Christoph predigt

Gott zum Anfassen


Listen Later

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in Tailfingen,

Ich verstehe das nicht mehr.

Sie steht am Eingang der Kirche und entfaltet sorgfältig ihren gelben Impfass und das Papier mit dem Testnachweis. "Hier, ich habe alles dabei." Ganz überrascht ist sie, dass keiner das sehen will. Aber beim Friseur hat sie es doch auch gebraucht und im Schuhladen. Ach: In der Kirche nicht? Wer soll das noch verstehen?

Beim Döner nebendran wird gar nichts kontrolliert. Auch meinen QR-Code auf dem Handy quittiert man nur mit einem Achselzucken. "Ständig neue Regeln und wir sollen dann die Arbeit des Gesundheitsamts machen. Dabei sagt uns keiner, was wir genau tun müssen. Wer soll da noch durchblicken?"

Wem sollte man es verübeln, da überfordert zu sein? Wer von uns hätte denn vor zwei Jahren, vor Beginn der Pandemie, gewusst, was Inzidenzen sind. Oder ein R-Wert? Oder ein Spike-Protein?

Auch wenn die Antworten auf vieles nur eine Google-Suche entfernt sind, so kann man es doch verstehen, wenn viele nicht mehr durchblicken. Klar, es gibt stichhaltige Studien, die wissenschaftliche Erkenntnisse belegen. Methodisch einwandfrei, veröffentlicht in hochkarätigen Fachmagazinen wie "The Lancet" oder "New England Journal of Medicin". Peer-review, für alle, die wissen, was das ist. Aber genau das ist doch oft der Kern des Problems: Wer soll denn das alles wissen? Wer soll denn das alles verstehen können?

Das ist nicht nur so, wenn es um Corona geht. Die Welt ist kompliziert geworden. Globalisiert. Man geht davon aus, dass das komplette Wissen der Menschheit sich momentan in weniger als 5 Jahren verdoppelt. Wer soll da noch folgen können? Kein Wunder, dass viele einfach abschalten, und nach einfachen Erklärungen suchen, auch wenn die Quellen dafür oft sehr zweifelhaft sind.

Das Problem ist nur: Geht es mit Gott nicht vielen oft ganz ähnlich?

Wenn wir über Gott reden, sind wir ganz schnell bei den ganz großen Themen. Der erste Johannesbrief macht es uns hier ja vor: "Was von Anfang an war...", beginnt der heutige Predigttext. Schlaue Bibelkenner, die ein wenig den Überblick haben, erkennen sofort ein Zitat aus dem ersten Kapitel des Johannesevangeliums: "Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott", heißt es dort. Auch ein Zitat, eine Anspielung auf den allerersten Satz der Bibel, in der ersten Schöpfungserzählung der Genesis: "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde."

Merkt ihr was? Schon im ersten Satz sind wir bei den ganz großen Größen gelandet. Beim Anfang aller Anfänge. Beim Ursprung aller Dinge. Bevor das Universum geschaffen wurde. Bevor alles, was wir kennen und verstehen können, ins Leben gerufen wurde. Vor der Materie. Vor der Zeit. In der Ewigkeit der Ewigkeiten. Schon im ersten Satz sprengt dieses Nachdenken über Gott alle Grenzen meines kleinen Verstands. Wer könnte seine Geheimnisse je durchdringen?

Gott ist groß. Größer als alles andere. Anders als alles andere. Über alles andere. Vor allem anderen. Gott ist so anders, so einzigartig, so komplex, so tiefgründig, so unverständlich, und zu allem dem noch unsichtbar, dass mein Verstand an ihm nur scheitern kann.

Das zu erkennen, hat etwas mit Demut zu tun. Es ist gut und weise, sich im richtigen Verhältnis zu dem unendlichen Schöpfer des Himmels und der Erde zu sehen.

Nur: Was mache ich denn mit so einem unendlichen, unfassbaren Gott? Was hat der denn mit meinem Alltag, meiner Lebenswelt zu tun? Was hilft mir denn alle noch so spannende Spekulation über den Einen, Ewigen, wenn meine Frau todkrank wird? Wenn ich vor Sorgen nicht mehr aus noch ein weiß? Wenn ich mich schon vom viel realeren Rest meines Lebens völlig überfordert fühle? Was helfen mir denn die unergründlichen Geheimnisse des ewigen Schöpfers, wenn ich nicht weiß, wie ich meine Rechnungen bezahlen soll? Wenn ich mich einsam fühle? Wenn ich verletzt wurde, wenn ich traurig bin, wenn ich einfach nur jemand brauche, der mich einmal richtig in den Arm nimmt und fest drückt?

Schon immer haben auch da viele Zuflucht in den einfachen Erklärungen gesucht. "Einen Gott, den ich nicht verstehen kann, gibt es für mich nicht.", sagen die einen. Andere bauen sich einen Götzen, den man immerhin sehen kann. Und Christen, die das nicht dürfen, bauen sich ihre einfachen Gottesbilder eben im Kopf.

