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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Geliebte Gottes in Gäufelden,
Schon zweimal haben wir heute ein Wunder erlebt. Zwei Kinder haben wir heute getauft hier im Gottesdienst: Louis, gerade mal ein Jahr alt. Es ist so schön, dass wir mit ihm zu Gott kommen dürfen, in einem Alter, wo Louis noch nichts getan hat, um das zu verdienen. Wo er das selbst noch gar nicht begreift, noch gar nicht verlangen kann. Gott schaut auf das alles nicht. In der Taufe macht er Louis ein Geschenk. Einfach, weil er ihn lieb hat. Ohne Vorbedingung. "Gnade" nennen wir das. Und die kann man gar nicht genug feiern. Klara ist bald 13. Sie hat sich selbst für die Taufe entschieden. Sie wollte unbedingt noch vor Beginn der Konfizeit getauft werden. Sie hat heute selbst ihr "Ja" dazu gesagt und davon sogar ein Solo gesungen: "Ich lass mich taufen".
Zweimal haben wir hier ein Wunder erlebt: Bei der Taufe kommen wir zu Gott und Gott kommt zu uns. Er selbst tut das Entscheidende: Er gibt sein "Ja" -- "Du gehörst zu mir." Er gibt sein Versprechen -- "Ich bin immer bei dir." Er verschenkt alles, ja, sich selbst, wenn Gott uns in der Taufe mit hinein nimmt in das Leben und Sterben, in die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus. Er gibt sein Leben. "Leben", das müssen wir gleich im Hinterkopf behalten, wenn wir den Predigttext für heute lesen, das noch einmal eine ganz andere Qualität hat als das, was wir kennen. Es ist ja das Leben des Auferstandenen! Neues Leben, das den Tod überwunden hat! Etwas ganz besonderes. Im Johannesevangelium, aus dem wir gleich lesen werden, geht es bei dem Begriff "ewiges Leben" nicht um die Zukunft, oder um eine unendliche Länge. "Ewiges Leben" ist hier und jetzt, wenn ein Mensch von Gott erneuert wird. Beschenkt mit einer Art von Leben, das nur von der Ewigkeit, von Gott her, kommen kann. Man lebt anders, wenn man mit Gott lebt. Hier und jetzt, nicht erst in einer unbestimmten Ewigkeit. Ein großartiges Versprechen! Genau das, was wir Louis und Klara wünschen--und uns selbst doch auch!
Eigentlich haben wir nicht nur zweimal ein Wunder erlebt heute morgen. Die Taufe eines Kindes erinnert uns jedes Mal neu daran, dass auch wir dieses Geschenk Gottes haben. Leben. Sein Leben. Dass auch zu uns Gott gekommen ist--und wir jetzt zu ihm kommen dürfen, als seine geliebten Kinder.
Tun wir das also. Kommen wir zu Gott! Hören wir auf Jesus, in den Worten des Johannesevangeliums, aus dem 5. Kapitel. Dann hören wir das:
39 Ihr erforscht die Heilige Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu haben. Tatsächlich ist sie mein Zeuge. 40 Doch ihr wollt nicht zu mir kommen, um das ewige Leben zu haben. 41 Ich bin nicht darauf aus, von Menschen geehrt zu werden. 42 Vielmehr kenne ich euch und weiß, dass ihr keine Liebe zu Gott in euch habt. 43 Ich bin im Auftrag meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht auf. Wenn aber ein anderer in seinem eigenen Auftrag kommt, den werdet ihr aufnehmen. 44 Wie könnt ihr überhaupt zum Glauben kommen? Es geht euch doch nur darum, dass einer vom anderen geehrt wird! Aber ihr strebt nicht nach der Ehre, die nur der einzige Gott schenkt. 45 Ihr braucht nicht zu denken, dass ich euch vor dem Vater anklagen werde. Es ist vielmehr Mose, der euch anklagt – Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. 46 Denn wenn ihr Mose wirklich glauben würdet, dann würdet ihr auch an mich glauben. Denn von mir hat er geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie wollt ihr dann meinen Worten glauben?« (Johannes 5,39-47)Moment mal? Habe ich da richtig gehört? War das vielleicht der falsche Text für heute? Harte Worte sind das. Man hätte sie Jesus fast gar nicht zugetraut. Harte Worte und ein großer Vorwurf: "Ihr wollt [gar] nicht zu mir kommen."
