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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Ihr Lieben,
Jüngerinnen und Jünger Jesu in Tailfingen,
Ich frage mich, was sie wohl erwartet haben -- sie, die uns vorausgegangen sind in der Nachfolge Jesu. "Kommt," hat er sie gerufen. "Kommt und folgt mir nach. Ich will euch zu Menschenfischern machen." (4,19). Da haben sie alles stehen und liegen lassen und sind ihm nachgefolgt.
Ich frage mich, was sie in ihm gesehen haben. Ob sie es wohl schon ahnten, damals, dass er kein gewöhnlicher Mensch war?
Und er zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk. Und die Kunde von ihm erscholl durch ganz Syrien. Und sie brachten zu ihm alle Kranken, mit mancherlei Leiden und Qualen behaftet, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte; und er machte sie gesund. Und es folgte ihm eine große Menge aus Galiläa, aus den Zehn Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordans. (Matthäus 4,23-25)Ich frage mich, ob sie es da schon wussten -- das, was der Engel von ihm sagte, lange vor seiner Geburt. Ich frage mich, ob sie da schon die Erfüllung der alten Verheißungen in ihm gesehen haben. Wie die vom Propheten Jesaja, auf die sich der Engel bezog:
Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. (Matthäus 1,20-23)Immanuel. Gott mit uns.
Vielleicht haben sie es begonnen zu ahnen, als er sich dort auf den Berg setzte und anfing, sie zu lehren. Er redete über Gott, wie keiner vor ihm. Die Menge um sie herum kam näher und spitzte die Ohren, um keines seiner Worte zu verpassen. Und als er dann seine Rede beendet -- Matthäus braucht 3 Kapitel dafür --, da sind sie sich einig in ihrer Bewunderung für ihn, denn "er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten." (7, 29).
Immanuel. Gott mit uns.
Ich bin mir sicher, da haben sie begonnen, das bewusst zu erleben, was es heißt, wenn "Gott mit uns ist."
Ob sie sich gefreut haben? Ob sie sich geehrt fühlten, zum "inner circle", zum inneren Kreis dessen zu gehören, durch den Gott Mensch wurde und gegenwärtig unter seinem Volk? Ob sie ihm mit stolzgeschwellter Brust herunter folgten vom Berg, nach der langen Rede -- die ja zuallererst ihnen galt, vor allen anderen Zuhörern?
Immanuel. Gott mit uns. Gott mit uns!
Wenn er sich anschickt, König zu werden auf der Erde. Wenn er sein Volk wiederzusammenführt von den Enden der Erde. Wenn sein Thron auf dem Zionsberg in Jerusalem steht und die seinen kommen von überall her, von Osten und Westen und Süden und Norden, um Teil zu sein, von dem, was er tut.
Immanuel. Gott mit uns. Gott mit uns! Halleluja!
Am Fuß des Berges steht ein Mann. Die Menschenmenge kommt herunter, allen voran Jesus und seine freudig erregten Jünger und da steht er, am Wegrand und wagt es zaghaft, sich zu nähern. Obwohl er das eigentlich gar nicht darf. Er ist ein Ausgestoßener. Auch von weitem sieht man ihm seine hochansteckende Krankheit an. Aussatz. Sein Schicksal ist schrecklich. Schlimmer als der unaufhaltsame körperliche Verfall muss es sein, nicht mehr dazu gehören zu dürfen. Keinen Kontakt mehr zu haben. Bei seinem Anblick ergreifen die meisten die Flucht.
Nur Jesus nicht. "Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen." Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an, und sprach...
Halt!
Allen stockt der Atem. Wo wir ahnunglos weiterlesen wollen, haben sie es sofort bemerkt, was hier passiert:
Und Jesus, streckte die Hand aus, rührte ihn an...
Aussatz wird durch Berührung übertragen. Jeder weiß das. Deshalb ja auch das Kontaktverbot.
Jeder weiß das. Auch Jesus.
Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an, und sprach: "Ich will's tun; sei rein." Und sogleich wurde er von seinem Aussatz rein.
Immanuel. Gott mit uns.
Den Jüngern muss in diesem Moment aufgegangen sein, dass "uns" vielleicht größer zu verstehen ist, als sie das geahnt hatten.
Ob sie sich von ihrem Schrecken schon erholt hatten, als dort am Eingang zur Stadt der nächste am Wegrand stand und auf Jesus wartete?
Plötzlich musste ihnen die Episode mit dem Aussätzigen fast harmlos erscheinen. "Ein Hauptmann" wartet dort, berichtet Matthäus.
