Christoph predigt

Hoffnungsrahmen


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte des Herrn in Burladingen,

Wenn ich zu Besuche komme, steht sein Bild unübersehbar auf dem Wohnzimmerschrank. Größer als alle anderen Familienbilder von Kindern und Enkeln, die sich darum herum gruppieren. Es ist ein schönes Bild. Entstanden an einem sonnendurchfluteten Herbsttag. Er lächelt entspannt und zufrieden. Man sieht im sein Alter an, aber noch nicht so sehr seine Gebrechlichkeit. Er strahlt Zuversicht aus und Nähe. Der Ehemann, der Vater, wie sie ihn alle über so viele Jahre erlebt haben. So wollen sie ihn gerne in Erinnerung behalten. Ganz bewusst haben sie das Bild deshalb damals für die Beerdigung erwähnt. Da stand es vorne, zwischen all den Blumen und den Kerzen, neben der fast unscheinbar wirkenden Urne.

Das Bild gab es schon vorher. Schon als er im Pflegeheim war und sie allein zu Hause. Da hat er sie schon immer ermutigend angelächelt, ihr Geliebter seit so vielen Jahren. Das war damals schon ihr Trost, wenn sie sich einsam fühlte, so allein in dem vertrauten Haus. Daran hat sich nichts geändert. Sein Bild steht heute noch da und lächelt sie an und wenn sie hinschaut, dann ist es, als könne sie ihn reden hören. Manchmal antwortet sie dann auch, redet mit ihm, damit es nicht immer so still ist im Haus. Das tut ihr gut, auch wenn sie weiß, dass es nur ein Bild ist.

Geändert hat sich eigentlich nur der Bilderrahmen. Den haben sie ausgetauscht, damals vor der Beerdigung. Der einfache Plastikrahmen aus dem Supermarkt schien nicht ganz passend für den Anlass. Er ist einem etwas edleren Stück gewichen. Schräg über die Ecke des Bildes zieht sich das Band einer schwarzen Schleife. Die ist noch dran von der Trauerfeier und sie passt zum neuen Rahmen.

In Freudenstadt habe ich einige Jahre neben einem Fachgeschäft für Bilderrahmen gewohnt. Ursprünglich war das eigentlich ein Kunsthandel, aber mit der Zeit trat das immer mehr in den Hintergrund. Was blieb waren die Rahmen. Keine 08/15-Ware von der Stange. Nein, bei Helmut Friedrich, der auch heute, mit 77 Jahren, noch nicht endgültig die Ladentür zugeschlossen hat, gibt es nur maßgefertigte Einzelstücke. Sein Schaufenster hängt voll mit einer schier unüberschaubaren Vielfalt von Rahmenprofilen. Schmale und breite. Wuchtige Rahmen mit Relief. Feine Rahmenprofile aus Chrom. Helle. Dunkle. Holz. Metall. Kunststoff. In allen Farben und Schattierungen. "Der Rahmen muss zum Bild passen", meint Herr Friedrich, der über die Jahrzehnte eine Passion für diesen oft übersehenen Aspekt entwickelt hat. Wer denkt schon dran, dass der Rahmen ganz entscheidend mit zur Wirkung eines Bildes beiträgt? Diese vielleicht gar mit bestimmt und ein Stück weit verändert?

Bei ihr im Wohnzimmer passt der veränderte Rahmen ganz gut zu der neuen Wirkung des Bilds. Die hat sich nämlich auch verändert über die Zeit. Seit dem Abschied damals auf dem Friedhof ist ein neues Element hinzugekommen, dass der neue Rahmen und die schwarze Schleife ganz gut wiederspiegeln. Wenn sie jetzt zu dem Bild ihres Mannes hinüberschaut, verspürt sie oft auch einen Stich tief in der Seele. Dann kommt die Traurigkeit wieder hoch, mit der sie zu leben gelernt hat in den Tagen, Wochen und Monaten nach seinem Tod. Wenn sie sein sonnenbestrahltes Lächeln sieht, erinnert sie sich an die vielen glücklichen Momente, die sie miteinander verbracht haben. Der dicke Kloß in ihrem Hals ist eine Erinnerung daran, dass diese Momente vorbei sind. Nie wiederkehren werden. Der neue Rahmen ist nur das äußere Zeichen dafür: Der Tod selbst ist es, der die Erinnerungen eines ganzen Lebens noch einmal neu einrahmt und zu einem Zeugnis der Vergänglichkeit macht. Es ist, als hätten sich dunkle Wolken vor die Sonne auf dem Bild geschoben.

