
Sign up to save your podcasts
Or


Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Ich lese aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki, aus dem 5. Kapitel. Dieser Abschnitt kommt aus der Textauswahl zur diesjährigen Friedensdekade und ich glaube, er passt ganz gut hierher heute. Hören wir also auf die Worte des Apostels:
3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. 4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. 8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut. (1. Thessalonicher 5,3-11)Es ist dunkel geworden in der Welt. Dunkel und düster, nicht nur weil hier auf der Nordhalbkugel der Winter naht und die Tage kürzer werden. Die Nachrichten lassen uns jeden Tag aufhorchen und verdüstern den Horizont, der uns so hell schien mit der Hoffnung, dass das Zeitalter der Kriege überwunden werden könnte und Frieden dauerhaft einkehren, in Europa, aber auch auf der ganzen Welt. Haben wir uns nicht Jahr für Jahr mahnen lassen von den vielen Toten der vergangenen Kriege? Haben wir nicht immer wieder das "nie wieder" betont? Haben wir nicht geschworen, dass wir alles dafür tun würden, dass Friede bleibt und dass wir aufeinander zugehen wollten und Frieden schaffen? Und jetzt sind es doch wieder die Waffen, die reden, zwar nicht hier im Land, aber gar nicht so weit weg von uns und Mütter trauern um ihre Ehemänner, ihre Söhne und vor allem um ihre unschuldigen Kinder, vor denen die Gewalt nicht Halt gemacht hat. Und jetzt? Was jetzt?
"Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben", schreibt der Apostel und wir können das nachvollziehen, wenn wir nur ein wenig das aktuelle Weltgeschehen mitverfolgen. Der Apostel schreibt das nicht im 21. Jahrhundert, sondern im ersten, an eine kleine christliche Gemeinde in einer quirligen griechischen Hafenstadt, und doch tun wir vielleicht gut daran, uns selbst heute einmal zu den Adressaten seiner Worte zu machen. "Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«..." "Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg zur Sicherheit", schrieb der große Bonhoeffer zeitlich sehr viel näher bei uns und das Zeitgeschehen scheint ihm Recht zu geben und in Frage zu stellen ob Sicherheit und Frieden -- zwei so selbstverständliche Grundbedürfnisse -- wirklich gleichzeitig zu haben sind. Oder am Ende gar keines von beiden.
Angesichts des Grauens der Kriege und der unzähligen Toten, die die Generationen vor uns zu beklagen hatten, hatten wir doch immer gemeint, wir würden mit diesen Fragen anders umgehen, wenn es darauf ankäme. Und jetzt -- sieht es ganz düster aus.
Von Dunkelheit und Nacht, von den schweren Gedanken der Finsternis, redet auch der Apostel. Er greift damit ein Thema auf, das sehr präsent ist in allen biblischen Schriften. Die Finsternis wird nicht ausgeklammert, weil sie eine Realität ist, der wir nicht zu entkommen scheinen in dieser Welt und man sie nicht weg- oder schönreden kann und darf. "Ob ich schon wanderte im finsteren Tal..." beten wir im 23. Psalm. Wörtlich: "im Tal der Todesschatten". Doch während heute dieser Schatten immer noch über unserer Welt liegt, zeichnet der Apostel einen Kontrast in sein Bild ein, den man nicht übersehen darf: "Wir aber", sagt er. "Wir aber, die wir Kinder des Tages sind." Wir, so meint er, wir haben eine Möglichkeit, anders mit der drohenden Finsternis umzugehen. Wir haben ja Hoffnung. Wir haben ja Christus.