Wie bitte?
Und dann atme ich erleichtert auf, dass es doch gar nicht um mich geht. Angesprochen sind doch ganz andere. "Die Juden" heißt es ganz allgemein in der Übersetzung von Martin Luther. "Die jüdischen Behörden", also die Führer des jüdischen Volkes, erklärt es die Basisbibel, aus der ich gelesen habe. Dann kann ich mich ja zurücklehnen... oder?
Jesus spricht hier mit Menschen, die damals sehr gläubig waren. Sie kannten die Heiligen Schriften gut. Sie wollten Gott dienen. Und doch sagt Jesus: „Ihr wollt nicht zu mir kommen.“
Diese Worte wirken hart. Und sie wurden später oft missbraucht. Viele Christ:innen haben daraus geschlossen: Die Juden hätten Jesus abgelehnt – und deswegen sei der christliche Glaube besser. So wurde über Jahrhunderte Antisemitismus gerechtfertigt. Das war falsch. Und das ist Sünde.
Jesus war selbst Jude. Er sprach zu Menschen aus seinem eigenen Glauben. Seine Kritik richtet sich nicht gegen ein Volk, sondern gegen eine Haltung: die Haltung, Gott genau zu kennen – und doch das Herz zu verschließen.
Deshalb geht es heute nicht um ein Urteil über andere – sondern um eine Frage an uns: Wollen wir wirklich zu Jesus kommen? Oder reden wir lieber nur über ihn?
Diese Frage ist unbequem. Aber sie ist heilsam. Denn Jesus fragt nicht, um zu verletzen – sondern um Wege zu öffnen. Wege zum Leben.
Wer sich zu denen zählt, die glaubend leben und Gottes Wort ernst nehmen, der muss sich Jesu Anfragen stellen. Vielleicht treffen sie uns öfters, als wir das zugeben wollen. Schauen wir mal:
Jesus sagt: "Ihr erforscht die Heilige Schrift -- aber ihr wollt nicht zu mir kommen."
Geliebte Gottes, Wissen ersetzt Vertrauen nicht. Du kannst viele Bibelstellen kennen. Am besten sogar auswendig. Aber kommen sie im Alltag wirklich zur Anwendung? Lebst du das, was du weißt? Wir können viel über Kirche diskutieren. Über die besten Formen, über das, was sich ändern muss (oder nicht ändern darf). Aber fragen wir wirklich danach, was Christus von seiner Kirche will? Du kannst Andachten lesen, Predigten hören, dir ständig neu geistlichen Input holen. Aber führst du dein Leben echt im Gespräch mit Jesus?
Geliebte Gottes, könnte es sein, dass wir manchmal lieber über den Glauben reden, als ihn wirklich zu leben?
Jesus sagt: "Ich bin nicht darauf aus, von Menschen geehrt zu werden."
Können wir das auch von uns sagen? Privat, als Einzelne, und als Kirche? Achten wir nicht auch sehr darauf, wie wir dastehen--als Kirche, als Christ:in, als Pfarrer:in? Wir zeigen gerne öffentlich unser Engagement--aber was passiert im Verborgenen? Passt das zu einander? Wir suchen Lösungen in Sitzungen, erarbeiten Konzepte, diskutieren--aber suchen wir wirklich Gottes Willen?
Geliebte Gottes, könnte es sein, dass unser Tun manchmal eher dem Image dient, als dem Reich Gottes?
Jesus sagt: "Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch".
Man kann nämlich sehr religiös sein und trotzdem lieblos. Knallharte Debatten werden auch in kirchlichen Gremien oder in der Kirchengemeinde geführt. Wir sagen: "Jede:r ist willkommen." Und trotzdem fühlen sich Menschen auch bei uns ausgeschlossen. Sie hören, auch zwischen den Zeilen: "...passt nicht zu uns." "...gehört nicht hierher." Wir können die schönste Liturgie feiern, ohne echtes Interesse an unserem Gegenüber zu zeigen.
Geliebte Gottes, könnte es sein, dass die Liebe manchmal bei den anderen nicht ankommt?
