IMAGINE - Gemeinde Grossgrabe

Iss die Schriftrolle – Gottes Wort verinnerlichen


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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für diesen Sonntag steht im Alten Testament, im Buch Hesekiel (auch Ezechiel genannt), Kapitel 2, Verse 1–5 und 8–10 sowie Kapitel 3, Verse 1–3 – ein etwas zusammengestellter Text, der es aber in sich hat:

Der Herr sprach zu mir: „Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.“
Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.
Und er sprach zu mir: „Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten, zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt.
Die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: So spricht Gott der Herr.
Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde.“
Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben; und darin stand geschrieben: „Klage, Ach und Weh.“
Und er sprach zu mir: „Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast; iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel.“
Da tat ich meinen Mund auf, und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: „Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe.“
Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Der Herr segne an uns sein Wort. Amen.

Einverleibt – und nicht mehr zu nehmen

Ich erinnere mich an eine Szene aus dem Film Die Feuerzangenbowle. Der Hauptprotagonist Pfeiffer erlebt – als Erwachsener verkleidet – noch einmal die Schulzeit. Als der Lehrer droht, mit einem Zettel zum Direktor zu gehen, auf dem der Name seiner geliebten Eva steht, stopft sich Pfeiffer kurzerhand den Zettel in den Mund. Er kaut ihn gründlich durch und schluckt ihn herunter – sicher nicht schmackhaft.

Und doch: Der Effekt ist für ihn süßer als Honig.
Was er sich einverleibt hat, kann ihm niemand mehr nehmen.

Auch Hesekiel muss erst einmal verdauen, was er da isst. Sieben Tage, so heißt es im Anschluss an unseren Predigttext, sitzt er stumm und verstört bei seinen in die Fremde deportierten Landsleuten an den Flüssen Babylons. Er hört ihre Klage, spürt seine eigene Zerrissenheit, kaut innerlich auf Gottes Wort herum – unfähig, etwas zu sagen.

Erst nach sieben Tagen beginnt Gottes Wort in ihm zu wirken. Es entfaltet sich, drängt nach außen – und er spricht mit Überzeugung, mit Kraft, aus tiefstem Herzen. So spricht einer, der etwas wirklich verinnerlicht hat.

Wirklich verstanden?

Das kenne ich auch: Wenn ich etwas wirklich verinnerlicht habe, dann kann ich daraus schöpfen. Manche Grundüberzeugungen haben sich so tief eingebrannt – die habe ich regelrecht „gefressen“. Sie prägen mein Leben.

Schon in der Schule hieß es: „Erklärt euch gegenseitig den Stoff. Dann merkt ihr, ob ihr es wirklich verstanden habt.“ In dem Moment, in dem ich etwas erklären will, zeigt sich: Habe ich es nur gehört – oder wirklich aufgenommen?

Ähnlich ist es beim Verkaufen. Man merkt meist schnell, ob jemand selbst von dem überzeugt ist, was er anbietet. Auf Dauer kann niemand glaubwürdig etwas vertreten, von dem er innerlich nicht überzeugt ist.

Und wie viel mehr gilt das für den Glauben?
Der Glaube, den ich verinnerlicht habe, trägt mich, wenn es hart auf hart kommt. Die Glaubenspraxis, die ich in guten Zeiten einübe, gibt mir Halt, wenn alles wankt.

Ich erlebe manchmal schwer demenzkranke Senioren, die alte geistliche Lieder Strophe um Strophe mitsingen können – in der Jugend gelernt, immer wieder gesungen, verinnerlicht. Heute sind diese Lieder ein Stück fester Boden in einer entgleitenden Welt.

Ein Haus des Widerspruchs

Hesekiel wird es schwer haben. Gott schickt ihn in ein „Haus des Widerspruchs“. Ein starkes Bild.

Nicht einzelne Menschen widersprechen – das kennen wir alle. Widerspruch kann sogar heilsam sein. Aber ein ganzes Haus des Widerspruchs? Ein Umfeld, in dem man spürt: Hier ist alles gegen dich?

Menschen mit harten Köpfen und verstockten Herzen.
Das wird ein hartes Pflaster für Gottes Bodenpersonal.

Darum sagt Gott zuerst:
„Stelle dich auf deine Füße.“
Ich brauche dich standhaft. Aufrecht. Bereit, mir von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.

Gott bereitet seinen Propheten auf Misserfolg vor. Seine Botschaft wird oft abprallen. Und doch soll er gehen.

Der Sämann – trotz allem

Mir kommt das Gleichnis vom Sämann in den Sinn. Auch er erlebt, dass viel von dem, was er sät, verloren geht – auf steinigem Boden, unter Dornen, von Vögeln gefressen. Und doch sät er weiter.

Diese unbeirrbare Hoffnung beeindruckt mich. Zwischen all den Misserfolgen bahnt sich Gottes Reich seinen Weg. Ein Teil der Saat geht auf – und trägt hundertfach Frucht.

Ob ein Mensch wirklich zu dem steht, was er sagt, zeigt sich oft erst, wenn es ihn etwas kostet.

Glauben einüben

Ich bin dankbar, in einer Zeit zu leben, in der ich meinen Glauben frei bekennen kann. Das war nicht immer selbstverständlich. In der DDR konnte ein offenes Bekenntnis durchaus Bildungs- und Berufschancen kosten.

Heute erleben wir vielleicht weniger offenen Widerstand, eher Gleichgültigkeit. Aber auch das hat seine Tücken. Wer nie gezwungen ist, Position zu beziehen, bleibt leicht im Ungefähren.

Regelmäßige Glaubenspraxis tut gut.
Gebet, Gottesdienst, Austausch – das sind keine Nebensächlichkeiten. Wer seinen Glauben nicht immer wieder „zu sich nimmt“, der verinnerlicht ihn nicht wirklich.

Es tut uns gut, das einzuüben. Wer auf einem festen Fundament steht, ist widerstandsfähiger – geistlich und menschlich.

Wer weiß, welche Herausforderungen kommen? Persönlich oder gesellschaftlich? Vielleicht werden Zeiten kommen, in denen christliche Nächstenliebe nicht mehr selbstverständlich ist. Vielleicht werden wir uns wieder in einem „Haus des Widerspruchs“ wiederfinden.

Süß wie Honig

Darum will ich die Rolle essen.
Auch wenn darauf „Klage, Ach und Weh“ steht – auf ihr steht auch von Jesus Christus geschrieben: vom Brückenbauer, vom Retter, vom, der ausgrenzt nicht, sondern hereinholt. Von seiner Liebe zu mir und zu jedem Menschen.

Diese Schriftrolle will ich verinnerlichen.
Immer wieder darin lesen. Sie wirken lassen.
Sie – wie Hesekiel – süß wie Honig schmecken.

Wir feiern Abendmahl. Wir nehmen Christus in Brot und Traubensaft in uns auf. Wir vergewissern uns der Gemeinschaft mit Gott und mit der weltweiten Kirche aller Zeiten.

Wir tanken Glauben.
Wir stellen uns auf unsere Füße.
Und wir vertrauen: Gottes Reich wird sich am Ende durchsetzen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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IMAGINE - Gemeinde GrossgrabeBy imagine03.de