Christoph predigt

Kreuzestod


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in Burladingen,

Wir reden ja sonst nicht viel vom Sterben. Diese Karwoche mit all ihren Leidensbetrachtungen stößt uns ja auch deshalb auf, weil sie ein Thema auf den Tisch bringt, über das wir sonst lieber schweigen. Über den Tod redet man nicht. Und das, obwohl es in der Bibel heißt, es sei klug, das eigene Sterben immer mit zu bedenken.

Wir reden nicht viel über das Sterben und doch haben die meisten Menschen recht klare Vorstellungen davon. Zumindest davon, wie sie es gerne hätten, wenn es sich schon nicht vermeiden lässt. Friedlich. Am besten im Schlaf. Die Augen zu und für immer einschlafen. Zuhause. Im eigenen Bett. Am vertrauten Ort, vorher noch am besten umgeben von denen, die uns am liebsten sind. Und im hohen Alter natürlich. Nach einem erfüllten Leben. "Lebenssatt", heißt es bei den Patriarchen in der Bibel. Das gefällt mir: Lebenssatt einschlafen. Friedlich. Ohne Schmerzen. Ohne lange Leidenszeit.

Ja, so könnte ich gehen.

Aussuchen kann man sich das leider nicht. Menschen sterben ganz unterschiedlich. Manche tatsächlich lebenssatt und friedlich, alt und zu Hause. Andere nicht. Manche sterben einsam, sogar unbemerkt. Manche sterben langsam. Über Monate, gar Jahre zieht es sich hin und es tut selbst beim Zuschauen weh, den qualvollen Zerfall eines Lebens zu sehen. Manche sterben schnell -- viel zu schnell. Und zu jung. Ein Frontalzusammenstoß auf der Bundesstraße. Oder ein russischer Panzer, der sinnlos ein parkendes Auto überrollt. Manche haben das Gefühl, zu spät zu sterben. Wenn man ein eigenes Kind vorher noch beerdigen muss. Oder der Ehepartner schon so lange vorher gestorben ist--und man fühlt sich so unendlich allein.

So will keiner gehen.

Aber man kann es sich nicht aussuchen.

Er wurde ans Kreuz genagelt. Blutig und qualvoll. Entwürdigend. Wie ein Schwerverbrecher.

32 Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. 33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 [Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!] Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. 36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.(Lukas 23,32–49)


Man kann es sich nicht aussuchen.

Er wurde ans Kreuz genagelt.

Schrecklich.

Warum?


I

Die, die es mitbekamen -- die drum herum standen -- haben sich ihre ganz eigenen Gedanken über diesen qualvollen Tod gemacht.

"Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.", spotten seine schadenfrohen Gegner.

"Bist du der Juden König, so hilf dir selber!", höhnen die Soldaten.

"Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!", stöhnt selbst ein Sterbender neben ihm am Kreuz.

Sie alle haben dasselbe gesehen: Das Ende eines "Losers". Eines Versagers. Eines, der den Mund zu voll genommen hat. Der jetzt scheitert an den eigenen Ansprüchen. Sein Sterben, meinen sie, beweist doch nur, dass er ein Betrüger war. Wäre er wirklich der, für den er sich ausgegeben hat, dann müsste er doch jetzt der Stärkere sein. Dann müsste sich doch die Macht Gottes jetzt durch ihn zeigen. Da wäre es doch kein Problem, Legionen von Engeln zur Hilfe zu rufen und nicht nur vom Kreuz herunterzusteigen, sondern im gleichen Atemzug auch noch die Feinde vernichten.

Aber das tut er nicht.

"Weil er es nicht kann", meinen sie und schreiben ihn ab als einen von vielen falschen Propheten, Scharlatanen, die die Masse vielleicht blenden, die Menschen mit echtem Durchblick aber nicht hinter's Licht führen können.

So wünscht man keinem, zu sterben. So nicht.

