
Sign up to save your podcasts
Or


Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Liebe von Christus Begnadete in Tailfingen,
Es ist, als habe man dem Leben auf einen Schlag den Ton abgeschalten. Wie ein Stummfilm ziehen die Ereignisse an ihm vorbei. Grau und unwirklich. Mit einem Tinnituston, der alles übertönt. Vorbei. Auf einen Schlag ist der Blutdruck im Keller, der Magen will sich ihm umdrehen. Vorbei.
Alles. Vorbei.
Und er hat es ruiniert.
Er hat alles verbockt.
Dabei hatte er doch gerade noch mutig in die Welt hinausposaunt, er würde Jesus für immer die Treue halten. Koste es was es wolle. Ja, sein Leben wäre er bereit gewesen, für Jesus zu geben. Und als sie dann kamen, im Garten Getsemane, der Verräter und die Soldaten, da hatte er todesmutig sein Schwert gezogen und sich auf sie gestürzt, um seinen Jesus zu verteidigen. Wie mutig es war, ausgerechnet den unbewaffneten Diener anzugehen und ihm das nicht ganz so lebenswichtige Ohr abzuhacken, das lassen wir mal dahingestellt. Immerhin hatte er etwas gewagt. Das musste doch für etwas zählen!
Gebracht hat es natürlich nicht viel. Abgeführt haben sie Jesus trotzdem. Und während die meisten anderen schnellstmöglichst das Weite suchten, war er wenigstens von Weitem gefolgt. Vielleicht hatte er da noch eine Chance gewittert, doch noch der Held zu werden, der er so gerne gewesen wäre. So wagt er sich immer weiter heran. Schließlich sitzt er sogar mit am Feuer, dort im Hof des Hohenpriesters. Ganz nah dran.
Die Feuerprobe lässt nicht lange auf sich warten: "Du gehörst doch auch zu diesem Jesus!" Gespannte Blicke, die ihn zu durchbohren scheinen. Finger, die auf ihn zeigen. Ihm wird heiß und kalt zur selben Zeit. Ein flaues Gefühl im Magen. Zeit, allen Mut zusammenzuraffen. Der Held räuspert sich. Er schaut entschlossen drein. "Ich weiß gar nicht, wovon du redest", sagt er trotzig.
Dreimal.
Und dann kräht der Hahn.
Es ist, als habe man dem Leben auf einen Schlag den Ton abgeschalten. Wie ein Stummfilm ziehen die Ereignisse an ihm vorbei. Grau und unwirklich. Mit einem Tinnituston, der alles übertönt. Vorbei. Auf einen Schlag ist der Blutdruck im Keller, der Magen will sich ihm umdrehen. Vorbei.
Alles. Vorbei.
Und er hat es ruiniert.
Er hat alles verbockt.
Wie durch einen Schleier muss er das wahrgenommen haben, was folgt -- das Rauschen des eigenen Blutes im Ohr. Jesus vor dem Hohen Rat. Jesus vor Pilatus. Die gröhlende Menge. Das Urteil. Angespuckt, verlacht, ausgezogen und ausgepeitscht. Der blutige Jesus taumelt mit dem schweren Kreuz durch die Hitze Jerusalems. Die Hammerschläge. Das Stöhnen am Kreuz. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Tot. In der einsetzenden Abenddämmerung hastig in ein Höhlengrab gelegt. Den schwere Stein davorgewälzt.
Aus. Mit einem Schlag ist das Leben vorbei.
Nicht nur das des gekreuzigten Messias.
Auch das des mutigen Verteidigers des Glaubens.
Alles. Vorbei.
Und er hat es ruiniert.
Er hat alles verbockt.
Ein Moment hat alles kaputt gemacht.
Der Spiegel, aus dem ihm gerade noch der strahlende Held entgegenlächelte, ist zerbrochen. Am Boden liegen die Scherben seines Selbstbilds und nicht kann sie so zusammenkleben, dass wieder alles wäre wie vorher.
Alles. Vorbei.
