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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Tailfingen: Freut euch!
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper, aus dem 4. Kapitel:
4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. (Philipper 4,4-7)Noch einmal, Geliebte Gottes in Tailfingen: Freut euch!
Und habt Geduld mit mir, wenn ich einen kleinen Moment brauche, um diese Zeilen mit dem Autor zu diskutieren. Ich bin da nämlich nicht ganz einverstanden...
Mensch, Paulus, mal ehrlich: Was hast du dir denn dabei gedacht? "Freut euch in dem Herrn allewege" -- das heißt doch "in allen Dingen" oder? Und dann gleich noch einmal "freut euch", als könne man es gar nicht genug betonen. "Freut euch!" Entschuldige, wenn ich dir das so direkt frage, aber ich kann mich nicht auf Befehl freuen. Freude ist doch ein Gefühl, dass sich von selbst einstellt, wenn die Umstände passen, oder nicht? "Freut euch in dem Herrn allewege" -- das wird nicht funktionieren. Zumindest nicht heute. Nicht 2022.
Weißt du, unsere Zeit ist ganz schön kompliziert geworden.
Wir haben gerade eine Coronapandemie hinter uns -- das hoffen wir zumindest. Es war eine harte Zeit. Gewissheiten, die wir immer hatten, wurden auf einen Schlag zerstört. Wir sind einsam geworden. Wir mussten uns gegenseitig aus dem Weg gehen. Masken tragen. Abstand halten. Bei jedem Treffen mit Menschen stand das Virus als Bedrohung im Raum. Wir haben noch einmal ganz neu gelernt uns zu fürchten. Und der Weg zurück in die Normalität war lang und steinig und wir sind ihn wahrscheinlich noch nicht zu Ende gegangen. Vieles ist nicht mehr wie vorher. Institutionen und Traditionen, die uns lieb und wert waren, funktionieren nicht mehr wie früher. Und kaum ist das eine Virus aus dem Rampenlicht verschwunden, kämpfen wir schon wieder mit astronomischen Krankenständen und völlig überforderten Arztpraxen und Personalmangel in den Krankenhäusern. Versuch mal, einen Fiebersaft für dein krankes Kind zu kaufen...
Freuet euch in dem Herr, allewege?
Es ist kalt geworden in Tailfingen. Winter sind wir gewohnt, hier auf der Alb, aber keine Winter wie diesen. Seit Putin im Februar die Ukraine überfallen hat, bangen wir darum, ob wir genug zum heizen haben. Wir sparen schon überall, wo wir können. Wir sitzen in kühlen Räumen und ziehen uns dick an und frieren. Manche von uns können es sich schon gar nicht mehr leisten, die ganze Wohnung zu heizen. Die Preise für alles scheinen ins Unendliche zu steigen. Wo soll das hingehen? Wie wird das enden? Was wird übrig bleiben von unserem Wohlstand?
Freuet euch in dem Herr, allewege?
Es gibt Menschen hier am Ort, die haben alles verloren. Die mussten ihre Heimat verlassen. Manche, weil alles vom Krieg zerstört war. Andere, weil sie aus politischen Gründen um Leben und Familie fürchten mussten. Wieder andere, weil ein menschenwürdiges Leben dort einfach nicht mehr möglich war. Jetzt sind sie hier. Es ist schön bei uns, finde ich. Aber ist das auch so für die, die als Geflüchtete hier her kommen? Die die Sprache nicht kennen und die Kultur, die nicht arbeiten dürfen und auf engstem Raum mit vielen zusammenleben müssen, ohne konkrete Aussichten, wie es weitergeht.
Freuet euch in dem Herr, allewege?
Und dann haben wir auch schon seit Generationen unsere Erde immer mehr kaputt gemacht. Giftigen Müll in die Meere geworfen, die Wälder abgeholzt und dreckige Abgase in die Luft geblasen. Jetzt, wissen wir nicht mehr, wie wir der Lage Herr werden sollen. Der Klimawandel scheint nicht mehr aufzuhalten. Die ersten Inseln fangen jetzt schon an unterzugehen. Die Prognosen für unsere Kinder und Enkel sehen düster aus.
