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Israel. 8. Jahrhundert vor Christus. Das Land ist geteilt in zwei Reiche, im Norden und im Süden. Könige herrschen. Es gibt die Eliten, die Reichen. Und es gibt die Armen. Ganz viele davon. Sie alle verbindet eines--das Bewusstsein: "Wir sind Gottes Volk". Gott hat versprochen, bei uns zu sein. Für uns zu sein. Das verbindet sie. Ganz viel anderes trennt. Vor allem die soziale Situation, in der die einen in Saus und Braus leben, während andere mit Müh und Not genug zum Leben zusammenkratzen. Propheten treten auf. Amos von Tekoa ist der erste von ihnen. Radikal kritisiert er die Ausbeutung durch die Mächtigen. Andere schließen sich an. "Gott ist zornig über die Zustände im Land! Es muss sich etwas ändern!" Zunächst beschränkt sich das alles auf das Nordreich. Im Süden kann man sich zurücklehnen. "Die im Norden wieder. War ja klar! Gut, dass wir besser sind. Näher bei Gott. Bei uns wohnt er ja, in Jerusalem, in seinem Tempel." Dann kommt Micha von Moreschet. "Hört", ruft er denn Menschen zu. "Hört doch!" Immer wieder. Auch hier liegt vieles im Argen: Reiche eignen sich Felder der Armen an und vertreiben sie aus ihren Häusern. Das Leben ist ungerecht, besonders für die, die keinen Fürsprecher haben. Macht führt zu Missbrauch. Das Recht wird gebeugt. Wer Einfluss und Geld hat, kann sich den Richterspruch kaufen. "Hört!", ruft Micha. Gott selbst führt einen Rechtsstreit mit seinem Volk. Gott kann man nicht kaufen. Gott steht auf der Seite der Armen und Rechtlosen. Hören wir also. Aus dem Michabuch, aus dem 6. Kapitel:
1 Hört, was der HERR sagt: Führe einen Rechtsstreit mit den Bergen und lass die Hügel auf deine Stimme hören! 2 Hört, ihr Berge, worum es dem HERRN geht! Gebt acht, ihr Fundamente der Erde! Der HERR hat einen Rechtsstreit mit seinem Volk. Er tritt in eine Auseinandersetzung mit Israel: 3 Mein Volk, was habe ich dir getan? Habe ich etwa zu viel von dir verlangt? Steh mir Rede und Antwort! 4 Ich habe dich doch aus Ägypten geführt und aus der Sklaverei befreit. Ich habe Mose, Aaron und Mirjam dazu bestimmt, dass sie dir auf dem Weg vorausgehen. 5 Mein Volk, denk doch daran: Was führte Balak, der König von Moab, im Schilde? Und was hat ihm Bileam, der Sohn des Beor, geantwortet? Erinnere dich an die Ereignisse, als du von Schittim nach Gilgal gezogen bist! So erkennst du, dass der HERR gerecht gehandelt hat. 6 Womit soll ich vor den HERRN treten? Wie kann ich mich angemessen verhalten gegenüber dem Gott, der in der Höhe wohnt? Soll ich mit Brandopfern zu ihm kommen, mit einjährigen Rindern als Opfertieren? 7 Wird es dem HERRN gefallen, wenn ich ihm 1000 Widder bringe und 10.000 Krüge mit Olivenöl? Soll ich mein erstgeborenes Kind hergeben, damit er mir mein Verbrechen verzeiht? Soll ich die Frucht meines Leibes opfern, damit er mir meine Schuld vergibt? 8 Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen. (Micha 6,1-8)Deutschland. Baden-Württemberg. Gäufelden. 2024. All is well in "the Länd"? Brauchen wir auch einen Propheten, eine Prophetin, die uns zum Hören ruft? Mir scheint, dass vieles von dem, was die Propheten damals kritisieren, auch mehr als zweieinhalbtausend Jahre später noch sehr aktuell ist. Ungerechtigkeit. Reiche Eliten und eine Schere zwischen arm und reich, die immer wieder aufklafft. Das Recht scheint oft genauso auf der Seite des Stärkeren, des Einflussreicheren zu sein. Zumindest der Zugang zu Bildung und Chancen auch.