Wenn Jesus also heute nicht zu "den Bösen da draußen", sondern zu den Engagierten, Frommen, Interessierten -- also zu uns - redet, dann fragt er vielleicht:
"Willst du wirklich zu mir kommen – oder reicht es dir, über mich zu reden? Suchst du meine Ehre – oder die Anerkennung der anderen? Ist mein Wort für dich Leben – oder nur ein schöner Text?"
Womit wir wieder beim Leben wären...
War das nicht unser Wunsch--für Louis, für Klara und für uns alle? War das nicht das, was wir hören wollten: "Wege zum Leben"?
Schaut doch einmal, wie viele Versprechen sich allein in diesem kritischen(!) Text finden lassen.
Jesus verspricht ewiges Leben. "Ihr meint, in der Heiligen Schrift das ewige Leben zu haben. Tatsächlich ist sie mein Zeuge." Nein, das Lesen allein gibt kein Leben. Aber Jesus. Zu ihm führt das Lesen der Bibel hin. Wer zu ihm kommt, empfängt Leben in Fülle, "ewiges Leben", von einer ganz anderen Art und Qualität: nicht nur Wissen über Gott, sondern das tragende Vertrauen auf den Gott, der immer bei mir ist.
Jesus nimmt mich an. "Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht an..." Da kann man dann die Einleitung des Johannesevangeliums dagegen setzen: "So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er die Macht, Gottes Kinder zu heißen.", und schon sind wir wieder bei der Taufe. Wer Jesus annimmt, wer auf ihn vertraut, der wird nicht abgewiesen. "Du gehörst zu mir", sagt er. Und: "Ich bin bei dir, alle Tage, bis an der Welt Ende."
Gott erkennt mich an. "Wie könnt ihr glauben, wenn ihr die Ehre voneinander sucht und nicht die Ehre, die von dem alleinigen Gott kommt?" Die gibt es nämlich auch: Gottes Anerkennung. Und die muss ich nicht erst suchen, und mir erarbeiten, sondern ich bekomme sie geschenkt. "Fürchte dich nicht. Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Wer sich nicht nur nach menschlichen Maßstäben messen will, der merkt vielleicht, dass es nach Gottes Versprechen gar keine anderen Maßstäbe mehr braucht.
Liebe wird möglich. "Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch", heißt ja auch im Umkehrschluss, dass man die in sich haben kann. Wer zu Jesus kommt, der trifft sie persönlich. "Gott ist Liebe", haben wir heute schon gelesen. Und diese Liebe trifft mich mitten ins Herz--nicht als Forderung, sondern als Geschenk. Und sie verwandelt mich: Wer sich lieben lässt, kann selbst Liebe weitergeben.
Glaube wächst. " Wenn ihr Mose wirklich glauben würdet, dann würdet ihr auch an mich glauben." Wer zu Jesus kommt, wer Gott in ihm begegnet, in dem wächst das Vertrauen, das wir "Glaube" nennen. Glaube ist nicht etwas, was man "haben muss"--so wie ein Nachweis oder ein Punktestand. "High score des Lebens", sozusagen. Glaube ist eine Frucht des Lebens mit Christus. Bei ihm höre ich immer wieder die befreiende Botschaft: "Gott mag dich. Du gehörst zu ihm." Daraus entsteht Glaube--ein Geschenk!
So viel Versprechen--selbst in diesem harschen Text. Man kann also Wege zum Leben finden, wie wir sie Louis, Klara und uns wünschen. "Wissen statt Vertrauen", Ehre von Menschen, Religiosität ohne Liebe und das Reden über Gott statt einer vertrauensvollen Beziehung zu ihm halten uns fern von ihm. Wenn wir zu ihm kommen, werden wir beschenkt: Ewiges Leben, Annahme, Liebe und tragendes Vertrauen blühen uns dann.
So wird dieser Text zur Einladung--zu der, die wir hören müssen (Louis! Klara! Wir alle!), immer wieder, an jedem Tag:
"Komm zu Jesus!"
