißenen Gottes, den versprochenen Retter, den Gesalbten. "Maschiach", auf Hebräisch. Den Messias. Wir sagen heute "Christus" zu ihm. Das hatten sie schon kapiert. Sie hatten alle ihre Hoffnung auf ihn gesetzt: Mit ihm würde das Blatt sich wenden. Gott würde nun endlich sein Reich aufrichten--sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit. Für die Armen, die Unterdrückten, die Bedrängten und die Leidenden würde jetzt alles gut. Dann wurde er selbst arm, unterdrückt, bedrängt und leidend. Nur aus der Ferne konnten einige von Ihnen es mit ansehen, wie er dort geschlagen am Kreuz hing. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

"Unsere Hoffnung ist gestorben", hätten sie vielleicht auch gesagt, da am Karsamstag, wenn du sie befragen können hättest, versteckt, verschreckt, kauernd hinter verschlossenen Türen. Falls sie da überhaupt ein Wort herausgebracht hätten.


Ein Ruck geht durch die verstreuten Überreste auf dem verlassenen Feld. Da bewegt sich etwas. Was denn, wenn da gar kein Leben ist? Bewegung kommt in tote Gebeine. Die Knochen beginnen sich zu verschieben. Elle und Speiche rücken parallel, der Femur klickt ins Hüftgelenk. Wirbel fügen sich zusammen. Rippen sortieren sich in ihre Bögen. Kleinste Fingerknöchelchen finden ihre Position. Kiefer baumeln wieder unter dem runden Schädel--auch beim Prophet, dem die Kinnlade runterfällt. Zehen reihen sich nebeneinander auf. Hammer und Amboss gehen im Innenohr auf Position. Formen werden erkennbar. Ein Skelett richtet sich auf. Nein, kein Skelett. Muskeln und Sehnen wachsen vor Ezechiels ungläubigen Augen. Haut überzieht das ganze Gebilde. Haare sprießen auf kahlen Schädeldecken, Fingernägel, ein Muttermal, niedliche Grübchen neben roten Lippen. Füße stehen auf kargem Feldboden. Rücken werden gerade. Niedergeschlagene Häupter richten sich auf. Augen gehen auf. Da stehen sie. Eine ganze Armee. Still und wartend.

Und dann rauscht es.

Es geschieht wie beim ersten Mal. Ganz am Anfang. Da bließ Gott auch seinen Lebensatem in die Menschen, seine Geschöpfe--"und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen." (Genesis 2,7)

Lebensatem. Wind. Luft. Atem. Geistkraft. Ruach--das hebräische Wort ist ein und dasselbe für alle diese Bedeutungen. Gott haucht seine Geistkraft hinein in die Menschen. Sein Geist schafft Leben. Sein Geist macht lebendig. Sein Geist ist es, der die Hoffnung wieder atmen lässt.

Ruach.

Es rauscht. Aus allen Richtungen.

Auch wenn es keiner gehört hat, an diesem Sonntagmorgen. In aller Frühe, noch bevor sich die Frauen auf den Weg machen. Die Wachen, die dabei waren, können es nachher auch nicht erklären. Ruach. Geistkraft. Lebensatem Gottes. Dort liegt er, ihre Hoffnung, die gestorben ist. Dort liegt er und Gott erweckt ihn zu neuem Leben. Und die, die sich zuvor noch versteckt und eingeschlossen haben, die werden sich bald fast überschlagen vor Freude: Er ist wahrhaftig auferstanden.

Das ist es, was passiert, wenn Gottes Lebensgeist auf die verlorene Hoffnung trifft!

"Der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat", wird Paulus später im Römerbrief schreiben (Röm. 8,11)

Ruach. Wind Gottes. Geistkraft. Lebensatem.

Es rauscht--auch an jenem Sonntagmorgen, als sie sich dort versammelt haben. Noch sind sie eine kleine Gruppe. Noch trauen sie sich nicht wirklich nach draußen mit dem, was sie gesehen haben. Noch sind sie unsicher und abwartend--zumal er plötzlich nicht mehr da ist. Da standen sie mit offenen Mündern und schauten ihm nach, als er zum Vater ging. "Wartet und betet", hatte er sie geheißen. Das taten sie seither--auch wenn wohl keiner so recht wusste, auf was.