"Hört doch!", ruft Micha. Das muss man uns wohl auch zu rufen. "Hört doch!" Merkt auf. Lasst euch mindestens einen Moment aus eurem Alltagstrott, vielleicht auch aus eurer Lethargie reißen und hört, auf das, was wesentlich ist. Hört auf Gott, auf seine Stimme, auf den, der hier durch den Propheten redet. Hört auf ihn, das würde sich jetzt lohnen, denn ein bisschen genervt klingt sie ehrlich gesagt schon, die Stimme Gottes, die man durch Micha hört. "Mein Volk, was habe ich dir getan? Habe ich etwa zu viel von dir verlangt?" Hört auf ihn, hört neu auf seine Geschichte mit euch, auf seinen Herzschlag für euch. Hört hin und hört in seinem Reden, was ihm wichtig ist. Hört, dass es ihm um mehr geht als um religiöse Rituale, um mehr als um die Pflege einer christlich geprägten Kultur, um mehr als um denkmalgeschützte Kirchtürme und die Sanierung von Orgelpfeifen. Hört, wie sein Herz für seine Menschen schlägt! Hört, wie er wirbt und rechtet sogar um die, die er liebt. Für die er eine gute Welt geschaffen hat, ein gutes Land; die Erben seiner Verheißung sind. Hört doch! Hört!
Wer hören will, muss selbst erst einmal schweigen. Vielleicht reden wir ja auch einfach zu viel und verstehen deshalb nicht, was Gott uns sagen möchte. Wir werden also noch einmal still werden in diesem Gottesdienst, wenigstens für einige Augenblicke. Auch ich hier vorne am Rednerpult. Hört doch! Hört!
...
Habt ihr gehört? Habt ihr verstanden? Habt ihr mehr gehört als die Außengeräusche und das Rascheln der Kleidung des Nachbarn, der unruhig auf seiner Bank umherrutscht und das Hüsteln von irgendjemand, der versucht, den Reiz zu unterdrücken, um die Stille nicht zu stören? Habt ihr ihn gehört? Gott? Hat er zu euch gesprochen?
Nein?
Keine Sorge! Ihr seid nicht allein. Und die gute Nachricht ist: Es geht auch gar nicht darum, dass ihr irgendeine spezielle Offenbarung erlebt hättet, jetzt in ein paar Momenten der Stille. Da ist Micha von Moreschet ganz auf meiner Seite. "Hört doch!", ruft er den Menschen zu und es gibt genug, auf das man hören müsste, denn alles Wesentliche ist bereits gesagt. Das kennen wir schon. Wir wissen es eigentlich. "Hören" heißt hier nichts mehr als, sich dessen neu bewusst zu werden und dann konsequent danach zu leben.
"Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen." (Micha 6,8)
Hört doch!
Vielleicht habt ihr das in der Lutherübersetzung mehr im Ohr, diesen bekannten Vers: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." Ich habe ihn heute ganz bewusst aus der Basisbibel gelesen. Zum einen, damit wir neu hinhören. Wenn es zu vertraut klingt, schalten wir zu oft ab und denken: Das weiß ich doch schon. Zum anderen auch, weil die neueren Übersetzungen hier zum Teil etwas präziser arbeiten als der ältere Text. Und wir wollen ja genau hinhören.
"Es ist dir [bereits] gesagt", meint Micha. Und zwar Folgendes: "das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen."
Hört doch! Hört genau hin!
"Das Rechte tun" übersetzt Luther mit "Gottes Wort halten". Und natürlich ist es das, worauf sich Micha bezieht. Was "recht" ist, wird nicht einfach willkürlich oder am Stammtisch entschieden. Was "recht" ist, richtet sich nicht nach deinem aktuellen Bauchgefühl. Recht ist etwas ganz konkretes, auf das man sich beziehen kann. In Deutschland meist mit Paragraphen und Absatznummern. In Israel hatten sie die noch nicht, aber "Recht" war damals wie heute das, was im Gesetz stand. In Gottes Gesetz, der Torah, damals natürlich. Und die beginnt vor allen Ge- und Verboten mit der Geschichte Gottes mit seinen Menschen. Bevor Gott etwas fordert, tut er erst selbst ganz viel. "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist." Am Anfang schafft Gott die Welt und den Menschen -- und das ist "gut". "Gut" ist sein Handeln mit und an uns. "Gut" könnte der Titel seiner ganzen Story sein. "Ich habe dich doch aus Ägypten geführt und aus der Sklaverei befreit.", erinnert Gott die Menschen damals. Die sicher bekannteste Sammlung von Gottes Gesetzen, die "10 Worte", die wir "10 Gebote" nennen, beginnt genau so: "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat." Willst du so einem Gott nicht Gehör schenken?