Vom Zorn redet der Apostel. Vom Zorn, von diesem absolut nachvollziehbaren Gefühl, das einen überfällt, wenn man die schrecklichen Bilder sieht von den toten Kindern des Krieges. Wenn man die Trümmer der Häuser sieht, die einmal Heimat waren für Menschen. Wenn man die Menschen sieht, denen der Krieg das Zuhause geraubt hat und die sich jetzt aufmachen, mühsam, mit ganz wenigen Habseligkeiten aufmachen -- wohin? Die keine Zukunft kennen und keine Hoffnung. Wenn man die herzlosen Machthabenden beobachtet, die Menschen zu Spielsteinen eines strategischen Machtspiels degradieren, ohne Rücksicht auf den Einzelnen, auf das Leben, auf die unantastbare Würde oder gar auf das Glück, das jeder sucht. Wenn Menschen zu weggeworfenen Kollateralschäden perfider Prioritäten werden, da packt einen schon der Zorn. Zurecht. Zorn ist da legitim und normal, wo die Gerechtigkeit versagt bleibt. Es darf nur nicht beim Zorn bleiben, mahnt der Apostel.
Nur ist Zorn keine Lösung. Die Toten vergangener Kriege, deren wir heute gedenken, führen uns das ganz drastisch vor Augen.
Stattdessen: "Wir, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein". Die Krisen unserer Zeit lösen wir nicht im erregten Dauerzustand, sondern mit besonnenem Handeln. Diese Weisheit des Apostels zeigt den Weg des Lebens auch in unserer Zeit. Dem legitimen Zorn muss konstruktive, gewaltfreie Konfliktbearbeitung folgen. Das Ziel am Ende muss Versöhnung heißen. Dass das möglich ist, dafür steht schon bei Paulus als Vorbild Jesus Christus. In seinem Weg ans Kreuz sehen wir die Bereitschaft, den Zorn zu überwinden, Gewalt nicht mit Gewalt, Macht nicht mit noch stärkerer Macht zu beantworten. In ihm finden wir Gottes Angebot von Versöhnung und Leben. Wir, die wir auf ihn schauen, sind Kinder des Lichts, meint der Apostel.
In unserem Arsenal finden sich ganz andere Instrumente für Umgang mit der Finsternis. Wir sind nicht mit Leoparden und Panzerhaubitzen unterwegs sondern mit dem "Panzer des Glaubens und der Liebe" und dem "Helm der Hoffnung auf das Heil". Wie anders würde diese Welt aussehen, wenn alle so aufeinander zugingen: Mit der Gelassenheit und Sicherheit, die aus der Gewissheit kommt: Ich bin von Gott gehalten, getragen und geliebt. Mit dem Selbstwertgefühl dessen, der sich von Gott permanent geschätzt und umarmt weiß. Mit den Zukunftsplänen und dem Streben dessen, der die Zukunft in Gottes Licht liegen sieht und dessen Ziel nicht in Macht, Einfluss, Gebiet, ethnischer Überlegenheit, oder was auch immer, sondern allein in dem Heil, das Christus bringt, liegt. Wie anders würde diese Welt aussehen! Hell und froh, friedlich und sicher.
Wir können das nicht machen. Nicht für die ganze Welt. Aber wir können damit beginnen, da wo wir stehen, wo wir anderen begegnen. Als Kinder des Lichts.
Frieden und Sicherheit. Kann es das geben? Überhaupt und auch noch gleichzeitig? Die universelle Lösung, die das schnell und überall und dauerhaft durchsetzt, bleibt uns verborgen. Aber wo die Finsternis groß ist, hilft jedes kleine Licht, dass es heller wird. Das große Licht, die große Erleuchtung, die Sonne, die die Finsternis für immer vertreibt, kann nur Gott sein. "Verleih uns Frieden gnädiglich", singen wir und verlassen uns auf ihn, wo unser Vermögen bruchstückhaft bleibt. "Gib uns Frieden jeden Tag. Lass uns nicht allein", singen wir hier jetzt gleich und erinnern uns daran, dass er ja fest versprochen hat, stets bei uns zu sein. Wir singen es uns gegenseitig zu und erinnern uns gegenseitig immer wieder daran, wenn die Schatten der Finsternis uns die Hoffnung rauben wollen. Wir "trösten uns", würde Paulus das nennen.