Und er hat es ruiniert.
Ich frage mich, wie er die Tage danach erlebt hat. Die gespannte Angst und das Weinen der anderen am Samstag passten sicher gut zu seiner eigenen Stimmung.
Ob er mehr um Jesus getrauert hat oder um sein eigenes Heldenleben?
Sonntagmorgen. Ostern. Maria Magdalena, die völlig aufgelöst in die Gruppe der Trauernden platzt und aufgeregt von einem gestohlenen Leichnam erzählt. Keiner versteht, was hier passiert. Aber durch den Schleier, der sich über alles gelegt hat, spürt er doch noch irgendwie, dass da etwas passiert sein muss. Ein Wettlauf mit einem der anderen zum leeren Grab. Erklärungen gibt es keine. Aber der andere geht hinein, sieht die abgelegten Leichentücher und er glaubt. Der glaubt! Auf einen Schlag hat sich sein Leben verändert. Er versteht es nur noch nicht.
Maria steht immer noch verstört und weinend am Grab.
Und er? Unser Ex-Held? Was macht der eigentlich? Er geht mit dem anderen zum Rest der Gruppe zurück. Und das Leben ist immernoch zu Ende. Vorbei.
Wieder ist es Maria, die einen Aufruhr verursacht mit ihrer unglaublichen Geschichte über zwei Engel, die ihr erschienen seien und einem Gärtner, der kein Gärtner war. "Ich habe den Herrn gesehen!" Davon ist sie felsenfest überzeugt. Und während sie noch rätseln, steht Jesus plötzlich selbst mitten unter ihnen: "Friede mit euch."
"Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.", berichtet das Johannesevangelium.
Die erste Osterfreude: Da wurden die Jünger froh.
Alle?
Einer von ihnen hat den Moment verpasst. Thomas, der Zwilling. Der Zweifler. Als er zurückkommt, kann er nicht verstehen, warum alle plötzlich so fröhlich sind. Gerade einmal zwei Tage ist es her, dass Jesus gestorben ist. Wie kann man da fröhlich sein?
Man kann, wird auch Thomas nur wenig später erfahren. Jesus kommt wieder und nimmt den Zweifler mitsamt seinen Zweifeln an. "Mein Herr und mein Gott!" Auch Thomas glaubt. Auch sein Leben hat sich mit einem Schlag verändert.
Osterfreude. Neues Leben.
Nur einer nimmt den Jubel immer noch durch einen grauen Schleier wahr.
Christus ist auferstanden!
Aber sein Leben ist trotzdem ruiniert.
Alles. Vorbei.
Und er hat es ruiniert.
Was macht man, wenn man keine Hoffnung mehr hat? Was macht man, wenn man alles rettungslos ruiniert hat?
Es bleibt nur noch der Rückzug auf das Wenige, was noch vom Leben übrig ist.
Der Ex-Held ist wieder zum Fischer von Kapernaum geworden.
"Ich gehe fischen."
Und davon erzählt das 21. Kapitel des Johannesevangeliums:
Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so:Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: "Es ist der Herr", da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. (Johannes 21,1-14)Wie gut ich mich doch mit diesem Simon Petrus immer wieder identifizieren kann! Von Jesus gepackt und begeistert. Einer, der bereit ist, alles zu geben. Begabt und berufen. Und einer, der immer wieder über seine eigene riesengroße Klappe stolpert! Höhen und Tiefen. Vom großartigen Christusbekenntnis "Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!", bis zu dem Moment, wo Jesus in anfährt, "Geh weg von mir, Satan!", sind es nur wenige Verse.
Ein Held mit einer Achillesferse mitten im Gesicht.
Das kann ich gut nachvollziehen.
Und dann hat er endgültig alles verbockt: "Ich kenne diesen Jesus nicht!"
Aus vorbei.
Das Leben scheint mit einem Schlag zu Ende.
Nicht nur seines.
