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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Evangelium nach Matthäus, aus dem fünften Kapitel. Christus selbst ist der, der da redet. Der Text, den wir heute hören, ist Teil einer langen, zusammenhängenden Rede Jesu an seine Nachfolger, die wir heute meistens nach dem Ort, an dem sie gehalten wurde, "Bergpredigt" nennen. Hört also, was Christus da sagt:
38 »Ihr wisst, dass gesagt worden ist: ›Auge für Auge und Zahn für Zahn!‹ 39 Ich sage euch aber: Wehrt euch nicht gegen Menschen, die euch etwas Böses antun! Sondern wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch deine andere Backe hin! 40 Wenn dich jemand verklagen will, um dein Hemd zu bekommen, dann gib ihm noch deinen Mantel dazu! 41 Wenn dich jemand dazu zwingt, seine Sachen eine Meile zu tragen, dann geh zwei Meilen mit ihm! 42 Wenn dich jemand um etwas bittet, dann gib es ihm! Und wenn jemand etwas von dir leihen will, dann sag nicht ›Nein‹.« 43 »Ihr wisst, dass gesagt worden ist: ›Liebe deinen Nächsten‹ und hasse deinen Feind! 44 Ich sage euch aber: Liebt eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! 45 So werdet ihr zu Kindern eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über bösen und über guten Menschen. Und er lässt es regnen auf gerechte und auf ungerechte Menschen. 46 Denn wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben: Welchen Lohn erwartet ihr da von Gott? Verhalten sich die Zolleinnehmer nicht genauso? 47 Und wenn ihr nur eure Geschwister grüßt: Was tut ihr da Besonderes? Verhalten sich die Heiden nicht genauso? 48 Für euch aber gilt: Seid vollkommen, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!« (Matthäus 5,28-48)Geliebte Gottes in Tailfingen,
Jeden Morgen geht die Sonne auf. Mal strahlend hell, mal verborgen hinter Wolken und Nebel, aber immer wieder neu. Licht und Wärme durchfluten die Welt. Es gäbe kein Leben hier ohne Sol, den Stern, der unserem Planeten Erde am nächsten ist. Jeden Morgen sorgt die Drehung der Erde um die eigene Achse dafür, dass uns die Sonne aufgeht und wir strukturieren unseren ganzen Alltag nach ihrem Takt. Tag und Nacht. Rhythmen des Lebens. Das immer gleiche Kommen und Gehen der Sonne ist uns vertraut und fällt oft gar nicht mehr bewusst auf--bis es dann einmal eine Zeitlang kalt und trübe war, die Tage nur kurz erleuchtet wurden im Winter und wir regelrecht hungern nach jedem Sonnenstrahl. Gibt es etwas Schöneres als die erste Frühlingssonne, die uns wärmend ins Gesicht fällt. Wir atmen auf. Da ist Leben!
Jeden Morgen geht die Sonne auf: Über Tailfingen, über Lenja und Nele, die hier heute getauft wurden. Sie lächeln die Welt an und Gott lächelt zurück. Wie könnte er auch nicht! Jeden Morgen geht die Sonne auf über allen seinen Kindern, auch den Großen, die Gott mit Liebe anschaut und mit seinem Segen überschüttet--auch in ganz praktischen Dingen wie den wärmenden Sonnenstrahlen. Jeden Morgen geht die Sonne auf über jedem Menschen. Nicht nur über denen, die lächeln, weil das Leben ihnen lacht wie die Sommersonne. Auch über den Einsamen. Den Traurigen. Den Kranken. Den Sterbenden. Auch über denen, die keine Hoffnung haben. Jeden Morgen geht die Sonne auf über denen, die keine guten Absichten haben. Die Übles im Schilde führen, die ihren Mitmenschen schaden und Gewalt antun. Der hellen Sonne entgegen steht soviel Finsternis des Bösen, im Großen und Kleinen, in Zank und Habgier, in Neid und Rache, in sinnloser Gewalt und rücksichtsloser Machtausübung. Und über allem geht die Sonne auf.