Und Gott?

Der macht sich auf den Weg!

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei. (1Jo 1,1-4)

Der Schreiber dieser Zeilen hat etwas erlebt, hat etwas begriffen, was ihn so begeistert, dass er es anderen nicht vorenthalten will: Gott ist gekommen! "Das Leben ist erschienen" ist kein undurchschaubarer philosophischer Satz. Das Leben, von dem Johannes hier schreibt, kann man mit eigenen Augen sehen (dreimal!), kann man hören und anfassen. Man kann es erleben. Man kann ihm begegnen. Man kann es ansprechen.

Christus selbst ist dieses Leben. Christus, der Messias, der von Ewigkeit her Gesandte -- wieder so ein großer Gedanke. Jesus ist dieser Christus, lautet das grundlegende Bekenntnis der Christen. "Jesus Christus" -- im damaligen Griechisch ist das schon ein Satz. "Jesus ist der Christus."

Der Unendliche von Ewigkeit her wird Mensch. Er "wohnt unter uns", heißt es im Johannesevangelium. Gott macht sich klein, begrenzt sich. Wird ein Kind in der Krippe, ein Junge in Nazaret, ein Mann aus Galiläa. In ihm liegt die ganze Fülle Gottes, heruntergebrochen auf das, womit wir etwas anfangen können.

Wer wissen will, wie Gott ist, braucht nicht die unendlichen Tiefen der Philosophie zu durchschauen. Wer wissen will, wie Gott ist, braucht nicht erst einen Doktorgrad in Theologie (so faszinierend ich theologisches Denken auch finde). Wer wissen will, wie Gott ist; was seine Liebe bedeutet; wie er zu uns Menschen steht; wie er auf unseren Alltag reagiert -- wer das alles wissen will, der braucht nur auf einen zu schauen: Auf diesen Mann aus Nazaret, in dem Gott Mensch wird. In ihm sehen wir Gott wie nie zuvor. Hören wir Gott, wie nie zuvor. Erleben wir Gott, wie nie zuvor. Wer ihn anschaut, der schaut Gott direkt in die Augen.

In Jesus wird Gott wird historische Größe.

Wie schade, dass ich damals nicht dabei war, denkst du jetzt vielleicht. Das dachten die Leser des ersten Johannesbriefs auch -- eine Generation später.

Schaut, natürlich kann ich ihn nicht mehr selbst sehen, hören, anfassen. Aber in Jesus hat sich Gott ein für alle Mal sichtbar, hörbar, anfassbar gemacht. Weil er Mensch wurde, und ich mit Menschen etwas anfangen kann, helfen mir die Zeugnisse der Menschen, die ihn selbst gesehen, gehört und angefasst haben -- der erste Johannesbrief genauso wie die Evangelien. Wenn ich mich in ihre Geschichten, ihr Zeugnis, vertiefe, dann wird der Mensch Jesus für mich immer plastischer. Und Gott immer realer.

Ich sehe ihn, wie er ohne Scheu und Ausgrenzung auf alle zugeht. Ich sehe ihn, wie er selbst den kleinen Kindern Gott nahe bringt. Ich sehe, wie er die Unberührbaren berührt; wie er aussichtlose Situationen völlig umkrempelt. Ich höre seine Worte über Gott, ganz oft in Gleichnissen, die jeder verstehen konnte. Er redete von Gott, wie keiner vor ihm, staunten die Menschen damals. Ich sehe, wie er berit ist, in alle Tiefen und Leiden des menschlichen Lebens mit hineinzugehen -- selbst in den Tod. Und mit jedem Wort, mit jedem Satz, mit jeder Geschichte, mit jeder Handbewegung und jedem Schritt dieses Jesus kommt mir Gott näher. Jesus kann ich verstehen, kann ihn mir vorstellen. Ich kann ihn in meine eigene Lebenswelt hineindenken. Ich sehe, wie er damals war und ahne, was er heute tun und sagen würde, in Tailfingen, in meinen Alltagssituationen.

So will ich immer wieder einzig und allein auf diesen Jesus schauen. Er bringt mir den unendlichen Gott ganz nahe. Durch ihn passt Gott in mein Leben. In ihm finde ich diese Gemeinschaft mit Gott, von der Johannes redet, das Leben, von dem er zeugt. Den Gott, der mit mir ist. (Immanuel -- wisst ihr noch...?) und die Freude, die nur Gott selbst bringen kann.

Das wünsche ich uns allen für das neue Jahr.

Amen.

...more
View all episodesView all episodes
Download on the App Store

Christoph predigtBy Christoph Fischer


More shows like Christoph predigt

View all
Hoffnungswort - Predigten von Pfarrer Andreas Roß by Andreas Roß

Hoffnungswort - Predigten von Pfarrer Andreas Roß

0 Listeners