Christoph predigt

Herzenssache


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in Tailfingen,

Ein letztes Mal stehe ich heute auf dieser Kanzel und ich wollte ein so schöne Abschiedsrede halten -- mit Pathos und Empathie, mit Lob und mit den besten Segenswünschen. Dass dann ausgerechnet auch noch eine Jesuserzählung als Bibeltext drankommen sollte, kam mir sehr entgegen. Schließlich gibt es nichts Faszinierenderes, nichts Schöneres und nichts Zentrales für unseren Glauben als Gottes Selbstoffenbarung in diesem einen, fleisch gewordenen Wort namens Jesus Christus. Wer ihn anschaut, der sieht Gott. Wer ihm begegnet, der erkennt die Liebe Gottes zu uns, "Immanuel", Gott mit uns. Wer sich von ihm berühren lässt, der wird für immer verändert -- nicht nur damals, in den Erzählungen aus seiner Zeit in Galiläa und Judäa, sondern heute immer noch, überall wo er auftaucht, der Christus. Wenn es heute, am 20. Sonntag nach Trinitatis, um die guten Ordnungen Gottes geht, dann steht auch darüber an oberster Stelle sein Name, wie es die Barmer Theologische Erklärung vor fast 90 Jahren so trefflich festgehalten hat:

"Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben." (BTE, These 1)

Jesus Christus also, und es hätte alles so schön werden können, hätten sie nicht dazwischengefunkt: Die Pharisäer. Und die Jünger.

Von ersteren ist man das ja gewohnt, wenn man die Evangelientexte liest. Mit keiner Gruppe hat Jesus so viele Auseinandersetzungen wie mit ihnen. Und zwar keineswegs, weil die Gegensätze so groß wären--im Gegenteil: Theologisch stehen sie sich in vielem ganz nahe. Und gerade deshalb reiben sich die Pharisäer an diesem Jesus, der so gut einer von ihnen sein könnte und doch immer wieder Dinge sagt, die den Verdacht auslösen, er ist es nicht. Also drängen sie an ihn heran und testen ihn, immer wieder. Auch an diesem Tag. "Ist es einem Mann erlaubt, sich von seiner Frau zu scheiden?" Eine spannende Frage, Teil zeitgenössischer Kontroversen zwischen den Rabbis und zwischen verschiedenen religiösen Gruppen. Ein sehr komplexes Thema, mit vielen detaillierten Regelungen in der jüdischen Mischna, der Auslegung des Gesetzes. Eine gute Prüfungsfrage also -- die könnte glatt vom Oberkirchenrat stammen, als teil des Kirchenrechtsexamens bei der zweiten theologischen Dienstprüfung. Aber wirklich kein Thema für eine Abschiedpredigt!

Die Jünger diskutieren nicht über Trennung. Sie vollziehen sie gleich ganz praktisch. Nicht zwischen Ehepartnern natürlich. Aber sie sind ganz gut im Aussortieren von Menschen. Sie entscheiden, wer zu Jesus darf, und wer nicht. Schließlich ist der gekommen, um das Reich Gottes nahe zu den Menschen zu bringen. Auf diesen Auftrag soll er sich konzentrieren. Da hat er nicht für jeden Zeit, der gerade zu ihm will. Da gilt es Bündnisse mit den Einflussreichen zu schmieden. Vielleicht hatten sie da Hoffnung, als sie die Pharisäer vorgelassen haben. Vielleicht waren sie auch einfach machtlos gegen deren Auftreten. Wie dem auch sei: Bei Kindern ziehen sie die Grenze: Jesus ist doch kein Partyclown für den Kindergeburtstag! Kinder haben keine Macht und keinen Einfluss. Deshalb gilt für sie: Wir müssen draußen bleiben.

Und schon ist es passiert: Die letzten Minuten haben wir nur über Pharisäer und Jünger nachgedacht. Dabei wollten wir doch auf Jesus schauen. Gut evangelisch, wie wir es von Martin Luther gelernt haben -- in einem Bibeltext immer das zu suchen, was "Christum treibet." Nicht das, was die anderen so treiben. Oder, noch einmal mit den Worten der Barmer Theologischen Erklärung:

Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben... (BTE, These 2)

Er. Jesus. Der Christus selbst ist Gottes Anspruch auf unser Leben. Mit anderen Worten: Wenn uns aus diesem Evangelientext irgendein Anspruch Gottes auf unser Leben und Handeln begegnet, dann liegt er nicht in den theologischen Spitzfindigkeiten der Scheidungsdebatte und nicht in den strategisch-pragmatischen Handlungsentwürfen der Jünger. Sondern in ihn. Nur in ihm. Jesus ist der, auf den wir unser Augenmerk zu richten haben.