Jeden Morgen strahlt neu über der Welt diese Sonne Gottes, des Vaters allen Lebens, von dem Jesus hier sagt, dass er vollkommen ist. Und wer sich näher anschaut, worum es hier geht, der merkt, dass in Jesu Augen die Vollkommenheit Gottes genau darin besteht, dass er nicht anfängt, kleinlich auszusortieren. Dass sein Licht eben nicht nur dahin leuchtet, wo auch im Leben alles in Ordnung und vorzeigbar ist. Dass er das Geschenk des Lebens und seiner Erhaltung auch denen erweist, die nicht damit umgehen können. Dass er auch bei denen ist, die dumme Entscheidungen getroffen haben, deren Leben auf die schiefe Bahn geraten ist. Dass Gott eben "gnädig" ist, sich unverdient allen zuwendet, wie wir es gerade in der Taufe der zwei noch so kleinen gefeiert haben, das ist es, was ihn vollkommen macht. "Macht es ihm nach", sagt Jesus.
Und während wir noch nachdenken, geht die Sonne unter und wieder auf. Ein neuer Tag beginnt und noch einer und noch einer und bevor wir uns versehen, gehen die Jahre ins Land. Irgendwann sind Lenja und Nele groß geworden, junge Frauen, mitten im Leben. Wie das wohl aussehen mag? Wir wissen es ja heute noch nicht! Wir bringen heute unsere guten Wünsche vor Gott. Wir haben Hoffnungen und Träume für das, was einmal aus diesen süßen Mädchen werden wird. Was davon wird in Erfüllung gehen? Wir wissen es nicht. Nicht alles können wir mit beeinflussen. Und, wie das Leben so spielt, werden wahrscheinlich auch diese beiden Süßen ihren Weg gehen und ihre Entscheidungen treffen. Nicht jede davon wird die klügste und weiseste sein. Sie wären die ersten, die nie einen Fehler machen, nie eine falsche Richtung einschlagen, nie etwas in den Sand setzen im Leben. Das wissen wir alle, wenn wir ehrlich sind.
Gottes Sonne geht trotzdem über ihnen auf. An seinem Versprechen, immer dabei zu sein, kann nichts, was sie oder andere tun (oder nicht tun), irgendetwas ändern. Das "Ja" Gottes, um das es gerade in der Taufe ging, bleibt bestehen. Das ist gut. Das zu wissen, gibt Halt. Sich daran festzuhalten ist genau das, was wir "Glaube" nennen.
Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter und soviel geschieht in dieser Welt, im Leben von Nele und Lenja und allen anderen, die heute hier sind. Schönes. Erinnernswertes. Tolle Höhepunkte. Gottes Segen. Aber nicht nur Schönes und Gutes geschieht. Nicht in dieser Welt, das wissen wir leider auch. Nicht immer geht die Finsternis an uns vorbei. Nicht immer kommen wir ungeschoren davon. Was wenn auch Leid geschieht? Wenn böse Menschen uns in ihre Finger bekommen? Was, wenn wir Schaden davon tragen, oft für lange Zeit, gar für immer davon gezeichnet bleiben?
"Macht's wie Gott", sagt Jesus. Der ist vollkommen. Der lässt sich nicht vom Bösen überwinden. Und noch wichtiger: Er steigt nicht auf dasselbe Niveau herab.
Die Beispiele, die Jesus anführt, sind mitten aus dem Leben gegriffen. Auch in unserer heute ganz anderen Kultur können wir sie problemlos wiederfinden. Da ist der, der dich vor allen erniedrigt. Ein Schlag ins Gesicht. Er nimmt dir alle Ehre, allen Stolz. Er macht dich zum Gespött.
"Halt ihm auch noch die andere Backe hin", sagt Jesus.
