Christoph predigt

Guten Appetit


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem Buch des Propheten Hesekiel, aus dem 18. Kapitel:

1 Und des Herrn Wort geschah zu mir: 2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? 3 So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. 4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben. 21 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben. 22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat. 23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? 24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern wegen seines Treubruchs und seiner Sünde, die er getan hat, soll er sterben. 30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der Herr. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt. 31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? 32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste, spricht Gott der Herr. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben. (Hes 18,1–4.21–24.30–32)


Geliebte Gottes in Burladingen,

Aus der Kategorie "Was Israels Propheten nicht wussten": Geschmack ist tatsächlich teilweise vererblich. Das konnten sie aber auch noch nicht wissen. Erst in den letzten Jahren hat man das herausgefunden. Wissenschaftler unter der Leitung von Professor Tim Spector haben die Essgewohnheiten von 3262 weiblichen Zwillingen untersucht. Dabei analysierten sie die Essensgewohnheiten von eineiigen Zwillingen, die identisches Erbgut haben, und die von zweieiigen Zwillingen, die nur die Hälfte der Gene gemeinsam haben. Daraus berechneten sie den Einfluss der Gene auf die Ernährung. Und siehe da: Geschmack ist tatsächlich erblich. Beeinflusst wird er von unseren Genen genauso wie von unserer Prägung und der Essenskultur der Leute um uns her. Wo man seit Generationen davon ausgeht, dass Hund eher eklig ist, da wird auch die nächste Generation dessen Fleisch vermutlich eher nicht probieren.

Aber zurück zu den Propheten. Es gab dieses alte Sprichwort in Israel: "Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden."

Saure Trauben. Na guten Appetit!

Dass das mit den Zähnen nicht wörtlich so ist, wussten auch schon die Menschen der Antike. Die Beobachtungen, die sie im alltäglichen Leben machten, schienen aber dafür zu sprechen, dass das im übertragenen Sinne schon gilt. Die eine Generation muss die Suppe auslöffeln, die ihre Vorfahren ihnen eingebrockt haben. Das kennen wir bis heute in manchen Bereichen -- im Kleinen, in der Familie, oder auch in großen Dingen wie der aktuellen Situation rund um den Klimawandel, wo unsere Kinder einmal ausbaden werden müssen, was wir getan oder unterlassen haben. Eine Lebensweisheit also -- gegründet auf sorgfältige Beobachtung und schonungslose Analyse.

Spannend wird es vor allem dann, wenn man jetzt noch Gott in das Gesamtbild mit einbezieht. Was sagt das denn über ihn aus? Auch im antiken Israel hatte man dazu seine Schlüsse gezogen. Und als der gerade verlesene Text von Hesekiel geschrieben wurde, da war man mitten drin in einer Situation, die das Prinzip besser als je zuvor zu veranschaulichen schien. Voraus gingen nämlich Jahrhunderte, in denen Israel immer wieder -- mal mehr, mal weniger -- das Interesse an seinem Gott Jahwe verloren zu haben schien. Propheten warnten immer, riefen zur Rückkehr auf. Stellten üble Konsequenzen in Aussicht, falls das Volk den gemeinsam eingeschlagenen Weg nicht ändern sollte. Aber die Buße, die Umkehr blieb aus. Und dann kam das dicke Ende: 587 vor Christus machte Nebukkadnezar II., König des babylonischen Großreichs im heutigen Irak, das Südreich Juda und seine Hauptstadt Jerusalem samt dem dortigen Tempel Gottes dem Erdboden gleich. Der Großteil des Volkes geriet in Gefangenschaft. Nach Babylon, endlos weit weg von der Heimat, wurden sie deportiert.

"By the rivers of Babylon", der Hit vergangener Jahrzehnte, stammt eigentlich aus dieser Zeit. Psalm 137: "An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten." (Psalm 137,1).

