Predigten – ERKWB Winterthur

Jesus und die Sünder


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Die Zöllner liessen sich von den Römern einspannen, die besetzten Gebiete zu beherrschen, indem sie Steuern eintrieben. Sie waren beim jüdischen Volk unbeliebt. Sie bereicherten sich durch ihr Amt, indem sie mehr verlangten, als ihnen die Obrigkeit vorschrieb. Das zusätzliche Geld kam in ihre Tasche. So wurden viele der Beamten reich und führten ein Leben in Saus und Braus, während ihre Landsleute kaum über die Runden kamen. Jeder konnte ihre Ungerechtigkeit sehen. Zöllner waren bekannte Sünder.
Obwohl sich unsere Beurteilung der Ungerechtigkeit im Vergleich zur Zeit Jesu verändert hat, liegt es uns im Blut, die Mitmenschen in Gut und Böse einzuteilen. Hat nicht jemand diese Fähigkeit versprochen? Es war die Schlange im Paradies. Sie sagte Eva voraus, dass sie klug werde, wenn sie vom Baum der Erkenntnis esse; so klug wie Gott selbst, könne sie dann zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Seit dem Biss in die verbotene Frucht werden Mitmenschen beurteilt. Wie gehst du mit deinen Nächsten um, die sich offensichtlich ungerecht verhalten?
Jesus ist Gottes Sohn. Er ist der wahrhaft Heilige; vollkommen in allen seinen Wesensarten und vollständig gerecht in all seinem Handeln. Er lebte mitten unter Menschen, die versuchten, so zu sein wie ihr Schöpfer. In dieser direkten Begegnung wurde manches aufgedeckt. Die Gerechtigkeit, die Fromme vor sich hertragen, wurde vor dem Gerechten als Heuchelei enttarnt. Die Einsichten in Gottes Wort, die Gelehrte zur Schau trugen, wurde in der Gegenüberstellung mit dem ewigen Sohn als Trugschluss entlarvt. Wo Gott durch seinen Sohn dem Menschen begegnet, wird deutlich, dass sie beim Versuch, wie Gott zu sein, kläglich scheitern.
Im heutigen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium wird uns gezeigt, wie Jesus mit Ungerechten umging. In vier Punkten erkennen wir den himmelweit Unterschied zwischen dem wahren Gott und den Geschöpfen. Es ist menschlich das Böse abzuweisen, aber göttlich sich über Sünder zu erbarmen.
Jesus sieht den Sünder
Der erste Unterschied zwischen Gottes Sohn und den Menschen wird manchmal überlesen: Jesus sah Matthäus. Seine Zeitgenossen haben den verhassten Amtsinhaber wohl nicht als Mitmenschen betrachtet. Vermutlich wandten sie ihre Blicke von jenem ab, der ihnen das Geld aus der Tasche zog. Sie haben ihn absichtlich übersehen, weil sie mit einem so liederlichen Gesellen nichts zu tun haben wollten. Gottes Sohn aber erkannte die Person hinter dem Zolltisch. Jesus sah den Menschen.
In unserer Neigung, Gut und Böse unterscheiden zu wollen, stecken wir einander in Schubladen. Jene Mitmenschen, die uns ärgern, versorgen wir an einen Ort weit unten, damit wir uns niemals wieder mit ihnen befassen müssen. Wir meinen, uns so vor der Ungerechtigkeit des anderen schützen zu können. Dabei vergessen wir, dass der Nächste Vergebung nötig hat. Statt uns um ihn zu kümmern, lassen wir ihn stehen.
Jesus sah nicht einen Gerechten. Nein, am Amtstisch sass einer, der seinen ungerechten Geschäften nachging. Trotzdem wandte er seinen Blick nicht ab. Weil der Herr den Sünder beachtete, blieb dieser nicht in seiner Ungerechtigkeit sitzen. Wenn der Herr einen Menschen sieht, wird ihm geholfen.
Jesus ruft den Sünder
Der zweite Unterschied zwischen Gott und den Menschen finden wir in dem, was Jesus zum bekannten Sünder sagte. Seine Zeitgenossen sprachen in erster Linie über die Zöllner. In einem Gleichnis berichtet Jesus, wie ein Pharisäer in der Synagoge betete. Er dankte Gott, dass er nicht so sei, wie dieser liederliche Ausbeuter, der ganz hinten im Versammlungshaus stand. Jesus aber sprach nicht über die Sünder, sondern rief Matthäus zu sich.
In unserer Neigung, Gut und Böse unterscheiden zu wollen, wägen wir ab, wen wir für das Gute gewinnen können. Wir nehmen an, dass ein bekannter Sünder sich nicht ändern werde. Er scheint uns so festgefahren, dass es keinen Sinn macht, ihn aufzufordern, seine Ungerechtigkeit zu verlassen und Christus nachzufolgen. Ehrlich gesagt befürchten wir, dass er sich nach einer solchen Aufforderung über uns lustig macht. Es ist unvorstellbar, dass ein bekannter Sünder sich um seine Seele kümmert, die er durch seine Gottlosigkeit in den Tod und unter Gottes Zorn bringt.
Jesus aber wägt nicht ab. Er ruft ausgerechnet den Zöllner zu sich. Die Reaktion des bekannten Sünders beschämt uns. Andere hatten auf den Ruf des Rabbis viele Einwände. Sie meinten, sich erst um die Dinge des Alltags kümmern zu müssen, bevor sie alles hinter sich lassen konnten. Dieser Ungerechte hingegen liess die Arbeit liegen, mit der er seinen Lebensunterhalt bestritt. Der Ruf des Herrn ist heilsam. Wenn Jesus einen Sünder anspricht, wird er verändert.