Jesus. Der ist mit beiden Gruppen recht schnell fertig:

Die theologischen Diskutanten verweist er auf Mose. Auf die Tora also, die Gebote Gottes. Die sind ihnen wohlbekannt. Das weiß Jesus auch und entlarvt ganz schnell die ganze Diskussion als das, was sie ist--ein billiger Versuch, theologische Spitzfindigkeiten und die Suche nach Fehlern beim anderen als ernst gemeinte Frage zu tarnen. Jesus lässt sich gar nicht darauf ein. Er zitiert im wesentlichen die wohlbekannten Texte. Und: Er entlarvt nicht nur die Motivation hinter der Diskussion, sondern auch die Herzenshärte derer, die das Thema überhaupt erst zum Thema machen.

Noch viel strenger geht Jesus mit den eigenen Jüngern ins Gericht. Er fährt sie an, ist verärgert und empört über ihr Verhalten. Schroff weist er sie zurecht und stellt zugleich wieder einmal ihr ganzes Verständnis vom erhofften Gottesreich in Frage: Nicht den Mächtigen, sondern gerade den Kindern, den Machtlosen und Ungewollten, gehört das kommende Reich des Himmels.

Und dann ändert sich auf einmal der Ton und vor allem das Bild. Ganz weich wird er und sanft, der gerade noch verärgerte Jesus, als er jetzt auf die Kinder zutritt. "Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie."

Das ist das Zentrum der Geschichte. Das ist das Bild, das ich euch, ihr Geliebten Gottes, zum Abschied hinterlassen möchte: Das Bild von dem sanften Jesus, der die Arme ausbreitet und die Kinder an sich zieht.

"Er herzte sie", schreibt die Lutherübersetzung. Eigentlich steht da im griechischen Text nur: "Er nahm sie in seine Arme", aber ich finde, Luther bringt es hier auf den Punkt, was ganz wesentlich ist: Dass sie, die Machtlosen, die Unvertretenen und Einflusslosen, die, die andere ausgeschlossen hätten, ganz nahe an Jesu Herzen sind.

"Er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie." Was im deutschen wie drei einzelne Handlungen klingt, ist im Markusevangelium ein einziger Vorgang. Es braucht eine ganz besondere Haltung, um andere gleichzeitig umarmen und ihnen die Hände auf den Kopf legen zu können. Ganz eng umschlossen. Ganz nahe. Ganz herz-lich.

Der umarmende Jesus. Da ist er: Immanuel. Gott mit uns. Da zeigt sich Gott der ganzen Welt: von Herzen. Da wird es sichtbar, wie er ist und wie es einer der Weihnachtstexte aus dem sonst recht wenig gelesenen Titusbrief so wunderbar in einen einzigen Satz packt: Da erscheint die ganze Menschenfreundlichkeit Gottes.

Der umarmende Jesus.

Wenn nun der Abschied kommt, kann ich beruhigt gehen. Ich weiß euch ja in guten Händen: Ganz nahe an Gottes Herzen. Umarmt von seiner Menschenfreundlichkeit in Jesus Christus.

Wenn nun der Abschied kommt, kann ich getrost gehen. Ich bin ja selbst in guten Händen. Auch mich lässt er nicht los aus seiner Herzensnähe.

Der umarmende Jesus.

Das ist die Mitte, von der wir die Schrift zu lesen haben. Da zeigt sich Gott ganz ungeschützt in seiner ganzen Liebe.

Der umarmende Jesus.

Das ist dann auch der Anspruch, den er an uns richtet. Und wenn es eines gibt, was ich euch, liebe Tailfinger, zum Abschied wünschen möchte, dann ist es, dass ihr auch in Zukunft die Hände dieses umarmenden Jesus hier am Ort seid. Die Segenshände. Dass an euch Gottes Menschenfreundlichkeit sichtbar wird.