Wir verlassen das Wohnzimmer auf der Alb und reisen nach Jerusalem, Israel, am Ende des 6. Jahrhundert vor Christus. Näher muss ich das gar nicht eingrenzen, denn Jerusalem, die Stadt auf dem Berg, steht schon lange als Zeichen für das ganze Land -- für das ganze Volk. Für sein Wohlergehen und seine Geschichte, für seine Position als erwähltes Gottesvolk, bei dem dort im Tempel Gott selbst wohnt. Für Gottes Gunst und Segen und für seine Treue. Weil diese Treue oft einseitig war und das Volk sich lange nur wenig um Gott und seinen Bund und seine Gebote geschert hat, haben sie gerade erst 70 Jahre im Exil verbracht, weit weg von zu Hause, in Babylon im Zweistromland, Mesopotamien. Entwurzelt, ohne Heimat, in der Ferne. Fotos von Jerusalem gab es keine, aber die Bilder der Heimat trugen sie trotzdem mit sich -- tief eingebrannt in ihren Herzen. Wie das sonnendurchflutete Bild des alten Mannes von der Alb waren es immer Hoffnungsbilder. Jerusalem, die Stadt auf dem Berg, der herrliche Tempel des Herrn an der Spitze, war ihr Sehnsuchtsort. Daran haben sie sich festgehalten in sieben Jahrzehnten in der Ferne. Zumal ja Gott auch geredet hat durch seine Propheten, in dieser endlos scheinenden Zeit. Geredet in reichen, sonnigen Bildern, von der Wiederherstellung, von Trost und Treue und vom kommenden Heil.

Als dann das Wunder geschah und die Heimkehr möglich wurde, gab es für viele von ihnen kein Halten mehr. Die Bilder der Heimat vor Augen zogen sie hin, heim, endlich, nach 70 Jahren. Generationen dabei, die diesen Sehnsuchtsort nur aus den Erzählungen der Älteren kannten, aber noch nie selbst gesehen hatten. Und sie selbst, die Älteren, zurück in die Heimat ihrer Kindheit und Jugend.

Nur: Die Bilder im Herzen passten gar nicht mehr zur Realität. Die einst strahlende Stadt auf dem Berg war ein Trümmerhaufen. Was einst von Größe und Schönheit und Treue Gottes zeugte, war jetzt nur noch trist und leer. Na ja, nicht ganz leer, denn andere hatten sich dort breit gemacht, wo plötzlich Platz war nach dem Weggang der ursprünglichen Bewohner.

Das sonnige Bild im Herzen hat seither einen neuen Rahmen bekommen. Einen schweren, dunklen Rahmen mit einer bitteren, schwarzen Schleife. Es ist, als hätten sich dunkle Wolken vor die Sonne auf dem Bild geschoben.

Wo ist denn nun Gott? Wo ist denn seine Treue? Wo ist denn die Wiederherstellung, der neue Anfang, das versprochene Heil. Die dunklen Wolken, die schwarze Schleife, sie legen sich drückend über alles, was einst an Glaube blühte und rauben jeder Hoffnung den Atem, den sie zum Leben und Wachsen braucht.

Mitten in dieser trüben Traurigkeit erklingt noch einmal Gottes Stimme. Er spricht wieder, durch einen seiner Propheten, einen Mann, dessen Namen wir nicht einmal kennen. Er ist ein Schüler der großen Propheten vor ihm und seine Worte sind erhalten im dritten von drei Teilen des Jesajabuchs. Theologen nennen ihn, mangels eines anderen Namens, "Tritojesaja". Hört, was er den traurigen Hoffnungslosen zu sagen hat:

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. ... Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr. (Jesaja 65,17-19.23-25)


Da sind sie wieder: Die hellen, fröhlichen Bilder. Neuer Himmel, neue Erde. Freuen und fröhlich sein. Wonne und Freude.

Weinen und Klagen sind vorbei. Der Prophet zieht noch einmal einen neuen Rahmen um das, was die Menschen seiner Zeit erleben. Er leugnet ihre Realität nicht. Aber er öffnet den Raum, den Blick, die Perspektive dafür, dass alles das hier nicht das Endgültige ist. Gott ist immer noch treu und er wird handeln. Er selbst wird kommen und alles gut machen.

Was der Prophet hier beschreibt sind keine abstrakten Ideen. Keine inhaltsleeren Phrasen, als gutgemeinte Mutmacher. Was er ganz plastisch beschreibt, ist Gott, der noch einmal als Schöpfer tätig wird. Was er schafft, das ist kein leeres Wolkenkuckucksheim in irgendwelchen abgehobenen Sphären, sondern eine plastische Welt, wie wir sie kennen, nur ohne all das, was dem Leben so triste schwarze Schleifen überstülpt. Kein Weinen. Kein Klagen. Keine frustrierend sinnlose Arbeit. Kein sinnlos früher Tod. Antwort auf Gebete. Friede zwischen Feinden. Kein gegenseitiges Übervorteilen. Keine Bosheit. Keine Schaden. Leben, so wie es sein könnte, wenn alle dunklen Wolken dieser Welt sich plötzlich auflösen und die Sonne strahlend durchdringt. Leben, wie an jenem sonnigen Herbsttag, als die Familie zusammen war und alle zufrieden lächelten.

