Christoph predigt

Jemand an meiner Seite


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Ihr Lieben,

Seine Frau ist gestorben. Ganz plötzlich. Gerade saßen sie noch gemeinsam beim Frühstück. Alles war wie immer. Er war beim Bäcker gewesen und hatte Brötchen geholt. Mitten im Gespräch verstummt sie auf einmal. Sie neigte sich auf ihrem Stuhl zur Seite. Er konnte sie gerade noch auffangen. Sie war in einem Augenblick gestorben.

Keiner hätte damit gerechnet. Er kann es immer noch nicht fassen, auch wenn inzwischen eine Woche vergangen ist. Wie durch einen grauen Schleier hat er diese letzten Tage an sich vorbeiziehen sehen. Unwirklich, irgendwie. Jetzt ist die Beerdigung zu Ende. Nur mit Mühe hat er sich gerade von ihrem Grab losreißen können. Irgendwie rafft er sich nun zusammen und steht dort, am Rande des kleinen Wegs, während sich die anderen Besucher der Trauerfeier an ihm vorbeidrücken.

Einer nach dem anderen reicht ihm die Hand. Manche haben Karten mitgebracht. Umschläge drücken sie ihm in die Hand. Was sie dabei murmeln, versteht man in den meisten Fällen gar nicht. Das soll wohl auch so sein. Man sieht es den Meisten an, wie unwohl ihnen dabei ist. Verlegen stammeln sie irgendetwas von "Beileid". Verlegen, weil sie nicht wissen, was sie eigentlich sagen sollen in so einem Moment.

Ihr Lieben,

Mir geht es als Pfarrer ja oft genauso. Wenn ich da vorne stehe und eine trauernde Familie vor mir sitzen sehe. Was kann man da eigentlich sagen, in so einem Moment? So viele gut gemeinte Worte klingen plötzlich hohl und leer. Nicht nur auf dem Friedhof. Wenn mir ein Mensch sein Leid klagt. Von seinen Schmerzen berichtet. Von der Einsamkeit. Von den Kindern, die nicht mehr anrufen. Von der Ehe, die zerbrochen ist.

Was kann man da sagen?

Wenn ich Geschichten von Flucht und Heimatlosigkeit höre. Wenn mir jemand beschämt erzählt, dass das Geld nicht mehr reicht und der Monat noch so lang ist.

Was kann man da sagen?

Trost ist schwer.

"Das wird schon wieder", sagen manche ganz flapsig. "Alles wird gut." Das hat vielleicht einmal bei meinen Kindern gereicht, als sie klein waren und weinend zu mir kamen, weil sie sich beim Fallen das Knie aufgeschürft hatten. In vielen anderen Lebenssituationen macht man sich mit solchen Sprüchen höchstens lächerlich. "Das wird schon wieder"? Sagt das doch mal dem Mann, der gerade seine Frau beerdigt hat. Was wird denn da bitte wieder?

Trost ist schwer.

In meinem Rucksack für die Notfallseelsorge habe ich einen "Trösterbär". Den kann ich Kindern schenken, die gerade großes Leid erfahren haben. Da lenkt er zumindest ab. Gibt's so etwas auch für Erwachsene? Ein Kuscheltier, das die Sorgen wegnimmt?

Trost ist schwer.

Der Blick auf Christus hilft, müsste ich ja sagen als Pfarrer. Aber ist das denn so? Passionszeit haben wir gerade. Der Blick auf Christus zeigt auch nur Leiden und Sterben. Als würde Gott selbst einknicken vor der Wucht all dessen, was mich umhaut.

Trost ist schwer.


"Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?" fragt der 1563 entstandene Heidelberger Katechismus der reformierten Kirche.

Gute Frage. Ein einziger würde ja schon reichen. Wenn man ihn denn finden könnte.

Trost ist schwer.


"Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes", schreibt Paulus.

Dass sich die Rede vom Trösten in diesem Text durchzieht, ist euch wahrscheinlich beim Lesen schon aufgefallen.

Gott allen Trostes.

Das finde ich schön. Damit kann ich etwas anfangen. Das brauche ich in ganz vielen Lebenslagen.

Gott allen Trostes.

Trotzdem hat es mich beim ersten Lesen sehr nachdenklich gemacht, dass dieser Text, der so viel über Trost redet, so wenig darüber sagt, worin der Trost denn genau besteht.

Gott allen Trostes.

Wir werden getröstet, damit wir dann auch euch trösten können, schreibt Paulus. Unser Trost wird auch euer Trost.

Trost überall.

Gott allen Trostes.

Aber was tröstet denn jetzt genau?

Gott allen Trostes.

Ich glaube, das muss man erst einmal aushalten, genau wie auf dem Friedhof. Aushalten, dass es hier keine einfache Lösung gibt. Keine wunderbare Formel, nach der "alles wieder gut" wird. Kein einfacher Glaubenssatz: Wenn du so, dann verändert Gott alles. Dann wird aus Trauer plötzlich Freude. Aus Schmerzen Gesundheit. Aus Einsamkeit ein Fest. Aus Tod Leben. Wenn du so, dann Gott so. Ganz einfach.

So etwas hätten wir ja gerne. Einen Trösterbären.