Freuet euch in dem Herrn allewege? Echt jetzt, Paulus?
Du hast ja keine Ahnung, was du da sagst. Das mag vielleicht bei dir geklappt haben, damals, im ersten Jahrhundert. Aber doch nicht bei uns heute. Wie soll das gehen? Weltflucht? Realitätsverlust? Wir ziehen uns zurück in ein religiöses Schneckenhaus und singen Adventslieder, die uns eine heile Welt vorgaukeln.
Freuet euch in dem Herrn allewege? Wenn du hier wärst, Paulus, wüsstest du es besser! Wenn du deine Partnerin an Corona verloren hättest, oder wenn du frierend in deinem Wohnzimmer sitzen würdest... Wenn du vor Bomben fliehen müssen hättest oder vor dem steigenden Meeresspiegel, der deine Heimat auffrist. Hast du denn überhaupt eine Ahnung, wie es ist, Angst vor der Zukunft zu haben? Hast du eine Ahnung von Krieg und Inflation? Von Flucht und Folter und Gefängnis?
Äh... wie? Du schreibst diesen Brief aus dem Gefängnis? Aus einem römischen Gefängnis deiner Zeit, das sicher kein Zuckerschlecken war. Da schreibst du:
Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Wie soll das gehen?
Ich kann mich nicht auf Kommando freuen. Und das ist ja noch gar nicht alles, wozu ich hier aufgefordert werde. Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Mit andern Worten, seid so grenzenlos gütig, dass alle ringsum es bemerken. Sorgt euch um nichts! Habt Friede, der über alle Fragen und Zweifel, ja, über alle Kapazität des Denkens selbst, hinausgeht. Seid von diesem Frieden völlig eingehüllt!
Man kann diesen Text so lesen, dass man an seinen Anforderungen förmlich zu Grunde geht. Wer soll denn das alles leisten? Hier? Heute? In den Herausforderungen unserer Tage scheint mir das genauso unmöglich, wie in einem römischen Gefängnis.
Bei Martin Luther habe ich gelernt, Gesetz und Evangelium zu unterscheiden. Ich habe gelernt, dass Gottes Zuspruch -- das "Evangelium", die "frohe Botschaft" -- vor seinem Anspruch an uns kommt. Dass Gott uns im Evangelium entgegen eilt, statt uns mit Anforderungen zu überhäufen und erst einmal eine Vorleistung für seine Zuwendung zu verlangen.
Das Lesen dieser Worte muss deshalb mit der Suche nach dem Evangelium beginnen. Und das habe ich gefunden -- mitten drin und ganz adventlich. Vier kleine Worte mitten drin (im griechischen Original sogar nur drei) ändern alles. Da stehen sie:
Der Herr ist nahe.
Noch einmal: Der Herr ist nahe.
Ist das nicht genau das, was wir in wenigen Tagen wieder den Engel sagen hören werden: "Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren."?
Schaut, die Freude, die Paulus im Sinn hat, die gibt es nicht losgelöst von ihm. Diese Freude entsteht nicht aus einer künstlich gemachten "besinnlichen Atmosphäre". Diese Freude findet man nicht, indem man krampfhaft in widrigen Umständen noch irgendetwas Positives sucht. "Es ist doch alles gar nicht so schlimm." Natürlich kann ich mich auch arm, krank, verfolgt und hoffnungslos noch drauf besinnen, dass heute Morgen ja immer noch die Sonne aufgegangen ist. Aber ich befürchte, dass der Rest der Umstände dann immer noch überwiegt. Künstliche Freude hält nicht lange. Echte Freude kommt, wenn er kommt.
Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Warum? Weil sich alles verändert, wenn er kommt. Die Figuren der Weihnachtsgeschichte wissen das. Der Engel auf dem Feld redet davon. Maria redet davon in ihrem Gebet: "Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,..." (Lukas 1,52-54) Zacharias lobt Gott und rühmt die "herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens." (Lukas 1,78-79). Simeon dankt Gott für "das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel." (Lukas 2,31-32)
Der Herr ist nahe. Das ändert alles.
Auch für uns. Denn er ist ja auch uns nahe.
In adventlicher Perspektive schauen wir voraus und hoffen auf sein erneutes Kommen. Auf die Fülle des Gottesreiches. Auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Auf ein Ende von Tod, Leid, Schmerz, Krieg, Hunger und Geschrei. Auf sein Reich des ewigen Friedens und der umfassenden Gerechtigkeit. Ein Reich, in dem es keine Opfer mehr gibt. Ein Reich, in dem wir als Versöhnte leben. Ein Reich, in dem Gott selbst mitten unter uns wohnt und wir in seinem Licht.
Der Herr ist nahe. Das ändert alles. Darauf kann man sich heute schon freuen, auch im Schatten von Ungerechtigkeit und Leid.
Und vielleicht ist er ja näher als wir denken. Ich glaube nämlich, es reicht nicht "nahe" nur zeitlich zu lesen. "Nahe" kann ja auch räumlich zu verstehen sein.
Der Herr ist nahe.
Ist es nicht genau das, was er selbst damals allen verkündet hat -- dass das "Gottesreich nahe herbeigekommen ist." Ist es nicht, das was er versprochen hat, bevor er zum Vater ging -- dass er uns seinen Heiligen Geist sende und uns in ihm ganz nahe sein. Ist es nicht das, was Paulus immer wieder schreibt -- dass "Christus in uns" ist. Ganz nahe. Näher geht's nicht mehr? Ist es nicht das, was wir schon in der Taufe als sein Versprechen gehört haben: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."?
Der Herr ist nahe. Das ändert alles.
Schaut, wir waren ja nicht allein in der Coronapandemie. Haben wir nicht damals an Weihnachten selbst ein großes Banner die leere Pauluskirche gehängt: "Fürchtet euch nicht. Jesus ist da."? Der Herr ist nahe.
Du bist ja nicht allein, wenn du krank im Bett liegst. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, wenn du um verstorbene Angehörige trauerst. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, wenn du zu Hause frierst. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, wenn du sorgenvoll den Saldo deines Kontos betrachtest. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, selbst wenn du weit weg von der Heimat bist, in einem fremden Land, und wenn du nicht weißt, wie es weiter gehen soll. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, wenn du dir Sorgen um die Zukunft machst. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, selbst wenn du hier alleine bist. Der Herr ist nahe.
Der Herr ist nahe. Das ändert alles.
Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.
Das ist es doch, wozu er gekommen ist: Gott zeigt uns, dass er uns so sehr liebt, dass nichts ihn von uns fernhalten kann. Er ist bereit, selbst seine ganze Herrlichkeit abzulegen, hineinzusteigen in die Niederungen dieser Welt, um bei uns zu sein. Als einer von uns. Und doch als Gott selbst, zu uns gekommen. Immanuel. Gott mit uns. Das ist es, was wir wissen müssen. Darüber kannst du dich freuen.
Wenn du ihn siehst; wenn du auf ihn schaust; wenn du anfängst, ihn zu entdecken in allen Dingen, die dir begegnen, dann muss man dir nicht mehr befehlen, dich zu freuen. Dann kommt die Freude von selbst in die dunkelsten Ecken. Dann weißt du dich in seiner Nähe geborgen und Friede kriecht langsam in dein Herz und Leben. Dann beginnt sich deine Hoffnung zu entfalten und Güte fängt an, zu blühen.
Der Herr ist nahe.
Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. All unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott!
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Tailfingen: Freut euch!
