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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem ersten Petrusbrief, aus dem 5. Kapitel:
1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: 2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, 3 nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde. 4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen. (1. Petrus 5,1-4)O, Herr, hilf! O Herr, lass wohl gelingen!
O Herr, was mach ich bloß mit diesem Predigttext? Wenn ich den am Sonntag meiner Gemeinde in Tailfingen vorlese, gehen die dann nicht alle nach Hause? Fast alle, meine ich natürlich: Ein paar Kirchengemeinderät:innen bleiben vielleicht noch in den Bänken sitzen. Denn um die geht es doch hier: "Die Ältesten unter euch ermahne ich...". Damit meint der Briefschreiber nicht die, die schon die meisten Jahre auf dieser Erde verbracht haben. Er spricht die Gemeindeleitung an. Das sieht man auch gleich an der folgenden Anweisung: "Hütet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist." Während sich der heutige Bibeltext also mit dem Leitungsgremium der Gemeinde auseinandersetzt, können alle anderen ja nun nach Hause gehen, oder zumindest bis zu den Fürbitten "Roblox" auf dem Smartphone spielen, oder?
Bitte, habt noch einen Augenblick Geduld. Bleibt noch sitzen und geht nicht nach Hause. Ich glaube, das solltet ihr hören.
Wenn wir die Bibel lesen, haben wir es ganz oft mit Texten und Schriftstücken zu tun, die zur Zeit ihrer Abfassung in einem ganz konkreten Zusammenhang standen. Im Fall des heutigen Predigttext lesen wir aus einem Brief, den ein uns unbekannter Schreiber an Christ:innen des 2. Jahrhunderts in Kleinasien schrieb, weil sie mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Soziale Ausgrenzung, vielleicht sogar Verfolgung, bestimmen ihren Alltag. Der Briefschreiber macht Mut, am Glauben an Jesus Christus festzuhalten, weil Gott treu ist und sich das lohnt. Er gibt Hilfestellung für Menschen in verschiedenen Positionen, wie sie ihren Glauben in dieser Herausforderung leben könnten. So wendet er sich hier auch den Gemeindeleitenden zu.
Wie so oft entspricht die Situation, aus der der Bibeltext kommt, also auf keinen Fall 1:1 unserer Lebenssituation. Die Auseinandersetzung mit dem Text bedeutet, mir Gedanken zu machen, wo mein Alltag vielleicht ganz Ähnliches mit sich bringt -- um daraus dann selbst Ermutigung und Hilfe mitzunehmen.
O, Herr, hilf! O Herr, lass wohl gelingen!
So sollten sicher nicht nur Pfarrer, Vikarinnen und Kirchengemeinderät:innen den Text heute hören, sondern alle, die im Alltag in irgendeiner Form für andere Verantwortung übernehmen. Genau darum geht es ja im Bild des Hirten und der ihm anvertrauten Herde: Der Hirte übernimmt Verantwortung. Er führt die Herde. Er weiß, wo es sichere Weiden gibt, Nahrung und Wasser. Er kennt den Weg und bringt seine Schafe sicher durch schwieriges Gelände. Er verteidigt sie, wo Raubtiere angreifen wollen. Er bringt sie in Sicherheit, wenn Stürme drohen. Er vermeidet Risiken, die die Schafe krank machen können. Er pflegt kranke und verletzte Tiere. Er kennt seine Schafe, jedes Einzelne und sieht sofort, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist. Er hält die Herde zusammen, dass keines sich verirrt und sorgt dafür, dass kein Schaf ausgegrenzt oder von den anderen misshandelt wird.
Sicher ist das nirgends so schön beschrieben wie in den wohlbekannten Bildern des 23. Psalms, die aus der Sicht des einzelnen Schafes die großartige Fürsorge des Hirten beschreiben.
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Psalm 23,1-4)Solche Bilder sprechen in den biblischen Texten in der Regel über die Zuwendung Gottes zu den Menschen -- wie hier im Psalm. Jesus nimmt für sich dieselben Bilder in Anspruch, wenn er sagt: "Ich bin der gute Hirte." Aber das Neue Testament leitet daraus auch immer wieder einen Anspruch Gottes an die ab, die in Verantwortung stehen: "Hütet ihr nun die Herde". Seid ihr nun Hirt:innen für andere. Übernehmt Verantwortung!