Die Gedanken dieser Beobachter sind durchaus einleuchtend. Selbst für viele seiner Anhänger hatten sie Charme. Hatten sie doch alle darauf gehofft, dass er jetzt, nach dem triumphalen Einzug nach Jerusalem, endlich die Herrschaft ergreifen würde. Den Thron besteigen. Die römischen Besatzer vertreiben, die Feinde unterwerfen, das Böse besiegen und für immer Gottes Weltreich auf dem Zion errichten. Nichts anderes als Gottes unbesiegbare Macht hatten sie von ihm erwartet. Und er hat nicht geliefert. Kein bisschen Macht hat sich in ihm gezeigt. Im Gegenteil: Es sind die Feinde, die triumphieren. Mancher hat sich wahrscheinlich spätestens jetzt eingestanden, dass er auf's falsche Pferd gesetzt hatte. Oder besser: Auf den falschen Messias.

Aus der sicheren Entfernung von zwei Jahrtausenden betrachtet, steht hinter diesen Gedanken ein ganz bestimmtes Gottesbild: Gott als der allmächtige Weltenherrscher. Gott als höchste Stufe in der Machthierarchie der Welt. Der eine, den keiner übertrumpfen kann. Der über allem steht. Und der sich durchsetzt -- zum Guten aller natürlich. Der sich durchsetzt, wenn nötig auch mit Macht und Stärke. Wenn er wirklich dieser Gott ist, dann hat er sicher auch noch jetzt, wo alles verloren scheint, im letzten Moment eine überraschende "Wunderwaffe", mit der er die Feinde dann überrumpelt.

Und wenn er das nicht hat? Dann ist entweder Gott nicht auf Jesu Seite, oder Gott selbst hat versagt.

Für so manchen stirbt wohl auch das Gottesbild hier am Kreuz.


II

Es gibt aber auch ganz andere Gedanken über das Sterben des Jesus von Nazaret an diesem Tag. Während einer der mit ihm gekreuzigten Verbrecher noch im Sterben spottet, macht sich der andere ganz andere Gedanken: "Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan." Und am Ende muss selbst der hartgesottene römische Hauptmann eingestehen: "Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!" Starke Worte, von zwei vom Leben abgehärteten Menschen. Das sind ja keine Religionsphilosophen, die hier am Schreibtisch eine Mediation über das Sterben des Christus verfassen. Der eine ist ein Verbrecher. Der andere ist nicht besser: War er nicht der Anführer der rauen Truppe, die kurz zuvor den Jesus noch gepeitscht und gefoltert, mit einer Dornenkrone geschmückt durch die Stadt getrieben hatten? Die im Nägel durch Arme und Beine trieben um dann seinen würdelosen Tod für alle grausam zur Schau zur stellen?

Am Sterben dieses Mannes erkennen sie beide eine Qualität, die ihnen selbst fehlt: die Unschuld. Für sie ist Jesus ein Opfer. Unnötig, unverdient unter die Räder der Macht-Maschinierie gerraten. Für sie hängt der falsche da am Kreuz--auch wenn es zu spät ist, dagegen irgendetwas zu tun.

Zu spät? Wohl auch für Gott. Lässt er hier einen Unschuldigen sterben?

"Mein Gott, mein Gott, warum hasst du mich verlassen?", zitieren andere Evangelien.

Und auch darin steckt ein Gottesbild. Eines mit einer langen Geschichte in der christlichen Tradition. Wahrscheinlich hat es keiner so auf den Punkt gebracht wie im späten 11. Jahrhundert der englische Theologe Anselm von Canterbury. In seinem Hauptwerk "Cur deus Homo?" ("Warum wurde Gott Mensch?") erklärt er Gott zu einer Art mittelalterlichem Feudalherrn. Einem beleidigten Feudalherrn, der durch das Versagen seiner Untertanen in seiner Ehre gekränkt wurde. Dieser Ehrverlust muss nun wieder hergestellt werden. Und weil die Menschen das selbst nicht wieder können, springt nun Jesus ein. Er wird zum unschuldigen Opfer, das das bezahlt, was Menschen nicht geben können. Mit seinem Tod wird Gott wieder zufriedengestellt. Jetzt kann er den Menschen wieder vergeben.

Ein unschuldiges Opfer. Ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.

