In dieser Episode steht die Frage im Mittelpunkt, wie wissenschaftliche Erkenntnisse konkret im Hörakustik-Studio
ankommen und wie Beratung messbar unterstützt werden kann. Prof. Dr. Inga Holube, Professorin im Studiengang Hörtechnik und Audiologie an der Jade Hochschule in Oldenburg, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit genau dieser Verbindung von Forschung und Praxis. Nach ihrer Promotion in Physik arbeitete sie in der Industrie bei Siemens Audiologische Technik und war dort an der Einführung digitaler Hörsysteme beteiligt, die Ende der 1990er Jahre auf den Markt kamen. Später baute sie den Studiengang Hörtechnik und Audiologie in Oldenburg mit auf und leitet heute eine Forschungsgruppe, die sich unter anderem mit Hörbedarf, Sprachverstehen im Störgeräusch und innovativen Messverfahren beschäftigt.
Zentrale Erkenntnisse aus ihrer Forschung zeigen, dass etwa 16 Prozent der Bevölkerung einen Hörbedarf haben und dass ab einem Alter von 70 Jahren statistisch jede zweite Person nach WHO-Kriterien als schwerhörig gilt. Diese Zahlen stammen aus umfangreichen Studien in Oldenburg, Emden und Aalen, deren Neuauflage derzeit ausgewertet wird. Dabei wird auch untersucht, wie sich das Hörvermögen über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt entwickelt hat.
Ein weiterer Schwerpunkt der Folge ist der sogenannte Cocktail-Party-Effekt, also die Herausforderung, Sprache im Störgeräusch zu verstehen. Während klassische Tests wie der Freiburger Einsilbertest meist in ruhiger Umgebung durchgeführt werden, arbeitet die Forschung an realitätsnäheren Verfahren, die alltagsnahe Situationen besser abbilden. Ein Beispiel dafür ist das International Speech Test Signal, kurz ISTS, das in Messapparaturen weltweit eingesetzt wird, um Hörgeräte standardisiert mit sprachähnlichen Signalen zu prüfen. Dieses Signal basiert auf Aufnahmen mehrerer Sprecherinnen in unterschiedlichen Sprachen, die so kombiniert wurden, dass sie die Eigenschaften einer einzelnen sprechenden Person nachbilden und damit realitätsnahe Tests ermöglichen.
Darüber hinaus wird in der Episode thematisiert, welche Faktoren das Hörvermögen beeinflussen können. Neben Lärmbelastung und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes spielt auch das Rauchverhalten eine Rolle. Studien zeigen statistische Zusammenhänge zwischen Rauchen und schlechterem Hörvermögen, was einmal mehr verdeutlicht, wie eng allgemeine Gesundheit und Hören miteinander verknüpft sind.
Ein besonders praxisnaher Teil der Folge widmet sich der Innovationscommunity Hörwerk. Dieses vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte Netzwerk stellt insgesamt fünf Millionen Euro für Projekte bereit, die die Hörgeräteversorgung verbessern sollen. Hörakustikerinnen und Hörakustiker können sich dort registrieren und gemeinsam mit Forschenden Projektanträge einreichen. Voraussetzung ist, dass Praxis und Wissenschaft zusammenarbeiten, damit die entwickelten Lösungen tatsächlich im Fachgeschäft relevant sind. Prof. Dr. Holube ist Teil des Lenkungsausschusses, der über die eingereichten Projekte entscheidet. Beispiele reichen von der Optimierung von Otoplastiken zur Reduktion des Okklusionseffekts bis hin zu Untersuchungen zur Raumakustik in Fachgeschäften und deren Einfluss auf Testergebnisse.
Auch die Frage, warum nur rund 40 Prozent der Menschen mit Hörbedarf tatsächlich versorgt sind, wird diskutiert. Öffentlichkeitsarbeit, transparente Information und eine stärkere Präsenz von Hörforschung in der Öffentlichkeit können dazu beitragen, Hemmschwellen abzubauen und Menschen früher in die Versorgung zu bringen.
Sprecher der Fielmann Group AG
Professorin im Studiengang Hörtechnik und Audiologie an der Jade Hochschule in Oldenburg
International Speech Test Signal (ISTS)
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