Die Worte des Propheten wirken bis heute nach. Die christlichen Schriften des Neuen Testaments haben sie aufgegriffen, darauf aufgebaut. Im letzten Buch der Bibel, der Johannesoffenbarung, hören wir in einer großen Vision von Gott, der alles neu zu machen verspricht.

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21,1-5a)


Geliebte des Herrn in Burladingen,

Im Streit um Nachrichten und Fakten, um Meinungshoheit, in den letzten Jahren, ist ein Begriff in der Fachwelt ganz stark geworden. "Re-Framing", auf Deutsch "neu einrahmen", beschreibt den Prozess, in dem eine Tatsache oder ein Zitat in einem Zusammenhang so dargestellt wird, dass die ursprüngliche Bedeutung gar nicht mehr wahrgenommen wird, sondern sich ein ganz neues Bild ergibt. Wenn Wahrheit auf diese Weise verdreht wird, ist das ein perfides Instrument, das einen wahren Kern als Werkzeug zur Lüge mißbraucht. So funktionieren viele der Verschwörungserzählungen unserer Tage. Sie zeigen uns, dass nicht nur Bilderrahmen entscheidenden Einfluss auf die Wirkung des eingerahmten Bildes haben. Bei jeder Art von Botschaft hängt das was ankommt, mit von Rahmen ab.

Ich glaube, wir merken es oft gar nicht, wie oft bestimmte Dinge den Rahmen unseres Lebens bilden und unsere Wahrnehmung ganz entscheidend prägen. Viele von euch, die heute hier sind, haben im letzten Jahr einen lieben Menschen verloren und der Schmerz sitzt tief. Tage, Wochen, Monate vergehen und was anfänglich stechend scharf war, weicht einer dumpfen Traurigkeit, die sich immer wieder, oft auch unerwartet, an die Oberfläche drängt. Bilder vom Abschied, vom Grab, vom leeren Haus haben sich tief ins Herz eingebrannt. Und neblig kalte Novembertage mit fallenden Blättern tun ein übriges dazu, um uns die Vergänglichkeit allen Lebens vor Augen zu halten. Der Tod, das Sterben, scheint grausam übermächtig und legt seinen dunklen Rahmen mit der schwarzen Schleife über allen Lebens.

Geliebte des Herrn,

Die Botschaft des Evangeliums ermutigt uns, unser reales Erleben mit einem neuen Rahmen zu versehen. Nie leugnet sie den Tod und seinen Schmerz. Im Gegenteil: Sie zeigt uns ja einen Gott, der selbst in Jesus Christus mit in den Tod geht. Aber die Botschaft des Evangeliums ist eine Botschaft von Ostern, von Leben, in der das Sterben und alles, was wir hier an Vergänglichkeit sehen, nie das endgültige Letzte, sondern immer nur das Vorletzte ist. Die Botschaft des Evangeliums zeigt auf den Gott, der den Tod überwunden hat und der uns in der Taufe versprochen hat, uns mit hineinzunehmen in das neue Leben seines Sohnes Jesus Christus. Die Botschaft des Evangeliums zeigt über das, was wir hier sehen, hinaus auf das, was kommt -- was endgültig kommt -- wenn der Schöpfer des Lebens noch einmal Leben schafft.

Geliebte des Herrn,

Heute, am letzten Sonntag des Kirchenjahres, geht es um Tod und Sterben. Irgendwie passend, finden wir, dass das am Ende steht. Irgendwie unpassend, begreift man, wenn man heute auf die alten Prophetenworte hört. Und am dunklen letzten Sonntag des Kirchenjahres leuchtet uns heute schon das Licht einer Kerze entgegen vom nächsten Sonntag: Advent. Gott kommt. Gott macht alles Heil.

Geliebte des Herrn,

Lasst das den Rahmen sein um die traurige Tatsache, dass geliebte Menschen von uns gegangen sind. Lasst diese Gottesworte den Rahmen sein und nicht die scheinbare Endgültigkeit des Todes. Lasst das Licht des kommenden Heils den Rahmen sein und die Sonnenstrahlen auf den Gesichtern unserer Erinnerung wieder neu aufleuchten lassen in dem Morgenglanz der Ewigkeit, der uns in Gottes Versprechen entgegen strahlt.

Deshalb zünden wir heute für jeden und jede Verstorbene ein Licht an. Christus ist das Licht der Welt. Wie er durch die Nacht des Todes denen entgegenleuchtet, die uns vorausgegangen sind, so möge er auch unsere Wirklichkeit erleuchten mit dem hellen Rahmen seiner Hoffnung.

Amen.

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