Hört doch!
Als Christ:innen übertragen wir die vielen Ge- und Verbote der hebräischen Bibel nicht eins zu eins auf unsere Zeit. Wenn Luther hier, bei Micha, von "Gottes Wort" redet, dann denken wir zuallererst an sein wichtigstes, zentralstes Wort: an das Fleisch gewordene Wort Gottes Jesus Christus. Und wieder sind wir mitten drin in Gottes Geschichte mit den Menschen. Nirgends spricht er so deutlich wie in dem, was Jesus Christus tut. Hier sehen wir seine Liebe konkret werden: Er ist den Menschen ganz nahe, die es am dringendsten brauchen. Ja, er ist wirklich der Helfer der Armen, der Verlassenen, der Rechtlosen und Ohnmächtigen! "Gottes Wort" hören und halten ist dann vor allem: Seine Geschichte wahrnehmen. Nein, selbst Teil seiner Geschichte werden. "Das Rechte tun" heißt, diesem Christus nachfolgen auf seinem Weg zu den Menschen hin, heißt, ihn nachahmen in dem, was er für die Schwachen tut.
Christus selbst fasst das Wichtige dabei so zusammen (Hört doch! Hört!):
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Und als Zweites kommt dieses dazu: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. « (Markus 12,30-31a)"Lieben" also ist das Kennzeichen dieses Weges zu den Menschen. Genau wie bei Micha. "Liebe üben" übersetzt Luther das, was schon "gesagt" ist. Wenn "Liebe" nur kein so ausgelutschter Begriff wäre! Es geht hier eben nicht nur um ein inneres Gefühl der Ergriffenheit, ein Mit-Bewegt-Werden mit den Befindlichkeiten der Anderen, eine von sich selbst gerührte Sozialromantik. Die Liebe, die Micha meint und die Christus zeigt, ist konkret und handgreiflich. Sie wird tätig, damit sich für den Anderen etwas ändert. "Güte lieben" könnte man den Begriff hier übersetzen. Oder: "Nachsicht haben"; aus dem Verständnis für den anderen heraus handeln.
Dieses konkrete Handeln zu Gunsten des Anderen ist Auftrag der Kirche und unser aller Auftrag. Es ist der Grund, warum wir eine Diakonie haben, die an ganz vielen Stellen an der Seite der Menschen steht. Aber damit allein ist es nicht getan. Gottes Geschichte, sein Gang zu den Menschen, in den wir uns einreihen, geht genau bei dir zu Hause vorbei. Bei denen, die mit dir wohnen. Geht am Gartenzaun vorbei, auch zu den launischen Nachbarn. Geht die Straße runter, auch zu denen, denen du nicht so gerne begegnest. Geht durch Tailfingen durch, auch zu denen, für die du kein Verständnis hast. Geht durch Herrenberg und durchs Gäu, auch zu denen, die du bisher völlig übersehen hast: Not und Armut, Ausgegrenzt sein, Einsamkeit, direkt vor unserer Haustür. "Liebe üben" heißt, genau da persönlich ein Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen zu werden.
Hört doch!
Hört und seht! Hört hin! Schaut hin! Macht euch auf, auf den Spuren des Christus!
"Hört doch!", ruft Micha also. Hört auf das, was schon gesagt ist. Und dann tut es: Haltet euch an Gottes Wort. Übt Liebe mit allem was ihr könnt. Und am Ende: Bleibt demütig vor eurem Gott. Auch das müssen wir wohl hören. Denn, egal wie sehr wir uns anstrengen, wir werden Fehler machen. Wir werden diesen Ansprüchen nicht immer gerecht werden. Und wir werden die Welt nicht aus eigener Kraft in ein Paradies verwandeln. Das ewige Friedensreich mit umfassendem Wohlergehen für alle bleibt Gottes Zukunft, sein Versprechen. Aber wir leben aus dieser Hoffnung heraus. Wir packen an. Wir machen uns auf den Weg. Schritt für Schritt...
Amen.