Ich sage: "Auch in Zukunft", weil das keine Neuentwicklung wäre. So habe ich euch erlebt, vom ersten Tag an, schon als ihr mich und meine Familie ganz herzlich in eurer Mitte aufgenommen habt. Ihr sagt über euch selbst, die "Älbler" seien eher verschlossen und ein "ganz eigenes Völkchen". Ich kann euch versichern, dass das ein Gerücht ist. Ich habe mich bei euch immer umarmt gefühlt. Und das nicht nur, weil man als Pfarrer ja irgendwie eine prominente Position hat. Ich habe die umarmende Kirche hier in Tailfingen an ganz vielen Stellen erlebt--an viel zu vielen eigentlich, als dass ich die alle vollständig aufzählen könnte. Beispiele müssen deshalb genügen:

Da denke ich als erstes an unser Waldheim, das nicht nur seit Jahrzehnten ein Segen für große Zahlen von Kindern aus Albstadt ist, sondern sich ganz bewusst gerade auch für die öffnet, mit denen es nicht immer einfach ist: "Schwierige" Kinder aus komplizierten Familiensituationen und mit komplexen Bedürfnissen. Kinder mit Behinderung und großem Betreuungsbedarf. Ich bin ja selbst Vater eines solchen Kinds und kann das ganz besonders schätzen, was da geleistet wird--und was das für die Kinder selbst und ihre Familien bedeutet. Eine Umarmung Gottes!

Ich denke an die Coronazeit, die so unerwartet über uns hereinbrach und an die große Welle an Hilfsangeboten, die wir damals für "Wir helfen Nachbarn" bekommen haben--viel mehr, als dann überhaupt je abgerufen wurde. Aber die Bereitschaft war da, Gottes Umarmung auch mit Abstand und Maske auszuteilen.

Ich denke an unseren Besuchsdienst und die Menschen, die ihre Zeit dafür einsetzen, andere zu Hause aufzusuchen und ihnen die Umarmung Gottes ins eigene Wohnzimmer zu bringen. Und natürlich geschieht das auch durch unsere Sozialstation, die mit ihren kleinen Autos Gottes offene Arme durch den Ort fahren und durch die Tagespflege, und in der Augustenhilfe, und an so vielen anderen Orten.

Ich denke an die vielen Gruppen unserer Kindertagesstätte, wo es ganz praktisch gelebt wird, dass auch die Kleinsten bei Gott umarmt werden dürfen. Ich denke an unser Familienzentrum und an alles, was dort entstanden ist, um noch einmal auf ganz neue Weise Menschen mit der Liebe Gottes zu umarmen. Ich denke an die Kinderkirche, die so oft ganz klein ist und an die Mitarbeitenden, die trotzdem bereit sind, auch mit einem Kind ein Programm zu machen, das das eine Kind ganz nah an Gottes Herz zieht.

Und wie könnte ich nicht an das Zeltfestival denken, an die vielen, vielen von euch, die sich da an ganz unterschiedlichen Stellen so genial mit eingebracht haben.

Ihr seid die Hände des umarmenden Gottes!

Haltet daran fest, liebe Tailfinger! Macht damit weiter. Lasst da nicht anderes dazwischenfunken. Lasst euch nicht abbringen von dem, was an erster Stelle steht, von dem, der das Zentrum ist: Jesus Christus, der Umarmende, die fleischgewordene Menschenliebe Gottes.

Denn das werdet ihr brauchen. Das wird Tailfingen brauchen und ganz Albstadt, und die Welt, in die euch Gott gestellt hat.

Haltet daran fest, wenn sich unsere Kirche verändert, mit Pfarrplänen und Verwaltungsreformen und abnehmenden Mitgliederzahlen. Der Abschied heute ist ein deutliches Zeichen für den Umbruch, der da gerade stattfindet. Lasst euch nicht vom Klein-Klein von Strukturfragen gefangennehmen! Gebt der Versuchung nicht nach, euch zuerst mit euch selbst zu beschäftigen. Kirche hat viele Herausforderungen, gerade in der heutigen Zeit, aber der Anspruch Gottes ist immer noch derselbe--der, den er in Jesus Christus an uns richtet, der umarmende Gott. Lasst nie zu, dass anderes das überdeckt -- auch wenn die Baustellen noch so vielfältig und kompliziert sind, wenn die Pläne sich ändern und die Finanzierung noch nicht steht und immer neue Fragen auftauchen. Baut, ja baut, aber baut nicht um des Bauens willen, sondern nehmt es ernst, was wir uns von Anfang an über unsere Bauprojekte geschrieben haben: "Raum für Dich." Baut am Raum für andere Menschen. Baut an der Umarmung Gottes für Tailfingen. Baut Platz für die, die noch keinen Platz gefunden haben. Baut. Umarmt. Segnet. Liebt.