Da hockten sie nun, die Heulenden. Die freudigen Lieder verstummt und vergessen. Die Harfen aufgehängt an den Weiden am Ufer des Euphratstroms.

"Siehste", wird sich da mancher gedacht haben: "So ist Gott." Der hat einen langen Atem. Der Ruf zu Buße und Umkehr war ja da. Zweite, dritte, vierte Chance. Wahrscheinlich auch die siebenundzwanzigste. Aber irgendwann ist es dann vorbei. Da fällt der Hammer. Da hat die Gnade ein Ende. Da muss er dann eben Gerechtigkeit schaffen -- richten, bestrafen, wo es nicht so lief, wie es sollte. Darauf wartet er lange. Aber dann tut er es -- ganz bestimmt. Und wir sind die, die es erwischt hat.

Da ist Gott dann vor allem eines: Der konsequente, strenge Richter der Welt, dem nichts entgeht und der nichts ungesühnt lässt. Der dann schon mal eine ganze Generation mit ins Gericht nimmt, wenn es darum geht, einem ganzen Volk eine Lektion zu erteilen.

"Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden."

Da geht's nicht um Mundhygiene. Da geht es um Gott.


Und der widerspricht. In aller Deutlichkeit.

So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.

Dieses Sprichwort nicht.

Üble Nachrede ist das in seinen Augen, denn er ist nicht ungerecht, darauf besteht Gott in diesem Text. Er weiß die Menschen wohl zu unterscheiden. Er sieht den Einzelnen, die Einzelne, und nicht nur irgendein diffuses Gesamtpaket. Bei Gott gibt es keine Kollateralschäden.

Nochmal, langsam, zum Mitdenken: Bei Gott gibt es keine Kollateralschäden. Niemand gerät als Opfer unschuldig unter die Räder eines allgemeinen Gottesgerichts. Bei ihm heißt's nicht: "Mitgefangen, mitgehangen." Er nimmt uns nicht in Sippenhaft.

Vergiß den Spruch mit den sauren Trauben. So ist Gott nicht.


Das hätte man sich -- nebenbei bemerkt -- gleich denken können. Es geht immer schief, wenn man irgendwelche allgemeinen Lebensweisheiten eins zu eins auf Gott übertragen will. Gott ist anders als alles, was wir kennen. Wer sich einbildet, ihn verstanden zu haben, der läuft einfach mit einem Götzenbild im Kopf herum. "Du sollst dir kein Bildnis machen" -- dieses Gebot hat seinen Grund. Es will uns vor genau solchen Fehlschlüssen über Gott bewahren.

Wer etwas über Gott wissen will, hat eigentlich nur eine richtig gute Chance: Er muss da hinschauen und hinhören, wo Gott sich selbst, von sich aus, erfahrbar macht. Wenn er redet, wie hier durch seinen Propheten, ist das ein guter Moment. Und der allerbeste Moment ist da, wo er Mensch wird, in Jesus Christus. Wer den anschaut, beginnt zu sehen, wie Gott wirklich ist.


Aber zurück zu Hesekiel: Gott möchte nicht mehr an irgendwelchen traubigen Lebensweisheiten gemessen werden. Er ist anders. Keine Kollateralschäden. Gott ist groß genug, um den Einzelnen, die Einzelne, zu sehen. Jeden. Jede. Dich.

Merke also: Gott sieht dich. Er übersieht dich nicht.

Nochmal: Gott sieht dich. Er übersieht dich nicht.

Das sollte jetzt eigentlich eine der besten Botschaften sein, die du je gehört hast. Nimm sie mit. Schreib sie auf Zettel und häng sie überall in deiner Wohnung auf. Schreib sie mit Lippenstift auf deinen Badezimmerspiegel. Sag sie dir immer wieder vor -- gerade auch dann, wenn du am Verzweifeln bist und dich von allen verlassen fühlst: Gott sieht dich. Er übersieht dich nicht. Die beste Botschaft der Welt.