Er hätte auf seine Freunde hören sollen. Nach den drei Bier nicht mehr alleine nach Hause fahren sollen. Aber er war sich seiner Fahrkünste doch sicher. Cool und lässig wie immer. Und dann war da nur noch das gleißende Licht der entgegenkommenden Scheinwerfer, ein Schlag, und dann nichts. Von den beiden jungen Frauen im anderen Auto haben sie ihm erst hinterher erzählt, als er mit zwei gebrochenen Beinen wieder aufwachte. Eine tot, eine für immer querschnittsgelähmt. Und er ist der Schuldige. Mit einem Schlag ist alles aus. Vorbei. Und er hat's verbockt.
Die kleine Verlegenheitslüge, die sie so gut dastehen ließ, ging ihr ganz lässig über die Lippen. Viel gedacht hat sie sich nicht dabei. Erst als die Nachfragen kamen und die Geschichte, die sie spinnen musste, immer komplizierter wurde, bis sie sich schließlich in ihrer eigenen Komposition aus Lügen und Halbwahrheiten verstrickte. Mit einem Schlag war die Fassade weg, die sie so lange aufrecht erhalten hatte. Entsetzt starrten die andern sie an. Und dann zogen sie sich stumm zurück, bis sie ganz alleine war. Mit einem Schlag war alles aus. Vorbei. Und sie hat's verbockt.
Manchmal dauert er länger. Nicht immer geht es mit einem Schlag.
Manchmal bleibt noch etwas übrig und nicht das ganze Leben ist wegen einer Sache ruiniert.
Aber die Geschichten von den verbockten Heldentaten, von den verpatzten Chancen und den ruinierten Lebensentwürfen kennen viele von uns zur Genüge. Nicht nur Simon Petrus.
Es ist, als habe man dem Leben auf einen Schlag den Ton abgeschalten.
Aus. Vorbei.
Und du hast es ruiniert.
Es ist, als habe man auf einen Schlag das Leben neu gestartet. Besser, schöner, bunter und intensiver als je zuvor. Am Feuer am Ufer sitzt ein pudelnasser Simon Petrus, der noch nie in seinem Leben glücklicher war. Es ist, als sängen die Vögel zum ersten Mal, mit ganz neuen Liedern. War das Grün der Bäume schon immer so herrlich? Das Feuer prasselt und die gegrillten Fische schmecken besser als alles, was er je gegessen hatte.
Mit einem Schlag sind alle seine Sorgen wie weggewischt. Gerade saß er noch trübselig im Boot und der glücklose Fischzug einer arbeitsreichen, vergeudeten Nacht passte so gut zu seiner miesen Stimmung. Dann rief dieser Fremde vom User und sie warfen noch ein letztes Mal ohne Hoffnung ihre Netze aus. Die 153 Fische, die das Netz fast zerreißen ließen, hatten sie noch kaum ins Boot gehievt, da sprang Simon Petrus schon ins Wasser. Für andere war es vielleicht nur ein Glückstreffer gewesen -- für ihn war es ein Wink mit dem längsten Zaunpfahl der Welt. "Es ist der Herr", schrie er nur noch, bevor er sich über die Bordwand warf und wild rudernd zum Ufer schwamm. In seinem Kopfkino ein Film von diesem Tag vor drei Jahren, als sie ebenso glücklos von einem nächtlichen Fischzug zurückkamen und Jesus sie noch einmal zum Fischen schickte. Auch damals waren die Netze fast geborsten und am Ufer stand Simon wie ein begossener Pudel vor Jesus, im Bewusstsein, dass er nichts vorzuweisen hatte, was ihn für diesen gottgesandten Wundertäter akzeptabel machen würden. "Herr, gehe von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch." Und dann hat Jesus ihn zu seinem Jünger gemacht.
In blinkenden Neonlettern an den Himmel geschrieben hätte die Botschaft nicht deutlicher sein können für Simon Petrus. Noch einmal die gleiche Szene wie damals. "Ich bin ein sündiger Mensch." Ich hab's verbockt. Ruiniert. Aus. Nach all den Jahren, all der Zeit mit dir, all den Wundern und Zeichen und einzigartigen Erlebnissen. Nach all den Lippenbekenntnissen zu ewiger Treue: Ich habe kläglich versagt.