By Christoph FischerIsrael. 8. Jahrhundert vor Christus. Das Land ist geteilt in zwei Reiche, im Norden und im Süden. Könige herrschen. Es gibt die Eliten, die Reichen. Und es gibt die Armen. Ganz viele davon. Sie alle verbindet eines--das Bewusstsein: "Wir sind Gottes Volk". Gott hat versprochen, bei uns zu sein. Für uns zu sein. Das verbindet sie. Ganz viel anderes trennt. Vor allem die soziale Situation, in der die einen in Saus und Braus leben, während andere mit Müh und Not genug zum Leben zusammenkratzen. Propheten treten auf. Amos von Tekoa ist der erste von ihnen. Radikal kritisiert er die Ausbeutung durch die Mächtigen. Andere schließen sich an. "Gott ist zornig über die Zustände im Land! Es muss sich etwas ändern!" Zunächst beschränkt sich das alles auf das Nordreich. Im Süden kann man sich zurücklehnen. "Die im Norden wieder. War ja klar! Gut, dass wir besser sind. Näher bei Gott. Bei uns wohnt er ja, in Jerusalem, in seinem Tempel." Dann kommt Micha von Moreschet. "Hört", ruft er denn Menschen zu. "Hört doch!" Immer wieder. Auch hier liegt vieles im Argen: Reiche eignen sich Felder der Armen an und vertreiben sie aus ihren Häusern. Das Leben ist ungerecht, besonders für die, die keinen Fürsprecher haben. Macht führt zu Missbrauch. Das Recht wird gebeugt. Wer Einfluss und Geld hat, kann sich den Richterspruch kaufen. "Hört!", ruft Micha. Gott selbst führt einen Rechtsstreit mit seinem Volk. Gott kann man nicht kaufen. Gott steht auf der Seite der Armen und Rechtlosen. Hören wir also. Aus dem Michabuch, aus dem 6. Kapitel:
1 Hört, was der HERR sagt: Führe einen Rechtsstreit mit den Bergen und lass die Hügel auf deine Stimme hören! 2 Hört, ihr Berge, worum es dem HERRN geht! Gebt acht, ihr Fundamente der Erde! Der HERR hat einen Rechtsstreit mit seinem Volk. Er tritt in eine Auseinandersetzung mit Israel: 3 Mein Volk, was habe ich dir getan? Habe ich etwa zu viel von dir verlangt? Steh mir Rede und Antwort! 4 Ich habe dich doch aus Ägypten geführt und aus der Sklaverei befreit. Ich habe Mose, Aaron und Mirjam dazu bestimmt, dass sie dir auf dem Weg vorausgehen. 5 Mein Volk, denk doch daran: Was führte Balak, der König von Moab, im Schilde? Und was hat ihm Bileam, der Sohn des Beor, geantwortet? Erinnere dich an die Ereignisse, als du von Schittim nach Gilgal gezogen bist! So erkennst du, dass der HERR gerecht gehandelt hat. 6 Womit soll ich vor den HERRN treten? Wie kann ich mich angemessen verhalten gegenüber dem Gott, der in der Höhe wohnt? Soll ich mit Brandopfern zu ihm kommen, mit einjährigen Rindern als Opfertieren? 7 Wird es dem HERRN gefallen, wenn ich ihm 1000 Widder bringe und 10.000 Krüge mit Olivenöl? Soll ich mein erstgeborenes Kind hergeben, damit er mir mein Verbrechen verzeiht? Soll ich die Frucht meines Leibes opfern, damit er mir meine Schuld vergibt? 8 Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen. (Micha 6,1-8)Deutschland. Baden-Württemberg. Gäufelden. 2024. All is well in "the Länd"? Brauchen wir auch einen Propheten, eine Prophetin, die uns zum Hören ruft? Mir scheint, dass vieles von dem, was die Propheten damals kritisieren, auch mehr als zweieinhalbtausend Jahre später noch sehr aktuell ist. Ungerechtigkeit. Reiche Eliten und eine Schere zwischen arm und reich, die immer wieder aufklafft. Das Recht scheint oft genauso auf der Seite des Stärkeren, des Einflussreicheren zu sein. Zumindest der Zugang zu Bildung und Chancen auch.
