Christoph predigt

Feste Burg?


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in Tailfingen,

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Selten hat sich diese Bitte so aktuell angefühlt wie in dieser Woche, in der uns die Nachrichten vom Krieg in der Ukraine unsanft aufgeweckt haben. Wir hören schlimme Nachrichten, sehen schreckliche Bilder. Wir sind in Gedanken bei den Menschen in der Ukraine. Wir machen uns auch Gedanken über das, was das für uns hier bedeutet. Ängste werden geweckt. Angst, dass der Krieg größer wird. Auch zu uns kommt. Angst vor dem, was wir dankbarerweise hier seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben. Viele von uns sind wie ich in einer Zeit aufgewachsen, in der unser Land Frieden genoss. Fast zu selbstverständlich.

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Wie nachvollziehbar diese Bitte aus dem Psalm 31 in diese Woche hineinpasst.

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Eine uralte, zutiefst menschliche Bitte.

Starker Fels. Burg.

Schon immer haben Menschen angesichts drohender Gefahren nach einer Zuflucht gesucht, die Schutz bietet. Wo man sich sicher fühlt. Wo man gewiss sein kann, dass das Unheil einem nichts anhaben kann. Mauern hat man gebaut und Gräben gezogen. Strategische Positionen auf hoch aufragenden Felsen bezogen. Wälle aufgeworfen. Türme hochgezogen. Festungen gebaut.

Starker Fels. Sichere Burg.

Im Zollernalbkreis braucht man nun wahrlich nicht weit zu reisen, um die steinernen Zeugen dieses Strebens nach Schutz und Sicherheit zu finden. Schließlich ist die Burg auf dem Zoller ja sozusagen unser Erkennungszeichen, unser Wappen und Logo.

Starker Fels. Sichere Burg.

Ich kann das gut verstehen. Sicher würde ich auch in der U-Bahn Schutz suchen mit meiner Familie, wenn ich gerade in Kiew wäre. Oder hätte schon wie die vielen anderen mein Heil in der Flucht gesucht -- nur schnell weit fort an einen anderen Ort, wo wir sicher sind.

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Wir Menschen haben uns immer gern unsere Burgen gebaut. Nicht nur aus Stein und Mörtel. Die Suche nach garantierter Sicherheit ist der ureigene Drang des Menschen. Wir suchen Sicherheit auf Felsen und in Burgen. Wir suchen Sicherheit in militärischer Macht und strategischen Modellen. Wir suchen Sicherheit in Koalitionen und bei Verbündeten. Wir wägen uns sicher in der eigenen Gruppe, unter den Unsrigen, abgegrenzt und klar definiert. Wir suchen Sicherheit in Geldanlagen und Zukunftsinvestitionen. Wir suchen Sicherheit, Gewissheit, Garantie und Klarheit -- etwas, woran wir uns festhalten können. Etwas, was uns nicht im Stich lässt.

Starker Fels. Sichere Burg.

Selbst vor der Kirche macht dieses Streben nach Sicherheit nicht halt. Auch in Fragen des Glaubens haben wir oft genug Gräben gezogen und Mauern gebaut. Drinnen und draußen. Richtig und falsch. In Stein gemeißelte Lehren und Traditionen schienen uns oft genug ein sicheres Bollwerk gegen alles, was uns in einer sich ständig verändernden Welt überfordert.

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Burgen leben vom Gegensatz von drinnen und draußen. Oben auf dem Fels, auf der Mauer, auf dem Turm und unten im Tal, im Graben. Im Schutz der Mauer und schutzlos vor der Mauer. Burgmauern ziehen klare Grenzen zwischen denen, die da in Sicherheit leben (oder leben dürfen) und denen, die draußen vor dem Tor schutzlos der Gefahr ausgeliefert sind. Burgmauern definieren ganz klar, wer dazugehört und wer nicht. Was die richtige Seite ist, und was nicht. Wer Feind ist, und wer nicht. Wer gut ist und wer böse ist. In diesen klaren Gegensätzen scheint unser Heil, unsere Sicherheit zu liegen.

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Die Geschichte ist voll von den unzähligen Burgruinen unserer verzweifelten Suche nach Sicherheit.

Die Erde ist voll von den Trümmern unserer scheinbar so sicheren Konstruktionen.

Die Welt ist voll von Menschen, die unter den einstürzenden Mauern ihrer eigenen Heilsmodelle begraben liegen.

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!


Wir gehen hinauf nach Jerusalem.

Auch so eine Bergfestung, mit hohen Mauern und einer langen Geschichte von Kriegen, Belagerung, von Siegen und Zerstörung, von drinnen und draußen. Der Tunnel, der die sichere Burg im Kriegsfall mit Wasser versorgt, ist bis heute legendär und die Mutigen können bei ihrem Besuch in Israel die Hose hochkrempeln und durchs knietiefe Wasser dieser einmaligen Befestigungsanlage waten.