Und Jesus?
Der steht da am Ufer und schaut hinüber zu den glücklosen Fischern. Er sieht nicht den Versager. Er sieht nicht die Scherben, den Ruin. Der Blick des Auferstandenen ist voller Barmherzigkeit. Er sieht die Menschen, die er liebt.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
Der breitet seine Arme aus und ruft den Versager zu sich.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
Der sitzt da am Feuer und lädt seinen Petrus zum Frühstück ein.
Kommt, und haltet das Mahl!
Der nimmt Brot und Fisch und reicht es weiter und alle werden satt und glücklich.
Es ist, als habe auf einen Schlag das Leben neu begonnen.
Nein!
Es ist, als habe auf einen Schlag ein neues Leben begonnen.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
Jesus fragt gar nicht nach dem Vergangenen. Er hält keine langen Reden über verpasste Chancen. Er versucht auch nicht, die Scherben des zerbrochenen Selbstbildspiegels und all die anderen Scherben ruinierter Lebenskunstwerke auch nur ansatzweise wieder zusammenzukitten. Er rettet nicht, was eben noch zu retten ist.
Der Auferstandene lädt einfach ein und teilt aus.
Fisch und Brot. Eine Tischgemeinschaft, wie damals, an dem letzten Abend mit seinen Jüngern, als alles noch in Ordnung war.
Fisch und Brot. Nahrung und Nähe. Eine Einladung, nicht nur an die, die alles perfekt können, sondern auch an die ruinierten Versager.
Fisch und Brot.
Und Leben. Vor allem Leben.
Gerade das hat er nämlich ganz neu zu geben, der Auferstandene.
Auch mir. Das hat er uns versprochen. Und er verspricht es neu, auch wenn ich's vielleicht verbockt habe.
In ihm beginnt auf einen Schlag verbocktes Leben neu.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Liebe von Christus Begnadete in Tailfingen,
Es ist, als habe man dem Leben auf einen Schlag den Ton abgeschalten. Wie ein Stummfilm ziehen die Ereignisse an ihm vorbei. Grau und unwirklich. Mit einem Tinnituston, der alles übertönt. Vorbei. Auf einen Schlag ist der Blutdruck im Keller, der Magen will sich ihm umdrehen. Vorbei.
Alles. Vorbei.
Und er hat es ruiniert.
Er hat alles verbockt.
Dabei hatte er doch gerade noch mutig in die Welt hinausposaunt, er würde Jesus für immer die Treue halten. Koste es was es wolle. Ja, sein Leben wäre er bereit gewesen, für Jesus zu geben. Und als sie dann kamen, im Garten Getsemane, der Verräter und die Soldaten, da hatte er todesmutig sein Schwert gezogen und sich auf sie gestürzt, um seinen Jesus zu verteidigen. Wie mutig es war, ausgerechnet den unbewaffneten Diener anzugehen und ihm das nicht ganz so lebenswichtige Ohr abzuhacken, das lassen wir mal dahingestellt. Immerhin hatte er etwas gewagt. Das musste doch für etwas zählen!
Gebracht hat es natürlich nicht viel. Abgeführt haben sie Jesus trotzdem. Und während die meisten anderen schnellstmöglichst das Weite suchten, war er wenigstens von Weitem gefolgt. Vielleicht hatte er da noch eine Chance gewittert, doch noch der Held zu werden, der er so gerne gewesen wäre. So wagt er sich immer weiter heran. Schließlich sitzt er sogar mit am Feuer, dort im Hof des Hohenpriesters. Ganz nah dran.
Die Feuerprobe lässt nicht lange auf sich warten: "Du gehörst doch auch zu diesem Jesus!" Gespannte Blicke, die ihn zu durchbohren scheinen. Finger, die auf ihn zeigen. Ihm wird heiß und kalt zur selben Zeit. Ein flaues Gefühl im Magen. Zeit, allen Mut zusammenzuraffen. Der Held räuspert sich. Er schaut entschlossen drein. "Ich weiß gar nicht, wovon du redest", sagt er trotzig.