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper, aus dem 4. Kapitel:
4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. (Philipper 4,4-7)Noch einmal, Geliebte Gottes in Tailfingen: Freut euch!
Und habt Geduld mit mir, wenn ich einen kleinen Moment brauche, um diese Zeilen mit dem Autor zu diskutieren. Ich bin da nämlich nicht ganz einverstanden...
Mensch, Paulus, mal ehrlich: Was hast du dir denn dabei gedacht? "Freut euch in dem Herrn allewege" -- das heißt doch "in allen Dingen" oder? Und dann gleich noch einmal "freut euch", als könne man es gar nicht genug betonen. "Freut euch!" Entschuldige, wenn ich dir das so direkt frage, aber ich kann mich nicht auf Befehl freuen. Freude ist doch ein Gefühl, dass sich von selbst einstellt, wenn die Umstände passen, oder nicht? "Freut euch in dem Herrn allewege" -- das wird nicht funktionieren. Zumindest nicht heute. Nicht 2022.
Weißt du, unsere Zeit ist ganz schön kompliziert geworden.
Wir haben gerade eine Coronapandemie hinter uns -- das hoffen wir zumindest. Es war eine harte Zeit. Gewissheiten, die wir immer hatten, wurden auf einen Schlag zerstört. Wir sind einsam geworden. Wir mussten uns gegenseitig aus dem Weg gehen. Masken tragen. Abstand halten. Bei jedem Treffen mit Menschen stand das Virus als Bedrohung im Raum. Wir haben noch einmal ganz neu gelernt uns zu fürchten. Und der Weg zurück in die Normalität war lang und steinig und wir sind ihn wahrscheinlich noch nicht zu Ende gegangen. Vieles ist nicht mehr wie vorher. Institutionen und Traditionen, die uns lieb und wert waren, funktionieren nicht mehr wie früher. Und kaum ist das eine Virus aus dem Rampenlicht verschwunden, kämpfen wir schon wieder mit astronomischen Krankenständen und völlig überforderten Arztpraxen und Personalmangel in den Krankenhäusern. Versuch mal, einen Fiebersaft für dein krankes Kind zu kaufen...
Freuet euch in dem Herr, allewege?
Es ist kalt geworden in Tailfingen. Winter sind wir gewohnt, hier auf der Alb, aber keine Winter wie diesen. Seit Putin im Februar die Ukraine überfallen hat, bangen wir darum, ob wir genug zum heizen haben. Wir sparen schon überall, wo wir können. Wir sitzen in kühlen Räumen und ziehen uns dick an und frieren. Manche von uns können es sich schon gar nicht mehr leisten, die ganze Wohnung zu heizen. Die Preise für alles scheinen ins Unendliche zu steigen. Wo soll das hingehen? Wie wird das enden? Was wird übrig bleiben von unserem Wohlstand?
Freuet euch in dem Herr, allewege?
Es gibt Menschen hier am Ort, die haben alles verloren. Die mussten ihre Heimat verlassen. Manche, weil alles vom Krieg zerstört war. Andere, weil sie aus politischen Gründen um Leben und Familie fürchten mussten. Wieder andere, weil ein menschenwürdiges Leben dort einfach nicht mehr möglich war. Jetzt sind sie hier. Es ist schön bei uns, finde ich. Aber ist das auch so für die, die als Geflüchtete hier her kommen? Die die Sprache nicht kennen und die Kultur, die nicht arbeiten dürfen und auf engstem Raum mit vielen zusammenleben müssen, ohne konkrete Aussichten, wie es weitergeht.
Freuet euch in dem Herr, allewege?
Und dann haben wir auch schon seit Generationen unsere Erde immer mehr kaputt gemacht. Giftigen Müll in die Meere geworfen, die Wälder abgeholzt und dreckige Abgase in die Luft geblasen. Jetzt, wissen wir nicht mehr, wie wir der Lage Herr werden sollen. Der Klimawandel scheint nicht mehr aufzuhalten. Die ersten Inseln fangen jetzt schon an unterzugehen. Die Prognosen für unsere Kinder und Enkel sehen düster aus.