Lasst euch nicht aufhalten von Traditionen und von der Debatte um Gottesdienstformen. Es gibt so viel Gutes, das bewahrt werden muss. Aber nicht alles ist es wert, bewahrt zu werden, wenn es Menschen von der Umarmung Gottes fernhält. Gottes Anspruch an die Kirche Jesu Christi ist nicht, Bewahrerin irgendeiner Kulturform zu sein, sondern das, was Christus selbst vorlebt, ohne jede Agende, Liturgie oder liebgewordenen Tradition. Liebgeworden sind ihm die Menschen. Macht es ihm nach. Umarmt. Segnet. Liebt.

Lasst euch nicht beeindrucken von denen, die laut anderes schreien--und auch nicht von denen, die anfangen, es ihnen leiser und scheinbar überlegter nachzuplappern. Gerade jetzt ist das Thema Migration wieder ganz groß und auch hier in Albstadt mit der Hallendebatte wieder neu angekommen. Denkt drüber nach, was es in diesen Fragen ganz konkret heißt, Hände des umarmenden Gottes zu sein. Ich bin froh und glücklich, dass wir als Tailfinger Kirchengemeinde Teil von United4Rescue und damit Teil der Seenotrettung im Mittelmeer geworden sind. Gottes Umarmung packt so ganz praktisch auch die, die dort um ihr Leben kämpfen. Ich bin froh und glücklich, dass sich schon vor ein paar Jahren nicht nur alle Pfarrer, sondern auch der Kirchengemeinderat geschlossen und deutlich hinter den Text unseres "Heimat"-Plakats gestellt hat. Es ist in diesen Tagen wieder ganz aktuell geworden. Ein paar Sätze daraus lese ich euch hier vor:

Gott stellt Fremde und Benachteiligte unter besonderen Schutz. Deshalb wiedersprechen wir Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus in jeder Form und sprechen uns für die Menschenrechte aus, die für alle Menschen gleichermaßen gelten. Wir stellen uns an die Seite derer, die angefeindet werden, weil sie als "fremd" angesehen werden, und an die Seite derer, die sich für Geflüchtete und Benachteiligte engagieren.

Lebt das. Stellt euch an die Seite der Menschen, die Gott liebt. Stellt euch denen entgegen, die anderes behaupten. Werdet deutlich und laut. Erhebt eure Stimme für Gottes geliebte Menschen. Zeigt der Welt seine Menschenfreundlichkeit. Umarmt. Segnet. Liebt.

Froh und glücklich war ich auch, als wir im letzten Jahr von den Mitarbeitenden der zweiten Waldheimfreizeit überrascht wurden. Niemand von uns hatte vorher gewusst, dass sie am Ende des Abschlussgottesdienstes eine Erklärung abgeben würden, in der sie ihre Solidarität mit und Gottes umarmende Liebe zu queeren Menschen zum Ausdruck brachten. Diese jungen Menschen aus unserer Mitte haben damals die dringende Bitte an die Kirchengemeinde gerichtet, sich zu öffnen und zum Kreis der sogenannten "Regenbogengemeinden" in der Landeskirche zu stoßen, in denen auch die, die bisher Kirche als ausgrenzend erfahren haben, den Segen Gottes erfahren können. Ich mache kein Hehl daraus, dass mir das am Herzen liegt. Nicht das Thema, sondern die Menschen. Ich wünsche euch, liebe Tailfinger, dass ihr auch diesen Weg mit allen seinen Schritten gehen so gehen könnt, dass der umarmende Christus im Vordergrund steht und nicht spitzfindige Debatten und trennende Meinungen.

In allen kommenden Herausforderungen: Schaut auf Christus. Ahmt ihn nach. Umarmt. Segnet. Liebt. Lasst den menschenfreundlichen Gott in Albstadt groß rauskommen. Macht Gottes Herzenssache zu eurer Herzenssache, dass Jesus sichtbar wird vor allen Menschen: Er herzt sie und legt die Hände auf sie und segnet sie."

Das wünsche ich euch, liebe Tailfinger.

Fühlt euch umarmt. Von mir.

Und von Christus sowieso.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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