Christoph predigt

Hasenherz


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes,

Noch einmal:

1 Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! 2 Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen. 3 Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich gebe Ägypten für dich als Lösegeld, Kusch und Seba an deiner statt. 4 Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich und weil ich dich lieb habe, gebe ich Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben. 5 So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, 6 ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, 7 alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe. (Jesaja 43,1-7)

(Aus dem Buch des Propheten Jesaja, aus dem 43. Kapitel)

Gestatten, ich bin ein Angsthase. Und ich kann euer Erstaunen verstehen, denn Exemplare meiner Gattung begegnen einem selten so offensichtlich in freier Wildbahn. Wir sind einfach zu scheu, was das angeht. Schließlich soll uns ja auch nicht jeder gleich als Angsthasen erkennen. So haben wir im Lauf der Zeit instinktive Taktiken entwickelt, wie wir ungeschoren davon kommen. Wir kauern uns in eine Furche auf freiem Feld. Wir machen uns klein und unauffällig, um nicht sofort als das gesehen zu werden, was wir sind. Wenn es uns dann doch zu brenzlig wird, dann sind wir rasend schnell weg. Wie der Blitz querfeldein, wir schlagen Haken, streuen Ausflüchte und Ausreden, haben alle möglichen Erklärungen parat und Verpflichtungen im Kalender, die vor allem ein Ziel haben: Nichts wie weg hier. Nie stehen bleiben, wo wir Gefahr wittern. Nie lange genug stillstehen, dass unser Kopf Zeit bekommen könnte, mit dem umzugehen, was uns so fahrig und ängstlich macht. Lieber schnell den Kopf einziehen, die Ohren anlegen und dann weg, so schnell es geht.

Apropos Ohren. Manche von uns haben noch ganz andere Strategien entwickelt. Die klappen ihre Ohren ein und tarnen sich. Sie tun so, als seien sie gar keine Angsthasen. Sie wollen stark und mutig aussehen, als ob sie souverän und furchtlos mit jeder Lage fertig würden. Als ob nichts und niemand sie je erschüttern könnte. Als ob da in ihnen kein kleines, ängstliches Hasenherzchen schlagen würde, sondern ein großes, mutiges Löwenherz hinter einer breiten, muskulösen Brust. Manche haben es damit so weit gebracht, dass sie in den Spiegel schauen können und selbst einen Löwen darin entdecken. Aber, lasst euch gesagt sein: Das ist nur Tarnung. Egal, wie groß und breit sich da einer von uns aufplustert -- wenn du uns nahe kommen würdest, in einem dieser Momente, wo wir kurz innehalten; wenn du dich neben uns legen könntest in einer dieser Ackerfurchen, wo wir uns zumindest ein bisschen in Sicherheit fühlen, dann würdest du es spüren, ganz deutlich: das kleine Hasenherz, das rast und flattert und die Anspannung in den Muskeln, immer bereit zu fliehen. Du würdest unsere zitternde Nasenspitze sehen und den Kopf, der sich tief in den Nacken zurückzieht, und die aufgestellten Ohren und es wäre kein Zweifel mehr übrig: Das ist ein Angsthase.

"In der Welt, da habt ihr Angst", sagt Jesus Christus selbst über unsere Spezies. Auch wenn uns das gar nicht recht ist, dass der das so laut und öffentlich sagt, so unverschämt, er hat ja recht.

Gestatten, wir sind Angsthasen. Jeder von uns auf seine Art.

Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht.

Fürchte dich nicht!

Fürchte dich nicht?