Das ist es, was Kinder des Lichts tun. Bis es für immer hell wird.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Ich lese aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki, aus dem 5. Kapitel. Dieser Abschnitt kommt aus der Textauswahl zur diesjährigen Friedensdekade und ich glaube, er passt ganz gut hierher heute. Hören wir also auf die Worte des Apostels:
3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. 4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. 8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut. (1. Thessalonicher 5,3-11)Es ist dunkel geworden in der Welt. Dunkel und düster, nicht nur weil hier auf der Nordhalbkugel der Winter naht und die Tage kürzer werden. Die Nachrichten lassen uns jeden Tag aufhorchen und verdüstern den Horizont, der uns so hell schien mit der Hoffnung, dass das Zeitalter der Kriege überwunden werden könnte und Frieden dauerhaft einkehren, in Europa, aber auch auf der ganzen Welt. Haben wir uns nicht Jahr für Jahr mahnen lassen von den vielen Toten der vergangenen Kriege? Haben wir nicht immer wieder das "nie wieder" betont? Haben wir nicht geschworen, dass wir alles dafür tun würden, dass Friede bleibt und dass wir aufeinander zugehen wollten und Frieden schaffen? Und jetzt sind es doch wieder die Waffen, die reden, zwar nicht hier im Land, aber gar nicht so weit weg von uns und Mütter trauern um ihre Ehemänner, ihre Söhne und vor allem um ihre unschuldigen Kinder, vor denen die Gewalt nicht Halt gemacht hat. Und jetzt? Was jetzt?
"Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben", schreibt der Apostel und wir können das nachvollziehen, wenn wir nur ein wenig das aktuelle Weltgeschehen mitverfolgen. Der Apostel schreibt das nicht im 21. Jahrhundert, sondern im ersten, an eine kleine christliche Gemeinde in einer quirligen griechischen Hafenstadt, und doch tun wir vielleicht gut daran, uns selbst heute einmal zu den Adressaten seiner Worte zu machen. "Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«..." "Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg zur Sicherheit", schrieb der große Bonhoeffer zeitlich sehr viel näher bei uns und das Zeitgeschehen scheint ihm Recht zu geben und in Frage zu stellen ob Sicherheit und Frieden -- zwei so selbstverständliche Grundbedürfnisse -- wirklich gleichzeitig zu haben sind. Oder am Ende gar keines von beiden.
Angesichts des Grauens der Kriege und der unzähligen Toten, die die Generationen vor uns zu beklagen hatten, hatten wir doch immer gemeint, wir würden mit diesen Fragen anders umgehen, wenn es darauf ankäme. Und jetzt -- sieht es ganz düster aus.
Von Dunkelheit und Nacht, von den schweren Gedanken der Finsternis, redet auch der Apostel. Er greift damit ein Thema auf, das sehr präsent ist in allen biblischen Schriften. Die Finsternis wird nicht ausgeklammert, weil sie eine Realität ist, der wir nicht zu entkommen scheinen in dieser Welt und man sie nicht weg- oder schönreden kann und darf. "Ob ich schon wanderte im finsteren Tal..." beten wir im 23. Psalm. Wörtlich: "im Tal der Todesschatten". Doch während heute dieser Schatten immer noch über unserer Welt liegt, zeichnet der Apostel einen Kontrast in sein Bild ein, den man nicht übersehen darf: "Wir aber", sagt er. "Wir aber, die wir Kinder des Tages sind." Wir, so meint er, wir haben eine Möglichkeit, anders mit der drohenden Finsternis umzugehen. Wir haben ja Hoffnung. Wir haben ja Christus.