Dreimal.
Und dann kräht der Hahn.
Es ist, als habe man dem Leben auf einen Schlag den Ton abgeschalten. Wie ein Stummfilm ziehen die Ereignisse an ihm vorbei. Grau und unwirklich. Mit einem Tinnituston, der alles übertönt. Vorbei. Auf einen Schlag ist der Blutdruck im Keller, der Magen will sich ihm umdrehen. Vorbei.
Alles. Vorbei.
Und er hat es ruiniert.
Er hat alles verbockt.
Wie durch einen Schleier muss er das wahrgenommen haben, was folgt -- das Rauschen des eigenen Blutes im Ohr. Jesus vor dem Hohen Rat. Jesus vor Pilatus. Die gröhlende Menge. Das Urteil. Angespuckt, verlacht, ausgezogen und ausgepeitscht. Der blutige Jesus taumelt mit dem schweren Kreuz durch die Hitze Jerusalems. Die Hammerschläge. Das Stöhnen am Kreuz. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Tot. In der einsetzenden Abenddämmerung hastig in ein Höhlengrab gelegt. Den schwere Stein davorgewälzt.
Aus. Mit einem Schlag ist das Leben vorbei.
Nicht nur das des gekreuzigten Messias.
Auch das des mutigen Verteidigers des Glaubens.
Alles. Vorbei.
Und er hat es ruiniert.
Er hat alles verbockt.
Ein Moment hat alles kaputt gemacht.
Der Spiegel, aus dem ihm gerade noch der strahlende Held entgegenlächelte, ist zerbrochen. Am Boden liegen die Scherben seines Selbstbilds und nicht kann sie so zusammenkleben, dass wieder alles wäre wie vorher.
Alles. Vorbei.
Und er hat es ruiniert.
Ich frage mich, wie er die Tage danach erlebt hat. Die gespannte Angst und das Weinen der anderen am Samstag passten sicher gut zu seiner eigenen Stimmung.
Ob er mehr um Jesus getrauert hat oder um sein eigenes Heldenleben?
Sonntagmorgen. Ostern. Maria Magdalena, die völlig aufgelöst in die Gruppe der Trauernden platzt und aufgeregt von einem gestohlenen Leichnam erzählt. Keiner versteht, was hier passiert. Aber durch den Schleier, der sich über alles gelegt hat, spürt er doch noch irgendwie, dass da etwas passiert sein muss. Ein Wettlauf mit einem der anderen zum leeren Grab. Erklärungen gibt es keine. Aber der andere geht hinein, sieht die abgelegten Leichentücher und er glaubt. Der glaubt! Auf einen Schlag hat sich sein Leben verändert. Er versteht es nur noch nicht.
Maria steht immer noch verstört und weinend am Grab.
Und er? Unser Ex-Held? Was macht der eigentlich? Er geht mit dem anderen zum Rest der Gruppe zurück. Und das Leben ist immernoch zu Ende. Vorbei.
Wieder ist es Maria, die einen Aufruhr verursacht mit ihrer unglaublichen Geschichte über zwei Engel, die ihr erschienen seien und einem Gärtner, der kein Gärtner war. "Ich habe den Herrn gesehen!" Davon ist sie felsenfest überzeugt. Und während sie noch rätseln, steht Jesus plötzlich selbst mitten unter ihnen: "Friede mit euch."
"Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.", berichtet das Johannesevangelium.
Die erste Osterfreude: Da wurden die Jünger froh.
Alle?
Einer von ihnen hat den Moment verpasst. Thomas, der Zwilling. Der Zweifler. Als er zurückkommt, kann er nicht verstehen, warum alle plötzlich so fröhlich sind. Gerade einmal zwei Tage ist es her, dass Jesus gestorben ist. Wie kann man da fröhlich sein?
