IMAGINE - Gemeinde Grossgrabe

Heiligabend – Wunder über Wunder


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1. Gut geplant – und dann kommt das Leben

Overnight. Porridge oder zu gut Deutsch: über Nacht Haferschleim. Das ist ein Gericht, bei dem Haferflocken über Nacht in Milch oder Joghurt oder Wasser mit Früchten oder Schokolade eingeweicht werden, damit sie am nächsten Morgen als fertiges Gericht dem Kühlschrank entnommen werden können.

Die perfekte Erfindung in einer gut geplanten, schnelllebigen und organisierten Welt. Ich weiß nicht, wie es bei dir im Alltag ist, aber bei mir müssen die Dinge immer gut organisiert sein. Der nächste Tag wird mindestens am Abend vorher besprochen. Ich schreibe To-do-Listen und erstelle mir Handyerinnerungen.

Eine gute Planung gibt mir Sicherheit, Kontrolle und meistens auch die nötige Ruhe, um durch stressige Phasen hindurchzukommen. Ich liebe das Gefühl, abends im Bett zu liegen und zu wissen: Für morgen ist alles bereit. Die Klamotten liegen bereits auf dem Stuhl. Die Lockenwickler sitzen fest für die perfekte Welle am Morgen und der Haferschleim, der gärt im Kühlschrank für einen gesunden und ausgewogenen Start in den Tag.

Alles unter Kontrolle, denke ich, und schlafe ein.

Wenn ich morgens erwache, trifft mich die Realität meiner Menschlichkeit oft härter als gedacht. Ich habe schlecht geschlafen und fühle mich überhaupt nicht nach Röckchen und Locken. Ich lasse die Sachen auf dem Stuhl liegen, schlüpfe in einen Schlabberpullover und knote meine Haare willkürlich zusammen. Schon auf dem Weg in die Küche merke ich, wie mir beim Gedanken an das Porridge schlecht wird. Erst mal ein Kaffee und ein Hackepeterbrötchen – das wäre jetzt genau das Richtige.

Gute Planung und Struktur sind etwas Gutes und Wichtiges. Sie geben Sicherheit und helfen, dass Dinge geregelt ablaufen. Aber sie sind eben nicht alles. Denn wir Menschen sind keine Maschinen. Wir haben Gefühle und leben in einer Welt, in der unvorhergesehene Dinge passieren können. Wir müssen uns spontan und kurzfristig auf neue Gegebenheiten einstellen und flexibel sein.

Und das ist nicht erst seit gestern so.

2. Die Weisen: klug, strukturiert – und doch überrascht

Das war schon im 7. Jahr vor Christus so. In diesem Jahr lebten die drei Weisen aus dem Morgenland, von denen wir am Anfang des Gottesdienstes gehört haben. Sie kamen aus Babylon und wurden dort am Königshof von einem gläubigen Mann namens Daniel in der Sternenkunde unterrichtet.

Ich glaube, dass die drei ähnlich wie ich vom Overnight Porridge profitiert hätten. Sie waren strukturierte und kluge Männer, Wissenschaftler, die Problemen auf den Grund gingen, die Sternenbilder erforschten und Zusammenhänge entschlüsselten.

Als dann im 7. Jahr vor Christus diese Planetenkonstellation von Jupiter und Saturn das erste Mal am Himmel erschien, da begannen die drei, die Köpfe zusammenzustecken. Sie lasen die heiligen Schriften und verbrachten Nächte damit, Ordnung in dieses Himmelschaos zu bringen. Sie gingen überlegt vor, blieben erst mal in Babylon und forschten nach: „Bloß nichts überstürzen.“

Doch dann erschien die Konstellation ein zweites Mal, und diesmal konnte es kein Zufall mehr sein. Sie packten ihre Sachen und liefen los Richtung Jerusalem, das im Westen lag. Als sie dort nach etwa zwei Monaten Fußmarsch Anfang oder Mitte Dezember ankamen, sahen sie den Stern ein drittes und letztes Mal. Diesmal stand er im Süden – und so gingen sie dem Stern hinterher in die nächstgelegene südliche Stadt: das war Bethlehem.

So erfüllte sich, was wir vorhin in Matthäus 2, Vers 9 gehört haben: Der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.

Bis hierhin verlief also alles nach Plan. Bis hierhin erlebten sie, was sie erwartet und berechnet hatten. Bis hierhin legten auch sie sich abends zufrieden schlafen.

Die Weisen waren keine Träumer ohne Verstand. Sie planten ihre Reise, deuteten die Zeichen. Doch das, was dort in Bethlehem geschah, konnten auch sie nicht vorhersehen oder berechnen.