Aber mal ehrlich: Ist das wirklich der Gott, an den wir glauben? Ist das der Gott, der sich in Christus zeigt? Der Gott, von dem das Evangelium lautet, dass er selbst "die Liebe" ist? Ein Gott, der seinen Menschen so lange gekränkt gegenüber steht, bis es endlich ein ausreichendes Opfer gibt? Der den Tod eines Unschuldigen braucht, um endlich vergeben zu können? Der Jesus, seinen Sohn, meinen Bruder, töten muss, um mich dann endlich lieben zu können?

Ist es am Ende gar das Bild des liebenden Gottes, das hier am Kreuz mit sterben muss?


III

Was sagt er denn selbst zu seinem Tod?

Der sterbende Jesus gibt hier keine großen theologischen Erklärungen ab. Die meisten Kreuzesworte, die die Evangelien überliefern, sind Fragmente aus den typischen jüdischen Gebeten seiner Zeit. Aus den Psalmen.

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", aus Psalm 22. Was einzeln so nach Verzweiflung klingt, ist ein Ausschnitt eines typischen Klagepsalms, der am Ende vom Vertrauen auf Gott und auf seine Hilfe zeugt: "Aber du, Herr, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! ... Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehrt ihn, all ihr Nachkommen Jakobs, und scheut euch vor ihm, all ihr Nachkommen Israels! Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und da er zu ihm schrie, hörte er's." (Psalm 22,20.24-25)

"In deine Hände befehle ich meinen Geist;" aus dem 31. Psalm: "Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit! ... Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. ... In deine Hände befehle ich meinen Geist;du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott."

Mit anderen Worten, der Jesus, der hier stirbt, geht im Vertrauen auf Gott in den Tod hinein. Er hat in seinen letzten Stunden noch die Kraft, zu beten, zu vergeben und zu segnen. "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", bittet er für seine Feinde. Und dem Verbrecher neben ihm macht er Hoffnung auf Versöhnung und Friede mit Gott.

Mir ist ganz klar: Dieser Jesus, der hier hängt, ist der "Immanuel". Der "Gott mit uns". Es ist der, der gekommen ist, um uns Menschen Gottes Liebe zu zeigen. In dem Gott sich mit den Menschen versöhnt. Dieser Jesus, der hier hängt, hat Gott zu den Menschen gebracht. Sein Reich ganz nahe. Nahe bei den Menschen, die Gott am fernsten schienen. In diesem Jesus ist Gott zu den Armen gekommen, zu den Ausgestoßenen. Zu den "Unwichtigen" am Rande der Gesellschaft. Zu den Kranken und Elenden. Zu den verachteten Sündern. Da kommt Gott hin. In die tiefsten Sümpfe und die schwärzesten Nächte der Menschlichkeit. Gott geht, zu denen, die ihn brauchen, selbst noch an diesem Karfreitag. Da hängt sein Christus neben den schändlichen Verbrechern. Da stirbt sein Christus mit den Leidenden und Sterbenden.

Man kann sich nicht aussuchen, wie man stirbt. Er hat es doch getan. Er stirbt unseren Tod.

Für uns, werden wir nachher im Abendmahl hören.

Mit uns, sehen wir hier am Kreuz.


Man kann sich manches im Leben aussuchen. Viele Weichen selbst stellen. Manche auch nicht. Und wie man stirbt, kann sich keiner aussuchen.

Ich auch nicht.

Aber eines weiß ich gewiss: Dass ich im Leben und im Sterben, in jeder Lage, in den dunkelsten Nächsten, in Einsamkeit und Leid, in Schmerzen und Krankheit, in meiner eigenen Dummheit und Verbohrtheit, in Zweifel und Verzweiflung, in Ungerechtigkeit und im dem verdammten, ohnmächtigen Gefühl der Gottferne... dass ich nie, nie, nie(!) an einem Ort sein werde, an dem der Immanuel, der "Gott mit uns", der Christus, nicht vorher schon war. Dass ich nie, nie, nie(!) alleine sein werde im Leben und im Sterben, sondern immer nur dort, wohin mein Jesus mir schon vorausgegangen ist. Und wohin er mit mir geht. Wo er mit mir hängt. Mit mir leidet. Mit mir gar stirbt.

Das hat er mir am Kreuz gezeigt.

Daran will ich mein Leben hängen und mein Sterben auch.

Und mit ihm beten:

"Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit! ... Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. ... In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott."

Amen.

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