Da ist der, der alle rechtlichen Mittel ausschöpft, um sich an dir zu bereichern. Er nimmt dir regelrecht noch das letzte Hemd. Den Mantel, den durfte man nicht pfänden nach jüdischem Recht. Der Mantel war die letzte Hülle, die letzte Schicht zwischen dir und der beschämenden, würdelosen Nacktheit, Kleidung und Bettdecke bei Nacht zugleich. Grundsicherung, würden wir heute sagen. Das eine, was dir keiner nehmen darf.
"Gib ihm den Mantel auch noch mit", sagt Jesus.
Da ist der, der dir mit Macht aufzwingt, was ihm eigentlich gar nicht zusteht. "Gib ihm mehr, als er verlangt.", sagt Jesus. Da ist der, der dich schamlos ausnutzt, der immer nur will und niemals gibt. "Gib ihm trotzdem", sagt Jesus. Da ist der, der dir mit Hass begegnet, der Gräben zieht und Feindschaft begründet. "Hab ihn lieb", sagt Jesus.
Mach's wie Gott. Der lässt auch dann noch die Sonne aufgehen.
Nein, Jesus will dich nicht zum Opfer machen. Im Gegenteil, er zeigt einen Weg heraus aus der aussichtslosen Gewaltspirale dieser Welt. Er setzt den Reaktionen, die uns völlig normal erscheinen, ein neues Handlungsmodell entgegen. Die "Feinde" nicht bekämpfen, sondern lieben--das ist radikal! Neue Gewohnheiten für neue Menschen -- schließlich sind wir doch gar nicht "normal". Wir sind von Gott geliebt und bedingungslos angenommen. Wir sind Gottes Kinder, Erben der Herrlichkeit, Bürger einer neuen Welt, die mit Jesus begonnen hat. Was für andere "normal" scheint, muss es für uns nicht sein. Wir folgen Christus, der uns einen neuen Weg zeigt.
Gewaltlos setzt der, von dem Jesus redet, all den ungerechten und bösen Angriffen etwas entgegen. Er entwaffnet den, der ihn anfeindet, dadurch, dass er mehr tut, als das, was gefordert wird--und damit den anderen vor allen als den skrupellosen Egoisten enttarnt, der er ist. Wo der andere "anfeindet", wird er durch diese Überraschungsantwort "entfeindet" (das Wort habe ich vom jüdischen Theologen Pichas Lapide geklaut). Entfeindet -- wir machen da nicht mit bei diesem Spiel. Und dadurch brechen wir den Kreis der Gewalt.
Und die Sonne geht wieder auf.
Liebe Lenja, liebe Nele,
Ich wünsche euch ganz viele sonnige Tage. Tage, an denen alles leuchtet, gesegnet und in bester Ordnung ist. Tage, an denen ihr über alles das, was ich gerade gesagt habe, gar nicht nachdenken braucht. Ich weiß aber auch, dass in dieser Welt auch die anderen Tage kommen werden. Für euch und für uns alle, immer wieder, so sicher wie der Aufgang der Sonne am Morgen. Dann wünsche ich euch den Glaubensmut, das standhafte Vertrauen auf Gott, das man braucht, um beim Spiel der Bösen nicht mitzumachen. Um zu "entfeinden", statt anzufeinden.
Nicht immer gelingt das so einfach. Wo wir versagen, da ist uns Gottes Gnade zum Glück gewiss. Das hat er ja versprochen.
Manchmal--mit Gottes Hilfe immer öfter vielleicht--gelingt es aber doch. Und jedes Mal wenn das geschieht, verändert sich die Welt. Es ist, als ob die Sonne ein wenig heller leuchte. Die Dunkelheit weicht zurück. Die Hoffnung gewinnt Raum. Die Welt wird ein besserer Ort, für Lenja und Nele und für uns alle.
Und Gott freut sich über die, die er liebt.