Das muss ja gar nicht immer gleich im Kirchengemeinderat sein. So gut wie jeder von uns trägt irgendwo Verantwortung für andere Menschen: Eltern kümmern sich um ihre Kinder. Erwachsen gewordene Kinder pflegen ihre alten Eltern. Lehrer kümmern sich um ihre Schüler und bemühen sich, Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln. Erzieher:innen in der Kita, Trainer:innen im Sportverein, Freiwillige in vielen Bereichen gemeinnütziger Arbeit übernehmen Verantwortung füreinander. Vorgesetzte im Unternehmen, Ärzt:innen und Pflegende, Polizist:innen, Menschen bei der Feuerwehr, Politiker:innen übernehmen Verantwortung, genau wie jeder, der oder die mal eine halbe Stunde auf die Kinder der Nachbarn aufpasst oder einer alten Dame über die Straße hilft.
Hütet die Herde! Passt auf die anderen auf. Sorgt für sie. Seid Hirt:innen. Und tut das so, wie es Gott gefällt, ruft uns dieser Text zu.
Wie das geht, lässt sich eigentlich einfach zusammenfassen: Nicht gezwungen, sondern freiwillig, vorbildlich und ohne Gewinnabsicht.
Schön. Dann wissen wir das auch. Können wir jetzt nach Hause gehen?
Nicht so hastig! Ich bin beim Lesen des Texts an einem Bild hängengeblieben, das die Lutherbibel (und nur die Lutherbibel) beim Übersetzen ins Deutsche hinzugefügt hat. Das "Hüten der Herde" soll nämlich "von Herzensgrund" geschehen.
Hm. Herzensgrund. Ich hab versucht, mir das bildlich vorzustellen.
Ich denke an einen alten Brunnen. Richtig alt, so aus dem Mittelalter. Mit groben Steinen ummauert. Früher war sicher einmal eine Welle darüber, mit einer Kurbel und einem Eimer. Jetzt schon lange nicht mehr. Vielleicht steht der Brunnen in einer alten Burgruine. Zur Sicherheit der Besucher hat man ein Eisengitter hineinmontiert, damit keiner hineinfällt. Der Brunnen ist nämlich tief. Sehr tief. Wenn man hineinschaut, sieht man nach ein, zwei Metern nur noch Dunkel. So weit hinunter reicht kein Licht. Wenn man hineinruft, hallt es schaurig. Was da unten wohl ist?
Wenn wir hinuntersteigen könnten, an einem langen Seil, mit einer starken Taschenlampe, mit Werkzeug am Gürtel und einem Klappspaten, was würden wir dann finden? Früher wahrscheinlich Wasser. Inzwischen ist das eher noch eine Pfütze, ein paar Zentimeter und darunter: Schlamm. Das, was sich eben am Grund im Lauf der Zeit so ansammelt. Oder was hieingefallen ist. Ein altes verrottetes Seilstück vielleicht. Ein kaputter Holzeimer, der den Sturz in den tiefen Schacht nicht überstanden hat. Münzen vielleicht, die Menschen hineingeworfen haben -- das tun ja viele heute noch bei Brunnen. An jeder Münze klebt eine Hoffnung, auf die Erfüllung eines lange und sehnlich gehegten Wunsches vielleicht. Wer weiß das schon, wenn er die Münzen findet? Vielleicht ist auch mal jemand ein Schmuckstück hineingefallen. Über den Brunnenschacht gebeugt, nicht aufgepasst und schwupps - weg für immer. Nur noch ein ferner Traum. Vielleicht findet sich auch Tierkadaver da unten oder --wer weiß -- vielleicht sogar ein Skelett. Manchmal hat so ein alter Brunnen auch als Abfallgrube gedient. Da könnte man graben und manche alte Geschichte finden -- und vieles, was weggeworfen wurde, weil es nichts mehr taugt. Da sammelt sich ganz schön was an, am Grund so eines alten Schachts.