Man kann, wird auch Thomas nur wenig später erfahren. Jesus kommt wieder und nimmt den Zweifler mitsamt seinen Zweifeln an. "Mein Herr und mein Gott!" Auch Thomas glaubt. Auch sein Leben hat sich mit einem Schlag verändert.
Osterfreude. Neues Leben.
Nur einer nimmt den Jubel immer noch durch einen grauen Schleier wahr.
Christus ist auferstanden!
Aber sein Leben ist trotzdem ruiniert.
Alles. Vorbei.
Und er hat es ruiniert.
Was macht man, wenn man keine Hoffnung mehr hat? Was macht man, wenn man alles rettungslos ruiniert hat?
Es bleibt nur noch der Rückzug auf das Wenige, was noch vom Leben übrig ist.
Der Ex-Held ist wieder zum Fischer von Kapernaum geworden.
"Ich gehe fischen."
Und davon erzählt das 21. Kapitel des Johannesevangeliums:
Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so:Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: "Es ist der Herr", da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. (Johannes 21,1-14)Wie gut ich mich doch mit diesem Simon Petrus immer wieder identifizieren kann! Von Jesus gepackt und begeistert. Einer, der bereit ist, alles zu geben. Begabt und berufen. Und einer, der immer wieder über seine eigene riesengroße Klappe stolpert! Höhen und Tiefen. Vom großartigen Christusbekenntnis "Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!", bis zu dem Moment, wo Jesus in anfährt, "Geh weg von mir, Satan!", sind es nur wenige Verse.
Ein Held mit einer Achillesferse mitten im Gesicht.
Das kann ich gut nachvollziehen.
Und dann hat er endgültig alles verbockt: "Ich kenne diesen Jesus nicht!"
Aus vorbei.
Das Leben scheint mit einem Schlag zu Ende.
Nicht nur seines.
Er hätte auf seine Freunde hören sollen. Nach den drei Bier nicht mehr alleine nach Hause fahren sollen. Aber er war sich seiner Fahrkünste doch sicher. Cool und lässig wie immer. Und dann war da nur noch das gleißende Licht der entgegenkommenden Scheinwerfer, ein Schlag, und dann nichts. Von den beiden jungen Frauen im anderen Auto haben sie ihm erst hinterher erzählt, als er mit zwei gebrochenen Beinen wieder aufwachte. Eine tot, eine für immer querschnittsgelähmt. Und er ist der Schuldige. Mit einem Schlag ist alles aus. Vorbei. Und er hat's verbockt.
Die kleine Verlegenheitslüge, die sie so gut dastehen ließ, ging ihr ganz lässig über die Lippen. Viel gedacht hat sie sich nicht dabei. Erst als die Nachfragen kamen und die Geschichte, die sie spinnen musste, immer komplizierter wurde, bis sie sich schließlich in ihrer eigenen Komposition aus Lügen und Halbwahrheiten verstrickte. Mit einem Schlag war die Fassade weg, die sie so lange aufrecht erhalten hatte. Entsetzt starrten die andern sie an. Und dann zogen sie sich stumm zurück, bis sie ganz alleine war. Mit einem Schlag war alles aus. Vorbei. Und sie hat's verbockt.
Manchmal dauert er länger. Nicht immer geht es mit einem Schlag.
Manchmal bleibt noch etwas übrig und nicht das ganze Leben ist wegen einer Sache ruiniert.
Aber die Geschichten von den verbockten Heldentaten, von den verpatzten Chancen und den ruinierten Lebensentwürfen kennen viele von uns zur Genüge. Nicht nur Simon Petrus.
Es ist, als habe man dem Leben auf einen Schlag den Ton abgeschalten.
Aus. Vorbei.
Und du hast es ruiniert.
Es ist, als habe man auf einen Schlag das Leben neu gestartet. Besser, schöner, bunter und intensiver als je zuvor. Am Feuer am Ufer sitzt ein pudelnasser Simon Petrus, der noch nie in seinem Leben glücklicher war. Es ist, als sängen die Vögel zum ersten Mal, mit ganz neuen Liedern. War das Grün der Bäume schon immer so herrlich? Das Feuer prasselt und die gegrillten Fische schmecken besser als alles, was er je gegessen hatte.