Na und, denkst du vielleicht?
Na und?
Lass mich dir erklären: Kapernaum in Galiläa ist Grenzgebiet. Hier endet der Herrschaftsbereich von Herodes Antipas, eines der Söhne des berüchtigten Herodes aus der Weihnachtsgeschichte, ein Regionalherrscher zu seiner Zeit. Kapernaum in Galiläa war Teil des großen römischen Reichs, aber hier, in der tiefsten Provinz, waren keine der mächtigen römischen Legionen stationiert. Wohl aber von Antipas angeheuerte Söldnertruppen, die die Binnengrenze zu sichern hatten. Aus Syrien kamen die in der Regel oder aus dem Libanon. Jedenfalls aber nicht von hier. Sie waren keine von "uns". Sie gehörten hier eigentlich nicht hin. Im Gegenteil: Auch wenn sie keine römische Uniform trugen, waren sie Sinnbild für die verhasste Besatzungsmacht. Instrumente der Unterdrückung durch Gewaltherrscher. Werkzeuge der Ausbeutung. Feinde des Volkes. Der Mann der hier steht, ein Centurio, Befehlshaber einer Hundertschaft, war einer davon. Ein nicht ganz kleines Zahnrädchen im Getriebe der Schikanen, die das Volk über sich ergehen lassen sollte. Und ein Heide. Schon seine bloße Anwesenheit rieb es den wahren Israeliten immer wieder ins Gesicht, dass sie, die doch eigentlich Gottes erwähltes Volk waren, sich hier unter der Fuchtel von anderen befanden, die Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, höchstens milde belächelten.
Was wagte er, jetzt da zu stehen? Was bildete der sich ein, mit einer Bitte zu Jesus zu kommen.
Er sah es ja sogar selbst ein. Er wusste doch Bescheid, dass man die Fremden möglichst mied -- die Soldaten sowieso -- und lieber die Straßenseite wechselte, als ihnen direkt begegnen zu müssen. Über seine Schwelle wäre kein Jude getreten, der etwas auf sich hielt.
"Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund."
Unsterbliche Worte, die es bis in die Liturgie der Messe geschafft haben.
Und so wahr.
Siehste! Er sagt es ja selbst.
Und jetzt fort mit ihm.
Jesus bleibt stehen. Er hört sich die Bitte des Hauptmanns an. Ob es um den Diener oder ein Kind geht, ist aus der griechischen Erklärung gar nicht so sicher. Aber das ist auch egal. Jesus ist sofort dabei. "Ich will kommen und ihn gesund machen."
Immanuel. Gott mit uns.
Das "uns" ist gerade eben explodiert.
Sie werden es immer wieder erleben. Wir sind hier ja eigentlich erst ganz am Anfang der Erzählungen über Jesus, den Immanuel. Die armen Jünger werden bald nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Keine Grenze wird es geben, die er nicht überschreitet. Er berührt die Unberührbaren, nähert sich den Unnahbaren, nimmt die Ausgestoßenen bei sich auf. Er isst mit stadtbekannten Sündern, unterhält sich allein mit zwielichten Frauen, reicht Verbrechern die Hand, nimmt politische Eiferer in sein Gefolge auf. Er macht Platz für die Kinder. Er hat ein Auge für die Übersehenen. Er brüskiert ständig das Establishment, die "In-Group" und kann am wenigsten mit denen anfangen, die überzeugt sind, zu den ganz besonders "Richtigen" zu gehören. Die Helden seiner Geschichten sind Samariter (dieses verachtete Mischvolk), ehrlose Schweinehüter, ungehorsame Söhne. Aber nie die, von denen man es erwartet hätte.
Immanuel. Gott mit uns.
Und alle dachten, das "uns" wäre klar umrissen.
Das "uns" ist gerade eben explodiert.
Denn dieser Jesus, in dem Gott mit uns ist, kennt weder Berührungsängste noch Grenzen.
Am Ende macht der die Tür so weit auf, wie noch nie: "Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker."
Immanuel. Gott mit uns.
Er ist wahrlich der Heiden Heiland.
Und das ist gut so. Auch wir haben ja so unsere Schwierigkeiten mit manchen Wörtern. Vielleicht nicht mit "uns". Aber mit den "Heiden" zum Beispiel. Das sind ja immer die anderen. Die, die nicht so glauben wie wir. Die, die nicht zu unserer Gruppe gehören, nicht unseren Standards genügen. Wir sind ja nie die Heiden. Wir sind ja die Frommen.