Herzensgrund.
Stellt euch vor, wir könnten ein U-Boot nehmen -- so ein kleines Forschungs-U-Boot, mit einem riesigen Bullauge aus Glas vorne dran -- und könnten hinuntertauchen auf den Grund des Meers, an einer tiefen Stelle. Was wir dort wohl finden würden? Wundersame Korallenwelten? Nie gesehene Fische? Unheimliche Tiefseewesen? Vulkangestein? Vielleicht würden wir ein Schiffswrack finden -- weil ja menschliche Unternehmungen leider zu oft zerbrechen oder auf Grund laufen. Viel Scheitern liegt da unten. Und ganz sicher auch viel Müll. Manchen hat man dort einfach verklappt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wer weiß, welche Giftfässer da vor sich hin rosten und langsam ihren tödlichen Inhalt verbreiten. Anderes ist einfach hergedriftet und hier liegen geblieben. Da sammelt sich ganz schön was an, am Meeresgrund.
Herzensgrund.
Stellt euch vor, wir könnten ein U-Boot nehmen -- wie das dann aussehen müsste, weiß ich nicht -- und hinabtauchen auf den Grund deines und meines Herzens. Was würden wir da finden? Welche sehnlichen Hoffnungen liegen da verstreut? Welche zerbrochenen Lebensentwürfe, welche Geschichten, welche Abstürze könnten wir da ausgraben? Welche Wracks liegen da auf Grund? Skelette vielleicht auch mit dabei? Was wurde da verklappt, ganz tief unten und rostet nun vor sich hin und verbreitet langsam sein Gift? Da sammelt sich ganz schön was an, im Lauf eines Lebens, am Grund eines Herzens.
Ganz schön unheimlich da unten. Wir tauchen schnell wieder auf.
Herzensgrund.
Nur die Lutherübersetzung hat dieses Bild. "Mit Eifer" solle man die "Herde hüten", liest man bei anderen. Verantwortung übernehmen "von ganzem Herzen." Ein kurzer Tauchgang nur hat mir da Bauchschmerzen gemacht. Ob mein Herz sich für so etwas wirklich eignet? Ob es gut ist, Verantwortung für andere zu übernehmen mit dem, was dieser kurze Ausflug da im Vorübergehen ans Licht gebracht hat -- was ich mit mir herumtrage?
Ich sehe das Scheitern schon kommen. Das nächste Wrack am Grunde des Meers. Ich kann nur hoffen, dass ich andere nicht gleich mit in die Tiefe reiße!
"Vorbilder der Herde", hah! Wie oft das schon schief gegangen ist, das belegen ja die Nachrichten unserer Zeit zur Genüge.
Herzensgrund.
Hm.
Ich bin schnell aufgetaucht und lese weiter. Nur weg von hier.
"So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen."
Mein erster Gedanke war: Na toll, jetzt kommt er also, der große Kontrolleur und schaut sich an, was ich fabriziert habe. Für mich wird er wohl keine Krone haben, so wie das gelaufen ist.
Und dann hat mich das Bild des Hirten wieder eingefangen. Vielleicht war ich zu sehr beim "Herzensgrund."
"Wenn erscheinen wird der Erzhirte..."
Plötzlich geht mir ein ganzer Kronleuchter auf!
Was, wenn mit "Herzensgrund" gar nicht der schlammige Bodensatz meiner Lebenserfahrungen gemeint ist? Was, wenn man "Grund" hier ganz anders lesen darf -- vielleicht im Sinn von "Grundlage"? Von "Fundament", auf dem alles steht? Und -- weil mir der "Erzhirte" immer noch durch den Hinterkopf geistert -- was, wenn mein "Herzensgrund" gar kein "was" ist, sondern ein "wer"?
Denn die Grundlage all meines Denkens, Fühlens, Wollens und Handelns, die Grundlage meines ganzen Lebens, seit Christus mich ergriffen hat, ist doch er selbst. "Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. (1. Korinther 3,11)", schreibt Paulus.
Hier taucht er mit dem alten, von ihm selbst gewählten Bild des guten Hirten auf: Der "Erzhirte". Der Hirte aller Hirten. Der Hirte aller Hirt:innen. Mein Hirte!