Dabei redet er doch selbst von den Wasserströmen, als wisse er Bescheid in unseren Ahrtälern und unseren versinkenden Inseln, als kenne er unsere Zukunftsprognosen von einer Erde, die sich unumkehrbar wandelt und als kenne er die Sorgen, die uns das bereitet, für uns selbst und unsere Kinder und Kindeskinder. Hört er denn nicht den schnellen Schlag unserer Hasenherzchen und sieht er uns denn nicht flitzen, weg, schnell in Deckung, oder schnell noch einmal in den Urlaub fliegen und eine neue Gasheizung kaufen, so lange es die noch gibt. Er redet von Wasserströmen. Sieht er denn nicht, wo uns das Wasser überall bis zum Hals steht?

Fürchte dich nicht?

Dabei redet er doch selbst von Feuerflammen, als wisse er Bescheid über die Hitze, die uns die Hölle heiß macht. Die Hitze des Wetters, mit täglich neuen Rekorden, mit 48°C in Italien und Griechenland und unbarmherziger Schwüle hier, die uns selbst auf der Alb den Schlaf raubt. Die Hitze sich aufheizender Konflikte, im Großen ganz in unserer Nähe mit Krieg in Europa genauso wie im Kleinen, wo wir uns gegenseitig einheizen in Familien und Nachbarschaften und unter Arbeitskolleg:innen und in der Schule? Sieht er denn unsere angesengten Schnurrbarthaare nicht zittern?

Fürchte dich nicht?

Von Ägypten redet er und von Kusch und Seba, zu Israel damals, von den Reichen und Mächtigen ihrer Zeit. Von Babylon muss er gar nicht reden, denn da sitzen die, die diese Worte hören sollen, seit bald 70 Jahren im Exil, in der Gefangenschaft fern von der Heimat. Ein Spielball eben dieser Reichen und Mächtigen sind sie geworden. Und wenn Kusch, Seba und Babylon uns heute auch recht wenig sagen, so gibt es sie doch auch -- die Mächte, denen wir uns schutzlos ausgesetzt fühlen. Manche sehen sie in der Politik, die sie nicht verstehen; in einer Welt, die immer komplexer wird -- wer soll da noch mitkommen? Andere schauen mit Bauchweh auf die wachsenden Umfrageergebnisse extremistischer Parteien. Wir brauchen doch gar kein Kusch, Seba und Babylon. Die Putins und Kims, die Gewaltherrscher und Demagogen unserer Zeit sind mindestens genauso beeindruckend.

Fürchte dich nicht?

Hör doch auf das Tremolo unserer flatternden Hasenherzchen! Was für eine Zukunft, was für eine Welt gibt es denn für uns, und für die kleinen Häschen, die hier heute getauft wurden?

Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht.

Fürchte dich nicht.

Und dann redet er mit mir, als würde ich einer ganz anderen Spezies angehören. Als sei ich gar kein Angsthase.

Fürchte dich nicht.

Nein, er ist nicht auf meine Tarnung reingefallen. Er sieht nicht den furchtlosen Löwen in mir, der ich so gerne wäre. Er hört jeden einzelnen Herzschlag, auch wenn mein Puls so rast, dass man das dumpfe Klopfen kaum mehr auseinanderhalten kann.

"Fürchte dich nicht.", sagt er. Als ob ich einer von denen wäre, die das können. Kein Angsthase. Ein Gotteskind.

"Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst." Ich habe dich herausgenommen aus den Zwängen, in die deine Welt dich stellt. Wo du beweisen musst, dass du ein mächtiger Löwe bist, dessen Mähne im Wind flattert und dessen Brüllen die Berge zittern lässt; und nicht nur ein kleiner, bebender Hasenfuß. Ich habe dich befreit davon. Du kannst dazu stehen, was du bist und wie du dich fühlst. Und vor allem: Fürchte dich nicht.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du dachtest, als du von Babylon und Ägypten hörtest, dass es immer nur um die Großen, Tollen und Mächtigen ginge. Was zählt da schon ein Einzelner, eine Einzelne? Was zählt da schon überhaupt jemand wie du? Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Ich kenne den nämlich. Ich habe dich nicht übersehen und nie vergessen und es fällt mir nicht im Traum ein, das zu tun. Also: Fürchte dich nicht!