"Komm zu Jesus!", das heißt, "Lies die Bibel"; aber nicht als Wissensbuch, sondern als Zeugnis, als Wegweiser zu dem, der dir begegnen will. Lesen und fragen: "Was sagt Jesus mir hier? Wo ruft er mich in seine Nachfolge?" Zu Jesus kommen heißt, sich von der Schrift treffen, bewegen und rufen zu lassen.
"Komm zu Jesus!", das heißt, "ihn annehmen, der mich annimmt." Jesus will nicht nur Gegenstand des Interesses oder der Diskussion sein, sondern mein Gegenüber, dem ich mein Vertrauen schenke. „Ich will mich dir öffnen, Jesus. Ich nehme dich ernst. Ich nehme dich an – als Herrn meines Lebens.“ Zu Jesus kommen heißt: ihm das Herz öffnen.
"Komm zu Jesus!", das heißt, mich frei machen vom ständigen Bedürfnis, gut dazustehen – vor anderen, in der Gemeinde, in der Familie. "Was denkt Gott über mich? Wo will er mich haben? Wie spricht er mich an?“ Zu Jesus kommen heißt: sich ausrichten auf Gott – nicht auf den Applaus.
"Komm zu Jesus!", heißt hörbereit sein statt rechthaberisch; Gottes Anerkennung suchen, nicht menschlichen Beifall; mich lieben lassen, statt mich selbst zu rechtfertigen.
"Komm zu Jesus!"
Das ist es, was ich euch mitgeben möchte. Louis. Klara. Euch allen.
"Komm zu Jesus!"
Wenn du dich aufmachst zu ihm, musst du nicht weit gehen. Du wirst ihn finden, ganz nah bei dir. Da zu sein, hat er ja versprochen. Bei deiner Taufe. Und daran wird nichts etwas ändern.
Ganz viel Wunder haben wir heute schon erlebt. Wir haben zwei Menschen getauft. Damit sagen wir als Gemeinde: "Wir wollen nicht nur über Gott sprechen. Wir wollen zu Jesus kommen." Denn bei ihm gibt es Leben. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Bei ihm zählt nicht, wie fromm wir wirken – sondern ob wir ihm vertrauen. Der Weg zum Leben.
Und seine Liebe – sie ist schon da.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Geliebte Gottes in Gäufelden,
Schon zweimal haben wir heute ein Wunder erlebt. Zwei Kinder haben wir heute getauft hier im Gottesdienst: Louis, gerade mal ein Jahr alt. Es ist so schön, dass wir mit ihm zu Gott kommen dürfen, in einem Alter, wo Louis noch nichts getan hat, um das zu verdienen. Wo er das selbst noch gar nicht begreift, noch gar nicht verlangen kann. Gott schaut auf das alles nicht. In der Taufe macht er Louis ein Geschenk. Einfach, weil er ihn lieb hat. Ohne Vorbedingung. "Gnade" nennen wir das. Und die kann man gar nicht genug feiern. Klara ist bald 13. Sie hat sich selbst für die Taufe entschieden. Sie wollte unbedingt noch vor Beginn der Konfizeit getauft werden. Sie hat heute selbst ihr "Ja" dazu gesagt und davon sogar ein Solo gesungen: "Ich lass mich taufen".
Zweimal haben wir hier ein Wunder erlebt: Bei der Taufe kommen wir zu Gott und Gott kommt zu uns. Er selbst tut das Entscheidende: Er gibt sein "Ja" -- "Du gehörst zu mir." Er gibt sein Versprechen -- "Ich bin immer bei dir." Er verschenkt alles, ja, sich selbst, wenn Gott uns in der Taufe mit hinein nimmt in das Leben und Sterben, in die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus. Er gibt sein Leben. "Leben", das müssen wir gleich im Hinterkopf behalten, wenn wir den Predigttext für heute lesen, das noch einmal eine ganz andere Qualität hat als das, was wir kennen. Es ist ja das Leben des Auferstandenen! Neues Leben, das den Tod überwunden hat! Etwas ganz besonderes. Im Johannesevangelium, aus dem wir gleich lesen werden, geht es bei dem Begriff "ewiges Leben" nicht um die Zukunft, oder um eine unendliche Länge. "Ewiges Leben" ist hier und jetzt, wenn ein Mensch von Gott erneuert wird. Beschenkt mit einer Art von Leben, das nur von der Ewigkeit, von Gott her, kommen kann. Man lebt anders, wenn man mit Gott lebt. Hier und jetzt, nicht erst in einer unbestimmten Ewigkeit. Ein großartiges Versprechen! Genau das, was wir Louis und Klara wünschen--und uns selbst doch auch!