Ist es nicht das, was der Grund aller Lebensgründe ist: Dass ich zuallererst, vor allem anderen, vor allen Herausforderungen, vor allen Anforderungen, vor allen Lebensaufgaben und Verantwortungsbereichen, vor allen Dienstaufträgen und Pflichten, selbst ein Gehüteter bin? Selbst Teil seiner Herde?
Bin ich nicht zuallererst selbst einer, den er trägt, den er hegt und umsorgt, den er begleitet und beschützt, den er nährt und pflegt und nie, aber auch gar nie im Stich lässt? Dem er seine ganze Hirtenliebe zeigt?
Weil ich Jesu Schäflein bin, freu ich mich nur immerhin über meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu bewirten; der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt.Unter seinem sanften Stab geh ich aus und ein und hab unaussprechlich süße Weide, dass ich keinen Mangel leide; Und so oft ich durstig bin, führt er mich zum Brunnquell hin. (Text: Henriette Maria Luise von Hayn)Das ist mein Herzensgrund!
Ich bin gehütet. Ich bin geliebt. Ich bin getragen. Ich bin "Jesu Schäflein" (und das bin ich gerne, auch wenn sonst im Leben "Du Schaf" wirklich kein freundlicher Zuspruch ist.) Er ist mein Hirte. Ich gehöre zu ihm.
Noch einmal ein Schritt zurück: Wenn ich mich einen Augenblick lang von diesen reichen Bildern, von "Hirten" und "Herde", vom "Erzhirten" und vom "Herzensgrund" löse, dann bestätigt sich das, was ich da gerade entdeckt habe. Dann stelle ich mir nämlich den kleinasiatischen Gemeindeältesten vor, der soeben diesen Brief gelesen hat und nun grübelt, wie diese Anweisung wohl umzusetzen sei. "Die Herde hüten" soll er. Und zwar "freiwillig", von "ganzem Herzen". So lautet die klare Anordnung.
Merkt ihr was? Freiwilligkeit kann man nicht anordnen. Man kann niemand anweisen, etwas "von ganzem Herzen"zu tun.
Das kann nur von selbst wachsen. Bei jemanden, der an sich selbst erlebt, wie ein Hirte seine Schafe weidet. Der sich selbst getragen, geliebt, geschützt und begleitet weiß. Jemand, der aus seiner Identität als "Jesu Schäflein" heraus lebt, der davon geprägt wird und das dann auch begeistert an andere weiter zu geben weiß.
Von Herzensgrund.
Noch ein Letztes ist mir hängengeblieben: Ich glaube nämlich schon, dass meine Selbsteinschätzung von vorher ziemlich realistisch war. Christus ist der Gute Hirte -- gerne mit großem "G". Ich bin es nicht. Wenn das meine Aufgabe ist, dann werde ich scheitern. Denn nicht alles, was ich von mir mitbringe in diese Verantwortung hinein ist hilfreich und gut. Da wird manches schiefgehen.
Jetzt hat die württembergische Landeskirche -- und nur diese -- in Abweichung zum EKD-Predigttext für diesen Hirtensonntag noch einen weiteren Vers, den fünften in diesem Kapitel, hinzugefügt. Den habe ich euch noch gar nicht vorgelesen. Das will ich noch tun.
5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. (1. Petrus 5,5)Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Ein Zitat aus dem Buch der Sprüche in der hebräischen Bibel, das hier unbedingt noch hergehört. Denn das ist Teil des Herzensgrunds. Teil dessen, was ich vor allem anderen bin: In all meiner Schwäche und meinem Versagen gibt Gott mir Gnade.
Ich bin gehütet. Ich bin geliebt. Ich bin getragen. Ich bin begleitet. Ich bin begnadet.
Das ist mein Herzensgrund. Daraus lebe ich.
Als Gehüteter, Geliebter, Getragener, Begleiteter und Begnadeter will ich dann auch anderen begegnen -- und gerne Verantwortung übernehmen, wo Gott mich hinsendet.
O, Herr, hilf! O Herr, lass wohl gelingen!