"Hört doch!", ruft Micha. Das muss man uns wohl auch zu rufen. "Hört doch!" Merkt auf. Lasst euch mindestens einen Moment aus eurem Alltagstrott, vielleicht auch aus eurer Lethargie reißen und hört, auf das, was wesentlich ist. Hört auf Gott, auf seine Stimme, auf den, der hier durch den Propheten redet. Hört auf ihn, das würde sich jetzt lohnen, denn ein bisschen genervt klingt sie ehrlich gesagt schon, die Stimme Gottes, die man durch Micha hört. "Mein Volk, was habe ich dir getan? Habe ich etwa zu viel von dir verlangt?" Hört auf ihn, hört neu auf seine Geschichte mit euch, auf seinen Herzschlag für euch. Hört hin und hört in seinem Reden, was ihm wichtig ist. Hört, dass es ihm um mehr geht als um religiöse Rituale, um mehr als um die Pflege einer christlich geprägten Kultur, um mehr als um denkmalgeschützte Kirchtürme und die Sanierung von Orgelpfeifen. Hört, wie sein Herz für seine Menschen schlägt! Hört, wie er wirbt und rechtet sogar um die, die er liebt. Für die er eine gute Welt geschaffen hat, ein gutes Land; die Erben seiner Verheißung sind. Hört doch! Hört!
Wer hören will, muss selbst erst einmal schweigen. Vielleicht reden wir ja auch einfach zu viel und verstehen deshalb nicht, was Gott uns sagen möchte. Wir werden also noch einmal still werden in diesem Gottesdienst, wenigstens für einige Augenblicke. Auch ich hier vorne am Rednerpult. Hört doch! Hört!
...
Habt ihr gehört? Habt ihr verstanden? Habt ihr mehr gehört als die Außengeräusche und das Rascheln der Kleidung des Nachbarn, der unruhig auf seiner Bank umherrutscht und das Hüsteln von irgendjemand, der versucht, den Reiz zu unterdrücken, um die Stille nicht zu stören? Habt ihr ihn gehört? Gott? Hat er zu euch gesprochen?
Nein?
Keine Sorge! Ihr seid nicht allein. Und die gute Nachricht ist: Es geht auch gar nicht darum, dass ihr irgendeine spezielle Offenbarung erlebt hättet, jetzt in ein paar Momenten der Stille. Da ist Micha von Moreschet ganz auf meiner Seite. "Hört doch!", ruft er den Menschen zu und es gibt genug, auf das man hören müsste, denn alles Wesentliche ist bereits gesagt. Das kennen wir schon. Wir wissen es eigentlich. "Hören" heißt hier nichts mehr als, sich dessen neu bewusst zu werden und dann konsequent danach zu leben.
"Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen." (Micha 6,8)
Hört doch!
Vielleicht habt ihr das in der Lutherübersetzung mehr im Ohr, diesen bekannten Vers: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." Ich habe ihn heute ganz bewusst aus der Basisbibel gelesen. Zum einen, damit wir neu hinhören. Wenn es zu vertraut klingt, schalten wir zu oft ab und denken: Das weiß ich doch schon. Zum anderen auch, weil die neueren Übersetzungen hier zum Teil etwas präziser arbeiten als der ältere Text. Und wir wollen ja genau hinhören.
"Es ist dir [bereits] gesagt", meint Micha. Und zwar Folgendes: "das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen."
Hört doch! Hört genau hin!
"Das Rechte tun" übersetzt Luther mit "Gottes Wort halten". Und natürlich ist es das, worauf sich Micha bezieht. Was "recht" ist, wird nicht einfach willkürlich oder am Stammtisch entschieden. Was "recht" ist, richtet sich nicht nach deinem aktuellen Bauchgefühl. Recht ist etwas ganz konkretes, auf das man sich beziehen kann. In Deutschland meist mit Paragraphen und Absatznummern. In Israel hatten sie die noch nicht, aber "Recht" war damals wie heute das, was im Gesetz stand. In Gottes Gesetz, der Torah, damals natürlich. Und die beginnt vor allen Ge- und Verboten mit der Geschichte Gottes mit seinen Menschen. Bevor Gott etwas fordert, tut er erst selbst ganz viel. "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist." Am Anfang schafft Gott die Welt und den Menschen -- und das ist "gut". "Gut" ist sein Handeln mit und an uns. "Gut" könnte der Titel seiner ganzen Story sein. "Ich habe dich doch aus Ägypten geführt und aus der Sklaverei befreit.", erinnert Gott die Menschen damals. Die sicher bekannteste Sammlung von Gottes Gesetzen, die "10 Worte", die wir "10 Gebote" nennen, beginnt genau so: "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat." Willst du so einem Gott nicht Gehör schenken?