Eigentlich haben wir nicht nur zweimal ein Wunder erlebt heute morgen. Die Taufe eines Kindes erinnert uns jedes Mal neu daran, dass auch wir dieses Geschenk Gottes haben. Leben. Sein Leben. Dass auch zu uns Gott gekommen ist--und wir jetzt zu ihm kommen dürfen, als seine geliebten Kinder.
Tun wir das also. Kommen wir zu Gott! Hören wir auf Jesus, in den Worten des Johannesevangeliums, aus dem 5. Kapitel. Dann hören wir das:
39 Ihr erforscht die Heilige Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu haben. Tatsächlich ist sie mein Zeuge. 40 Doch ihr wollt nicht zu mir kommen, um das ewige Leben zu haben. 41 Ich bin nicht darauf aus, von Menschen geehrt zu werden. 42 Vielmehr kenne ich euch und weiß, dass ihr keine Liebe zu Gott in euch habt. 43 Ich bin im Auftrag meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht auf. Wenn aber ein anderer in seinem eigenen Auftrag kommt, den werdet ihr aufnehmen. 44 Wie könnt ihr überhaupt zum Glauben kommen? Es geht euch doch nur darum, dass einer vom anderen geehrt wird! Aber ihr strebt nicht nach der Ehre, die nur der einzige Gott schenkt. 45 Ihr braucht nicht zu denken, dass ich euch vor dem Vater anklagen werde. Es ist vielmehr Mose, der euch anklagt – Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. 46 Denn wenn ihr Mose wirklich glauben würdet, dann würdet ihr auch an mich glauben. Denn von mir hat er geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie wollt ihr dann meinen Worten glauben?« (Johannes 5,39-47)Moment mal? Habe ich da richtig gehört? War das vielleicht der falsche Text für heute? Harte Worte sind das. Man hätte sie Jesus fast gar nicht zugetraut. Harte Worte und ein großer Vorwurf: "Ihr wollt [gar] nicht zu mir kommen."
Wie bitte?
Und dann atme ich erleichtert auf, dass es doch gar nicht um mich geht. Angesprochen sind doch ganz andere. "Die Juden" heißt es ganz allgemein in der Übersetzung von Martin Luther. "Die jüdischen Behörden", also die Führer des jüdischen Volkes, erklärt es die Basisbibel, aus der ich gelesen habe. Dann kann ich mich ja zurücklehnen... oder?
Jesus spricht hier mit Menschen, die damals sehr gläubig waren. Sie kannten die Heiligen Schriften gut. Sie wollten Gott dienen. Und doch sagt Jesus: „Ihr wollt nicht zu mir kommen.“
Diese Worte wirken hart. Und sie wurden später oft missbraucht. Viele Christ:innen haben daraus geschlossen: Die Juden hätten Jesus abgelehnt – und deswegen sei der christliche Glaube besser. So wurde über Jahrhunderte Antisemitismus gerechtfertigt. Das war falsch. Und das ist Sünde.
Jesus war selbst Jude. Er sprach zu Menschen aus seinem eigenen Glauben. Seine Kritik richtet sich nicht gegen ein Volk, sondern gegen eine Haltung: die Haltung, Gott genau zu kennen – und doch das Herz zu verschließen.
Deshalb geht es heute nicht um ein Urteil über andere – sondern um eine Frage an uns: Wollen wir wirklich zu Jesus kommen? Oder reden wir lieber nur über ihn?
Diese Frage ist unbequem. Aber sie ist heilsam. Denn Jesus fragt nicht, um zu verletzen – sondern um Wege zu öffnen. Wege zum Leben.
Wer sich zu denen zählt, die glaubend leben und Gottes Wort ernst nehmen, der muss sich Jesu Anfragen stellen. Vielleicht treffen sie uns öfters, als wir das zugeben wollen. Schauen wir mal:
Jesus sagt: "Ihr erforscht die Heilige Schrift -- aber ihr wollt nicht zu mir kommen."