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem ersten Petrusbrief, aus dem 5. Kapitel:
1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: 2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, 3 nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde. 4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen. (1. Petrus 5,1-4)O, Herr, hilf! O Herr, lass wohl gelingen!
O Herr, was mach ich bloß mit diesem Predigttext? Wenn ich den am Sonntag meiner Gemeinde in Tailfingen vorlese, gehen die dann nicht alle nach Hause? Fast alle, meine ich natürlich: Ein paar Kirchengemeinderät:innen bleiben vielleicht noch in den Bänken sitzen. Denn um die geht es doch hier: "Die Ältesten unter euch ermahne ich...". Damit meint der Briefschreiber nicht die, die schon die meisten Jahre auf dieser Erde verbracht haben. Er spricht die Gemeindeleitung an. Das sieht man auch gleich an der folgenden Anweisung: "Hütet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist." Während sich der heutige Bibeltext also mit dem Leitungsgremium der Gemeinde auseinandersetzt, können alle anderen ja nun nach Hause gehen, oder zumindest bis zu den Fürbitten "Roblox" auf dem Smartphone spielen, oder?
Bitte, habt noch einen Augenblick Geduld. Bleibt noch sitzen und geht nicht nach Hause. Ich glaube, das solltet ihr hören.
Wenn wir die Bibel lesen, haben wir es ganz oft mit Texten und Schriftstücken zu tun, die zur Zeit ihrer Abfassung in einem ganz konkreten Zusammenhang standen. Im Fall des heutigen Predigttext lesen wir aus einem Brief, den ein uns unbekannter Schreiber an Christ:innen des 2. Jahrhunderts in Kleinasien schrieb, weil sie mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Soziale Ausgrenzung, vielleicht sogar Verfolgung, bestimmen ihren Alltag. Der Briefschreiber macht Mut, am Glauben an Jesus Christus festzuhalten, weil Gott treu ist und sich das lohnt. Er gibt Hilfestellung für Menschen in verschiedenen Positionen, wie sie ihren Glauben in dieser Herausforderung leben könnten. So wendet er sich hier auch den Gemeindeleitenden zu.
Wie so oft entspricht die Situation, aus der der Bibeltext kommt, also auf keinen Fall 1:1 unserer Lebenssituation. Die Auseinandersetzung mit dem Text bedeutet, mir Gedanken zu machen, wo mein Alltag vielleicht ganz Ähnliches mit sich bringt -- um daraus dann selbst Ermutigung und Hilfe mitzunehmen.
O, Herr, hilf! O Herr, lass wohl gelingen!
So sollten sicher nicht nur Pfarrer, Vikarinnen und Kirchengemeinderät:innen den Text heute hören, sondern alle, die im Alltag in irgendeiner Form für andere Verantwortung übernehmen. Genau darum geht es ja im Bild des Hirten und der ihm anvertrauten Herde: Der Hirte übernimmt Verantwortung. Er führt die Herde. Er weiß, wo es sichere Weiden gibt, Nahrung und Wasser. Er kennt den Weg und bringt seine Schafe sicher durch schwieriges Gelände. Er verteidigt sie, wo Raubtiere angreifen wollen. Er bringt sie in Sicherheit, wenn Stürme drohen. Er vermeidet Risiken, die die Schafe krank machen können. Er pflegt kranke und verletzte Tiere. Er kennt seine Schafe, jedes Einzelne und sieht sofort, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist. Er hält die Herde zusammen, dass keines sich verirrt und sorgt dafür, dass kein Schaf ausgegrenzt oder von den anderen misshandelt wird.
Sicher ist das nirgends so schön beschrieben wie in den wohlbekannten Bildern des 23. Psalms, die aus der Sicht des einzelnen Schafes die großartige Fürsorge des Hirten beschreiben.
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Psalm 23,1-4)Solche Bilder sprechen in den biblischen Texten in der Regel über die Zuwendung Gottes zu den Menschen -- wie hier im Psalm. Jesus nimmt für sich dieselben Bilder in Anspruch, wenn er sagt: "Ich bin der gute Hirte." Aber das Neue Testament leitet daraus auch immer wieder einen Anspruch Gottes an die ab, die in Verantwortung stehen: "Hütet ihr nun die Herde". Seid ihr nun Hirt:innen für andere. Übernehmt Verantwortung!