Mit einem Schlag sind alle seine Sorgen wie weggewischt. Gerade saß er noch trübselig im Boot und der glücklose Fischzug einer arbeitsreichen, vergeudeten Nacht passte so gut zu seiner miesen Stimmung. Dann rief dieser Fremde vom User und sie warfen noch ein letztes Mal ohne Hoffnung ihre Netze aus. Die 153 Fische, die das Netz fast zerreißen ließen, hatten sie noch kaum ins Boot gehievt, da sprang Simon Petrus schon ins Wasser. Für andere war es vielleicht nur ein Glückstreffer gewesen -- für ihn war es ein Wink mit dem längsten Zaunpfahl der Welt. "Es ist der Herr", schrie er nur noch, bevor er sich über die Bordwand warf und wild rudernd zum Ufer schwamm. In seinem Kopfkino ein Film von diesem Tag vor drei Jahren, als sie ebenso glücklos von einem nächtlichen Fischzug zurückkamen und Jesus sie noch einmal zum Fischen schickte. Auch damals waren die Netze fast geborsten und am Ufer stand Simon wie ein begossener Pudel vor Jesus, im Bewusstsein, dass er nichts vorzuweisen hatte, was ihn für diesen gottgesandten Wundertäter akzeptabel machen würden. "Herr, gehe von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch." Und dann hat Jesus ihn zu seinem Jünger gemacht.
In blinkenden Neonlettern an den Himmel geschrieben hätte die Botschaft nicht deutlicher sein können für Simon Petrus. Noch einmal die gleiche Szene wie damals. "Ich bin ein sündiger Mensch." Ich hab's verbockt. Ruiniert. Aus. Nach all den Jahren, all der Zeit mit dir, all den Wundern und Zeichen und einzigartigen Erlebnissen. Nach all den Lippenbekenntnissen zu ewiger Treue: Ich habe kläglich versagt.
Und Jesus?
Der steht da am Ufer und schaut hinüber zu den glücklosen Fischern. Er sieht nicht den Versager. Er sieht nicht die Scherben, den Ruin. Der Blick des Auferstandenen ist voller Barmherzigkeit. Er sieht die Menschen, die er liebt.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
Der breitet seine Arme aus und ruft den Versager zu sich.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
Der sitzt da am Feuer und lädt seinen Petrus zum Frühstück ein.
Kommt, und haltet das Mahl!
Der nimmt Brot und Fisch und reicht es weiter und alle werden satt und glücklich.
Es ist, als habe auf einen Schlag das Leben neu begonnen.
Nein!
Es ist, als habe auf einen Schlag ein neues Leben begonnen.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
Jesus fragt gar nicht nach dem Vergangenen. Er hält keine langen Reden über verpasste Chancen. Er versucht auch nicht, die Scherben des zerbrochenen Selbstbildspiegels und all die anderen Scherben ruinierter Lebenskunstwerke auch nur ansatzweise wieder zusammenzukitten. Er rettet nicht, was eben noch zu retten ist.
Der Auferstandene lädt einfach ein und teilt aus.
Fisch und Brot. Eine Tischgemeinschaft, wie damals, an dem letzten Abend mit seinen Jüngern, als alles noch in Ordnung war.
Fisch und Brot. Nahrung und Nähe. Eine Einladung, nicht nur an die, die alles perfekt können, sondern auch an die ruinierten Versager.
Fisch und Brot.
Und Leben. Vor allem Leben.
Gerade das hat er nämlich ganz neu zu geben, der Auferstandene.
Auch mir. Das hat er uns versprochen. Und er verspricht es neu, auch wenn ich's vielleicht verbockt habe.
In ihm beginnt auf einen Schlag verbocktes Leben neu.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.Amen.

0 Listeners