Geschlechtermacht: Echo von Frida Kahlo (Teil 10 von 12)
Die Schere ist kalt an ihrem Hals. Strähne für Strähne fällt Diegos Mexiko-Traum auf die Badezimmerfliesen. Und im Spiegel taucht jemand auf, den Frida Kahlo immer gekannt und nie an die Oberfläche gelassen hat.
Die Scheidungspapiere sind unterschrieben, die Brücke zwischen dem blauen und dem roten Haus führt nirgendwohin mehr. Frida steht barfuß vor dem Spiegel, hebt die Schere und schneidet sich das lange schwarze Haar ab, jede Strähne ein Stück der Frau, die sie für Diegos Blick geworden war. Als sie seinen zurückgelassenen Anzug über ihr nacktes Haar zieht, die Jade-Ohrringe ihrer Großmutter noch an den Ohren, den roten Lippenstift noch auf den Lippen, sieht sie zum ersten Mal beides gleichzeitig: Papás Kiefer und Mamás Sinnlichkeit, Tehuana-Macht und männliche Form, kein Kostüm hebt das andere auf. Sie greift nach ihren Pinseln, um genau das festzuhalten, das abgeschnittene Haar wie Beweismaterial um den Stuhl, das grausame Lied als Inschrift über der Leinwand.
1940. Frida Kahlo ist 33. Coyoacán, Mexiko-Stadt.
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