Das muss ja gar nicht immer gleich im Kirchengemeinderat sein. So gut wie jeder von uns trägt irgendwo Verantwortung für andere Menschen: Eltern kümmern sich um ihre Kinder. Erwachsen gewordene Kinder pflegen ihre alten Eltern. Lehrer kümmern sich um ihre Schüler und bemühen sich, Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln. Erzieher:innen in der Kita, Trainer:innen im Sportverein, Freiwillige in vielen Bereichen gemeinnütziger Arbeit übernehmen Verantwortung füreinander. Vorgesetzte im Unternehmen, Ärzt:innen und Pflegende, Polizist:innen, Menschen bei der Feuerwehr, Politiker:innen übernehmen Verantwortung, genau wie jeder, der oder die mal eine halbe Stunde auf die Kinder der Nachbarn aufpasst oder einer alten Dame über die Straße hilft.
Hütet die Herde! Passt auf die anderen auf. Sorgt für sie. Seid Hirt:innen. Und tut das so, wie es Gott gefällt, ruft uns dieser Text zu.
Wie das geht, lässt sich eigentlich einfach zusammenfassen: Nicht gezwungen, sondern freiwillig, vorbildlich und ohne Gewinnabsicht.
Schön. Dann wissen wir das auch. Können wir jetzt nach Hause gehen?
Nicht so hastig! Ich bin beim Lesen des Texts an einem Bild hängengeblieben, das die Lutherbibel (und nur die Lutherbibel) beim Übersetzen ins Deutsche hinzugefügt hat. Das "Hüten der Herde" soll nämlich "von Herzensgrund" geschehen.
Hm. Herzensgrund. Ich hab versucht, mir das bildlich vorzustellen.
Ich denke an einen alten Brunnen. Richtig alt, so aus dem Mittelalter. Mit groben Steinen ummauert. Früher war sicher einmal eine Welle darüber, mit einer Kurbel und einem Eimer. Jetzt schon lange nicht mehr. Vielleicht steht der Brunnen in einer alten Burgruine. Zur Sicherheit der Besucher hat man ein Eisengitter hineinmontiert, damit keiner hineinfällt. Der Brunnen ist nämlich tief. Sehr tief. Wenn man hineinschaut, sieht man nach ein, zwei Metern nur noch Dunkel. So weit hinunter reicht kein Licht. Wenn man hineinruft, hallt es schaurig. Was da unten wohl ist?
Wenn wir hinuntersteigen könnten, an einem langen Seil, mit einer starken Taschenlampe, mit Werkzeug am Gürtel und einem Klappspaten, was würden wir dann finden? Früher wahrscheinlich Wasser. Inzwischen ist das eher noch eine Pfütze, ein paar Zentimeter und darunter: Schlamm. Das, was sich eben am Grund im Lauf der Zeit so ansammelt. Oder was hieingefallen ist. Ein altes verrottetes Seilstück vielleicht. Ein kaputter Holzeimer, der den Sturz in den tiefen Schacht nicht überstanden hat. Münzen vielleicht, die Menschen hineingeworfen haben -- das tun ja viele heute noch bei Brunnen. An jeder Münze klebt eine Hoffnung, auf die Erfüllung eines lange und sehnlich gehegten Wunsches vielleicht. Wer weiß das schon, wenn er die Münzen findet? Vielleicht ist auch mal jemand ein Schmuckstück hineingefallen. Über den Brunnenschacht gebeugt, nicht aufgepasst und schwupps - weg für immer. Nur noch ein ferner Traum. Vielleicht findet sich auch Tierkadaver da unten oder --wer weiß -- vielleicht sogar ein Skelett. Manchmal hat so ein alter Brunnen auch als Abfallgrube gedient. Da könnte man graben und manche alte Geschichte finden -- und vieles, was weggeworfen wurde, weil es nichts mehr taugt. Da sammelt sich ganz schön was an, am Grund so eines alten Schachts.
