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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Jubilate! Jubelt! Gott schafft Neues. Das ist die Botschaft dieses Sonntags in der österlichen Freudenzeit: Freut euch an Gottes Größe! Jubelt über das, was er tut!
Dieser Sonntag will Emotionen wecken, nicht nur trockene Informationen vermitteln. Gott ist gut. Was er tut, ist begeisternd. Was er tut, verändert alles.
Jubilate.
Wenn's nur nicht immer so schwierig wäre, sich da reinzudenken. Das ist vielleicht die Crux an der ganzen Sache mit Gott, dass man ihn eben nicht sieht und nicht mit Sinnen und Verstand erfassen kann. Dass er uns so fremd bleibt, so unvorstellbar, so wenig plastisch und greifbar. Wenn ich euch Gott doch einfach zeigen könnte! Wenn ich euch mitnehmen könnte, hinein in dieses große, Begeisternde -- ich bin mir sicher, wir würden alle verändert zurückkommen. Ich bin mir sicher, wir würde ein Leben lang davon zehren von diesem einen kurzen Augenblick.
"Du sollst dir kein Bildnis machen", heißt es aus gutem Grund von Gott, weil die Versuchung so groß ist, ihn erfassbar zu machen und in irgendwelche Schubladen einzusortieren. Wir glauben dann, wir hätten ihn verstanden und begriffen, klar umrissen. Wir glauben, wir könnten ihn jetzt einschätzen und vorhersagen. Wir glauben sogar, in seinem Namen sprechen zu können, weil er doch eine bekannte Größe geworden ist und es uns daher logisch erscheint, was er jetzt tatsächlich sagen würde, wenn er hier wäre.
"Du sollst dir kein Bildnis machen" ist ein dringend nötiges Gebot, weil Gott alle Schubladen sprengt. Weil er sich nicht in unsere Kategorien einsortieren lässt. Weil er nicht in irgendein von Menschen erfundenes Schema passt. Er ist anders. Und viel größer. Viel größer als mein armes kleines Hirn es jemals verarbeiten könnte.
"Du sollst dir kein Bildnis machen." Und doch bleibt uns gar nichts anders übrig, als uns Gott in Bildern anzunähern. In Vergleichen über ihn zu reden. In den Zeichen seiner Taten seinen Fußabdruck zu erkennen, seine Spuren zu lesen. Gerade weil er sich unseren üblichen Erfassungswegen entzieht, können wir uns ihm nur so zumindest annähern. Annähern, wohlgemerkt. Wer das Bild, die Spur, den Fußabdruck mit Gott gleichsetzt, der ist wieder genau in die Falle getappt: "Du sollst dir kein Bildnis machen." Aber zumindest ahnen können wir ihn, den Unbegreifbaren, hinter den Bildern und Spuren. Und uns begeistern lassen: Jubilate.
Ich würde euch heute gerne ein paar Fotos zeigen. Schnappschüsse von Gott. Oder euch ein paar Bilder malen. Spuren, Abdrücke seiner Größe. Aber weil ich das nicht kann, muss ich auf Bilder zurückgreifen, die er selbst gemalt hat. Auf Schnappschüsse, die er uns vor Augen hält. Vielleicht das Beste überhaupt.