Leider war sie genau das ganz oft nicht. Auch ohne das schiefe Bild von den sauren Trauben scheinen wir Menschen ein Talent darin zu haben, Gott völlig falsch einzuschätzen. Und so findest du quer durch die Kirchengeschichte nun eben immernoch das gleiche Bild von dem strengen, unbarmherzigen Richtergott, der jetzt eben bei jedem einzelnen ganz genau hinschaut. Die Vorstellungen, was er dann tut, wenn du daneben liegst, die wandeln sich immer wieder: Ob er nun gleich Blitz, Donner, Krankheit und Unglück als Strafe vom Himmel schickt, dir einfach irgendwie das Schicksal der kommenden Lebensjahre vermiest oder einfach geduldig abwartet, bis er dich am Ende zur Strafe auf ewig im Höllenfeuer braten kann -- da gibt es immer wieder neue Ideen, mit denen die Leute so unterwegs sind. Allen gemeinsam ist: Sie sind falsch. Denn Gott wehrt sich genau dagegen. Bei ihm ist es eine durch und durch gute Nachricht, wenn ich dir heute sage: Gott sieht dich. Er übersieht dich nicht.


Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? ... 32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste, spricht Gott der Herr. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.


Was hier viel zu oft untergegangen ist, ist die Grundmotivation Gottes -- sein Herzschlag, wenn du so willst, -- der aus diesen Zeilen spricht. Vielleicht müssten wir einfach genauer hinhören, dann würden wir es merken: Gott will das Leben! Gott sorgt sich um seine Menschen! Gott will das Beste für seine Menschen. Gott sitzt nicht nur da, in erhöhter Beobachterposition, schreibt alles auf und hält den Hammer bereit für das Endgericht. Gott droht nicht nur schnaubend und zornig mit Strafe und ist vielleicht -- aber nur vielleicht, unter den richtigen Bedingungen und mit den richtigen Worten, Gebeten, mit dem richtigen Frömmigkeitsstil und Heiligkeitslevel und natürlich mit der richtigen Anzahl Gottesdienstbesuche -- dann gerade noch zu überreden, dich doch noch irgendwie durch zu lassen. Nein.

Gott sieht dich mit unendlicher Liebe an.

Er will dich. Er liebt dich. Er will, dass du das Leben hast.

Nochmal: Gott sieht dich mit unendlicher Liebe an.


Und deshalb ist er ganz anders, als so viele es immer dachten. Hätte man merken können, besonders, wenn man auf Jesus schaut. In dem schenkt Gott uns nämlich alles. Gnade. Vergebung. Sein Leben. In ihm versöhnt Gott die ganze Welt mit sich, schreibt Paulus.

Deshalb (und nur deshalb) können wir heute die kleine Theresa taufen und uns daran freuen, dass Gott sein "Ja" zu ihr ohne irgendwelche noch zu erfüllenden Bedingungen sagt. Die Bedingung ist Gott selbst und wie er ist -- und das ist Liebe. Liebe, die sich in Jesus Christus gezeigt hat und alles tat, was es brauchte, um Theresa mit Gott zu versöhnen. Die Welt mit Gott zu versöhnen. Dich und mich mit Gott zu versöhnen.

Deshalb (und eigentlich nur deshalb) können wir heute Gottesdienst feiern und Gemeindefest gleich mit. Weil es nämlich Grund zum Feiern gibt: Gott sieht uns. Gott liebt uns. Gott will uns. Gott schenkt uns Leben. Gott hat sich mit uns versöhnt.

Und deshalb vergessen wir die sauren Trauben. Und essen lieber Schnitzel, oder Kartoffelsalat, oder Maultaschen, oder was immer sonst Ulli Pahl und sein Team Gutes für uns vorbereitet haben. Und mit jedem Bissen, mit jeder Kaubewegung, da schmecken wir nicht einen Gott, der uns sauer aufstößt, sondern Liebe und Leben und Versöhnung.

Amen. Und Guten Appetit.

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