Herzensgrund.
Stellt euch vor, wir könnten ein U-Boot nehmen -- so ein kleines Forschungs-U-Boot, mit einem riesigen Bullauge aus Glas vorne dran -- und könnten hinuntertauchen auf den Grund des Meers, an einer tiefen Stelle. Was wir dort wohl finden würden? Wundersame Korallenwelten? Nie gesehene Fische? Unheimliche Tiefseewesen? Vulkangestein? Vielleicht würden wir ein Schiffswrack finden -- weil ja menschliche Unternehmungen leider zu oft zerbrechen oder auf Grund laufen. Viel Scheitern liegt da unten. Und ganz sicher auch viel Müll. Manchen hat man dort einfach verklappt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wer weiß, welche Giftfässer da vor sich hin rosten und langsam ihren tödlichen Inhalt verbreiten. Anderes ist einfach hergedriftet und hier liegen geblieben. Da sammelt sich ganz schön was an, am Meeresgrund.
Herzensgrund.
Stellt euch vor, wir könnten ein U-Boot nehmen -- wie das dann aussehen müsste, weiß ich nicht -- und hinabtauchen auf den Grund deines und meines Herzens. Was würden wir da finden? Welche sehnlichen Hoffnungen liegen da verstreut? Welche zerbrochenen Lebensentwürfe, welche Geschichten, welche Abstürze könnten wir da ausgraben? Welche Wracks liegen da auf Grund? Skelette vielleicht auch mit dabei? Was wurde da verklappt, ganz tief unten und rostet nun vor sich hin und verbreitet langsam sein Gift? Da sammelt sich ganz schön was an, im Lauf eines Lebens, am Grund eines Herzens.
Ganz schön unheimlich da unten. Wir tauchen schnell wieder auf.
Herzensgrund.
Nur die Lutherübersetzung hat dieses Bild. "Mit Eifer" solle man die "Herde hüten", liest man bei anderen. Verantwortung übernehmen "von ganzem Herzen." Ein kurzer Tauchgang nur hat mir da Bauchschmerzen gemacht. Ob mein Herz sich für so etwas wirklich eignet? Ob es gut ist, Verantwortung für andere zu übernehmen mit dem, was dieser kurze Ausflug da im Vorübergehen ans Licht gebracht hat -- was ich mit mir herumtrage?
Ich sehe das Scheitern schon kommen. Das nächste Wrack am Grunde des Meers. Ich kann nur hoffen, dass ich andere nicht gleich mit in die Tiefe reiße!
"Vorbilder der Herde", hah! Wie oft das schon schief gegangen ist, das belegen ja die Nachrichten unserer Zeit zur Genüge.
Herzensgrund.
Hm.
Ich bin schnell aufgetaucht und lese weiter. Nur weg von hier.
"So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen."
Mein erster Gedanke war: Na toll, jetzt kommt er also, der große Kontrolleur und schaut sich an, was ich fabriziert habe. Für mich wird er wohl keine Krone haben, so wie das gelaufen ist.
Und dann hat mich das Bild des Hirten wieder eingefangen. Vielleicht war ich zu sehr beim "Herzensgrund."
"Wenn erscheinen wird der Erzhirte..."
Plötzlich geht mir ein ganzer Kronleuchter auf!
Was, wenn mit "Herzensgrund" gar nicht der schlammige Bodensatz meiner Lebenserfahrungen gemeint ist? Was, wenn man "Grund" hier ganz anders lesen darf -- vielleicht im Sinn von "Grundlage"? Von "Fundament", auf dem alles steht? Und -- weil mir der "Erzhirte" immer noch durch den Hinterkopf geistert -- was, wenn mein "Herzensgrund" gar kein "was" ist, sondern ein "wer"?
Denn die Grundlage all meines Denkens, Fühlens, Wollens und Handelns, die Grundlage meines ganzen Lebens, seit Christus mich ergriffen hat, ist doch er selbst. "Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. (1. Korinther 3,11)", schreibt Paulus.
Hier taucht er mit dem alten, von ihm selbst gewählten Bild des guten Hirten auf: Der "Erzhirte". Der Hirte aller Hirten. Der Hirte aller Hirt:innen. Mein Hirte!
