Kaum ein US-Diplomat war dem israelisch-palästinensischen Friedensprozess über so viele Jahre so nah wie Dennis Ross. Er sagt: Es gibt eine Lösung. Aber sie dauert.
Im ZEIT-Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch oft schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.
In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir dem US-amerikanischen Diplomaten Dennis Ross die Frage: »Kann der Nahostkonflikt gelöst werden?«
Dennis Ross, geboren 1948, ist eine bedeutende Figur der amerikanischen Nahost-Diplomatie. In den Achtzigerjahren war er Mitbegründer des Washington Institute for Near East Policy, 1988 wurde er zum Chefunterhändler für die Nahost-Friedensgespräche ernannt. Er überzeugte arabische und israelische Politiker, an der historischen Madrider Konferenz teilzunehmen, die den Friedensprozess in Gang setzte. In den Jahren danach spielte Ross eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen über die Osloer Abkommen, das Interimsabkommen von 1995 und das Hebron-Abkommen. Mit dem Ende von Bill Clintons Amtszeit endete auch seine Zeit als Sondergesandter.
Seine Antwort auf die Frage »Kann der Nahostkonflikt gelöst werden?« lautet: »Ja, er kann gelöst werden. Aber nicht so bald.« Das Trauma des 7. Oktober habe beide Seiten so tief getroffen, dass sich Israelis und Palästinenser in der schlechtesten Lage befänden, die Ross in fast 40 Jahren erlebt habe. »Dieses gegenseitige Trauma macht es beiden Seiten unmöglich, sich den Schmerz des anderen vorzustellen, jeder sieht nur den eigenen.«
Im Kern, erklärt Ross, sei der Nahostkonflikt, wenn wir ihn als Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern definieren, einfach zu beschreiben: zwei nationale Bewegungen, die um denselben Raum konkurrieren. Beide hätten einen Anspruch auf das Land, beide eine tiefe, darin verwurzelte Identität, und keine Seite werde diese aufgeben. Deshalb sei die Vorstellung einer Einstaatenlösung eine Illusion. Die langfristige Lösung seien zwei Staaten für zwei Völker. »Davon aber sind wir im Moment weit entfernt«, so Ross.
Über die aktuellen Führungsfiguren urteilt Ross: »Solange Netanjahu und Abbas da sind, ist kein Frieden möglich.« Entscheidend für die Zukunft sei die Rolle der arabischen Staaten: Sie müssten eine neue palästinensische Führung aufbauen und ihr Legitimität verleihen – aber auch Druck ausüben. Die USA allein könnten den Konflikt nicht lösen, auch wenn sie ein Akteur mit unvergleichlichem Einfluss auf Israel sind.
Auch für Deutschland hat Ross einen Rat: Die Bundesregierung habe eine einzigartige Position, weil die deutsche Stimme in Israel nicht einfach abgetan werden könne. Deutschland solle Hilfe anbieten, aber auch klar benennen, was es im Gegenzug erwarte. Nur Kritik zu üben, führe dazu, dass die Israelis abschalteten.
Den Ausgangspunkt für Frieden sieht Ross in Gaza: Wiederaufbau im Tausch gegen die Entwaffnung der Hamas. Parallel müsse die Palästinensische Autonomiebehörde reformiert werden. Dann könne man beide Seiten auf praktischer Ebene wieder zusammenbringen und Kooperation ermöglichen. Dadurch, so Ross, »lässt sich etwas zurückgewinnen, das derzeit fehlt: der Glaube, dass Fortschritt überhaupt möglich ist.« Bis zu einer echten Lösung des Nahostkonflikts rechnet Ross mit Jahrzehnten.
Produktion: ifbbw, Pool Artists
Redaktion: Carl Friedrichs, Jens Lubbadeh, Sophie Hübner
Visuelle Produktion: Michael Pfister Alle Folgen des Podcasts finden Sie hier. Abonnieren Sie auch unseren N1F-Newsletter.
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