Hört doch!
Als Christ:innen übertragen wir die vielen Ge- und Verbote der hebräischen Bibel nicht eins zu eins auf unsere Zeit. Wenn Luther hier, bei Micha, von "Gottes Wort" redet, dann denken wir zuallererst an sein wichtigstes, zentralstes Wort: an das Fleisch gewordene Wort Gottes Jesus Christus. Und wieder sind wir mitten drin in Gottes Geschichte mit den Menschen. Nirgends spricht er so deutlich wie in dem, was Jesus Christus tut. Hier sehen wir seine Liebe konkret werden: Er ist den Menschen ganz nahe, die es am dringendsten brauchen. Ja, er ist wirklich der Helfer der Armen, der Verlassenen, der Rechtlosen und Ohnmächtigen! "Gottes Wort" hören und halten ist dann vor allem: Seine Geschichte wahrnehmen. Nein, selbst Teil seiner Geschichte werden. "Das Rechte tun" heißt, diesem Christus nachfolgen auf seinem Weg zu den Menschen hin, heißt, ihn nachahmen in dem, was er für die Schwachen tut.
Christus selbst fasst das Wichtige dabei so zusammen (Hört doch! Hört!):
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Und als Zweites kommt dieses dazu: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. « (Markus 12,30-31a)"Lieben" also ist das Kennzeichen dieses Weges zu den Menschen. Genau wie bei Micha. "Liebe üben" übersetzt Luther das, was schon "gesagt" ist. Wenn "Liebe" nur kein so ausgelutschter Begriff wäre! Es geht hier eben nicht nur um ein inneres Gefühl der Ergriffenheit, ein Mit-Bewegt-Werden mit den Befindlichkeiten der Anderen, eine von sich selbst gerührte Sozialromantik. Die Liebe, die Micha meint und die Christus zeigt, ist konkret und handgreiflich. Sie wird tätig, damit sich für den Anderen etwas ändert. "Güte lieben" könnte man den Begriff hier übersetzen. Oder: "Nachsicht haben"; aus dem Verständnis für den anderen heraus handeln.
Dieses konkrete Handeln zu Gunsten des Anderen ist Auftrag der Kirche und unser aller Auftrag. Es ist der Grund, warum wir eine Diakonie haben, die an ganz vielen Stellen an der Seite der Menschen steht. Aber damit allein ist es nicht getan. Gottes Geschichte, sein Gang zu den Menschen, in den wir uns einreihen, geht genau bei dir zu Hause vorbei. Bei denen, die mit dir wohnen. Geht am Gartenzaun vorbei, auch zu den launischen Nachbarn. Geht die Straße runter, auch zu denen, denen du nicht so gerne begegnest. Geht durch Tailfingen durch, auch zu denen, für die du kein Verständnis hast. Geht durch Herrenberg und durchs Gäu, auch zu denen, die du bisher völlig übersehen hast: Not und Armut, Ausgegrenzt sein, Einsamkeit, direkt vor unserer Haustür. "Liebe üben" heißt, genau da persönlich ein Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen zu werden.
Hört doch!
Hört und seht! Hört hin! Schaut hin! Macht euch auf, auf den Spuren des Christus!
"Hört doch!", ruft Micha also. Hört auf das, was schon gesagt ist. Und dann tut es: Haltet euch an Gottes Wort. Übt Liebe mit allem was ihr könnt. Und am Ende: Bleibt demütig vor eurem Gott. Auch das müssen wir wohl hören. Denn, egal wie sehr wir uns anstrengen, wir werden Fehler machen. Wir werden diesen Ansprüchen nicht immer gerecht werden. Und wir werden die Welt nicht aus eigener Kraft in ein Paradies verwandeln. Das ewige Friedensreich mit umfassendem Wohlergehen für alle bleibt Gottes Zukunft, sein Versprechen. Aber wir leben aus dieser Hoffnung heraus. Wir packen an. Wir machen uns auf den Weg. Schritt für Schritt...
Amen.

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