Gott allen Trostes.

Mehr hat Paulus nicht anzubieten. Und genau das macht eigentlich die Stärke dieses Textes aus. Weil wir doch längst gemerkt haben, dass angesichts von Leid und Schmerz und Sterben die einfachen Lösungen meistens gar keine sind. Paulus ist realistisch. Damit kann ich etwas anfangen. Er bietet keine Wunderlösungen an. Nur eines:

Gott allen Trostes.

Was immer an Trost zu haben ist, das findet er bei Gott.

Gott allen Trostes.

Das heißt zuallererst, dass sich der Inhalt dieses Trostes meiner menschlichen Logik entzieht. Man kann ihn nicht nachmachen. Nicht auf eine Karte drucken, als flotten Spruch, der dann alles wieder gut macht.

Gott allen Trostes.

Mir hat es geholfen, die Worte genauer anzuschauen, die Paulus hier verwendet. Als Pfarrer muss man ja griechisch lernen, um das Neue Testament in seiner ursprünglichen Sprache lesen zu können. Manchmal entdeckt man da schon ganz hilfreiche Dinge. Hier zum Beispiel:

"Parakaleo" heißt das Wort, das die Lutherbibel hier mit "trösten" übersetzt. Wörtlich bedeutet es "an die Seite gerufen". Da ist jemand an meiner Seite. Jemand, der den Weg mit mir geht. Mir "zur Seite steht". Mich stützt. Unterstützt. Mich auffängt. Mir Halt gibt. Jemand, der mitbekommt, wie es mir geht. Dem das nicht egal ist. Der sich Zeit für mich nimmt.

"Advocatus" heißt dasselbe Wort auf Latein. Der "Advokat" kommt da her. Wer schon einmal mit einem Gericht zu tun hatte, kann sich gut vorstellen, um was es da geht. Wie soll man sich da allein zurechtfinden? Da ist es gut, wenn man jemand "zur Seite hat", der sich auskennt. Der einem hilft mit seiner Sachkenntnis. Einen "Advocatus." "An die Seite gerufen."

Zehn mal verwendet Paulus dasselbe Wort in diesen wenigen Sätzen. Zehnmal. Als wolle er, dass es niemand verpassen kann.

Da ist jemand an deiner Seite.

Da ist jemand an deiner Seite.

Da ist jemand an deiner Seite.

Du bist nicht allein in deinem Leid.

Da ist jemand an deiner Seite.

Da ist jemand an deiner Seite.

Du musst das nicht allein ertragen.

Da ist jemand an deiner Seite.

Da ist jemand an deiner Seite.

Egal, wie es sich anfühlt.

Da ist jemand an deiner Seite.

Egal, wie sehr es dich überwältigt.

Da ist jemand an deiner Seite.

Egal, wie hilflos du bist.

Da ist jemand an deiner Seite.

Der Gott allen Trostes. Er ist an deiner Seite.

Ist es nicht das, was er versprochen hat? Ist es nicht das, was er schon von Anfang an zugesagt hat? Ist es nicht das, was du bei deiner Taufe schon gehört hast? "Siehe, ich bin bei dir alle Tage, bis an das Ende der Welt."

Der Gott allen Trostes. Er ist an deiner Seite.

Ist es nicht das, was er uns in Christus zeigt? Ist es nicht das, was wir an Weihnachten feiern? Dass er zu uns gekommen ist. "Immanuel". Gott mit uns. Einer, der an unsere Seite eilt. Der unsere menschlichen Wege geht. Der das Leid kennt, den Schmerz, die Einsamkeit. Selbst das Sterben.

Der Gott allen Trostes. Er ist an deiner Seite.

Ist es nicht das, woran wir uns jetzt gerade in der Passionszeit wieder erinnern? Dass er selbst ins Sterben mit hineingeht? Wir sehen ihn leiden, sterben, dort am Kreuz. Für uns, hören wir im Evangelium. Für uns, hören wir als Zusage im Abendmahl. In unseren Tod ist er mit hineingegangen. Wie sollte er nicht auch im Leben immer bei uns sein?

Der Gott allen Trostes. Er ist an deiner Seite.

Und dass er bei mir ist, in jedem Moment meines Lebens; dass nichts ihn entfernen kann von meiner Seite; dass nichts mich wegnehmen kann von seiner Seite, das gibt mir Hoffnung, wenn ich auf Christus schaue. Dann leuchtet mir jetzt an Laetare, mitten in der Leidens- und Sterbenszeit, schon entgegen, was an Ostern Gewissheit wird. Dass nämlich Christus den Tod überwunden hat. Dass Gott neues Leben schenkt. Dass der Tod verloren hat und das Leben triumphiert.

Hoffnung.

Dass Gott nicht nur mit mir geht in Leben und Sterben, sondern mich dann auch mitnimmt zu neuem Leben. Dass Leid und Sterben irgendwann ein Ende haben. Dass Gott in Christus dem allem Leben entgegensetzt.

Hoffnung.

Der Gott allen Trostes.

Immanuel. Gott mit uns.

An meiner Seite.

DAS ist Trost.

Mehr brauch ich nicht.


Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?

Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.


Amen.

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