Christoph predigt

Kleingeld und kleine Lichter


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem Evangelium nach Markus, aus dem 12. Kapitel:

41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. 43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte. (Mk 12,41–44)


Ob er wohl immer noch staunte, wenn er den Tempel sah? Wer den Ölberg herunter auf Jerusalem zu lief, der konnte ihn gar nicht übersehen. Das riesige Gebäude thronte hoch über allem, über der ganzen Stadt. König Salomo hatte es einst dort zur Ehre Gottes erbaut gehabt. Mit den besten Baumeistern und den besten Baumaterialien aus der ganzen Welt. Das Beste war schließlich gerade gut genug für Gott. Ein Symbol, ein Zeichen: Gott wohnt dort in Jerusalem, mitten unter seinem Volk. Die ganze Architektur des Gebäudes war ein Sinnbild seiner Größe und Herrlichkeit.

Doch das war lange her. Jahrhunderte vergingen. Der Tempel war nicht immer nur Ort der Anbetung Gottes. Auch alle möglichen anderen Götter hat man dort angebetet. Israel nahm es nicht so ernst mit der Treue zu Jahwe, der doch einen Bund mit diesem Volk geschlossen hatte. Nach all den Warnungen der Propheten war es dann irgendwann vorbei. Der Eroberung durch die Babylonier, der Vertreibung ins Exil ging eine schreckliche Vision des Propheten Hesekiel voraus: Er sah Gottes Herrlichkeit ausziehen aus dem Tempel und der Stadt; weggehen von dem Volk seines Bundes. Und als sie selbst dann weggehen mussten, weit fort in die Ferne an die Flüsse Babylons, da zogen sie vorbei an den Trümmern, den Überresten des stolzen Gotteshauses. Den fremden Siegern war es nach dem Brauch der Antike wichtig, zu zeigen, dass die Götter, an die sie glaubten, mächtiger waren als der Gott der Unterlegenen. So endete der stolze Tempel Salomos.

Sicher, er wurde ja wieder aufgebaut. Irgendwann war das Exil zu Ende und die Ersten kehrten zurück. Von der einstigen Größe war nicht viel übrig. Aber nach schwierigen Anfängen war irgendwann klar: Ein Tempel muss wieder her. So legten sie gemeinsam Hand an -- und die, die sich noch an den ersten Tempel erinnern konnten, weinten, als sie das klägliche neue Gebäude sahen.

Auch das war schon wieder lange her. Die Jahre kamen und gingen. Herrscher und Herrschaften wechselten. Der Tempel blieb. Und dann kam im Jahr 40 vor Christus Herodes, der Hasmonäerkönig, später "der Große" genannt, an die Macht. Wenn es eines gab, das ihn auszeichnete, dann seine geradezu größenwahnsinnige Bautätigkeit überall im Land: die gigantische Bergfestung in der Wüste in Masada, der Neubau von Sebaste, der prächtige neue Hafen in Caesarea Maritima, Palastfestungen in Alexandreion, Hyrkania, Kypros und Machaerus, das Abrahamsheiligtum in Hebron und natürlich ein riesiger Palast in Jerusalem. Nirgendwo konnte man hingehen, ohne die Spuren von Herodes zu finden. Aber ein Projekt übertraf alles andere: 21 vor Christus begann Herodes mit der kompletten Umgestaltung des Tempelbergs in Jerusalem. Das eigentliche Tempelgebäude entstand in nur eineinhalb Jahren. Die restlichen Bauarbeiten sollten sich noch fast 90 Jahre hinziehen. Hoch über der Stadt entstand ein riesiges Plateau, dessen eine Stützmauer heute noch als die sogenannte Klagemauer erhalten ist. Eine gigantische Treppe führte nach oben. Der Tempelbezirk wurde von einer enormen Säulenhalle komplett umgeben. In den äußeren Höfen durften sich noch Männer und Frauen aufhalten. Zwischen den beeindruckenden Marmorsäulen herrschte reger Geschäftsbetrieb. Hier standen die Händler für die Opfertiere; die Geldwechsler für die tempeleigene Währung (schließlich sollte man keine Münzen mit dem Bild des heidnischen Kaisers spenden müssen). Ganze 13 Opferkästen waren über den Tempelbezirk verteilt, so dass jeder, der etwas geben wollte, die Gelegenheit nicht verpasste. Wer für Gottes Haus gab, dem war Gottes Segen gewiss -- davon ging man aus. Und wer genug hatte, der konnte nicht nur einmalig geben, sondern das Geld auch als Darlehen anlegen im Tempelschatz. Der Tempel war Heiligtum, Marktplatz und Nationalbank in einem.

Wie das wohl alles gewirkt haben muss, auf einem Jungen vom Land, aus Galiläa. Aus Nazaret, zumal. Ein verlorenes kleines Dörfchen mit irgendwo zwischen 200 und 500 Einwohnern. Wer heute durch Hermannsdorf fährt, kann sich ungefähr vorstellen, wie das gewesen sein muss. Und dann: Jerusalem. Die Stadt. Der Berg. Der Tempel.