Denn was sie am nächsten Morgen fanden, war nicht, was sie abends noch erwartet hatten. Statt eines Königs, für den sie Geschenke wie Weihrauch und Gold dabei hatten, fanden sie ein Baby in ärmlichsten Verhältnissen. Sie fanden Dreck, Stallgeruch und ein schutzloses Kind, in Windeln gewickelt. Sie fanden ein junges Paar, unverheiratet und scheinbar völlig überfordert mit der Menge an Besuchern: Fremde, die für ihr Kind einem Stern durchs ganze Land gefolgt waren.

3. Weihnachten: Das Unvorhergesehene Gottes

In unserer westlichen Welt kann es oft nicht schnell genug gehen. Wir leben und arbeiten und kreisen um uns selbst herum. Weihnachten ist der eine Moment in diesem Jahr, in dem es still werden darf, in dem wir anhalten, unseren Blick weg von unserem Terminplaner und uns selbst und hin in den Himmel richten.

Weihnachten ist ein Moment des Unvorhergesehenen, ein Moment, in dem all unsere Berechnungen, das, was wir zu wissen glaubten, nicht mehr ausreichen. Genau das erlebten die drei Weisen durch den wundersamen neuen Stern am Himmel. Die Reise, die sie unternahmen, dem Stern zu folgen, veränderte alles.

Die Weihnachtszeit ist etwas Besonderes, weil ihr etwas ganz Besonderes zugrunde liegt: ein Stern, der so überdimensional hell leuchtete, dass er uns bis heute den Weg zur Krippe zeigt.

Gott wurde Mensch. Ein kleines Kind. Ein Baby.

Wussten Sie, dass ein Fohlen nach wenigen Stunden stehen und laufen kann? Ein Affenbaby beherrscht nach wenigen Tagen seine Mimik. Eine Schildkröte kann sogar direkt nach der Geburt selbstständig fressen und ohne Hilfe überleben.

Wir Menschen – wir brauchen über ein Jahr, um selbstständig stehen oder laufen zu lernen. Über zwei bis drei Jahre, bis wir selbstständig essen oder unsere Mimik kontrolliert einsetzen können.

Wenn Gott seinen Sohn als Baby, als Menschenkind auf diese Welt schickt, bedeutet das, sich vollkommen und endgültig verletzlich zu machen. Es bedeutet, uns gleich zu werden. Der Gott, der Himmel und Erde schuf, war plötzlich in einem Körper, der ohne fremde Hilfe nicht überlebensfähig gewesen wäre. Der Gott, der nur ein Wort sprach und es ward Licht, war plötzlich ein Baby, das nur noch schreien konnte.

Gott wurde bedürftig – aber damit auch fähig zu Wachstum, zu Beziehungen, zu menschlicher Liebe und Begegnung auf Augenhöhe.

Was wir heute an Heiligabend feiern, ist nicht nur die Geburt irgendeines Kindes. Es ist der größte Beweis von Liebe und Vertrauen, den unsere Menschheit jemals gesehen hat oder jemals sehen wird.

Wenn Gott zum Menschen wird, bedeutet das, dass es nichts mehr gibt, was ihn von uns trennt. Es gibt nichts mehr, das Gott nicht versteht, das er nicht gefühlt hätte, gesehen hätte, erlebt hätte.

Und mit diesem Liebesbeweis hätten auch die Weisen nicht gerechnet. Was sie dort sahen, verstanden, erlebten, war so viel größer als in ihrer Vorstellung.

In Vers 11 steht dann geschrieben: „Und als sie das Kindlein sahen mit Maria, seiner Mutter, da fielen sie nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.“

Diese drei klugen Männer fielen zu Boden und beteten ein Kind in einer Krippe an. Ein einfaches Baby – denn für sie war es viel mehr als das.

Denn Gott hätte alles werden können, alles sein können, aber er hat sich entschieden, so wie du und ich zu werden. Warum? Um uns nah zu sein, um Beziehung zu uns zu ermöglichen und um greifbar zu werden – für dich und für mich.

4. Der Stern für den Alltag

Und als Erinnerung genau daran wollen wir euch heute am Ende des Gottesdienstes einen Stern schenken. Vielleicht hängt er nachher schon an eurem Weihnachtsbaum zwischen Lichtern, Kugeln und anderem Schmuck. Vielleicht findet ihr aber auch einen anderen Platz in eurem Haus.

Denn dieser Stern soll euch nicht nur heute Abend, sondern auch im neuen Jahr an einem ganz normalen Morgen – wenn der Haferschleim im Kühlschrank steht und der Kalender schon wieder brechend voll ist – daran erinnern:

Unser Leben ist nicht immer planbar, aber Gott kommt ins Unvorhergesehene.
Unser Leben läuft nicht immer gut, aber Gott kommt ins Unperfekte.
Unser Leben ist nicht immer geradlinig, aber Gott schenkt uns ein Licht, das Orientierung bietet.
Unser Leben ist nicht immer erklärbar, aber bei Gott gibt es Wunder über Wunder.

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IMAGINE - Gemeinde GrossgrabeBy imagine03.de