Geliebte Gottes, Wissen ersetzt Vertrauen nicht. Du kannst viele Bibelstellen kennen. Am besten sogar auswendig. Aber kommen sie im Alltag wirklich zur Anwendung? Lebst du das, was du weißt? Wir können viel über Kirche diskutieren. Über die besten Formen, über das, was sich ändern muss (oder nicht ändern darf). Aber fragen wir wirklich danach, was Christus von seiner Kirche will? Du kannst Andachten lesen, Predigten hören, dir ständig neu geistlichen Input holen. Aber führst du dein Leben echt im Gespräch mit Jesus?
Geliebte Gottes, könnte es sein, dass wir manchmal lieber über den Glauben reden, als ihn wirklich zu leben?
Jesus sagt: "Ich bin nicht darauf aus, von Menschen geehrt zu werden."
Können wir das auch von uns sagen? Privat, als Einzelne, und als Kirche? Achten wir nicht auch sehr darauf, wie wir dastehen--als Kirche, als Christ:in, als Pfarrer:in? Wir zeigen gerne öffentlich unser Engagement--aber was passiert im Verborgenen? Passt das zu einander? Wir suchen Lösungen in Sitzungen, erarbeiten Konzepte, diskutieren--aber suchen wir wirklich Gottes Willen?
Geliebte Gottes, könnte es sein, dass unser Tun manchmal eher dem Image dient, als dem Reich Gottes?
Jesus sagt: "Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch".
Man kann nämlich sehr religiös sein und trotzdem lieblos. Knallharte Debatten werden auch in kirchlichen Gremien oder in der Kirchengemeinde geführt. Wir sagen: "Jede:r ist willkommen." Und trotzdem fühlen sich Menschen auch bei uns ausgeschlossen. Sie hören, auch zwischen den Zeilen: "...passt nicht zu uns." "...gehört nicht hierher." Wir können die schönste Liturgie feiern, ohne echtes Interesse an unserem Gegenüber zu zeigen.
Geliebte Gottes, könnte es sein, dass die Liebe manchmal bei den anderen nicht ankommt?
Wenn Jesus also heute nicht zu "den Bösen da draußen", sondern zu den Engagierten, Frommen, Interessierten -- also zu uns - redet, dann fragt er vielleicht:
"Willst du wirklich zu mir kommen – oder reicht es dir, über mich zu reden? Suchst du meine Ehre – oder die Anerkennung der anderen? Ist mein Wort für dich Leben – oder nur ein schöner Text?"
Womit wir wieder beim Leben wären...
War das nicht unser Wunsch--für Louis, für Klara und für uns alle? War das nicht das, was wir hören wollten: "Wege zum Leben"?
Schaut doch einmal, wie viele Versprechen sich allein in diesem kritischen(!) Text finden lassen.
Jesus verspricht ewiges Leben. "Ihr meint, in der Heiligen Schrift das ewige Leben zu haben. Tatsächlich ist sie mein Zeuge." Nein, das Lesen allein gibt kein Leben. Aber Jesus. Zu ihm führt das Lesen der Bibel hin. Wer zu ihm kommt, empfängt Leben in Fülle, "ewiges Leben", von einer ganz anderen Art und Qualität: nicht nur Wissen über Gott, sondern das tragende Vertrauen auf den Gott, der immer bei mir ist.
Jesus nimmt mich an. "Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht an..." Da kann man dann die Einleitung des Johannesevangeliums dagegen setzen: "So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er die Macht, Gottes Kinder zu heißen.", und schon sind wir wieder bei der Taufe. Wer Jesus annimmt, wer auf ihn vertraut, der wird nicht abgewiesen. "Du gehörst zu mir", sagt er. Und: "Ich bin bei dir, alle Tage, bis an der Welt Ende."
Gott erkennt mich an. "Wie könnt ihr glauben, wenn ihr die Ehre voneinander sucht und nicht die Ehre, die von dem alleinigen Gott kommt?" Die gibt es nämlich auch: Gottes Anerkennung. Und die muss ich nicht erst suchen, und mir erarbeiten, sondern ich bekomme sie geschenkt. "Fürchte dich nicht. Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Wer sich nicht nur nach menschlichen Maßstäben messen will, der merkt vielleicht, dass es nach Gottes Versprechen gar keine anderen Maßstäbe mehr braucht.