Im ersten Jahrhundert war das ganz klar anders. Da gab es nur ein erwähltes Volk, das hieß Israel. Und wer nicht dazu gehörte, war ein Heide. Wären du und ich, wären wir am Straßenrand von Kapernaum gestanden -- man hätte uns genauso angeschaut wie damals den Zenturio. "Heiden" eben.
Bis er kam.
Immanuel. Gott mit uns.
Der Heiden Heiland.
Wie gut für uns, dass sein "Gott mit uns" weiter geht, als es damals alle dachten.
Mindestens genauso wichtig ist es aber, dass wir begreifen, dass sich die Denkweisen seit damals gar nicht so wesentlich verändert haben. Die Jünger waren keineswegs die letzten, die "uns" viel enger verstanden hatten. Die Geschichte der Jahrhunderte, die seither vergangen sind, zeigt, wie es immer und immer wieder neue Vorstellungen davon gab, wer jetzt genau dazugehören darf und wer nicht. Mit wem Gott ist (Immanuel. Gott mit uns.) und mit wem nicht. Wie man auszusehen, sich zu verhalten, zu heißen, zu wohnen, zu leben, abzustammen, oder was auch immer man vorzuweisen hat, um Teil dieses "uns" zu sein. Und der Jesus des Evangeliums wurde immer neu zu "unserem" "Exklusiv-Jesus". Nur für uns. Nur für die In-Group. Nur für die, die "richtig" sind. Ein Trend, den wir uns mit Kräften widersetzen sollten, wenn wir wirklich vorhaben, Nachfolger Jesu von Nazaret zu sein.
Immanuel. Gott mit uns.
Wir tun gut daran, uns zu überlegen, wo wir die Grenzen dieses "uns" ziehen. Und sie dann möglichst schnell zu vergessen. Statt dessen neu auf Jesus zu schauen und es ihm nachzutun, der keine Grenzen und keine Berührungsängste kennt.
Denn eines ist sicher: Wenn der Tag kommt, an dem er sein Reich vollendet, dann werden sie kommen von Osten und Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen. Und mit Jesus.
Immanuel. Gott mit uns.
Und wir werden ganz sicher überrascht sein, wer da alles mit am Tisch sitzt mit ihm.
Er ist nämlich wahrlich: der Heiden Heiland.
Und das ist gut so.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Ihr Lieben,
Jüngerinnen und Jünger Jesu in Tailfingen,
Ich frage mich, was sie wohl erwartet haben -- sie, die uns vorausgegangen sind in der Nachfolge Jesu. "Kommt," hat er sie gerufen. "Kommt und folgt mir nach. Ich will euch zu Menschenfischern machen." (4,19). Da haben sie alles stehen und liegen lassen und sind ihm nachgefolgt.
Ich frage mich, was sie in ihm gesehen haben. Ob sie es wohl schon ahnten, damals, dass er kein gewöhnlicher Mensch war?
Und er zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk. Und die Kunde von ihm erscholl durch ganz Syrien. Und sie brachten zu ihm alle Kranken, mit mancherlei Leiden und Qualen behaftet, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte; und er machte sie gesund. Und es folgte ihm eine große Menge aus Galiläa, aus den Zehn Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordans. (Matthäus 4,23-25)Ich frage mich, ob sie es da schon wussten -- das, was der Engel von ihm sagte, lange vor seiner Geburt. Ich frage mich, ob sie da schon die Erfüllung der alten Verheißungen in ihm gesehen haben. Wie die vom Propheten Jesaja, auf die sich der Engel bezog:
Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. (Matthäus 1,20-23)Immanuel. Gott mit uns.
Vielleicht haben sie es begonnen zu ahnen, als er sich dort auf den Berg setzte und anfing, sie zu lehren. Er redete über Gott, wie keiner vor ihm. Die Menge um sie herum kam näher und spitzte die Ohren, um keines seiner Worte zu verpassen. Und als er dann seine Rede beendet -- Matthäus braucht 3 Kapitel dafür --, da sind sie sich einig in ihrer Bewunderung für ihn, denn "er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten." (7, 29).
Immanuel. Gott mit uns.
Ich bin mir sicher, da haben sie begonnen, das bewusst zu erleben, was es heißt, wenn "Gott mit uns ist."
Ob sie sich gefreut haben? Ob sie sich geehrt fühlten, zum "inner circle", zum inneren Kreis dessen zu gehören, durch den Gott Mensch wurde und gegenwärtig unter seinem Volk? Ob sie ihm mit stolzgeschwellter Brust herunter folgten vom Berg, nach der langen Rede -- die ja zuallererst ihnen galt, vor allen anderen Zuhörern?
