Christoph predigt

Gebabbel


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther, aus dem 14. Kapitel:

1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. 4 Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. 5 Ich möchte, dass ihr alle in Zungen reden könnt; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch redet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, auf dass die Gemeinde erbaut werde. 6 Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre? 7 So verhält es sich auch mit leblosen Instrumenten, es sei eine Flöte oder eine Harfe: Wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich geben, wie kann man erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? 8 Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zur Schlacht rüsten? 9 So auch ihr: Wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. 10 Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. 11 Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich ein Fremder sein für den, der redet, und der redet, wird für mich ein Fremder sein. 12 So auch ihr: Da ihr euch bemüht um die Gaben des Geistes, so trachtet danach, dass ihr sie im Überfluss habt und so die Gemeinde erbaut. 23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? 24 Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist. (1. Kor 14,1–12(23–25))

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Wir müssen wohl eine ziemliche Problemgemeinde sein hier in Tailfingen. Anscheinend geht es bei uns ja drunter und drüber. Oder wie erklärt ihr euch die Tatsache, dass wir uns heute mit einem Text beschäftigen, den der Apostel ursprünglich an genau so eine Problemgemeinde schrieb?

In der kleinen christlichen Hausgemeinde dort in der multikulturellen Hafenstadt Korinth gab es ja ganz offensichtlich gleich eine ganze Reihe von Problemen, die Paulus zu seinem Brief veranlassten. Da wurde gestritten, da gab es verschiedene Parteien. Da ging man gegeneinander bis vor's Gericht, pflegte unzulässige Beziehungen miteinander und selbst beim Abendmahl -- damals verbunden mit einem gemeinsamen Essen -- stopften sich die einen den Rachen voll, während die anderen zum Teil sogar leer ausgingen.

Problemgemeinde.

Dabei war ja gar nicht alles ein Problem in Korinth. Im Gegenteil: Der Apostel bescheinigt den Korinthern dankbar ein reichhaltiges, sichtbares Wirken des Heiligen Geistes in ihrer Mitte. Das ist ihnen wohl aber an manchen Stellen auch zu Kopf gestiegen. Die verschiedenen Gaben, die der Heilige Geist ganz unterschiedlich an jeden austeilt, wie Gott es will, waren plötzlich fast eine Art Freifahrtschein für jeden, sich darin so richtig auszuleben. Schließlich kann ja das, was von Gott kommt, nicht falsch sein, oder? So kam es dann auch in den Gottesdiensten zu einer Vielfalt von verschiedenen Beiträgen, die ein sehr breites Spektrum abdeckten. Auf der einen Seite, das sogenannte prophetische Reden. Das hört sich jetzt vielleicht seltsam an, meint aber nichts anderes als das Reden von Gottes Wort in klaren, verständlichen Worten. Schon die Propheten der Hebräischen Bibel waren nichts anderes als Menschen, die Gott als eine Art Sprachrohr gebrauchte. Sie gaben sein Reden weiter. Als dann im Neuen Testament in Jerusalem das Pfingstwunder geschieht, erklärt Petrus gerade das zum Kern dessen, was Gott tut: Ohne Unterscheidung von Alter, Herkunft und Geschlecht schenkt er seinen Heiligen Geist nun ganz verschiedenen Menschen und befähigt sie, von Gott zu reden. Man muss nun also gar nicht mehr erst irgendeine spezielle Rolle haben: Priester oder Schriftgelehrter sein, Theologe oder Pfarrer -- oder eben: Prophet. O-Ton Petrus: "das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 'Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.'" (Apostelgeschichte 2, 16-18). Gottes Geist befähigt Menschen, mutig sein Wort weiterzusagen und das zeigt sich in Korinth. Und das ist gut so.

Auf der anderen Seite des Spektrums: das sogenannte "Reden in Zungen", wobei man gleich dazu sagen muss, dass im Griechischen das Wort für "Zunge" und "Sprache" identisch ist. Das stellt uns ein wenig vor ein Rätsel. Viele verstehen darunter eine Art ekstatisches Gebetsreden, das sich nicht mehr auf der Ebene der verständlichen Sprache bewegt und den Beter auf einem ganz anderen, vielleicht viel tieferen Niveau, anspricht. Vom Geist, der für uns betet, wo uns die Worte fehlen, spricht Paulus an anderen Stellen, ja sogar vom Geist, der geradezu "in uns stöhnt". Was für uns in unserer Tradition jetzt völlig fremd klingt, ist bis heute in anderen Frömmigkeitstraditionen der weltweiten christlichen Kirche alltägliches Leben. Vielleicht auch in Korinth? Andere Ausleger vermuten, dass es lediglich um fremdsprachige Äußerungen im Gottesdienst einer vielsprachigen Gemeinde gehe, die dann eben für viele unverständlich blieben. Ich weiß es nicht.

Jedenfalls ist das doch aber der Punkt, wo wir feststellen müssen, dass das Durcheinander der Äußerungen, die hier beschrieben werden, etwas ist, was unserer Gottesdiensttradition und unseren kirchlichen Gepflogenheiten völlig fremd ist. Gebabbel. Und spätestens dann könnten wir doch jetzt die Bibel für heute zuklappen und uns mit der Feststellung begnügen, dass dieser Text den Tailfingern eben einmal nicht viel zu sagen hat.

Oder doch?