Liebe wird möglich. "Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch", heißt ja auch im Umkehrschluss, dass man die in sich haben kann. Wer zu Jesus kommt, der trifft sie persönlich. "Gott ist Liebe", haben wir heute schon gelesen. Und diese Liebe trifft mich mitten ins Herz--nicht als Forderung, sondern als Geschenk. Und sie verwandelt mich: Wer sich lieben lässt, kann selbst Liebe weitergeben.
Glaube wächst. " Wenn ihr Mose wirklich glauben würdet, dann würdet ihr auch an mich glauben." Wer zu Jesus kommt, wer Gott in ihm begegnet, in dem wächst das Vertrauen, das wir "Glaube" nennen. Glaube ist nicht etwas, was man "haben muss"--so wie ein Nachweis oder ein Punktestand. "High score des Lebens", sozusagen. Glaube ist eine Frucht des Lebens mit Christus. Bei ihm höre ich immer wieder die befreiende Botschaft: "Gott mag dich. Du gehörst zu ihm." Daraus entsteht Glaube--ein Geschenk!
So viel Versprechen--selbst in diesem harschen Text. Man kann also Wege zum Leben finden, wie wir sie Louis, Klara und uns wünschen. "Wissen statt Vertrauen", Ehre von Menschen, Religiosität ohne Liebe und das Reden über Gott statt einer vertrauensvollen Beziehung zu ihm halten uns fern von ihm. Wenn wir zu ihm kommen, werden wir beschenkt: Ewiges Leben, Annahme, Liebe und tragendes Vertrauen blühen uns dann.
So wird dieser Text zur Einladung--zu der, die wir hören müssen (Louis! Klara! Wir alle!), immer wieder, an jedem Tag:
"Komm zu Jesus!"
"Komm zu Jesus!", das heißt, "Lies die Bibel"; aber nicht als Wissensbuch, sondern als Zeugnis, als Wegweiser zu dem, der dir begegnen will. Lesen und fragen: "Was sagt Jesus mir hier? Wo ruft er mich in seine Nachfolge?" Zu Jesus kommen heißt, sich von der Schrift treffen, bewegen und rufen zu lassen.
"Komm zu Jesus!", das heißt, "ihn annehmen, der mich annimmt." Jesus will nicht nur Gegenstand des Interesses oder der Diskussion sein, sondern mein Gegenüber, dem ich mein Vertrauen schenke. „Ich will mich dir öffnen, Jesus. Ich nehme dich ernst. Ich nehme dich an – als Herrn meines Lebens.“ Zu Jesus kommen heißt: ihm das Herz öffnen.
"Komm zu Jesus!", das heißt, mich frei machen vom ständigen Bedürfnis, gut dazustehen – vor anderen, in der Gemeinde, in der Familie. "Was denkt Gott über mich? Wo will er mich haben? Wie spricht er mich an?“ Zu Jesus kommen heißt: sich ausrichten auf Gott – nicht auf den Applaus.
"Komm zu Jesus!", heißt hörbereit sein statt rechthaberisch; Gottes Anerkennung suchen, nicht menschlichen Beifall; mich lieben lassen, statt mich selbst zu rechtfertigen.
"Komm zu Jesus!"
Das ist es, was ich euch mitgeben möchte. Louis. Klara. Euch allen.
"Komm zu Jesus!"
Wenn du dich aufmachst zu ihm, musst du nicht weit gehen. Du wirst ihn finden, ganz nah bei dir. Da zu sein, hat er ja versprochen. Bei deiner Taufe. Und daran wird nichts etwas ändern.
Ganz viel Wunder haben wir heute schon erlebt. Wir haben zwei Menschen getauft. Damit sagen wir als Gemeinde: "Wir wollen nicht nur über Gott sprechen. Wir wollen zu Jesus kommen." Denn bei ihm gibt es Leben. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Bei ihm zählt nicht, wie fromm wir wirken – sondern ob wir ihm vertrauen. Der Weg zum Leben.
Und seine Liebe – sie ist schon da.
Amen.

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