Um euch ein Bild von Gott zu malen, würde ich zuerst euren Blick nach oben lenken. Nicht, weil man ihn dort oben sitzen sehen könnte. Ich würde euren Blick auf den Himmel lenken, das große, weite blaue Himmelszelt, das uns umgibt. Auf diese große Leinwand, die er selbst da aufspannt über uns, und auf die er malt, mit zarten Blautönen und fluffigen Wolkenkleksen. Mit strahlendem Lichtschein, mit den bunten Farben der Dämmerung. Mit den tief dunklen Tönen der Nacht -- keine Nacht wie die andere. Mit Mond und Sternen, wie funkelnder Glitzer gesprinkelt über das ganz Bild. Meine Zweitklässlerinnen hätten ihre helle Freude daran. Wir würden dastehen und nach oben schauen und den Tag und die Nacht und Sonnenschein und Regen über uns hinwegziehen lassen und es wäre ein Genuss. Ein Farbenspiel. Eine Sinfonie. Man könnte fast die Musik dahinter hören, um noch einen anderen Sinn mit zu benutzen. Wir würden dastehen, wie am Ostermorgen, in tiefer Dunkelheit und anfangen, am Horizont das Licht des neuen Morgens zu ahnen. Wir wären gefesselt, fasziniert von den Farbverläufen, die sich über den Himmel schieben, wenn das Licht des Tages sich die Welt zurückerobert. Wir wären gepackt von dem ersten Sonnenstrahl, der über die Linie des Horizonts bricht und mit einem Schlag alles ändert. Der uns verkündet: Die Nacht ist vorbei.
Wir wüssten was Hoffnung ist. Wir ahnten, was neues Leben, Auferstehung ist.
Wie am Ostermorgen: Die Sonne geht auf, Christ ist erstanden. Die Nacht ist vorbei, Christ ist erstanden. Das Leben beginnt! Jubilate!
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.Die Himmel zeugen von der Herrlichkeit des Herrn.
Und dann senkten wir, bevor die Nacken steif werden, unsere Blicke wieder nach unten und ließen sie umherschweifen. Jeder von uns würde etwas anderes entdecken. Einen Baum vielleicht. Ein Blatt. Einen Grashalm. Eine Blume. Einen Stein. Einen Käfer. Einen Schmetterling. Eine Ameise.
Für meine Viertklässler musste ich vor kurzem einen Baum ausschneiden. Ohne Blätter, die haben wir dann im Unterricht aufgeklebt. Nur Struktur: Stamm, Äste, Zweige. Wisst ihr wie kompliziert das ist? Wie vielfältig und einzigartig? Und dabei war mein Tonpapierbaum für's Fenster ja nur ein plattes, primitiv vereinfachtes, stark reduziertes Abbild dessen, was um uns her in Hülle und Fülle wächst. Geh doch mal zu einem Baum und lege deinen Finger auf die Rinde. Lass sie die Formen und Strukturen nachmalen. Lass deine Fantasie spielen und entdecke, welche Bilder du dort sehen kannst. Die Vielfalt und Schönheit eines einzigen Baums kannst du dir nicht ausdenken!
Nächste Woche feiern wir Konfirmation und meine Konfis haben sich das Thema "Rose" ausgesucht. Fast 200 Rosen aus Krepppapier haben wir dafür gebastelt. Ungefähr 60 davon gingen durch meine Hände. Unzählige Stunden Arbeit. 18 unterschiedlich große Blütenblätter, die einzeln angeklebt werden mussten. Ich habe wohl für mein ganzes Leben jetzt genug Rosen geklebt. Dafür sieht das Ergebnis auch wunderschön aus. Und doch ist es nur ein schwaches Abbild der Schönheit einer wahren Rose, zumal, wenn dann noch die Tautropfen des Morgens darauf glitzern und die Farbschattierung der aufgehenden Blüte sich im Licht der ersten Morgensonne darin spiegeln.
Und das sind nur Rosen und Bäume. Allein hier, rund um die Kirche, könnten wir Tage, Wochen, Monate verbringen und wären nie fertig mit dem Entdecken. Wir könnten Blätter zupfen und unters Mikroskop legen. Wir könnten uns selbst auf den Bauch legen und zwei Stunden lang den Ameisen zuschauen. Wir könnten einen Grashalm zupfen und die filigrane Baukunst bewundern, die ihn aufrecht erhält. Wir könnten Maß nehmen und komplizierte mathematische Gleichungen entdecken, die Ordnung in das scheinbare Chaos bringen.