Fürchte dich nicht, denn du bist mein. Ich selbst habe dich zu einem Teil meiner Familie gemacht. Du trägst seit deiner Taufe nicht nur deinen, sondern -- viel wichtiger! -- meinen Namen: Den Gottesnamen selbst, heilig und mit der schönsten Bedeutung, die es geben kann: "Ich bin für euch da." Ich bin für dich da. Ich werde immer für dich da sein. Jeden Tag, bis ans Ende der Welt und wann das ist und wie das kommt ist dann gar nicht mehr so wichtig. Du bist mein! Also: Fürchte dich nicht.

Ja, da kommen vielleicht Wasserströme und Feuerflammen. Er redet es gar nicht schön, was da vielleicht auf mich zukommen konnte. So wie Israel damals die bittersten Momente der Heimatferne erleben musste. Wasser und Feuer -- aber: "Ich bin der Herr, dein Gott." Spätestens da müsste jedem in Israel ein Licht aufgegangen sein. Diesen Satz kannten sie doch. Meine Drittklässler:innen mussten den gerade auswendig lernen. Er steht, wie eine Überschrift, vor den 10 Geboten, vor den Lebensregeln Gottes für die Menschen, mit denen er seinen Bund schließt: "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat." Mit anderen Worten: Schau doch, was ich bereits für dich getan habe. Schau doch, wo ich bereits für dich da war -- übrigens, bevor du auch nur ein einziges Gebot eingehalten hast. Nicht verdient also, sondern einfach, weil ich dich liebe. "Ich bin der Herr, dein Gott." Deshalb: Fürchte dich nicht.

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen.

Fürchte dich nicht, sagt er, denn du bist mir unendlich viel wert. Ich würde alles für dich tun. Was ist denn schon Ägypten? Was sind denn Kusch und Seba, mit ihren Reichtümern? Die ganze Welt ist nicht so viel wert, wie du mir es bist. Ich würde alles für dich hergeben. Ich habe es sogar bereits getan. Schau mal auf Christus, der für dich ans Kreuz ging. Du bist mein. Fürchte dich nicht.

Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich und weil ich dich lieb habe, gebe ich Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben.

Fürchte dich nicht.

Du musst kein Angsthase sein. Du bist ein Gotteskind.

Geliebt. Geschätz. Begnadet. In seiner Hand.

Fürchte dich nicht.

Das kleine Häschen schaut jetzt doch etwas fragend. War denn die ganze Angst grundlos? War das alles nur Einbildung? Ein Blick genügt und die Angst will zurückkommen. Die Lage ist doch immer noch dieselbe. Ich bin doch immer noch, wo ich vorher war.

Das leugnet ja auch keiner. Auch er nicht. Für Israel, damals, im Exil, hatte er folgende Ansage:

Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.

Ich, der ich viele Jahrhunderte später lebe, weiß, wie die Geschichte ausgeht. Weiß vom Ende des Exils und der Rückkehr in die Heimat, die man damals nur erhoffen konnte.

Meine eigene Zukunft kenne ich nicht. Auch ich kann nur aus der Hoffnung leben. Aus dem Vertrauen auf den, der Israel heimbrachte und mir seinen Beistand versprochen hat. Vertrauen. "Glaube" nennen wir das hier in der Kirche.

Während ich mit ihm vorwärts gehe, schlägt in mir immer noch ein kleines Hasenherzchen. Wenn es zu rasen beginnt, bleibt mir immer wieder nur neu der Blick auf ihn. Dann höre ich neu seine Stimme -- höre, was er mir damals zugesagt hat und was bis heute unverändert gilt:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Dann schlägt das Hasenherzchen wieder etwas langsamer. Ein Löwe bin ich dadurch nicht geworden. Aber immerhin, immer wieder ein KeineAngstHase.

Das reicht, solange er da ist.

Amen.

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