Möge er uns also dabei helfen.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Evangelium nach Matthäus, aus dem fünften Kapitel. Christus selbst ist der, der da redet. Der Text, den wir heute hören, ist Teil einer langen, zusammenhängenden Rede Jesu an seine Nachfolger, die wir heute meistens nach dem Ort, an dem sie gehalten wurde, "Bergpredigt" nennen. Hört also, was Christus da sagt:
38 »Ihr wisst, dass gesagt worden ist: ›Auge für Auge und Zahn für Zahn!‹ 39 Ich sage euch aber: Wehrt euch nicht gegen Menschen, die euch etwas Böses antun! Sondern wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch deine andere Backe hin! 40 Wenn dich jemand verklagen will, um dein Hemd zu bekommen, dann gib ihm noch deinen Mantel dazu! 41 Wenn dich jemand dazu zwingt, seine Sachen eine Meile zu tragen, dann geh zwei Meilen mit ihm! 42 Wenn dich jemand um etwas bittet, dann gib es ihm! Und wenn jemand etwas von dir leihen will, dann sag nicht ›Nein‹.« 43 »Ihr wisst, dass gesagt worden ist: ›Liebe deinen Nächsten‹ und hasse deinen Feind! 44 Ich sage euch aber: Liebt eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! 45 So werdet ihr zu Kindern eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über bösen und über guten Menschen. Und er lässt es regnen auf gerechte und auf ungerechte Menschen. 46 Denn wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben: Welchen Lohn erwartet ihr da von Gott? Verhalten sich die Zolleinnehmer nicht genauso? 47 Und wenn ihr nur eure Geschwister grüßt: Was tut ihr da Besonderes? Verhalten sich die Heiden nicht genauso? 48 Für euch aber gilt: Seid vollkommen, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!« (Matthäus 5,28-48)Geliebte Gottes in Tailfingen,
Jeden Morgen geht die Sonne auf. Mal strahlend hell, mal verborgen hinter Wolken und Nebel, aber immer wieder neu. Licht und Wärme durchfluten die Welt. Es gäbe kein Leben hier ohne Sol, den Stern, der unserem Planeten Erde am nächsten ist. Jeden Morgen sorgt die Drehung der Erde um die eigene Achse dafür, dass uns die Sonne aufgeht und wir strukturieren unseren ganzen Alltag nach ihrem Takt. Tag und Nacht. Rhythmen des Lebens. Das immer gleiche Kommen und Gehen der Sonne ist uns vertraut und fällt oft gar nicht mehr bewusst auf--bis es dann einmal eine Zeitlang kalt und trübe war, die Tage nur kurz erleuchtet wurden im Winter und wir regelrecht hungern nach jedem Sonnenstrahl. Gibt es etwas Schöneres als die erste Frühlingssonne, die uns wärmend ins Gesicht fällt. Wir atmen auf. Da ist Leben!
Jeden Morgen geht die Sonne auf: Über Tailfingen, über Lenja und Nele, die hier heute getauft wurden. Sie lächeln die Welt an und Gott lächelt zurück. Wie könnte er auch nicht! Jeden Morgen geht die Sonne auf über allen seinen Kindern, auch den Großen, die Gott mit Liebe anschaut und mit seinem Segen überschüttet--auch in ganz praktischen Dingen wie den wärmenden Sonnenstrahlen. Jeden Morgen geht die Sonne auf über jedem Menschen. Nicht nur über denen, die lächeln, weil das Leben ihnen lacht wie die Sommersonne. Auch über den Einsamen. Den Traurigen. Den Kranken. Den Sterbenden. Auch über denen, die keine Hoffnung haben. Jeden Morgen geht die Sonne auf über denen, die keine guten Absichten haben. Die Übles im Schilde führen, die ihren Mitmenschen schaden und Gewalt antun. Der hellen Sonne entgegen steht soviel Finsternis des Bösen, im Großen und Kleinen, in Zank und Habgier, in Neid und Rache, in sinnloser Gewalt und rücksichtsloser Machtausübung. Und über allem geht die Sonne auf.