Immanuel. Gott mit uns. Gott mit uns!
Wenn er sich anschickt, König zu werden auf der Erde. Wenn er sein Volk wiederzusammenführt von den Enden der Erde. Wenn sein Thron auf dem Zionsberg in Jerusalem steht und die seinen kommen von überall her, von Osten und Westen und Süden und Norden, um Teil zu sein, von dem, was er tut.
Immanuel. Gott mit uns. Gott mit uns! Halleluja!
Am Fuß des Berges steht ein Mann. Die Menschenmenge kommt herunter, allen voran Jesus und seine freudig erregten Jünger und da steht er, am Wegrand und wagt es zaghaft, sich zu nähern. Obwohl er das eigentlich gar nicht darf. Er ist ein Ausgestoßener. Auch von weitem sieht man ihm seine hochansteckende Krankheit an. Aussatz. Sein Schicksal ist schrecklich. Schlimmer als der unaufhaltsame körperliche Verfall muss es sein, nicht mehr dazu gehören zu dürfen. Keinen Kontakt mehr zu haben. Bei seinem Anblick ergreifen die meisten die Flucht.
Nur Jesus nicht. "Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen." Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an, und sprach...
Halt!
Allen stockt der Atem. Wo wir ahnunglos weiterlesen wollen, haben sie es sofort bemerkt, was hier passiert:
Und Jesus, streckte die Hand aus, rührte ihn an...
Aussatz wird durch Berührung übertragen. Jeder weiß das. Deshalb ja auch das Kontaktverbot.
Jeder weiß das. Auch Jesus.
Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an, und sprach: "Ich will's tun; sei rein." Und sogleich wurde er von seinem Aussatz rein.
Immanuel. Gott mit uns.
Den Jüngern muss in diesem Moment aufgegangen sein, dass "uns" vielleicht größer zu verstehen ist, als sie das geahnt hatten.
Ob sie sich von ihrem Schrecken schon erholt hatten, als dort am Eingang zur Stadt der nächste am Wegrand stand und auf Jesus wartete?
Plötzlich musste ihnen die Episode mit dem Aussätzigen fast harmlos erscheinen. "Ein Hauptmann" wartet dort, berichtet Matthäus.
Na und, denkst du vielleicht?
Na und?
Lass mich dir erklären: Kapernaum in Galiläa ist Grenzgebiet. Hier endet der Herrschaftsbereich von Herodes Antipas, eines der Söhne des berüchtigten Herodes aus der Weihnachtsgeschichte, ein Regionalherrscher zu seiner Zeit. Kapernaum in Galiläa war Teil des großen römischen Reichs, aber hier, in der tiefsten Provinz, waren keine der mächtigen römischen Legionen stationiert. Wohl aber von Antipas angeheuerte Söldnertruppen, die die Binnengrenze zu sichern hatten. Aus Syrien kamen die in der Regel oder aus dem Libanon. Jedenfalls aber nicht von hier. Sie waren keine von "uns". Sie gehörten hier eigentlich nicht hin. Im Gegenteil: Auch wenn sie keine römische Uniform trugen, waren sie Sinnbild für die verhasste Besatzungsmacht. Instrumente der Unterdrückung durch Gewaltherrscher. Werkzeuge der Ausbeutung. Feinde des Volkes. Der Mann der hier steht, ein Centurio, Befehlshaber einer Hundertschaft, war einer davon. Ein nicht ganz kleines Zahnrädchen im Getriebe der Schikanen, die das Volk über sich ergehen lassen sollte. Und ein Heide. Schon seine bloße Anwesenheit rieb es den wahren Israeliten immer wieder ins Gesicht, dass sie, die doch eigentlich Gottes erwähltes Volk waren, sich hier unter der Fuchtel von anderen befanden, die Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, höchstens milde belächelten.
Was wagte er, jetzt da zu stehen? Was bildete der sich ein, mit einer Bitte zu Jesus zu kommen.
Er sah es ja sogar selbst ein. Er wusste doch Bescheid, dass man die Fremden möglichst mied -- die Soldaten sowieso -- und lieber die Straßenseite wechselte, als ihnen direkt begegnen zu müssen. Über seine Schwelle wäre kein Jude getreten, der etwas auf sich hielt.
"Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund."
Unsterbliche Worte, die es bis in die Liturgie der Messe geschafft haben.
Und so wahr.
Siehste! Er sagt es ja selbst.
Und jetzt fort mit ihm.