Wir würden gar nie fertig werden! Wir würden die Unendlichkeit berühren. Wir würden anfangen, ein winzig kleines Stück von Gottes Größe zu ahnen.
Der Schöpfungstext von heute versucht, uns mit in diese vielen kleinen und großen Spuren Gottes zu nehmen. Uns zum Staunen zu bringen. Mit offenem Mund und begeistertem Sinn. Ein Gedicht. Ein Lied. Ein Hymnus. Ein Lobgesang auf den großen Gott, der hinter allem steht.
Wie viel hat man diskutiert in den letzten Jahrhunderten über den scheinbaren Gegensatz von Naturwissenschaft und Bibel. Die Welt ist doch wohl nicht in 6 Tagen enstanden! Das sind doch alles Märchen. Was hat man diskutiert und argumentiert und sich die Schlagwörter nur so um die Ohren gehauen, dass es fetzte. Und dabei die ganze Schönheit dessen, worum es in diesem Text geht, verpasst. Das ist doch kein Naturkundetext. Das ist keine wissenschaftliche Abhandlung über den genauen zeitlichen und physikalisch-chemischen Ablauf von Sekunde 0 bis Minute 10.080 in diesem Universum.
Dieser Text ist: Jubilate! Jubelt! Freut euch! Staunt! Steht mit offenem Mund da und fangt an, den Gott zu erahnen, der hinter allem steht. Entdeckt seine Spuren. Folgt seinen Abdrücken. Lasst euch von seiner Größe und Herrlichkeit, seiner unendlichen Schönheit, seiner wilden Kreativität, seiner hereinbrechenden Hoffnung abholen, packen, begeistern, inspirieren...
Die Himmel zeugen von der Herrlichkeit des Herrn.
Und wir?
Wenn wir dann noch gebannt dastehen, weil uns langsam zu dämmern beginnt, was es hinter all dem zu entdecken gibt, da fällt dann, so hoffe ich, unser Blick auf das Offensichtliche, direkt vor unserer Nase. Auf das, was im Schöpfungshymnus der Höhepunkt ist:
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.Wem da nicht der Atem stockt, der hat nicht richtig zugehört: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Ein Abbild, ein Ebenbild Gottes, vor unseren Augen! Auch andere antike Schöpfungstexte kennen das Reden vom Mensch in Gottes Bilde, aber nie in diesem Ausmaß. Dort sind es oft die Könige, die Herrschenden, die ein Abbild Gottes auf Erden sind. Hier sind es alle Menschen, ohne Unterschied.
Wenn schon der Himmel so besonders war, und die Bäume, und die Rose und die Ameise -- dann sind wir jetzt bei Gottes wahrem Meisterwerk angelangt. Schau deinem Nachbarn ins Gesicht. Siehst du das Bild Gottes aus seinen Augen blitzen? Siehst das Lächeln Gottes auf seinen Lippen? Hörst du den Zuspruch Gottes in seiner Stimme? Siehst du Gott aus jeder Pore kommen, in jedem Fältchen winken. Begreifst du, wie viel Pfund Gottes Ebenbild du vor dir hast?
Oh, Mensch, warum haben wir verlernt, in einander Gottes Bild zu sehen? Warum entgeht es uns so oft, dass unser Gegenüber seine Spuren in sich trägt? Warum vergessen wir so gerne, dass jeder andere (nochmal langsam, zum Mitdenken: jeder andere) einzigartig, wertvoll, würdevoll ist, weil er in diesem Gottesbild geschaffen ist?
Wie könnte sich die Welt verändern, wenn wir dafür neu ein Auge hätten! Wie viel Streit und Leid, wie viel Krieg und Tod könnte vermieden werden, wenn wir bei jedem Blick auf einen anderen Menschen Gott aufleuchten sehen würden? Kann es sein, dass die wahre Lösung für die Konflikte und Kriege nicht Panzerhaubitze 2000 heißt und auch nicht an langen Verhandlungstischen errungen wird? Kann es sein, dass die wahre Lösung wäre, einander ins Gesicht zu schauen und Gottes Bild darin zu finden?