Ob er wohl immer noch staunte, wenn er den Tempel sah? Inzwischen war er ja öfters dort gewesen, zu den großen Wallfahrtsfesten in jedem Jahr. Für viele der Menschen um ihn herum muss das das Beeindruckendste gewesen sein, was sie je gesehen hatten. Ob sein Wort von der Stadt auf dem Berge und von dem Licht, das von ihr ausgeht, wohl von diesen Wallfahrten kam?

14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. ... 16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Matthäus 5,14.16)


Es ist kaum verwunderlich, dass er an diesem Ort den Menschen bei ihrem Treiben zusah. Ich mache das ja auch gerne, im Urlaub am Strand, oder auf dem Wochenmarkt, oder auf einer Bank vor der Eisdiele. So viel zu sehen! Wenn man einmal im Jahr vom Land in den Tempel kam, sicher noch viel viel mehr. Er sieht das geschäftige Agieren der Händler. Er sieht die Opfertiere an den Ständen. Er sieht die Priester, die wichtig und erhaben zum Dienst für Gott eilen. Er sieht die Menschen, die kommen, um Dinge mit Gott ins Reine zu bringen. Um Gottes Segen zu erbitten. Um Gott ihren Dank auszudrücken. Er sieht die Menschen, die Geld in die Opferkästen werfen. Bei manchen bekommt jeder mit, um was für eine große Spende es sich handelt. Bei anderen sieht man gar nichts, wenn sie verstohlen ihr Geld in den Kasten gleiten lassen. Vielleicht auch aus Scham. Denn wenn man genau hinhört, dann erkennt man das Klimpern der kleinen Münzen.

Bei einer Person bleibt Jesus hängen. Vor dieser einzigartigen, staunenswerten Kulisse, in all dem Trubel der Pilger vor dem Fest, unter all den Menschen, die dort vorbeikommen, gibt es genau eine Person, über die es sich für Jesus zu reden lohnt.

Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. 43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. (Markus 12,42-43).


Das "Scherflein" ist uns von Martin Luther erhalten geblieben. Im Mittelalter und darüber hinaus war es die Bezeichnung für die kleinste Münze. Die zwei Münzen der Witwe hießen Lepta und waren die kleinsten, die man damals im Tempel opfern konnte. Wenn du heute hier am Ausgang 2 Cent in den Opferstock wirfst, dann ist das vielleicht vergleichbar. Wenn 36 Personen das tun, dann kann sich die Kirchengemeinde eine Briefmarke für einen Standardbrief leisten. Ihr merkt schon -- reich wird man mit solchen Spenden nicht. Der Kult im Tempel wird nicht lange funktionieren mit solchen Spendern. Der eine Brief, den die Kirchengemeinde verschicken könnte, wäre enthielte vermutlich die Nachricht von ihrer Auflösung. Im großen Ganzen des Tempelsystems ist die Witwe völlig unwichtig. Und auch heute sind die Kirchengemeinden dankbar, dass es manchmal auch Spender gibt, die gleich 10.000 € für eine Glockensanierung oder ein Bauprojekt hinblättern.

Aber es ist die Witwe, über die Jesus redet. Es ist die Witwe, die ihm wichtig genug ist, dass er seine Jünger zusammenruft und sie als Vorbild hinstellt.

"Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen" war sein Auftrag an sie. Und an uns. An seine Jünger. An seine Kirche. "Lasst euer Licht leuchten."

Wer an Kirche denkt, der denkt ganz oft an imposante Gebäude mit hohen Türmen; an große Instrumente mit vielen hundert Pfeifen; an unübersehbare Personen in Talar und Beffchen, die alleine im Rampenlicht stehen. Eher weniger oft fällt uns sofort die Hausmeisterin im Gemeindehaus ein. Die Sekretärin, die an zwei Tagen in der Woche im Pfarramt arbeitet. Der Kirchenpfleger, der, oft ehrenamtlich, von seiner Zeit hergibt für viele ungeliebte Verwaltungsarbeiten. Der Mann, der seit 17 Jahren standhaft allein die Tenorstimme im Kirchenchor bestreitet. Die Frau, die bei genau 4 Häusern in 2 Straßen den Gemeindebrief einwirft. Die Menschen, die jedes Jahr die Weihnachtskrippe aufstellen. Die Mutter, die sich in der Kinderkirche engagiert, weil es sonst keine mehr gäbe. Der Pfadfinderleiter, der trotz seines Alters nicht aufhört, weil kein Nachfolger in Sicht ist und ihm die Jugendlichen wichtig sind. Die alte Frau, die dem Pfarrer beim Geburtstagsbesuch einen Umschlag mit einem Fünf-Euro-Schein mitgibt. Die, die seit 20 Jahren ihrem behinderten Nachbarn die Küche putzt. Der, der für den kranken Mann zwei Häuser weiter einkaufen geht. Die Person, die heute morgen 2 Cent in den Opferkasten wirft.