Jeden Morgen strahlt neu über der Welt diese Sonne Gottes, des Vaters allen Lebens, von dem Jesus hier sagt, dass er vollkommen ist. Und wer sich näher anschaut, worum es hier geht, der merkt, dass in Jesu Augen die Vollkommenheit Gottes genau darin besteht, dass er nicht anfängt, kleinlich auszusortieren. Dass sein Licht eben nicht nur dahin leuchtet, wo auch im Leben alles in Ordnung und vorzeigbar ist. Dass er das Geschenk des Lebens und seiner Erhaltung auch denen erweist, die nicht damit umgehen können. Dass er auch bei denen ist, die dumme Entscheidungen getroffen haben, deren Leben auf die schiefe Bahn geraten ist. Dass Gott eben "gnädig" ist, sich unverdient allen zuwendet, wie wir es gerade in der Taufe der zwei noch so kleinen gefeiert haben, das ist es, was ihn vollkommen macht. "Macht es ihm nach", sagt Jesus.
Und während wir noch nachdenken, geht die Sonne unter und wieder auf. Ein neuer Tag beginnt und noch einer und noch einer und bevor wir uns versehen, gehen die Jahre ins Land. Irgendwann sind Lenja und Nele groß geworden, junge Frauen, mitten im Leben. Wie das wohl aussehen mag? Wir wissen es ja heute noch nicht! Wir bringen heute unsere guten Wünsche vor Gott. Wir haben Hoffnungen und Träume für das, was einmal aus diesen süßen Mädchen werden wird. Was davon wird in Erfüllung gehen? Wir wissen es nicht. Nicht alles können wir mit beeinflussen. Und, wie das Leben so spielt, werden wahrscheinlich auch diese beiden Süßen ihren Weg gehen und ihre Entscheidungen treffen. Nicht jede davon wird die klügste und weiseste sein. Sie wären die ersten, die nie einen Fehler machen, nie eine falsche Richtung einschlagen, nie etwas in den Sand setzen im Leben. Das wissen wir alle, wenn wir ehrlich sind.
Gottes Sonne geht trotzdem über ihnen auf. An seinem Versprechen, immer dabei zu sein, kann nichts, was sie oder andere tun (oder nicht tun), irgendetwas ändern. Das "Ja" Gottes, um das es gerade in der Taufe ging, bleibt bestehen. Das ist gut. Das zu wissen, gibt Halt. Sich daran festzuhalten ist genau das, was wir "Glaube" nennen.
Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter und soviel geschieht in dieser Welt, im Leben von Nele und Lenja und allen anderen, die heute hier sind. Schönes. Erinnernswertes. Tolle Höhepunkte. Gottes Segen. Aber nicht nur Schönes und Gutes geschieht. Nicht in dieser Welt, das wissen wir leider auch. Nicht immer geht die Finsternis an uns vorbei. Nicht immer kommen wir ungeschoren davon. Was wenn auch Leid geschieht? Wenn böse Menschen uns in ihre Finger bekommen? Was, wenn wir Schaden davon tragen, oft für lange Zeit, gar für immer davon gezeichnet bleiben?
"Macht's wie Gott", sagt Jesus. Der ist vollkommen. Der lässt sich nicht vom Bösen überwinden. Und noch wichtiger: Er steigt nicht auf dasselbe Niveau herab.
Die Beispiele, die Jesus anführt, sind mitten aus dem Leben gegriffen. Auch in unserer heute ganz anderen Kultur können wir sie problemlos wiederfinden. Da ist der, der dich vor allen erniedrigt. Ein Schlag ins Gesicht. Er nimmt dir alle Ehre, allen Stolz. Er macht dich zum Gespött.
"Halt ihm auch noch die andere Backe hin", sagt Jesus.