Und wie viel Krankheit, Enttäuschung, Niedergeschlagenheit, Resignation, wie viel furchtbare Tage könnten anders werden, wenn wir morgens, beim ungewaschenen, verstruppelten Blick in den Badezimmerspiegel das Lächeln Gottes auch in uns selbst entdecken würden.
Wir würden verändert in den Tag gehen. Wir würden anders miteinander reden, übereinander denken, miteinander umgehen.
Wir hätten Liebe entdeckt und Wertschätzung.
Ich befürchte, da ist uns ganz schön viel verloren gegangen auf dem Weg. Das ist es eigentlich, was die Bibel "Sünde" nennt, wenn man wegkommt von den Spuren Gottes und völlig blind dafür sein eigenes Ding lebt. Was dabei rauskommt, sehen wir überall in unserer Welt.
Bevor wir jetzt verzweifeln, muss auch Ostern seinen Platz in diesen Gedanken finden. In Jesus Christus hat Gott auf sich genommen, was zerbrochen und kaputt ist an diesem großen Ganzen und hat es ans Kreuz getragen. Sünde, Tod und all das Verlorengegangene hat Gott überwunden in Christus und hat stattdessen Leben geschenkt. Neues Leben. Noch einmal Schöpfung. Noch einmal ganz viel Spuren Gottes in einer kaputten Welt.
Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. [...] Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. (2.Korinther 5,17.19)Da fängt das Entdecken eigentlich erst an. Ich versichere euch, das Leben reicht nicht aus, um mit dem Staunen fertig zu werden.
Vielleicht können im Staunen auch wir zur Ruhe finden. Aus dem Staunen über das Gute und die Größe Gottes leben. Und begeistert jubeln.
Jubilate.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Jubilate! Jubelt! Gott schafft Neues. Das ist die Botschaft dieses Sonntags in der österlichen Freudenzeit: Freut euch an Gottes Größe! Jubelt über das, was er tut!
Dieser Sonntag will Emotionen wecken, nicht nur trockene Informationen vermitteln. Gott ist gut. Was er tut, ist begeisternd. Was er tut, verändert alles.
Jubilate.
Wenn's nur nicht immer so schwierig wäre, sich da reinzudenken. Das ist vielleicht die Crux an der ganzen Sache mit Gott, dass man ihn eben nicht sieht und nicht mit Sinnen und Verstand erfassen kann. Dass er uns so fremd bleibt, so unvorstellbar, so wenig plastisch und greifbar. Wenn ich euch Gott doch einfach zeigen könnte! Wenn ich euch mitnehmen könnte, hinein in dieses große, Begeisternde -- ich bin mir sicher, wir würden alle verändert zurückkommen. Ich bin mir sicher, wir würde ein Leben lang davon zehren von diesem einen kurzen Augenblick.
"Du sollst dir kein Bildnis machen", heißt es aus gutem Grund von Gott, weil die Versuchung so groß ist, ihn erfassbar zu machen und in irgendwelche Schubladen einzusortieren. Wir glauben dann, wir hätten ihn verstanden und begriffen, klar umrissen. Wir glauben, wir könnten ihn jetzt einschätzen und vorhersagen. Wir glauben sogar, in seinem Namen sprechen zu können, weil er doch eine bekannte Größe geworden ist und es uns daher logisch erscheint, was er jetzt tatsächlich sagen würde, wenn er hier wäre.
"Du sollst dir kein Bildnis machen" ist ein dringend nötiges Gebot, weil Gott alle Schubladen sprengt. Weil er sich nicht in unsere Kategorien einsortieren lässt. Weil er nicht in irgendein von Menschen erfundenes Schema passt. Er ist anders. Und viel größer. Viel größer als mein armes kleines Hirn es jemals verarbeiten könnte.
