Wenn Ihr Sprössling völlig überraschend ankündigt, er wolle mal eben spazieren gehen werden Sie vielleicht den vermeintlichen Erfolg ihrer Jahrelangen pädaogischen Bemühungen feiern wollen. „Junge, geh doch mal raus“. „In Deinem Alter waren wir ständig auf dem Bolzplatz“ und so weiter.
Abgesehen davon, dass das vermutlich nicht stimmt sind nicht sie der Verursacher des plötzlichen Sinneswandels. Taubsi ist es. Ein kleines gelbes Tierchen, gezeugt von Nintendo, geboren von Pokemon Go und im Juli entlassen in die freie Wildbahn. Pokemon ist ein altes Computerspiel, das mit dem Smartphone laufen gelernt hat. Und dank permanenter Ortung jetzt das Smartphone verlassen und die Umgebung unsicher gemacht hat.
Die kleinen gelben Monster tauchen überall auf: Auf dem Frühstücksbrot, in der S-Bahn, auf irgendwelchen kulturträchtigen Gebäuden – die Aufgabe des der Pokemon-Sucht verfallenen Spielers: Soviele Pokemons einfangen wie möglich.
Und dafür – und jetzt kommt der pädagogisch-wertvolle Nebeneffekt des päddagogisch unsinnigen Spiels – dafür muss der Spieler zu Fuß unterwegs sein.
Allen, die Pokemon Go für sinnfreien Quatsch halten sei gesagt: keine Panik. Die virutelle Welt hat unglaublich kurze Halbwertzeiten. Und wenn schon nicht geschossen, gemetzelt und verstümmelt wird, sind wir ja schon dankbar. Und: es gibt immer wieder Gegenbewegungen. Wandern zum Beispiel ist wieder total in. Lange bevor es Pokemon Go gab. Also rein in die Wandergaloschen und raus. Mit oder ohne Smartphone.
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