Vom Zorn redet der Apostel. Vom Zorn, von diesem absolut nachvollziehbaren Gefühl, das einen überfällt, wenn man die schrecklichen Bilder sieht von den toten Kindern des Krieges. Wenn man die Trümmer der Häuser sieht, die einmal Heimat waren für Menschen. Wenn man die Menschen sieht, denen der Krieg das Zuhause geraubt hat und die sich jetzt aufmachen, mühsam, mit ganz wenigen Habseligkeiten aufmachen -- wohin? Die keine Zukunft kennen und keine Hoffnung. Wenn man die herzlosen Machthabenden beobachtet, die Menschen zu Spielsteinen eines strategischen Machtspiels degradieren, ohne Rücksicht auf den Einzelnen, auf das Leben, auf die unantastbare Würde oder gar auf das Glück, das jeder sucht. Wenn Menschen zu weggeworfenen Kollateralschäden perfider Prioritäten werden, da packt einen schon der Zorn. Zurecht. Zorn ist da legitim und normal, wo die Gerechtigkeit versagt bleibt. Es darf nur nicht beim Zorn bleiben, mahnt der Apostel.
Nur ist Zorn keine Lösung. Die Toten vergangener Kriege, deren wir heute gedenken, führen uns das ganz drastisch vor Augen.
Stattdessen: "Wir, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein". Die Krisen unserer Zeit lösen wir nicht im erregten Dauerzustand, sondern mit besonnenem Handeln. Diese Weisheit des Apostels zeigt den Weg des Lebens auch in unserer Zeit. Dem legitimen Zorn muss konstruktive, gewaltfreie Konfliktbearbeitung folgen. Das Ziel am Ende muss Versöhnung heißen. Dass das möglich ist, dafür steht schon bei Paulus als Vorbild Jesus Christus. In seinem Weg ans Kreuz sehen wir die Bereitschaft, den Zorn zu überwinden, Gewalt nicht mit Gewalt, Macht nicht mit noch stärkerer Macht zu beantworten. In ihm finden wir Gottes Angebot von Versöhnung und Leben. Wir, die wir auf ihn schauen, sind Kinder des Lichts, meint der Apostel.
In unserem Arsenal finden sich ganz andere Instrumente für Umgang mit der Finsternis. Wir sind nicht mit Leoparden und Panzerhaubitzen unterwegs sondern mit dem "Panzer des Glaubens und der Liebe" und dem "Helm der Hoffnung auf das Heil". Wie anders würde diese Welt aussehen, wenn alle so aufeinander zugingen: Mit der Gelassenheit und Sicherheit, die aus der Gewissheit kommt: Ich bin von Gott gehalten, getragen und geliebt. Mit dem Selbstwertgefühl dessen, der sich von Gott permanent geschätzt und umarmt weiß. Mit den Zukunftsplänen und dem Streben dessen, der die Zukunft in Gottes Licht liegen sieht und dessen Ziel nicht in Macht, Einfluss, Gebiet, ethnischer Überlegenheit, oder was auch immer, sondern allein in dem Heil, das Christus bringt, liegt. Wie anders würde diese Welt aussehen! Hell und froh, friedlich und sicher.
Wir können das nicht machen. Nicht für die ganze Welt. Aber wir können damit beginnen, da wo wir stehen, wo wir anderen begegnen. Als Kinder des Lichts.
Frieden und Sicherheit. Kann es das geben? Überhaupt und auch noch gleichzeitig? Die universelle Lösung, die das schnell und überall und dauerhaft durchsetzt, bleibt uns verborgen. Aber wo die Finsternis groß ist, hilft jedes kleine Licht, dass es heller wird. Das große Licht, die große Erleuchtung, die Sonne, die die Finsternis für immer vertreibt, kann nur Gott sein. "Verleih uns Frieden gnädiglich", singen wir und verlassen uns auf ihn, wo unser Vermögen bruchstückhaft bleibt. "Gib uns Frieden jeden Tag. Lass uns nicht allein", singen wir hier jetzt gleich und erinnern uns daran, dass er ja fest versprochen hat, stets bei uns zu sein. Wir singen es uns gegenseitig zu und erinnern uns gegenseitig immer wieder daran, wenn die Schatten der Finsternis uns die Hoffnung rauben wollen. Wir "trösten uns", würde Paulus das nennen.
Das ist es, was Kinder des Lichts tun. Bis es für immer hell wird.
Amen.

0 Listeners