"Du sollst dir kein Bildnis machen." Und doch bleibt uns gar nichts anders übrig, als uns Gott in Bildern anzunähern. In Vergleichen über ihn zu reden. In den Zeichen seiner Taten seinen Fußabdruck zu erkennen, seine Spuren zu lesen. Gerade weil er sich unseren üblichen Erfassungswegen entzieht, können wir uns ihm nur so zumindest annähern. Annähern, wohlgemerkt. Wer das Bild, die Spur, den Fußabdruck mit Gott gleichsetzt, der ist wieder genau in die Falle getappt: "Du sollst dir kein Bildnis machen." Aber zumindest ahnen können wir ihn, den Unbegreifbaren, hinter den Bildern und Spuren. Und uns begeistern lassen: Jubilate.
Ich würde euch heute gerne ein paar Fotos zeigen. Schnappschüsse von Gott. Oder euch ein paar Bilder malen. Spuren, Abdrücke seiner Größe. Aber weil ich das nicht kann, muss ich auf Bilder zurückgreifen, die er selbst gemalt hat. Auf Schnappschüsse, die er uns vor Augen hält. Vielleicht das Beste überhaupt.
Um euch ein Bild von Gott zu malen, würde ich zuerst euren Blick nach oben lenken. Nicht, weil man ihn dort oben sitzen sehen könnte. Ich würde euren Blick auf den Himmel lenken, das große, weite blaue Himmelszelt, das uns umgibt. Auf diese große Leinwand, die er selbst da aufspannt über uns, und auf die er malt, mit zarten Blautönen und fluffigen Wolkenkleksen. Mit strahlendem Lichtschein, mit den bunten Farben der Dämmerung. Mit den tief dunklen Tönen der Nacht -- keine Nacht wie die andere. Mit Mond und Sternen, wie funkelnder Glitzer gesprinkelt über das ganz Bild. Meine Zweitklässlerinnen hätten ihre helle Freude daran. Wir würden dastehen und nach oben schauen und den Tag und die Nacht und Sonnenschein und Regen über uns hinwegziehen lassen und es wäre ein Genuss. Ein Farbenspiel. Eine Sinfonie. Man könnte fast die Musik dahinter hören, um noch einen anderen Sinn mit zu benutzen. Wir würden dastehen, wie am Ostermorgen, in tiefer Dunkelheit und anfangen, am Horizont das Licht des neuen Morgens zu ahnen. Wir wären gefesselt, fasziniert von den Farbverläufen, die sich über den Himmel schieben, wenn das Licht des Tages sich die Welt zurückerobert. Wir wären gepackt von dem ersten Sonnenstrahl, der über die Linie des Horizonts bricht und mit einem Schlag alles ändert. Der uns verkündet: Die Nacht ist vorbei.
Wir wüssten was Hoffnung ist. Wir ahnten, was neues Leben, Auferstehung ist.
Wie am Ostermorgen: Die Sonne geht auf, Christ ist erstanden. Die Nacht ist vorbei, Christ ist erstanden. Das Leben beginnt! Jubilate!
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.Die Himmel zeugen von der Herrlichkeit des Herrn.
Und dann senkten wir, bevor die Nacken steif werden, unsere Blicke wieder nach unten und ließen sie umherschweifen. Jeder von uns würde etwas anderes entdecken. Einen Baum vielleicht. Ein Blatt. Einen Grashalm. Eine Blume. Einen Stein. Einen Käfer. Einen Schmetterling. Eine Ameise.