Wir gehen hinauf nach Jerusalem.

Nicht für jeden sind das gute Aussichten. "Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.", sagt Jesus.

Und sofort ist er wieder da, der uralte menschliche Impuls, das Streben nach Sicherheit.

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Petrus stellt sich ihm in den Weg. Aus besten Absichten natürlich. Er hat die Lage sofort durchschaut. Er hat das Problem verstanden. Jerusalem ist nicht sicher. Zumindest nicht, wenn man Jesus von Nazaret heißt. Wenn man die Mächtigen gegen sich aufgebracht hat. Wenn man eben nicht zur "In-Group" gehört -- zu denen, die drinnen ein Recht auf Sicherheit haben.

Im Gegenteil: Jerusalem steht hier für alles, was gefährlich ist. Was das Leben bedroht. Jerusalem ist die große Unbekannte, das viel zu große Risiko. Keiner kann sich ausmalen, was dort geschehen wird. Keiner kann mit Sicherheit sagen, dass er die Stadt heil wieder verlassen wird. Dass er überhaupt noch am Leben sein wird am Ende dieser Reise. Jerusalem ist das genaue Gegenteil von einer sicheren Burg, von einem starken Felsen. Jerusalem gilt es um jeden Preis zu vermeiden, wenn einem an seinem Leben gelegen ist.

"Geh hinter mich, Satan!", sagt Jesus. "Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist."

"Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten."

Schwierige Worte. Einmal mehr zeigt sich, dass dieser Jesus der Evangelien seine Ecken und Kanten hat. Er passt nicht in das glattgeschmirgelte, romantische Bild derer, die sich in Sicherheit ausruhen wollen. Jesus ist sperrig, ist unbequem. Nicht nur für die, die sich von ihm bedroht sehen. Sondern gerade auch für die, die ihm von Herzen nachfolgen wollen.

"Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten."


Starker Fels? Sichere Burg?

Jesus, den wir den Christus nennen -- Jesus, in dem wir glauben, Gott zu erkennen; Gott selbst, Mensch geworden, Immanuel, Gott mit uns, ganz nahe gekommen -- dieser Jesus, verspricht nirgends einen starken Fels und eine sichere Burg. Nichts liegt im ferner als ein allzeit jubelndes Wohlstandschristentum, das davon ausgeht, man müsse sich nur zu Jesus halten und alle Probleme lösten sich in Wohlgefallen aus. Jesus nachzufolgen heißt nicht nur Friede und Freude und schon gar nicht Eierkuchen.

Im Gegenteil: Gerade die, die in lieben -- die er liebt --, die, die ihm von Herzen folgen wollen, die ruft er heraus aus der vermeintlichen Sicherheit unserer menschlichen Heilsentwürfe. Wer ihn kennen will, der darf keinen Kuscheljesus erwarten, sondern immer nur den, der er auch hier schon ist: Den Jesus vom Kreuz. Den, der alles auf sich nimmt. Der kein Risiko scheut. Den, der bereit ist, zu leiden. Erniedrigt zu werden. Der bereit ist, zu sterben. Seine Sicherheit -- nein: Sein Leben ist nicht das, was ihm wichtig ist.

Und nicht das, was für die Seinen an erster Stelle stehen sollte: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.


Starker Fels? Sichere Burg?

Nachfolger:innen Christi in Tailfingen,

Lasst uns da unmissverständlich klar sein -- gerade in diesen Tagen. Gerade jetzt wo man die Kriegstrommeln hört und wo auch uns der Reflex zu den vermeintlichen sicheren Burgen so naheliegt:

Ein Christ, eine Christin kann nur dem Jesus vom Kreuz nachfolgen. Einen anderen Jesus gibt es nicht.

Lasst uns da unmissverständlich klar sein:

Militärisches Machtstreben passt nicht zu diesem Jesus.

Stärke und Strategie, aufgeblasenes Imponiergehabe, der Versuch, die andere Seite mit Macht zu übertrumpfen -- das passt nicht zu diesem Jesus.

Triumphalismus und Nationalismus (und wahrscheinlich, wenn wir genau schauen, auch jede andere Art von "-ismus") passen nicht zu diesem Jesus.

Drinnen und draußen, Gräben und Zäune, Grenzen und Mauern -- ob wörtlich oder sprichwörtlich -- passen nicht zu unserem Jesus.

Propaganda und undifferenzierte Schwarz-Weiß-Malerei passen nicht zu unserem Jesus.

Und jeder, der diese Dinge irgendwie geistlich verpacken und anstreichen willt, der "Gott mit uns" weiß in seinem Kriegszug, jeder, der die Sicherheit von Felsen und Burgen, von Mauern und Gräben als gottgegebene Segnung anpreist, der hat den Weg der Nachfolge nie verstanden.