"Wir sind doch eher kleine Lichter", würden viele der gerade zitierten sagen, wenn wir sie fragen würden. Jesus hebt die arme Witwe empor. Die, die scheinbar keine Rolle spielt. Die, von deren Beitrag man sich nichts kaufen kann. Die, die im Vergleich zu den großen Stars verblasst und kaum sichtbar ist. Jesus hat sie gesehen. Jesus hebt sie hervor. Bei ihm zählen nicht nur die Großen und Wichtigen. Die gibt es auch und -- bitte beachtet! -- Jesus kritisiert sie hier nicht, wie manche meinen. Jeder Beitrag ist wichtig. Aber eben: Jeder. Wir alle sind Kirche. "Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen" ist unser gemeinsamer Auftrag und geschieht in allem, was wir tun -- gemeinsam und als Einzelne. Auch kleine Lichter vertreiben die Finsternis. Auch kleine Lichter machen die Welt heller. Auch kleine Lichter scheinen das Licht des Evangeliums ins Dunkel hinein.

Jesus ist mal wieder Jesus. Er hat ja immer ein Auge für die Armen, die Schwachen, die Randständigen -- für die, die keinen Fürsprecher haben. Aber es ist noch mehr, was hier geschieht:

Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte. (Markus 12,43-44)


Für Jesus ist die Gabe der Witwe mehr als alle anderen. Rein mathematisch kann man das schnell wiederlegen. Wirtschaftlich gesehen macht diese Aussage so gar keinen Sinn. Aber wisst ihr noch: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an? Jesus hebt nicht die Summe der Gabe der Witwe hervor, sondern die Herzenshaltung, die dahinter steht. "Diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte." Ob Jesus die Witwe kannte? Ob er wusste, wieviel -- oder besser: wie wenig -- sie noch in ihrem Geldbeutel hatte? Hat ihm das der Heilige Geist offenbart? Oder ist die Witwe einfach, wie fast immer in Israel, der Stereotyp eines Menschen, der selbst nichts zum Leben hat? Ob Jesus seine Aussage darauf bezieht, dass sie gleich zwei Münzen gab -- wo sie doch mindestens eine davon für's eigene Überleben behalten können hätte und niemand hätte Böses dabei gedacht? Ich kann nur spekulieren. Ich glaube aber, darauf kommt es letztlich gar nicht an. Jesus erkennt in der Witwe eine Person, die aus dem Vertrauen aus Gott heraus handelt. Wer praktisch nichts zum Leben hat und auch die kleinste Summe noch zu geben bereit ist, dem bleibt nichts anderes mehr übrig, als zu vertrauen. Oder umgekehrt: Nur wer vertraut, der kann so einen Schritt auch wagen.

In dem was die Witwe gibt, spiegelt sich wider, was Kernaussage des Evangeliums ist: Sie hat nichts, womit sie sich Gottes Zuwendung irgendwie erkaufen könnte. Niemand wird sie wegen ihrer Gabe als eine großartige Stütze der Gemeinde preisen und sie als Vorbild für den Glauben der anderen hinstellen. Was sie gibt -- das weiß sie -- spielt im großen Ganzen praktisch keine Rolle. Sie gibt nicht, um Gottes Güte zu erfahren. Das kann sie sich gar nicht leisten. Und das muss sie auch nicht. Wer begriffen hat, dass Gott gnädig ist -- dass er in Christus alles für unser Heil getan hat und es dazu nichts hinzuzufügen gibt; dass man sich seine Liebe nicht erkaufen kann und muss, sondern immer schon unverdient bekommt --, der braucht nicht handeln, um Gott gut zu stimmen. Und genau dieses "Nicht-müssen", erklärt Martin Luther in der "Freiheit eines Christenmenschen" -- das macht frei. Wer vor Gott, nicht mehr muss, der darf. Der darf aus freien Stücken und aus dem Vertrauen auf den gnädigen Gott heraus seiner Liebe zu diesem Gott Ausdruck verleihen. Und wenn es nur mit zwei kleinen Münzen ist. Genau da beginnt die Botschaft des Evangeliums zu leuchten.

Ich weiß nicht, was du geben möchtest und zu geben hast. Das muss ich auch gar nicht wissen. Gott sieht dich. Egal wie klein dein Licht, wie gering die Summe und wie scheinbar unbedeutend dein Beitrag: Gott sieht dich. Durch das, was du aus dem Vertrauen auf ihn heraus und aus Liebe zu ihm tust, beginnt sein Licht hier bei uns zu leuchten. Das ist es, was Kirche ausmacht. Und dadurch geschieht, was Jesus uns aufgetragen hat:

"Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen."

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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