Für meine Viertklässler musste ich vor kurzem einen Baum ausschneiden. Ohne Blätter, die haben wir dann im Unterricht aufgeklebt. Nur Struktur: Stamm, Äste, Zweige. Wisst ihr wie kompliziert das ist? Wie vielfältig und einzigartig? Und dabei war mein Tonpapierbaum für's Fenster ja nur ein plattes, primitiv vereinfachtes, stark reduziertes Abbild dessen, was um uns her in Hülle und Fülle wächst. Geh doch mal zu einem Baum und lege deinen Finger auf die Rinde. Lass sie die Formen und Strukturen nachmalen. Lass deine Fantasie spielen und entdecke, welche Bilder du dort sehen kannst. Die Vielfalt und Schönheit eines einzigen Baums kannst du dir nicht ausdenken!
Nächste Woche feiern wir Konfirmation und meine Konfis haben sich das Thema "Rose" ausgesucht. Fast 200 Rosen aus Krepppapier haben wir dafür gebastelt. Ungefähr 60 davon gingen durch meine Hände. Unzählige Stunden Arbeit. 18 unterschiedlich große Blütenblätter, die einzeln angeklebt werden mussten. Ich habe wohl für mein ganzes Leben jetzt genug Rosen geklebt. Dafür sieht das Ergebnis auch wunderschön aus. Und doch ist es nur ein schwaches Abbild der Schönheit einer wahren Rose, zumal, wenn dann noch die Tautropfen des Morgens darauf glitzern und die Farbschattierung der aufgehenden Blüte sich im Licht der ersten Morgensonne darin spiegeln.
Und das sind nur Rosen und Bäume. Allein hier, rund um die Kirche, könnten wir Tage, Wochen, Monate verbringen und wären nie fertig mit dem Entdecken. Wir könnten Blätter zupfen und unters Mikroskop legen. Wir könnten uns selbst auf den Bauch legen und zwei Stunden lang den Ameisen zuschauen. Wir könnten einen Grashalm zupfen und die filigrane Baukunst bewundern, die ihn aufrecht erhält. Wir könnten Maß nehmen und komplizierte mathematische Gleichungen entdecken, die Ordnung in das scheinbare Chaos bringen.
Wir würden gar nie fertig werden! Wir würden die Unendlichkeit berühren. Wir würden anfangen, ein winzig kleines Stück von Gottes Größe zu ahnen.
Der Schöpfungstext von heute versucht, uns mit in diese vielen kleinen und großen Spuren Gottes zu nehmen. Uns zum Staunen zu bringen. Mit offenem Mund und begeistertem Sinn. Ein Gedicht. Ein Lied. Ein Hymnus. Ein Lobgesang auf den großen Gott, der hinter allem steht.
Wie viel hat man diskutiert in den letzten Jahrhunderten über den scheinbaren Gegensatz von Naturwissenschaft und Bibel. Die Welt ist doch wohl nicht in 6 Tagen enstanden! Das sind doch alles Märchen. Was hat man diskutiert und argumentiert und sich die Schlagwörter nur so um die Ohren gehauen, dass es fetzte. Und dabei die ganze Schönheit dessen, worum es in diesem Text geht, verpasst. Das ist doch kein Naturkundetext. Das ist keine wissenschaftliche Abhandlung über den genauen zeitlichen und physikalisch-chemischen Ablauf von Sekunde 0 bis Minute 10.080 in diesem Universum.
Dieser Text ist: Jubilate! Jubelt! Freut euch! Staunt! Steht mit offenem Mund da und fangt an, den Gott zu erahnen, der hinter allem steht. Entdeckt seine Spuren. Folgt seinen Abdrücken. Lasst euch von seiner Größe und Herrlichkeit, seiner unendlichen Schönheit, seiner wilden Kreativität, seiner hereinbrechenden Hoffnung abholen, packen, begeistern, inspirieren...
Die Himmel zeugen von der Herrlichkeit des Herrn.
Und wir?