Wer Jesus nachfolgen will muss sich auf ganz andere Dinge einstellen: Auf Risiko. Auf Begegnungen jenseits unserer Komfortzone. Auf Situationen, in denen ich den Kürzeren ziehe. Auf Liebe, Sanftmut, bewusst gewählte Schwachheit als Antwort auf das Toben der Schwachen.

Wer ihm nachfolgt, marschiert nicht im Triumphzug. Wer ihm folgt ist unterwegs mit dem, der sich auf den Weg ans Kreuz macht. Der mit Feindesliebe das Böse überwindet. Und mit Sterben den Tod.

"Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten."


Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

An dieser Stelle muss ich nun doch einmal eine Lanze brechen für den oder die Autor:in des 31. Psalms. Dort wird ja eben gerade nicht die Sicherheit irgendwelcher menschlicher Konstruktionen angepriesen, sondern Gott als starker Fels und sichere Burg bezeichnet. Und dass es sich bei Gott als "Fels" und "Burg" nie um irgendeinen statischen, unveränderlichen und klar abgrenzbaren Zustand handelt, das hat man im Psalm längst begriffen -- das zeigt sich spätestens, wenn man von "Estomihi" weiter liest zu einem der schönsten Sätze der ganzen Bibel:

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Und nein, das ist keine Vision von ungetrübtem Frieden, keine neue Version von garantierter Sicherheit und ungetrübtem Wohlbefinden.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Der, oder die -- wer auch immer das geschrieben hat, berichtet immer noch von "meinem Elend", von Netzen und Fallen, von Angst und Leid und Gram. Nicht alles ist gut. Nirgends ist da die Sicherheit, die man in Burgen proklamiert.

Aber: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

In diesem Psalmvers klingt wieder, was Jesus Jahrhunderte später sagen wird, und was wir dann gerne einmal überlesen, weil uns die Wucht der Herausforderung -- der nehme sein Kreuz auf sich -- aus den Socken haut und wir gar nicht mehr hören, wie es weitergeht:

Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.

Auch Jesus redet doch gar nicht nur über Verlust, über Selbstaufgabe und Erniedrigung, sondern gerade auch vom Gewinn:

Wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.


Weiter Raum.

Wer diesem Jesus nachfolgt, verlässt die sichere Zone.

Wer diesem Jesus nachfolgt, verliert die Garantien der selbst erarbeiteten Heilsversprechen.

Wer diesem Jesus nachfolgt, verliert so manches und vielleicht sogar sein Leben.

Aber er gewinnt.

Er gewinnt das, was man nur außerhalb der Mauern der "sicheren Burgen" finden kann und nur, wenn man vom starken Felsen absteigt.

Weiten Raum.

Wer Jesus nachfolgt, geht ins Risiko, ins Unbekannte. Er lässt sich ein auf neue Wege. Auf unsichere Begegegnungen. Auf Dinge, die man vorher noch nicht einmal ahnen kann.

Wer Jesus nachfolgt, geht in weiten Raum. Er findet Freiheit, die es nur außerhalb von Mauern, Zäunen und Gräben kennt. Er entdeckt die Größe Gottes, die Weite seiner Gnade, die Unbegrenztheit seiner Liebe.

Er entdeckt den Triumph seiner Schwäche, den Sieg seiner Sanftmut. Er entdeckt die Schönheit seiner Kirche, gerade in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit und gerade außerhalb der ihm erstrauten Pfade.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.


Wer drinnen sitzt, in der sicheren Burg, wer sich festklammert an der Sicherheit der starken Felsen, der wird immer Mühe haben, das zu verstehen. Menschen, die den Schritt hinauswagen, in die Unsicherheit der Nachfolge wohin sie auch führen mag, erscheinen dort leicht als Deserteure. Als die, die den Kampf aufgegeben haben. Die den leichten Weg wählen. Vielleicht ihr Fähnchen in den Wind eines wie auch immer gearteten Mainstreams hängen. Dabei gibt es keinen Schritt, der schwerer zu gehen ist als jeder einzelne Schritt auf dem riskanten Weg der Nachfolge heraus aus den Burgmauern. Jeder Schritt ein Schritt ins Unerwartete, Ungewisse.

Aber jeder Schritt ein Schritt in seine Richtung. Jeder Schritt ein Schritt an seiner Seite. Jeder Schritt ein Schritt in Leben, wie man es in keiner Burg kennt:

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Dort, wo mir in den unendlichen Weiten Gottes der Wind der Freiheit um die Nase weht, da will ich sein.

Koste es was es wolle. Solange ich ihm folge. Solange er bei mir ist.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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