Freuet euch in dem Herrn allewege? Echt jetzt, Paulus?
Du hast ja keine Ahnung, was du da sagst. Das mag vielleicht bei dir geklappt haben, damals, im ersten Jahrhundert. Aber doch nicht bei uns heute. Wie soll das gehen? Weltflucht? Realitätsverlust? Wir ziehen uns zurück in ein religiöses Schneckenhaus und singen Adventslieder, die uns eine heile Welt vorgaukeln.
Freuet euch in dem Herrn allewege? Wenn du hier wärst, Paulus, wüsstest du es besser! Wenn du deine Partnerin an Corona verloren hättest, oder wenn du frierend in deinem Wohnzimmer sitzen würdest... Wenn du vor Bomben fliehen müssen hättest oder vor dem steigenden Meeresspiegel, der deine Heimat auffrist. Hast du denn überhaupt eine Ahnung, wie es ist, Angst vor der Zukunft zu haben? Hast du eine Ahnung von Krieg und Inflation? Von Flucht und Folter und Gefängnis?
Äh... wie? Du schreibst diesen Brief aus dem Gefängnis? Aus einem römischen Gefängnis deiner Zeit, das sicher kein Zuckerschlecken war. Da schreibst du:
Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Wie soll das gehen?
Ich kann mich nicht auf Kommando freuen. Und das ist ja noch gar nicht alles, wozu ich hier aufgefordert werde. Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Mit andern Worten, seid so grenzenlos gütig, dass alle ringsum es bemerken. Sorgt euch um nichts! Habt Friede, der über alle Fragen und Zweifel, ja, über alle Kapazität des Denkens selbst, hinausgeht. Seid von diesem Frieden völlig eingehüllt!
Man kann diesen Text so lesen, dass man an seinen Anforderungen förmlich zu Grunde geht. Wer soll denn das alles leisten? Hier? Heute? In den Herausforderungen unserer Tage scheint mir das genauso unmöglich, wie in einem römischen Gefängnis.
Bei Martin Luther habe ich gelernt, Gesetz und Evangelium zu unterscheiden. Ich habe gelernt, dass Gottes Zuspruch -- das "Evangelium", die "frohe Botschaft" -- vor seinem Anspruch an uns kommt. Dass Gott uns im Evangelium entgegen eilt, statt uns mit Anforderungen zu überhäufen und erst einmal eine Vorleistung für seine Zuwendung zu verlangen.
Das Lesen dieser Worte muss deshalb mit der Suche nach dem Evangelium beginnen. Und das habe ich gefunden -- mitten drin und ganz adventlich. Vier kleine Worte mitten drin (im griechischen Original sogar nur drei) ändern alles. Da stehen sie:
Der Herr ist nahe.
Noch einmal: Der Herr ist nahe.
Ist das nicht genau das, was wir in wenigen Tagen wieder den Engel sagen hören werden: "Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren."?
Schaut, die Freude, die Paulus im Sinn hat, die gibt es nicht losgelöst von ihm. Diese Freude entsteht nicht aus einer künstlich gemachten "besinnlichen Atmosphäre". Diese Freude findet man nicht, indem man krampfhaft in widrigen Umständen noch irgendetwas Positives sucht. "Es ist doch alles gar nicht so schlimm." Natürlich kann ich mich auch arm, krank, verfolgt und hoffnungslos noch drauf besinnen, dass heute Morgen ja immer noch die Sonne aufgegangen ist. Aber ich befürchte, dass der Rest der Umstände dann immer noch überwiegt. Künstliche Freude hält nicht lange. Echte Freude kommt, wenn er kommt.
Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Warum? Weil sich alles verändert, wenn er kommt. Die Figuren der Weihnachtsgeschichte wissen das. Der Engel auf dem Feld redet davon. Maria redet davon in ihrem Gebet: "Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,..." (Lukas 1,52-54) Zacharias lobt Gott und rühmt die "herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens." (Lukas 1,78-79). Simeon dankt Gott für "das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel." (Lukas 2,31-32)
Der Herr ist nahe. Das ändert alles.
Auch für uns. Denn er ist ja auch uns nahe.
In adventlicher Perspektive schauen wir voraus und hoffen auf sein erneutes Kommen. Auf die Fülle des Gottesreiches. Auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Auf ein Ende von Tod, Leid, Schmerz, Krieg, Hunger und Geschrei. Auf sein Reich des ewigen Friedens und der umfassenden Gerechtigkeit. Ein Reich, in dem es keine Opfer mehr gibt. Ein Reich, in dem wir als Versöhnte leben. Ein Reich, in dem Gott selbst mitten unter uns wohnt und wir in seinem Licht.
Der Herr ist nahe. Das ändert alles. Darauf kann man sich heute schon freuen, auch im Schatten von Ungerechtigkeit und Leid.
Und vielleicht ist er ja näher als wir denken. Ich glaube nämlich, es reicht nicht "nahe" nur zeitlich zu lesen. "Nahe" kann ja auch räumlich zu verstehen sein.
Der Herr ist nahe.
Ist es nicht genau das, was er selbst damals allen verkündet hat -- dass das "Gottesreich nahe herbeigekommen ist." Ist es nicht, das was er versprochen hat, bevor er zum Vater ging -- dass er uns seinen Heiligen Geist sende und uns in ihm ganz nahe sein. Ist es nicht das, was Paulus immer wieder schreibt -- dass "Christus in uns" ist. Ganz nahe. Näher geht's nicht mehr? Ist es nicht das, was wir schon in der Taufe als sein Versprechen gehört haben: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."?
Der Herr ist nahe. Das ändert alles.
Schaut, wir waren ja nicht allein in der Coronapandemie. Haben wir nicht damals an Weihnachten selbst ein großes Banner die leere Pauluskirche gehängt: "Fürchtet euch nicht. Jesus ist da."? Der Herr ist nahe.
Du bist ja nicht allein, wenn du krank im Bett liegst. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, wenn du um verstorbene Angehörige trauerst. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, wenn du zu Hause frierst. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, wenn du sorgenvoll den Saldo deines Kontos betrachtest. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, selbst wenn du weit weg von der Heimat bist, in einem fremden Land, und wenn du nicht weißt, wie es weiter gehen soll. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, wenn du dir Sorgen um die Zukunft machst. Der Herr ist nahe.
Du bist nicht allein, selbst wenn du hier alleine bist. Der Herr ist nahe.
Der Herr ist nahe. Das ändert alles.
Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.
Das ist es doch, wozu er gekommen ist: Gott zeigt uns, dass er uns so sehr liebt, dass nichts ihn von uns fernhalten kann. Er ist bereit, selbst seine ganze Herrlichkeit abzulegen, hineinzusteigen in die Niederungen dieser Welt, um bei uns zu sein. Als einer von uns. Und doch als Gott selbst, zu uns gekommen. Immanuel. Gott mit uns. Das ist es, was wir wissen müssen. Darüber kannst du dich freuen.
Wenn du ihn siehst; wenn du auf ihn schaust; wenn du anfängst, ihn zu entdecken in allen Dingen, die dir begegnen, dann muss man dir nicht mehr befehlen, dich zu freuen. Dann kommt die Freude von selbst in die dunkelsten Ecken. Dann weißt du dich in seiner Nähe geborgen und Friede kriecht langsam in dein Herz und Leben. Dann beginnt sich deine Hoffnung zu entfalten und Güte fängt an, zu blühen.
Der Herr ist nahe.
Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. All unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott!
Amen.

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