Vielleicht machen wir es uns da doch ein wenig zu einfach. Ich bin mir sicher, dass es ein paar Punkte gibt, die uns da weiterhelfen könnten:

Zum ersten ist die Feststellung ganz wichtig, dass Paulus hier über ein ganzes Spektrum sehr unterschiedlichen Glaubensäußerungen redet -- und zwar ohne dabei irgendein davon grundsätzlich als Problem darzustellen. Im Gegenteil. Dieser Text ist ja nur ein Ausschnitt aus einem ganzen Brief, und aus einem Abschnitt, der bereits im Kapitel 12 begonnen hat. Dort singt Paulus geradezu ein Loblied auf die Vielfalt: Gottes Heiliger Geist befähigt und begabt unterschiedliche Menschen auf völlig verschiedene Art und Weise. Und das ist gut so. Jeder davon ist wichtig. So wie ein Körper verschiedene Körperteile mit unterschiedlichen Funktionen hat, braucht die Gemeinde die Vielfalt der unterschiedlichen Begabungen, Betonungen und Frömmigkeitsstile. Sie alle wirkt derselbe Gott durch denselben Heiligen Geist. Und das ist gut so: Wo etwas davon fehlt, da leiden alle darunter.

Wer das verstanden hat, dem fällt vielleicht auch auf, dass auch dieses uns so fremde "Zungenreden" von Paulus hier nirgends grundsätzlich in Frage gestellt wird. Hört euch doch Sätze wie diesen noch einmal an: "Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht in: im Geist redet er Geheimnisse." Paulus geht es auf keinen Fall darum, das eine auf Kosten des anderen auf- oder abzuwerten. Die Frage, die er hier immer wieder stellt, ist eine ganz andere -- nämlich: Welchen Nutzen hat die Gemeinde davon? Werden andere dadurch aufgebaut? Werden Menschen, die das Evangelium noch nicht kennen, davon zu Gott eingeladen oder von Gott abgehalten?

Im Grunde steckt die ganze Aussage des Apostels schon im allerersten Vers dieses Texts: "Strebt nach der Liebe!"

Wer den Brief im Zusammenhang liest, den sollte das nicht überraschen. Direkt davor steht nämlich das berühmte "Hohe Lied der Liebe" aus 1. Korinther 13, das der Apostel so beginnt:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. (1. Korinther 13,1-2)

Dem berühmten Philosophen Sokrates wird die Regel von den "drei Sieben" zugeschrieben, durch die man alles Reden erst einmal filtern solle, um zu sehen, was man sagen sollte und was nicht. Die drei Siebe sind drei Fragen: Ist es wahr, was du sagen willst? Ist es gut, was du sagen willst? Ist es wichtig und notwendig, was du sagen willst?

In gewisser Weise gibt uns Paulus hier ganz ähnliche Siebe für jede Äußerung des Glaubens mit: Zeugt es von der Liebe, was du sagen willst? Baut es andere auf, was du sagen willst? Lädt es Menschen zu Gott ein, was du sagen willst?

Ich denke, wir tun gut daran, Paulus ernst zu nehmen, wenn er hier alles Reden auf diese Prüfsteine stellt. Die von ihm erwähnten Äußerungen von prophetischem Reden und dem "Reden in Zungen" sind ja nur so etwas wie die Endpunkte einer breiten Vielfalt, die sich in Gottes Kirche finden. Und auch, wenn bei uns manches davon eher selten oder gar nicht auftaucht, so ist doch auch in unserer Gemeinschaft eine ähnliche Vielfalt vorhanden -- wir müssen uns dessen vielleicht nur wieder bewusst werden. Die Predigt, die der Pfarrer von der Kanzel hält, deckt da nur einen winzigen Ausschnitt ab. Das Spektrum reicht vom hochkomplizierten theologischen Fachvortrag bis zur freundlichen Begrüßung an der Kirchentür. Es schließt das Geplauder auf dem Weg zum Platz oder am Ausgang der Kirche mit ein. Und wenn wir ernst nehmen, dass wir ja alle Kirche sind, dann gehört alles, was wir auch draußen, außerhalb dieses Gebäudes äußern mit dazu. Sogar das, was ungesagt beim anderen ankommt.

Zeugt es von der Liebe? Baut es andere auf? Lädt es Menschen zu Gott ein?

"Strebt nach der Liebe!", ruft uns Paulus zu.

Dieser ganze Sonntag steht unter der Überschrift der Einladung. Im Evangelium leuchtet sie auf: Gott lädt die Menschen in Jesus Christus zu sich ein. Kommt alle her! Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen! Das war seine Botschaft, in Wort und Tat, in Predigt und in Zeichen und Wundern, im Sterben und in der Auferstehung. Kommt her! Ihr seid eingeladen! Gott wendet sich euch freundlich zu.

Evangelium.

"Strebt nach der Liebe!", ruft uns Paulus zu. Baut andere auf. Ladet sie ein. Sprecht Evangelium, lebt Evangelium, seid Evangelium in allem, was ihr sagt und tut.

Das ist Herausforderung genug, auch für uns in Tailfingen.

Strebt nach der Liebe!

Am besten geht das, wenn man sich selbst immer geliebt weiß, selbst immer eingeladen. Vielleicht fängt es damit an, dass wir uns das gegenseitig immer wieder zusprechen und erzählen. Mit all unserer Unterschiedlichkeit, die dann für alle zum Gewinn wird. Befähigt und erfüllt mit Gottes Geist, der uns Zeugnis von seiner Liebe gibt.

So dass wir begeistert davon werden, ansteckend begeistert und die Einladung der Liebe Gottes in allem sichtbar wird.

Amen.



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