Wenn wir dann noch gebannt dastehen, weil uns langsam zu dämmern beginnt, was es hinter all dem zu entdecken gibt, da fällt dann, so hoffe ich, unser Blick auf das Offensichtliche, direkt vor unserer Nase. Auf das, was im Schöpfungshymnus der Höhepunkt ist:
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.Wem da nicht der Atem stockt, der hat nicht richtig zugehört: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Ein Abbild, ein Ebenbild Gottes, vor unseren Augen! Auch andere antike Schöpfungstexte kennen das Reden vom Mensch in Gottes Bilde, aber nie in diesem Ausmaß. Dort sind es oft die Könige, die Herrschenden, die ein Abbild Gottes auf Erden sind. Hier sind es alle Menschen, ohne Unterschied.
Wenn schon der Himmel so besonders war, und die Bäume, und die Rose und die Ameise -- dann sind wir jetzt bei Gottes wahrem Meisterwerk angelangt. Schau deinem Nachbarn ins Gesicht. Siehst du das Bild Gottes aus seinen Augen blitzen? Siehst das Lächeln Gottes auf seinen Lippen? Hörst du den Zuspruch Gottes in seiner Stimme? Siehst du Gott aus jeder Pore kommen, in jedem Fältchen winken. Begreifst du, wie viel Pfund Gottes Ebenbild du vor dir hast?
Oh, Mensch, warum haben wir verlernt, in einander Gottes Bild zu sehen? Warum entgeht es uns so oft, dass unser Gegenüber seine Spuren in sich trägt? Warum vergessen wir so gerne, dass jeder andere (nochmal langsam, zum Mitdenken: jeder andere) einzigartig, wertvoll, würdevoll ist, weil er in diesem Gottesbild geschaffen ist?
Wie könnte sich die Welt verändern, wenn wir dafür neu ein Auge hätten! Wie viel Streit und Leid, wie viel Krieg und Tod könnte vermieden werden, wenn wir bei jedem Blick auf einen anderen Menschen Gott aufleuchten sehen würden? Kann es sein, dass die wahre Lösung für die Konflikte und Kriege nicht Panzerhaubitze 2000 heißt und auch nicht an langen Verhandlungstischen errungen wird? Kann es sein, dass die wahre Lösung wäre, einander ins Gesicht zu schauen und Gottes Bild darin zu finden?
Und wie viel Krankheit, Enttäuschung, Niedergeschlagenheit, Resignation, wie viel furchtbare Tage könnten anders werden, wenn wir morgens, beim ungewaschenen, verstruppelten Blick in den Badezimmerspiegel das Lächeln Gottes auch in uns selbst entdecken würden.
Wir würden verändert in den Tag gehen. Wir würden anders miteinander reden, übereinander denken, miteinander umgehen.
Wir hätten Liebe entdeckt und Wertschätzung.
Ich befürchte, da ist uns ganz schön viel verloren gegangen auf dem Weg. Das ist es eigentlich, was die Bibel "Sünde" nennt, wenn man wegkommt von den Spuren Gottes und völlig blind dafür sein eigenes Ding lebt. Was dabei rauskommt, sehen wir überall in unserer Welt.
Bevor wir jetzt verzweifeln, muss auch Ostern seinen Platz in diesen Gedanken finden. In Jesus Christus hat Gott auf sich genommen, was zerbrochen und kaputt ist an diesem großen Ganzen und hat es ans Kreuz getragen. Sünde, Tod und all das Verlorengegangene hat Gott überwunden in Christus und hat stattdessen Leben geschenkt. Neues Leben. Noch einmal Schöpfung. Noch einmal ganz viel Spuren Gottes in einer kaputten Welt.
Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. [...] Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. (2.Korinther 5,17.19)Da fängt das Entdecken eigentlich erst an. Ich versichere euch, das Leben reicht nicht aus, um mit dem Staunen fertig zu werden.
Vielleicht können im Staunen auch wir zur Ruhe finden. Aus dem Staunen über das Gute und die Größe Gottes leben. Und begeistert jubeln.
Jubilate.
Amen.

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