Jesus bleibt stehen. Er hört sich die Bitte des Hauptmanns an. Ob es um den Diener oder ein Kind geht, ist aus der griechischen Erklärung gar nicht so sicher. Aber das ist auch egal. Jesus ist sofort dabei. "Ich will kommen und ihn gesund machen."
Immanuel. Gott mit uns.
Das "uns" ist gerade eben explodiert.
Sie werden es immer wieder erleben. Wir sind hier ja eigentlich erst ganz am Anfang der Erzählungen über Jesus, den Immanuel. Die armen Jünger werden bald nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Keine Grenze wird es geben, die er nicht überschreitet. Er berührt die Unberührbaren, nähert sich den Unnahbaren, nimmt die Ausgestoßenen bei sich auf. Er isst mit stadtbekannten Sündern, unterhält sich allein mit zwielichten Frauen, reicht Verbrechern die Hand, nimmt politische Eiferer in sein Gefolge auf. Er macht Platz für die Kinder. Er hat ein Auge für die Übersehenen. Er brüskiert ständig das Establishment, die "In-Group" und kann am wenigsten mit denen anfangen, die überzeugt sind, zu den ganz besonders "Richtigen" zu gehören. Die Helden seiner Geschichten sind Samariter (dieses verachtete Mischvolk), ehrlose Schweinehüter, ungehorsame Söhne. Aber nie die, von denen man es erwartet hätte.
Immanuel. Gott mit uns.
Und alle dachten, das "uns" wäre klar umrissen.
Das "uns" ist gerade eben explodiert.
Denn dieser Jesus, in dem Gott mit uns ist, kennt weder Berührungsängste noch Grenzen.
Am Ende macht der die Tür so weit auf, wie noch nie: "Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker."
Immanuel. Gott mit uns.
Er ist wahrlich der Heiden Heiland.
Und das ist gut so. Auch wir haben ja so unsere Schwierigkeiten mit manchen Wörtern. Vielleicht nicht mit "uns". Aber mit den "Heiden" zum Beispiel. Das sind ja immer die anderen. Die, die nicht so glauben wie wir. Die, die nicht zu unserer Gruppe gehören, nicht unseren Standards genügen. Wir sind ja nie die Heiden. Wir sind ja die Frommen.
Im ersten Jahrhundert war das ganz klar anders. Da gab es nur ein erwähltes Volk, das hieß Israel. Und wer nicht dazu gehörte, war ein Heide. Wären du und ich, wären wir am Straßenrand von Kapernaum gestanden -- man hätte uns genauso angeschaut wie damals den Zenturio. "Heiden" eben.
Bis er kam.
Immanuel. Gott mit uns.
Der Heiden Heiland.
Wie gut für uns, dass sein "Gott mit uns" weiter geht, als es damals alle dachten.
Mindestens genauso wichtig ist es aber, dass wir begreifen, dass sich die Denkweisen seit damals gar nicht so wesentlich verändert haben. Die Jünger waren keineswegs die letzten, die "uns" viel enger verstanden hatten. Die Geschichte der Jahrhunderte, die seither vergangen sind, zeigt, wie es immer und immer wieder neue Vorstellungen davon gab, wer jetzt genau dazugehören darf und wer nicht. Mit wem Gott ist (Immanuel. Gott mit uns.) und mit wem nicht. Wie man auszusehen, sich zu verhalten, zu heißen, zu wohnen, zu leben, abzustammen, oder was auch immer man vorzuweisen hat, um Teil dieses "uns" zu sein. Und der Jesus des Evangeliums wurde immer neu zu "unserem" "Exklusiv-Jesus". Nur für uns. Nur für die In-Group. Nur für die, die "richtig" sind. Ein Trend, den wir uns mit Kräften widersetzen sollten, wenn wir wirklich vorhaben, Nachfolger Jesu von Nazaret zu sein.
Immanuel. Gott mit uns.
Wir tun gut daran, uns zu überlegen, wo wir die Grenzen dieses "uns" ziehen. Und sie dann möglichst schnell zu vergessen. Statt dessen neu auf Jesus zu schauen und es ihm nachzutun, der keine Grenzen und keine Berührungsängste kennt.
Denn eines ist sicher: Wenn der Tag kommt, an dem er sein Reich vollendet, dann werden sie kommen von Osten und Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen. Und mit Jesus.
Immanuel. Gott mit uns.
Und wir werden ganz sicher überrascht sein, wer da alles mit am Tisch sitzt mit ihm.
Er ist nämlich wahrlich: der Heiden Heiland.
Und das ist gut so.
Amen.

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