Ist es nicht das, was der Grund aller Lebensgründe ist: Dass ich zuallererst, vor allem anderen, vor allen Herausforderungen, vor allen Anforderungen, vor allen Lebensaufgaben und Verantwortungsbereichen, vor allen Dienstaufträgen und Pflichten, selbst ein Gehüteter bin? Selbst Teil seiner Herde?
Bin ich nicht zuallererst selbst einer, den er trägt, den er hegt und umsorgt, den er begleitet und beschützt, den er nährt und pflegt und nie, aber auch gar nie im Stich lässt? Dem er seine ganze Hirtenliebe zeigt?
Weil ich Jesu Schäflein bin, freu ich mich nur immerhin über meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu bewirten; der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt.Unter seinem sanften Stab geh ich aus und ein und hab unaussprechlich süße Weide, dass ich keinen Mangel leide; Und so oft ich durstig bin, führt er mich zum Brunnquell hin. (Text: Henriette Maria Luise von Hayn)Das ist mein Herzensgrund!
Ich bin gehütet. Ich bin geliebt. Ich bin getragen. Ich bin "Jesu Schäflein" (und das bin ich gerne, auch wenn sonst im Leben "Du Schaf" wirklich kein freundlicher Zuspruch ist.) Er ist mein Hirte. Ich gehöre zu ihm.
Noch einmal ein Schritt zurück: Wenn ich mich einen Augenblick lang von diesen reichen Bildern, von "Hirten" und "Herde", vom "Erzhirten" und vom "Herzensgrund" löse, dann bestätigt sich das, was ich da gerade entdeckt habe. Dann stelle ich mir nämlich den kleinasiatischen Gemeindeältesten vor, der soeben diesen Brief gelesen hat und nun grübelt, wie diese Anweisung wohl umzusetzen sei. "Die Herde hüten" soll er. Und zwar "freiwillig", von "ganzem Herzen". So lautet die klare Anordnung.
Merkt ihr was? Freiwilligkeit kann man nicht anordnen. Man kann niemand anweisen, etwas "von ganzem Herzen"zu tun.
Das kann nur von selbst wachsen. Bei jemanden, der an sich selbst erlebt, wie ein Hirte seine Schafe weidet. Der sich selbst getragen, geliebt, geschützt und begleitet weiß. Jemand, der aus seiner Identität als "Jesu Schäflein" heraus lebt, der davon geprägt wird und das dann auch begeistert an andere weiter zu geben weiß.
Von Herzensgrund.
Noch ein Letztes ist mir hängengeblieben: Ich glaube nämlich schon, dass meine Selbsteinschätzung von vorher ziemlich realistisch war. Christus ist der Gute Hirte -- gerne mit großem "G". Ich bin es nicht. Wenn das meine Aufgabe ist, dann werde ich scheitern. Denn nicht alles, was ich von mir mitbringe in diese Verantwortung hinein ist hilfreich und gut. Da wird manches schiefgehen.
Jetzt hat die württembergische Landeskirche -- und nur diese -- in Abweichung zum EKD-Predigttext für diesen Hirtensonntag noch einen weiteren Vers, den fünften in diesem Kapitel, hinzugefügt. Den habe ich euch noch gar nicht vorgelesen. Das will ich noch tun.
5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. (1. Petrus 5,5)Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Ein Zitat aus dem Buch der Sprüche in der hebräischen Bibel, das hier unbedingt noch hergehört. Denn das ist Teil des Herzensgrunds. Teil dessen, was ich vor allem anderen bin: In all meiner Schwäche und meinem Versagen gibt Gott mir Gnade.
Ich bin gehütet. Ich bin geliebt. Ich bin getragen. Ich bin begleitet. Ich bin begnadet.
Das ist mein Herzensgrund. Daraus lebe ich.
Als Gehüteter, Geliebter, Getragener, Begleiteter und Begnadeter will ich dann auch anderen begegnen -- und gerne Verantwortung übernehmen, wo Gott mich hinsendet.
O, Herr, hilf! O Herr, lass wohl gelingen!
Amen.

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