Da ist der, der alle rechtlichen Mittel ausschöpft, um sich an dir zu bereichern. Er nimmt dir regelrecht noch das letzte Hemd. Den Mantel, den durfte man nicht pfänden nach jüdischem Recht. Der Mantel war die letzte Hülle, die letzte Schicht zwischen dir und der beschämenden, würdelosen Nacktheit, Kleidung und Bettdecke bei Nacht zugleich. Grundsicherung, würden wir heute sagen. Das eine, was dir keiner nehmen darf.
"Gib ihm den Mantel auch noch mit", sagt Jesus.
Da ist der, der dir mit Macht aufzwingt, was ihm eigentlich gar nicht zusteht. "Gib ihm mehr, als er verlangt.", sagt Jesus. Da ist der, der dich schamlos ausnutzt, der immer nur will und niemals gibt. "Gib ihm trotzdem", sagt Jesus. Da ist der, der dir mit Hass begegnet, der Gräben zieht und Feindschaft begründet. "Hab ihn lieb", sagt Jesus.
Mach's wie Gott. Der lässt auch dann noch die Sonne aufgehen.
Nein, Jesus will dich nicht zum Opfer machen. Im Gegenteil, er zeigt einen Weg heraus aus der aussichtslosen Gewaltspirale dieser Welt. Er setzt den Reaktionen, die uns völlig normal erscheinen, ein neues Handlungsmodell entgegen. Die "Feinde" nicht bekämpfen, sondern lieben--das ist radikal! Neue Gewohnheiten für neue Menschen -- schließlich sind wir doch gar nicht "normal". Wir sind von Gott geliebt und bedingungslos angenommen. Wir sind Gottes Kinder, Erben der Herrlichkeit, Bürger einer neuen Welt, die mit Jesus begonnen hat. Was für andere "normal" scheint, muss es für uns nicht sein. Wir folgen Christus, der uns einen neuen Weg zeigt.
Gewaltlos setzt der, von dem Jesus redet, all den ungerechten und bösen Angriffen etwas entgegen. Er entwaffnet den, der ihn anfeindet, dadurch, dass er mehr tut, als das, was gefordert wird--und damit den anderen vor allen als den skrupellosen Egoisten enttarnt, der er ist. Wo der andere "anfeindet", wird er durch diese Überraschungsantwort "entfeindet" (das Wort habe ich vom jüdischen Theologen Pichas Lapide geklaut). Entfeindet -- wir machen da nicht mit bei diesem Spiel. Und dadurch brechen wir den Kreis der Gewalt.
Und die Sonne geht wieder auf.
Liebe Lenja, liebe Nele,
Ich wünsche euch ganz viele sonnige Tage. Tage, an denen alles leuchtet, gesegnet und in bester Ordnung ist. Tage, an denen ihr über alles das, was ich gerade gesagt habe, gar nicht nachdenken braucht. Ich weiß aber auch, dass in dieser Welt auch die anderen Tage kommen werden. Für euch und für uns alle, immer wieder, so sicher wie der Aufgang der Sonne am Morgen. Dann wünsche ich euch den Glaubensmut, das standhafte Vertrauen auf Gott, das man braucht, um beim Spiel der Bösen nicht mitzumachen. Um zu "entfeinden", statt anzufeinden.
Nicht immer gelingt das so einfach. Wo wir versagen, da ist uns Gottes Gnade zum Glück gewiss. Das hat er ja versprochen.
Manchmal--mit Gottes Hilfe immer öfter vielleicht--gelingt es aber doch. Und jedes Mal wenn das geschieht, verändert sich die Welt. Es ist, als ob die Sonne ein wenig heller leuchte. Die Dunkelheit weicht zurück. Die Hoffnung gewinnt Raum. Die Welt wird ein besserer Ort, für Lenja und Nele und für uns alle.
Und Gott freut sich über die, die er liebt.
Möge er uns also dabei helfen.
Amen.

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