Ein Ruck geht durch den Raum. Ein Raunen. Ein Rauschen. Zungen wie von Feuer.

Ruach.

"Der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat"

Und die Hoffnung lebt, wie kaum einmal zuvor. Sie lebt so unbändig, so überschäumend, dass nichts mehr die Hoffenden hinter verschlossenen Türen hält. "Leute, ... hört: ... Gott hat [Jesus] auferweckt und aus der Gewalt des Todes befreit. Denn der Tod hatte keine Macht über ihn und konnte ihn nicht festhalten." (Apg. 2,22.24) Das ist es, was passiert, wenn Gottes Lebensatem weht. Die Hoffnung bricht heraus nach allen Seiten. Plötzlich ist sie überall. "Diese Zusage gilt für euch und eure Kinder. Und sie gilt für alle in den fernen Ländern – so viele der Herr, unser Gott, noch zum Glauben an Jesus hinzurufen wird. ... Lasst euch retten!" (Apg 2,38.40) 3.000 Menschen werden an diesem Tag von dieser Hoffnung gepackt. 3.000 Menschen werden von seinem Lebensgeist umweht.

Ruach. Wind Gottes. Geistkraft. Lebensatem.

Die Hoffnung lebt wieder.

Es rauscht.


Und es hat nie aufgehört zu rauschen. Was damals an Pfingsten begann, vor fast 2.000 Jahren, das ist es, was uns heute hier zusammengebracht hat. Wir sind Teil derer, die Gott mit Leben beschenkt hat durch seinen Heiligen Geist. Wir sind Teil derer, in denen der auferstandene Christus lebt und wirkt. Wir sind Teil der Kirche, die Gott--und nur Gott, wer könnte das sonst?--ins Leben rief durch seine Geistkraft und die er trägt und erhält und an der er vollenden wird, was er verheißen hat.

Ruach. Wind Gottes. Geistkraft. Lebensatem.

Es rauscht immer noch.

Wir haben Hoffnung!


Klar: Das fühlt sich nicht jeden Tag so an. Manchmal schauen wir uns um, und wir können es fast mit Händen greifen, das weite Feld des Propheten Ezechiel mit all den vertrockneten Knochen. Mit all der verlorenen Hoffnung. So viel Enttäuschung, so viel Verletzung erleben Menschen jeden Tag. Auch Menschen, die jetzt hier im Raum sitzen. So viel Ungerechtigkeit und Gewalt prägt die Welt in der wir Leben. So viele Krisen, mit denen wir nicht fertig zu werden scheinen. So viele Entwicklungen, die uns ratlos zurücklassen. So viele Sackgassen, aus denen wir keinen Ausweg entdecken können. O, die Tage sind so viele, an denen wir einstimmen könnten in das ungesungene Klagelied der vertrockneten Knochen. "Unsere Hoffnung ist verloren."

Aber wir tun das nicht. Nein, wir werden die Flinte nicht ins Korn werfen.

Dort, auf dem weiten Feld der Hoffnungslosigkeit, da hören wir, Nachfolger:innen des Auferstandenen, Kirche von Pfingsten, immer wieder neu, das Wort des Lebens in der Hoffnungslosigkeit:

So werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin: Ich öffne eure Gräber und lasse euch herauskommen, denn ihr seid mein Volk. 14Ich gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig. ... So werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin: Ich habe es angekündigt und werde es tun!« – So lautet der Ausspruch von Gott, dem Herrn.

Dann atmen wir tief ein. Sein erfrischender Lebensatem durchdringt unser ganzes Sein. Das Rauschen der Ruach umtost unsere Ohren. Es bläst die trostlose Niedergeschlagenheit weg.

Ruach. Wind Gottes. Geistkraft. Lebensatem.

Wir atmen sein Leben und wissen es wieder:

Wir haben Hoffnung.

Christus ist unsere Hoffnung.

Sein Geist ist unser Leben.

"Aber der Geist erfüllt euch mit Leben,", schreibt Paulus, "weil Gott euch als gerecht angenommen hat. Es ist derselbe Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Wenn dieser Geist nun in euch wohnt, dann gilt: Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat, wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken. Das geschieht durch seinen Geist, der in euch wohnt."

Amen.

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