Jesus isst mit Sündern
Der dritte Unterschied zwischen Gott und den Menschen finden wir in dem, wie Jesus mit Ungerechten umging. Die Pharisäer lehrten das Volk, dass alle, die in das Haus eines bekannten Sünders traten, ihre Gerechtigkeit verloren; sich an der Ungerechtigkeit des Hausherrn verunreinigten. Jesus richtete sich nicht nach den Vorstellungen der Menschen. Offensichtlich verlangte er von seinen Nachfolgern nicht, dass sie ihr ganzes Lebensumfeld verliessen. Einzig die Arbeit, in der Matthäus andere betrog, liess er entschieden hinter sich. Nach diesem Schritt kam Jesus in das Haus des Jüngers und nahm an seinem Leben Teil.
In unserer Neigung, Gut und Böse unterscheiden zu wollen, meinen wir, jeder Ungerechtigkeit entkommen zu müssen. Das ist absolut unmöglich. Solange wir auf Erden leben, wird uns die Sünde immer wieder heimsuchen. Deshalb ist es so wichtig, dass Jesus bei uns ist, uns in unserem Leben besucht und zu uns gehört. Wir können nicht selbst gerecht sein, aber durch den Glauben ist der Gerechte bei uns.
Die Auswirkung des Besuchs des Herrn bei Matthäus, wird in diesem Abschnitt geschildert. Viele Sünder nahmen am Abendessen teil. Nun trauten sie sich, dem Rabbi zu begegnen. Andere wollten sich gerade dadurch als wahrhaftige, aufrichtige und fromme Lehrer auszeichnen, dass sie sich von den Ungerechten fernhielten, ja sie sogar von sich wegschickten. Wegen ihrer Ablehnung mieden die Sünder die Rabbis. Jesus aber hat einen Sünder zu sich gerufen und ist bei ihm eingekehrt. Deshalb trauten sich andere Ungerechten herbei. Das Verhalten des Herrn ist heilsam. Durch die Zuwendung zu einem schöpfen viele Hoffnung, dass sie nicht verloren bleiben müssen.
Jesus hilft Sündern
Der vierte Unterschied zwischen Gott und den Menschen finden wir darin, dass Jesus den Verlorenen aufhilft. Die Pharisäer verstanden nicht, weshalb sich Christus nicht in erster Linie mit ihnen auseinandersetzte. Sie beanspruchten alles Gerechte für sich. Sie meinten, es lohne sich nicht, bekannte Sünder in der Gerechtigkeit zu unterweisen. Jesus teilte ihre Bedenken nicht. Er sagte den Gesetzeskundigen, dass er gekommen sei, um Sünder zu rufen.
In unserer Neigung, Gut und Böse unterscheiden zu wollen, lassen wir es nicht gerne zu, etwas Gutes einem ungerechten Menschen anzuvertrauen. Die irdische Erfahrung zeigt, dass alles zerfällt, was wertvoll ist und uns gefällt. Deshalb können wir es uns kaum vorstellen, dass der Heilige mitten unter die bekanntesten Sünder kam, ohne Schaden davon zu tragen. Unser Urteil stimmt schon: Jesus schadete dieser Besuch. Sein Weg führte ihn ans Kreuz, mitten durch die Verachtung und die Gewalttätigkeit seiner Mitmenschen. Er ging diesen Weg, um all jene, die auf ihn vertrauen, von der Sünde zu erlösen. Er gab sein Leben hin, damit jene leben können, die zu ihm gehören. Jesus trennt sich nicht von den Sündern, sondern er rettet sie.
Jesus weist die Pharisäer zurecht. Er sagt ihnen, dass sie selbst auf die Schriften hören sollen, die sie scheinbar so schätzen. Dort heisst es, dass Gott Barmherzigkeit besser gefalle als Opfer. Direkt auf die Pharisäer gemünzt: Gott gefällt ihre harte Haltung den Ungerechten gegenüber nicht. Wenn sie barmherzig wären, könnten die Verlorenen zurechtkommen. Gott will, dass seine Kinder ihre Mitmenschen auf Christus hinweisen, der sie von ihren Sünden erlöst.
Schluss
Was war verkehrt mit den Pharisäern? Was ist verkehrt mit uns, wenn wir der Neigung nachgehen, Menschen in Gut und Böse einzuteilen? Kurz gesagt: In dieser Haltung verdammen wir bekannte Sünden der anderen, statt die eigenen zu bekennen.
Wir meinen fälschlicherweise, dieser Text sei aufgeschrieben, damit wir unsere Nächsten nicht verachten. Tatsächlich geht es um mehr. In Wahrheit geht es um dich. Matthäus schrieb sein Evangelium, um Jesus vorzustellen, der sein Volk von ihren Sünden erlöst. Wenn du einem bekannten Sünder den Zugang zu Gott verwehrst, bist du letztlich selbst verloren. Deine Situation ändert sich nur, wenn du dich so siehst, wie Jesus dich sieht. Du bist wie Matthäus ein verlorener Sünder, mitten in der Ungerechtigkeit. Weil Jesus dich zu sich ruft, kannst du gerecht werden. Weil er mit dir Gemeinschaft hat, bist du nicht verloren. Weil er dir hilft und sich selbst für deine Sünden hingegeben hat, kannst du zu Gott gehören.
Jesus ist barmherzig. Er geht heute Morgen nicht an dir vorüber. Er sieht deine Ungerechtigkeit, deinen Groll, deinen Stolz und deine Gottlosigkeit. Gerade dich ruft er, deine Sünde zu verlassen und ihm nachzufolgen. Wenn du ihm deine Sünden bekennst, wird er sie dir vergeben. Er ist gekommen, die Sünder zu rufen.
Amen.
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Predigten – ERKWB WinterthurBy Thomas Reiner